Internationales WohnprojektFür immer auf Klassenfahrt

31 Studenten aus acht Nationen leben in einem Haus an der deutsch-polnischen Grenze zusammen. Im verbuendungshaus leben sie jeden Tag das Prinzip Völkerverständigung. von 

Bewohnerinnen des "Verbuendungshauses" in Frankfurt (Oder)

Bewohnerinnen des "Verbuendungshauses" in Frankfurt (Oder)  |  © privat

Im Jahr 2006 gab es eigentlich keine Zukunft mehr für das Haus in der Forststraße 4 in Frankfurt (Oder). Der Plattenbau, nur zehn Minuten von der polnischen Grenze entfernt, stand zum Abriss bereit. Die Stadt wollte das alte Gebäude nicht länger unterhalten. Aber sie hatte nicht mit den Studenten gerechnet. Sie überredeten die Stadt, auf den Abriss zu verzichten. Ihr Ziel: Preiswerten Wohnraum für Studenten aus Deutschland und Polen ermöglichen. Und vor allem einen Ort zu schaffen, an dem Völkerverständigung wirklich gelebt wird, denn trotz der geografischen Nähe der beiden Länder findet ein Miteinander kaum statt. Sie studieren zwar gemeinsam an der Europa-Universität Viadrina , die Polen überqueren nach den Vorlesungen aber sofort die Brücke nach Slubice. Die Deutschen bleiben auf ihrer Seite. Viele von ihnen haben noch keinen Fuß ins Nachbarland gesetzt.

Das sollte sich ändern: Als Zeichen der Okkupation platzierten die Aufständischen eine grüne Freiheitsstatue aus Plastik auf dem Dach. Es lebe die Völkerverständigung! Die Begeisterung der Studenten überzeugte die Verantwortlichen. Der Plattenbau blieb stehen, die jungen Leute duften einziehen. Sie hübschten das Haus auf und taufen es auf den Namen verbuendungshaus .

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Heute, fünf Jahre später, hat die Freiheitsstatue ihre Farbe gewechselt. Sie ist jetzt pink. Die Bewohner von damals, die Initiatoren des Projekts, sind ausgezogen und haben einer neuen Generation von "Fförstern", wie sich die Bewohner in Anspielung auf den Straßennamen nennen, Platz gemacht. Die Idee von einst allerdings ist erhalten geblieben. Die Studenten gründeten einen Verein, der Träger des Projekts ist, und dem neben den Studierenden auch interessierte Personen aus Frankfurt (Oder) angehören. Symbolisch zahlen die Bewohner einen Euro Miete im Monat, nur für die Nebenkosten müssen sie aufkommen.

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Nina Riedel und Aline Ruß wohnen im verbuendungshaus. Zusammen mit dem Neuzugang Bernadetta aus Rumänien sitzen sie an einem großen Tisch in der sogenannten Event-Etage, dem Wohnzimmer des Wohnheims, und erzählen, wie sich das Projekt entwickelt hat. Mittlerweile leben im Haus nicht mehr nur Polen und Deutsche, sondern Studenten aus acht Nationen. Deutsche, Amerikaner, Polen, Spanier, Brasilianer, Franzosen, Rumänen, Weißrussen. "Aus dem deutsch-polnischen Studentenwohnheim ist ein internationales Wohnprojekt geworden", sagt Nina.

Die 22-Jährige wohnt seit anderthalb Jahren im verbuendungshaus und ist als erste Vorsitzende dafür zuständig, dass das Zusammenleben funktioniert: "Bei 31 Bewohnern ist das nicht immer ganz einfach." Denn was auf den ersten Blick wie ein typisches Partywohnheim aussieht, ist in Wahrheit ein kleines, gut organisiertes Unternehmen mit einer Vorsitzenden, einem Finanzer, einer PR-Beauftragten und eigenem Büro. Das ist vollgestopft bis unter die Decke, "aber alles hat System", lacht Nina. An den Wänden hängt ein Belegungsplan, in Ordnern ist sauber abgeheftet, wer wann seine Miete überwiesen hat. Nina ist Kulturwissenschaftlerin und überschreitet mit ihrer Aufgabe als erste Vorsitzende auch ihre eigenen Grenzen. "Ich beschäftige mich mit Dingen, von denen ich anfangs keine Ahnung hatte." Sie verhandelt mit dem Vermieter, mit der Stadt, kümmert sich um Veranstaltungen. Eine Art Übermama für 30 Kinder. Das macht viel Arbeit, aber man merkt ihr an, dass sie Spaß daran hat.

Und ohne den geht es nicht, denn das verbuendungshaus lebt vom Engagement seiner Bewohner. Die Bereitschaft sich einzubringen, ist darum auch das wichtigste Kriterium bei der Auswahl neuer Mitbewohner: "Alle Bewerber bekommen einen Fragebogen, durch den wir schon einen ersten Eindruck bekommen. Ist der potenzielle neue Mitbewohner willens mitzumachen, oder steigt er am Freitag nach den Vorlesungen sofort in den Zug nach Berlin?"

Das Projekt verbuendungshaus erschöpft sich eben nicht im Zusammenleben. Die Bewohner veranstalten regelmäßig bunte Abende in ihrer Event-Etage. Rund 20 Veranstaltungen sind es pro Semester. Dabei geht es darum den Frankfurtern verschiedene Kulturen näher zu bringen, denn eingeladen sind alle, nicht nur Studenten. Gerade laufen die letzten Vorbereitungen für einen Maghreb-Abend, an dem tunesische und marokkanische Traditionen im Haus Einzug halten sollen. Landestypische Getränke, traditionelle Gewänder, ein Bauchtanzkurs und ein Workshop für arabische Schriftzeichen – wenn die "Fförster" ein Event planen, dann richtig! Natürlich gab es auch schon polnische und französische Abende, griechische und afrikanische. Und wenn unter den 31 Mitbewohnern mal keiner aus dem entsprechenden Land kommt, holt man sich Hilfe von außerhalb: "Für unseren afrikanischen Abend vor zwei Monaten haben wir drei Afrikaner aus dem Asylantenheim eingeladen, uns zu unterstützen." Sie kamen gerne. Grenzen zu überschreiten kann manchmal ganz einfach sein.

"Hier fängt Europa an" steht auf einem Plakat, das an der Wand hängt. Daneben viele Fotos, die das Wohnheim und seine Bewohner im Laufe der Zeit zeigen, bei Partys und Renovierungsaktionen. Dann fällt der Blick auf eine gerahmte Urkunde. Eine der vielen Auszeichnungen, die das verbuendungshaus in den letzten Jahren für sein interkulturelles Engagement bekommen hat. Im Gründungsjahr gewann das Projekt den Wettbewerb der IKEA-Stiftung "Wohnen in der Zukunft". Die 25.000 Euro Preisgeld investierten sie direkt in die Renovierung des Hauses.

Aber nicht nur junge Menschen sollen im verbuendungshaus ihren Platz finden. Regelmäßig veranstalten die "Fförster" Nachbarschaftsfeste mit Kaffee und Kuchen, um Jung und Alt zusammenzubringen. Und die Leute nehmen es an: "Im Mai haben wir fünfjähriges Jubiläum gefeiert, und viele Nachbarn kamen um uns zu gratulieren, weil sie toll finden was wir machen. Das hat uns stolz gemacht." Doch nicht alle Frankfurter stehen dem Projekt so positiv gegenüber. Einigen sind die Studenten nicht wirklich geheuer, sie sehen sie als Möchtegern-Elite. "Das skeptische Naturell der Frankfurter" nennen Nina und Aline das. Die Grenzen liegen oft da, wo man sie gar nicht vermutet.

Unter den jungen Bewohnern der Stadt aber genießt das Haus einen guten Ruf. Es gibt immer mehr Bewerber als Zimmer. Nicht nur wegen der günstigen Mieten. Kulturwissenschaftsstudentin Bernadetta lebt seit zwei Wochen in der Wohngemeinschaft. Dass man sich im Haus einbringen soll, war für sie ein Beweggrund dort einzuziehen, kein Hindernis: "Ich finde es schön, dass man sich nützlich machen kann. Und natürlich finde ich es toll, dass hier immer etwas los ist." Das verbuendungshaus ist mehr als eine normale Wohngemeinschaft. Selbst wer nicht mehr dort lebt, kommt regelmäßig zurück, um zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt hat. Wer einmal hier gewohnt hat, hängt an dem Ort. Schließlich hat man Herzblut hineingesteckt. "Wir nennen es die Never-Ending- Klassenfahrt", sagt Nina.
 

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Leserkommentare
  1. ...wie wird das ganze finanziert ? Das kostet Strom, Abwasser, etc.
    Und inwiefern wurde das Haus "besetzt" ? Besetzt mit "offizieller" Schlüsselübergabe ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wir finanzieren uns durch die Unterstützung der Studierendenschaft der Europa-Universität Viadrina. Wir bekommen oft Projektförderung bzw. Initiativenförderung, da wir ja alle Studierende sind, die sich freiwillig engagieren und somit kein privates Geld (in nennenswerter Höhe) investieren können. Zum anderen Teil geben wir Bewohner und die anderen Mitglieder ja einen geringen Beitrag monatlich und auch manche Parties werfen Gewinn ab. Mehr Geld könnten wir gebrauchen (das geht schließlich immer) um unser Haus endlich renovieren zu können, aber wir kommen ganz gut über die Runden. :)

  2. Wir finanzieren uns durch die Unterstützung der Studierendenschaft der Europa-Universität Viadrina. Wir bekommen oft Projektförderung bzw. Initiativenförderung, da wir ja alle Studierende sind, die sich freiwillig engagieren und somit kein privates Geld (in nennenswerter Höhe) investieren können. Zum anderen Teil geben wir Bewohner und die anderen Mitglieder ja einen geringen Beitrag monatlich und auch manche Parties werfen Gewinn ab. Mehr Geld könnten wir gebrauchen (das geht schließlich immer) um unser Haus endlich renovieren zu können, aber wir kommen ganz gut über die Runden. :)

    Antwort auf "Meine Frage ist..."
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    Ach da seh ich noch einen weiteren Frageteil. Hausbesetzung fand nicht statt. Wir haben mit unserem Vermieter ausgemacht, dass wir das Haus bekommen und bewohnen dürfen. Es war klar, dass wir die Schlüssel bekommen, als wir für den Film zu Dreharbeiten in das Haus wollten. Wir haben quasi drauf verzichtet ihn nochmal für 5-6 Tage zurück zum Vermieter zu bringen und seitdem reden wir uns unser Vermieter scherzhaft von Besetzung. Ich hoffe der Eindruck ist nicht entstanden wir hätten uns des Hauses auf illegale Weise bemächtigt.

  3. Ach da seh ich noch einen weiteren Frageteil. Hausbesetzung fand nicht statt. Wir haben mit unserem Vermieter ausgemacht, dass wir das Haus bekommen und bewohnen dürfen. Es war klar, dass wir die Schlüssel bekommen, als wir für den Film zu Dreharbeiten in das Haus wollten. Wir haben quasi drauf verzichtet ihn nochmal für 5-6 Tage zurück zum Vermieter zu bringen und seitdem reden wir uns unser Vermieter scherzhaft von Besetzung. Ich hoffe der Eindruck ist nicht entstanden wir hätten uns des Hauses auf illegale Weise bemächtigt.

    Antwort auf "Insiderantwort"
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    Gratulation und weiterhin zum Gedeihen Ihres Projekts viel Glueck und Geld!

    Wie steht diese internationale Studentengemeinschaft zu der tragischen neueren Geschichte der Region? Wie zum Zentrum "Flucht, Vertreibung, Versoehnung", das demnaechst in Berlin entstehen wird? Ich koennte mir vorstellen, dass besonders Studenten wie Bernadetta dazu eine gut informierte Meinung haben.

    Alles Gute, G.B.

  4. Erstmal herzlichen Glückwunsch, dass ihr euer Projekt schon fünf Jahre erhalten konntet!
    Ich bin ein wenig neidisch auf solch eine Lebenserfahrung, selbst wenn es unter 31 Mitbewohnern mal zu Reibereien kommt, gibt es wohl kaum einen Ort an dem man einer so großen Anzahl von Kulturen im Alltag begegnen kann!
    Wenn man mal in solch einer Großraumrenovierungsaktion als ungelernter Hobbybastler gearbeitet hat, dann wird das Familienhaus später kein Problem mehr sein.

    Auf jeden Fall ein sehr gutes Beispiel was Engagement und Mut zur Verantwortung bewirken können.

    Wirklich meine Hochachtung!

  5. Gratulation und weiterhin zum Gedeihen Ihres Projekts viel Glueck und Geld!

    Wie steht diese internationale Studentengemeinschaft zu der tragischen neueren Geschichte der Region? Wie zum Zentrum "Flucht, Vertreibung, Versoehnung", das demnaechst in Berlin entstehen wird? Ich koennte mir vorstellen, dass besonders Studenten wie Bernadetta dazu eine gut informierte Meinung haben.

    Alles Gute, G.B.

    Antwort auf "Schlüsselübergabe"
  6. Redaktion

    Liebe NinaRiedel, die Besetzung habe ich aus dem Text genommen. Ich wünsche Ihnen allen weiterhin viel Spaß und Erfolg mit diesem tollen Projekt. Hoffentlich finden Sie viele Nachahmer. Viele Grüße, mf

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  • Schlagworte Miete | Polen | Student | Rumänien | Berlin | Europa
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