StudienfächerSport studieren trotz Handicap

Wojtek Czyz träumte von einer Karriere als Profifußballer, dann verlor er ein Bein. Zehn Jahre später studiert er an der Sporthochschule Köln. Von Ronny Blaschke von 

Wojtek Czyz lebt für den Sport. Er will Profifußballer werden. Im Spätsommer 2001, da ist er 21 Jahre alt, steht er vor einem Wechsel zum Verein Fortuna Köln in die Regionalliga. Zur selben Zeit erhält er eine Zusage für einen Studienplatz an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Wojtek Czyz hat mit seinem alten Verein nur noch eine Partie zu bestreiten, mit dem VfR Grünstadt in Rheinland-Pfalz tritt er gegen Niederauerbach an. Er will mit einem Sieg Abschied nehmen, am besten mit einem Tor.

Kurz vor der Halbzeit läuft Wojtek Czyz in den gegnerischen Strafraum. Der Ball ist für ihn unerreichbar, und so versucht er über den heranstürmenden Torwart zu springen. Vergeblich, es kommt zur Kollision. Im linken Knie von Czyz geht alles kaputt, was kaputt gehen kann. Er muss ins Krankenhaus, wird mehrfach operiert. Am 24. September 2001, neun Tage nach dem Unfall, wacht Czyz aus der Narkose auf. Er blickt aufs Bettlaken hinab, ihm fehlt sein linkes Bein. Seinen Ärzten blieb keine Wahl: Sie mussten amputieren. Wojtek Czyz ist geschockt. Seine Fußballerkarriere ist zu Ende, bevor sie richtig beginnen kann. Auch das Studium an der Sporthochschule ist nun unmöglich. Glaubt er zumindest.

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Fast zehn Jahre später steht Wojtek Czyz auf dem Campus der Sporthochschule in Köln, einem weltweit angesehenen Ausbildungszentrum für Sportwissenschaftler. Er hat seine Hände in den Hosentaschen vergraben, blickt aus freundlichen Augen. Mit Distanz spricht er über den Tag, der sein Leben auf den Kopf gestellt hat. Czyz, jetzt 30 Jahre alt, ist nach seiner Reha zu einem erfolgreichen Behindertensportler aufgestiegen. Viermal hat er als Leichtathlet Gold bei den Paralympics gewonnen, den Olympischen Spielen für Sportler mit Behinderungen. Auch sein Sportstudium hat er mit einer Beinprothese erfolgreich gemeistert. "Sport studieren nach meinem Unfall? Das hatte ich automatisch ausgeschlossen",  sagt Czyz. "Zum Glück habe ich Menschen getroffen, die mich vom Gegenteil überzeugt haben." Doch das können nicht viele von sich sagen.

Die große Mehrheit der Jugendlichen ist sich gar nicht bewusst, dass ein Sportstudium mit Behinderungen möglich ist. Für sie schließen sich das Streben nach Stärke und der körperliche Makel gegenseitig aus. Von den 6000 Studierenden an der Sporthochschule Köln haben sechs einen geringen Grad der Behinderung, das sind 0,1 Prozent der Studentenschaft. Bundesweit leben rund acht Millionen Menschen mit Behinderungen, etwa zehn Prozent der Deutschen. Die Gesellschaft wird älter, und so wird dieser Prozentsatz bald steigen. "Darauf muss sich die Sportwissenschaft einstellen", sagt Wojtek Czyz, der als Botschafter für die Sporthochschule auftritt. Mit seiner Prothese hat er kaum Einschränkungen. In Eingangstests, Kursen, Prüfungen muss er die gleichen Aufgaben bewältigen. "Am Anfang wurde ich in der Turnstunde belächelt. Viele Kommilitonen haben getuschelt: Wie soll der das bloß schaffen? Als sie mich dann turnen gesehen haben, wurde es schnell ruhig."

Die Eignungstests der Sporthochschule gelten als besonders anspruchsvoll, Jahr für Jahr fallen etwa die Hälfte der Bewerber durch. Dieser Vorgang suggeriert, dass nur die Stärksten und Schnellsten durchkommen. Schreckt das Menschen mit Behinderungen ab? "Wir sind noch nicht sichtbar genug, wir müssen differenziert für ein Sportstudium werben", sagt Dozent Thomas Abel. Für die Eignungstests stellt er Studienbewerbern mit Behinderungen eine Begleitperson zur Seite. Sie beobachten, wenn die Bewerber zum Beispiel in den Schwimm-Prüfungen langsamer sind, weil sie ihre Beine kaum bewegen können. "Sie können dann individuell Ersatzleistungen erbringen", sagt Abel. "So finden wir heraus, ob Leistungseinschränkungen der Behinderung geschuldet sind oder mangelnder Vorbereitung."

Thomas Abel ist Experte der Bewegungs- und Neurowissenschaft. Seit 2008 organisiert er im Zweijahresrhythmus eine Aktionswoche, um Studierende und Dozenten für das Sportstudium mit Behinderungen zu sensibilisieren: "Außerhalb unserer Hochschule herrscht oft der Eindruck vor, dass bei uns nur Hochleistungssportler studieren. Doch das stimmt nicht." Die Sporthochschule hat vier Stipendien für Studierende mit Behinderungen eingerichtet, auch die Zahl der Bewerber ist nach der Aktionswoche im vergangenen Herbst gestiegen. "Wir können ihnen eine berufliche Perspektive im Sport aufzeigen", sagt Abel. Studierende mit Querschnittslähmung zum Beispiel kämen zwar als Sportlehrer nicht infrage, schließlich müssten sie Hilfestellung leisten können und im Notfall rettungsfähig sein. Doch in anderen Feldern des Sports wäre eine körperliche Einschränkung kein Hindernis: in Ökonomie, Marketing, Publizistik, Rehabilitation, Psychologie – oder in der Forschung.

Die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt Thomas Abel in Laboren, um Geräte für Sportler mit Behinderungen zu modernisieren. Zum Beispiel Handbikes, das sind Fahrräder, die mit den Händen betrieben werden. Abel gehe es um den Transfer von Wissen in den praktischen Alltag. Friedhelm Julius Beucher weiß das zu schätzen, dennoch sagt er: "Insgesamt kommt mir der Sport an den Hochschulen viel zu kurz." Als Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes ist er auf die Zusammenarbeit mit Universitäten angewiesen. In fast 5400 Behindertensportvereinen sind hierzulande rund 27.000 Übungsleiter aktiv. "Ich kenne keine Universität, die für Rollstuhlfahrer komplett barrierefrei ist", sagt Beucher. Die Sporthochschule in Köln hat ihren Haupteingang und ihr Foyer mit einer Rampe erweitert, komplett barrierefrei ist sie allerdings auch nicht. Es gibt also noch viel zu tun.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Sporthochschule Köln | Paralympics | Prothese | Sportler | Sportwissenschaft | Rheinland-Pfalz
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