Als die Polizisten den Mann an Händen und Füßen in den vergitterten Bus zerren, hebt wütender Gesang unter den Demonstranten an. "Pinochets Erziehung wird fallen", singen sie wieder und wieder. Die zornige Zeile auf den früheren Diktatoren ist altbekannt, dennoch zeigen die chilenischen Proteste für freie Bildung in dieser Woche in Santiago ein neues Gesicht. Denn die Menschenmenge, die sich den Polizisten vor dem chilenischen Präsidentenpalast La Moneda in den Weg stellt, besteht nicht aus Jugendlichen. Stattdessen singen Herren in dunklen Anzügen Parolen gegen das Regime, grauhaarige Protestler in Lederschuhen schwenken Fahnen mit Schriftzügen wie "Bildung ist ein Grundrecht!". Ein untersetzter Brillenträger im gelben Freizeithemd rangelt mit den Polizisten, eine Mittvierzigerin im grauen Sommerkleid ruft kreischend um Hilfe.

Gefolgt sind die älteren Protestler einem Aufruf der chilenischen Hochschulprofessoren, die die streikenden Jugendlichen unterstützen. Seit knapp einem halben Jahr demonstrieren diese für gebührenfreie Schulen und Universitäten, besseren Unterricht und das Ende von profitorientierten Bildungseinrichtungen. Davon gibt es zahlreiche im chilenischen Bildungssystem.

Stillstand bei den Verhandlungen mit der Regierung

Die Forderungen der Jugendlichen finden in der chilenischen Gesellschaft zahlreiche Befürworter. Das zeigt sich nicht nur bei den Straßenprotesten in Santiago, sondern auch in nüchternen Zahlen. In einer groß angelegten Umfrage sprachen sich jüngst knapp 90 Prozent der Teilnehmer für ein gebührenfreies Bildungssystem aus, die Kernforderung der Studenten. Über eine Million Chilenen hatten sich an der Abstimmung beteiligt. Das Ergebnis übergaben Vertreter der Hochschulprofessoren nun offiziell der Regierung.

Doch die zeigt sich nach wie vor unnachgiebig. Das Kabinett unter Sebastián Piñera bleibe bei seinem Vorschlag, lediglich den ärmsten vierzig Prozent der Bevölkerung ein kostenloses Studium zu ermöglichen, erklärte Regierungssprecher Andrés Chadwick. Dies sei bereits ein "riesiger Schritt", an weitere Zugeständnisse nicht zu denken. Die Position der Regierung hatte vor zwei Wochen zum Abbruch der Verhandlungen mit Studenten, Schülern und Professoren geführt, da die Bewegung auf kostenlose Bildung für alle besteht. Seitdem liegen die Gespräche auf Eis.