Im Jahr 2006 gab es eigentlich keine Zukunft mehr für das Haus in der Forststraße 4 in Frankfurt (Oder). Der Plattenbau, nur zehn Minuten von der polnischen Grenze entfernt, stand zum Abriss bereit. Die Stadt wollte das alte Gebäude nicht länger unterhalten. Aber sie hatte nicht mit den Studenten gerechnet. Sie überredeten die Stadt, auf den Abriss zu verzichten. Ihr Ziel: Preiswerten Wohnraum für Studenten aus Deutschland und Polen ermöglichen. Und vor allem einen Ort zu schaffen, an dem Völkerverständigung wirklich gelebt wird, denn trotz der geografischen Nähe der beiden Länder findet ein Miteinander kaum statt. Sie studieren zwar gemeinsam an der Europa-Universität Viadrina , die Polen überqueren nach den Vorlesungen aber sofort die Brücke nach Slubice. Die Deutschen bleiben auf ihrer Seite. Viele von ihnen haben noch keinen Fuß ins Nachbarland gesetzt.

Das sollte sich ändern: Als Zeichen der Okkupation platzierten die Aufständischen eine grüne Freiheitsstatue aus Plastik auf dem Dach. Es lebe die Völkerverständigung! Die Begeisterung der Studenten überzeugte die Verantwortlichen. Der Plattenbau blieb stehen, die jungen Leute duften einziehen. Sie hübschten das Haus auf und taufen es auf den Namen verbuendungshaus .

Heute, fünf Jahre später, hat die Freiheitsstatue ihre Farbe gewechselt. Sie ist jetzt pink. Die Bewohner von damals, die Initiatoren des Projekts, sind ausgezogen und haben einer neuen Generation von "Fförstern", wie sich die Bewohner in Anspielung auf den Straßennamen nennen, Platz gemacht. Die Idee von einst allerdings ist erhalten geblieben. Die Studenten gründeten einen Verein, der Träger des Projekts ist, und dem neben den Studierenden auch interessierte Personen aus Frankfurt (Oder) angehören. Symbolisch zahlen die Bewohner einen Euro Miete im Monat, nur für die Nebenkosten müssen sie aufkommen.

Nina Riedel und Aline Ruß wohnen im verbuendungshaus. Zusammen mit dem Neuzugang Bernadetta aus Rumänien sitzen sie an einem großen Tisch in der sogenannten Event-Etage, dem Wohnzimmer des Wohnheims, und erzählen, wie sich das Projekt entwickelt hat. Mittlerweile leben im Haus nicht mehr nur Polen und Deutsche, sondern Studenten aus acht Nationen. Deutsche, Amerikaner, Polen, Spanier, Brasilianer, Franzosen, Rumänen, Weißrussen. "Aus dem deutsch-polnischen Studentenwohnheim ist ein internationales Wohnprojekt geworden", sagt Nina.

Die 22-Jährige wohnt seit anderthalb Jahren im verbuendungshaus und ist als erste Vorsitzende dafür zuständig, dass das Zusammenleben funktioniert: "Bei 31 Bewohnern ist das nicht immer ganz einfach." Denn was auf den ersten Blick wie ein typisches Partywohnheim aussieht, ist in Wahrheit ein kleines, gut organisiertes Unternehmen mit einer Vorsitzenden, einem Finanzer, einer PR-Beauftragten und eigenem Büro. Das ist vollgestopft bis unter die Decke, "aber alles hat System", lacht Nina. An den Wänden hängt ein Belegungsplan, in Ordnern ist sauber abgeheftet, wer wann seine Miete überwiesen hat. Nina ist Kulturwissenschaftlerin und überschreitet mit ihrer Aufgabe als erste Vorsitzende auch ihre eigenen Grenzen. "Ich beschäftige mich mit Dingen, von denen ich anfangs keine Ahnung hatte." Sie verhandelt mit dem Vermieter, mit der Stadt, kümmert sich um Veranstaltungen. Eine Art Übermama für 30 Kinder. Das macht viel Arbeit, aber man merkt ihr an, dass sie Spaß daran hat.

Und ohne den geht es nicht, denn das verbuendungshaus lebt vom Engagement seiner Bewohner. Die Bereitschaft sich einzubringen, ist darum auch das wichtigste Kriterium bei der Auswahl neuer Mitbewohner: "Alle Bewerber bekommen einen Fragebogen, durch den wir schon einen ersten Eindruck bekommen. Ist der potenzielle neue Mitbewohner willens mitzumachen, oder steigt er am Freitag nach den Vorlesungen sofort in den Zug nach Berlin?"

Einigen Frankfurtern sind die Studenten nicht geheuer

Das Projekt verbuendungshaus erschöpft sich eben nicht im Zusammenleben. Die Bewohner veranstalten regelmäßig bunte Abende in ihrer Event-Etage. Rund 20 Veranstaltungen sind es pro Semester. Dabei geht es darum den Frankfurtern verschiedene Kulturen näher zu bringen, denn eingeladen sind alle, nicht nur Studenten. Gerade laufen die letzten Vorbereitungen für einen Maghreb-Abend, an dem tunesische und marokkanische Traditionen im Haus Einzug halten sollen. Landestypische Getränke, traditionelle Gewänder, ein Bauchtanzkurs und ein Workshop für arabische Schriftzeichen – wenn die "Fförster" ein Event planen, dann richtig! Natürlich gab es auch schon polnische und französische Abende, griechische und afrikanische. Und wenn unter den 31 Mitbewohnern mal keiner aus dem entsprechenden Land kommt, holt man sich Hilfe von außerhalb: "Für unseren afrikanischen Abend vor zwei Monaten haben wir drei Afrikaner aus dem Asylantenheim eingeladen, uns zu unterstützen." Sie kamen gerne. Grenzen zu überschreiten kann manchmal ganz einfach sein.

"Hier fängt Europa an" steht auf einem Plakat, das an der Wand hängt. Daneben viele Fotos, die das Wohnheim und seine Bewohner im Laufe der Zeit zeigen, bei Partys und Renovierungsaktionen. Dann fällt der Blick auf eine gerahmte Urkunde. Eine der vielen Auszeichnungen, die das verbuendungshaus in den letzten Jahren für sein interkulturelles Engagement bekommen hat. Im Gründungsjahr gewann das Projekt den Wettbewerb der IKEA-Stiftung "Wohnen in der Zukunft". Die 25.000 Euro Preisgeld investierten sie direkt in die Renovierung des Hauses.

Aber nicht nur junge Menschen sollen im verbuendungshaus ihren Platz finden. Regelmäßig veranstalten die "Fförster" Nachbarschaftsfeste mit Kaffee und Kuchen, um Jung und Alt zusammenzubringen. Und die Leute nehmen es an: "Im Mai haben wir fünfjähriges Jubiläum gefeiert, und viele Nachbarn kamen um uns zu gratulieren, weil sie toll finden was wir machen. Das hat uns stolz gemacht." Doch nicht alle Frankfurter stehen dem Projekt so positiv gegenüber. Einigen sind die Studenten nicht wirklich geheuer, sie sehen sie als Möchtegern-Elite. "Das skeptische Naturell der Frankfurter" nennen Nina und Aline das. Die Grenzen liegen oft da, wo man sie gar nicht vermutet.

Unter den jungen Bewohnern der Stadt aber genießt das Haus einen guten Ruf. Es gibt immer mehr Bewerber als Zimmer. Nicht nur wegen der günstigen Mieten. Kulturwissenschaftsstudentin Bernadetta lebt seit zwei Wochen in der Wohngemeinschaft. Dass man sich im Haus einbringen soll, war für sie ein Beweggrund dort einzuziehen, kein Hindernis: "Ich finde es schön, dass man sich nützlich machen kann. Und natürlich finde ich es toll, dass hier immer etwas los ist." Das verbuendungshaus ist mehr als eine normale Wohngemeinschaft. Selbst wer nicht mehr dort lebt, kommt regelmäßig zurück, um zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt hat. Wer einmal hier gewohnt hat, hängt an dem Ort. Schließlich hat man Herzblut hineingesteckt. "Wir nennen es die Never-Ending- Klassenfahrt", sagt Nina.