AuslandssemesterHöhenkrank in die Vorlesung

In La Paz sind deutsche Studenten Exoten. Kira Möller braucht da mitunter einen langen Atem: wegen kolonialer Vorwürfe, bürokratischer Wirren – und der bergigen Lage.

Kira Möller im Hörsaal der Universidas Católica in La Paz

Kira Möller im Hörsaal der Universidas Católica in La Paz

Am Anfang war das Auslandssemester für Kira Möller vor allem körperlich anstrengend. Von ihrer Wohnung aus muss sie nämlich immer erst einige Meter bergauf laufen, bevor sie sich in einen Minibus zwängen und in die Universität fahren kann. Ans Joggen gehen, was sie in ihrer Heimat in Frankfurt an der Oder gerne gemacht hat, ist momentan schon gar nicht zu denken.

Kira Möller, 22, studiert in bergiger Höhe, in La Paz, dem Regierungssitz Boliviens. La Paz liegt in einem lang gestreckten Tal der Anden, das sich von gut 3.000 bis auf 4.000 Meter Höhe erstreckt. Mehrfach hat sie das Mittel gegen die Auswirkungen der Höhe probiert, von dem hier alle schwärmen: Kokablätter kauen. "Aber mir hilft das nicht, mir wird eher schlecht davon", sagt sie. Also schnauft sie lieber. 

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La Paz ist das politische Zentrum eines Landes, das sich unter dem indigenen Präsidenten Evo Morales neu erfinden will. Dass Kira damit ganz persönlich konfrontiert werden würde, hätte sie allerdings nicht erwartet. So dachte sie zuerst, dass es an ihrer Universität wohl viele ausländische Studenten geben müsse. Und tatsächlich, viele junge Frauen rollten das R wie eine Gringa, wie eine US-Amerikanerin also. Doch dann stellte sie fest – die jungen Frauen kamen gar nicht aus den Vereinigten Staaten. Sie klangen nur so.

Es sind keine Ausländer, die an der Privatuniversität studieren, sondern vor allem die Töchter und Söhne der Oberschicht. Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. An der Uni kostet jeder Kurs extra, meist rund 150 Euro pro Semester. Die Studenten zahlen im Jahr doppelt so viel Studiengebühren wie ein normaler Angestellter verdient. Die meisten von ihnen wohnen im Süden der Stadt, wo das Klima milder ist. "Und das ist schon etwas witzig", sagt Kira. Ihre soziale Stellung grenzen die Reichen nämlich auch mit ihrer Aussprache ab.

Noch zieht es kaum junge Deutsche zum Studieren nach Bolivien. Es gibt bislang nur wenige Partnerunis. Kira ist die einzige deutsche Austauschstudentin an der Universidad Católica. "Aber jetzt, da hier politisch so viel passiert, wächst das Interesse an Bolivien", sagt Paola Zapata Echavarría, die für die Austauschstudenten an der Universidad Católica zuständig ist.

Kira kannte Bolivien schon. Vor zwei Jahren hat sie in Tarija im Tiefland mit Straßenkindern gearbeitet. Zurück in Deutschland wurde ihr bewusst, dass sie nur einen Teil von Bolivien wirklich kennengelernt hatte. Kira weiß noch gar nicht, ob die Kurse, die sie belegt, bei ihrem Kulturwissenschaften-Bachelor überhaupt anerkannt werden. Da sie unbedingt hierher wollte, war das für sie zweitrangig.

In der Großstadt La Paz fällt sie mit ihren roten Haaren jetzt weniger auf. Dafür erlebt sie das gespaltene Land aus einer anderen Perspektive – und die ist nicht immer angenehm. In der Universität wird gerne ausgiebig auf den Westen geschimpft, und das kann schon einmal in persönlichen Angriffen münden. Im Kurs "Kritische Studien der Gegenwart" etwa schimpfte der Dozent über "die Europäer", die in Südamerika eingefallen seien und viel Unglück über das Land gebracht hätten. Er habe sie auch direkt angesprochen, erzählt Kira, und abfällig gesagt, die Bolivianer seien nicht "wie sie Deutschen". Da musste sie schlucken. "Ich hasse Verallgemeinerungen."

Leser-Kommentare
  1. 1. Typo:

    "wie sie Deutschen"

  2. über ein Studium in einer Stadt, in der gerade viel passiert - und die typischen Probleme für Ausländer in Lateinamerika...

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se.

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    was ist daran unsachlich, Coca-Tee zu empfehlen? Den hab ich getrunken, als ich in Puno/Peru am Titicaca-See (auf 4000 Metern Höhe) höhenkrank war. Schmeckt tatsächlich lecker - und wirkt gegen Übelkeit und Schwindel.

    Ach, vielleicht wars ja das: Coca-Blätter haben mit Kokain nichts zu tun! Man müsste zig Tonnen von den Blättern kauen um an die Wirkung der Droge ranzukommen. Meinten Sie das mit unsachlich?

    was ist daran unsachlich, Coca-Tee zu empfehlen? Den hab ich getrunken, als ich in Puno/Peru am Titicaca-See (auf 4000 Metern Höhe) höhenkrank war. Schmeckt tatsächlich lecker - und wirkt gegen Übelkeit und Schwindel.

    Ach, vielleicht wars ja das: Coca-Blätter haben mit Kokain nichts zu tun! Man müsste zig Tonnen von den Blättern kauen um an die Wirkung der Droge ranzukommen. Meinten Sie das mit unsachlich?

  3. was ist daran unsachlich, Coca-Tee zu empfehlen? Den hab ich getrunken, als ich in Puno/Peru am Titicaca-See (auf 4000 Metern Höhe) höhenkrank war. Schmeckt tatsächlich lecker - und wirkt gegen Übelkeit und Schwindel.

    Ach, vielleicht wars ja das: Coca-Blätter haben mit Kokain nichts zu tun! Man müsste zig Tonnen von den Blättern kauen um an die Wirkung der Droge ranzukommen. Meinten Sie das mit unsachlich?

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Schöner Artikel"
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    • Hickey
    • 16.06.2011 um 8:22 Uhr

    Da muss man aber schon sehr unsportlich sein um das zu schaffen.

    Selbst ich als Raucher habs in Ecuador bis auf 5897m geschafft, klar wars kein Zuckerschlecken, aber auf 4800m gehts einem eigentlich noch ziemlich gut :)

    Logisch wird man nach der Landung in La Paz ein paar Tage brauchen um sich an die etwas dünnere Luft auf 3000m zu gewöhnen und 4000m sollte man schon schaffen, auch ohne Coca Tee, den es in Ecuador übrigens auch gibt.

    • Hickey
    • 16.06.2011 um 8:22 Uhr

    Da muss man aber schon sehr unsportlich sein um das zu schaffen.

    Selbst ich als Raucher habs in Ecuador bis auf 5897m geschafft, klar wars kein Zuckerschlecken, aber auf 4800m gehts einem eigentlich noch ziemlich gut :)

    Logisch wird man nach der Landung in La Paz ein paar Tage brauchen um sich an die etwas dünnere Luft auf 3000m zu gewöhnen und 4000m sollte man schon schaffen, auch ohne Coca Tee, den es in Ecuador übrigens auch gibt.

  4. "Im Kurs "Kritische Studien der Gegenwart" etwa schimpfte der Dozent über "die Europäer", die in Südamerika eingefallen seien ....."

    Also auch die Norweger, Schweden, Dänen, Deutschen, Polen, Ungarn usw.

    Man lernt nie aus!

    5 Leser-Empfehlungen
  5. Ihre Haarfarbe fällt auf, der Prof grenzte sie in der Vorlesung wegen ihrer Herkunft aus und das Land ist zu bürokratisch.

    Vieleicht kann Bolivien sich etwas von Deutschland abgucken und dann alles viel besser machen.

    • WDK
    • 07.06.2011 um 19:26 Uhr

    "Einfach sei es hier nicht, sagt Kira, die schon lange aufgehört hat, sich ....... zu wundern."

    Ich finde, Student(en)/innen wie Kira, die sich im Rahmen ihres Studiums recht unbekümmert ein "Abenteuer" wie dieses suchen, beweisen eine "Frische des Geistes", die, wie ich schon fast glaubte, in Deutschland ausgestorben war.

    Eine Leser-Empfehlung
    • siwica
    • 08.06.2011 um 1:55 Uhr

    La Paz ist wohl mit die am schönsten gelegene Stadt der Welt, da kann man schon neidisch werden... Neben dem Titicacasee und mitten in den Anden kann es wohl kein schöneren Ort zum Studieren geben.
    Coca-Tee kann ich übrigends auch empfehlen. Schmeckt sehr gut, ist ein wenig anregend und wirkt tatsächlich gegen die Höhenkrankheit. Interessant dazu ist ein Besuch im schön gestalteten Coca-Museum in La Paz. Wen es einmal dorthin verschlagen sollte, dem sei geraten sich dort einmal mit der interessanten Geschichte dieser Pflanze vertraut zu machen, ohne die ein Leben und Arbeiten in diesen Höhen (zumindest früher) wohl kaum möglich gewesen wäre.

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