TunesienStudieren nach der Revolution

Auch an Tunesiens Hochschulen hat sich durch die Revolution viel verändert. Wie leben die Studenten mit den Umbrüchen und der neuen Freiheit? von Raphael Thelen

Filmstudent Yassine

Filmstudent Yassine freut sich, dass er die ersten freien Wahlen in seinem Heimatland Tunesien erlebt.  |  © Raphael Thelen

Yassine tut seit Monaten kaum etwas für die Uni. Geht er doch mal hin, fragen ihn seine Dozenten, wie weit er mit seinem Abschlussfilm ist und machen Druck. Doch der Filmstudent hat anderes im Kopf: "Tunesien ist Jahrtausende alt. Unser Land geht auf das antike Karthago zurück, doch dieses Jahr haben wir zum ersten Mal freie Wahlen . Sowas passiert dir nur ein Mal in deinem Leben!", sagt er und sein Gesicht strahlt. Noch während der Revolution im Januar 2011 blickte er ständig ängstlich über die Schulter, wenn er über Politik sprach. Er wollte sogar das Land verlassen. Doch jetzt ist er kaum zu bremsen und gestikuliert wild mit den Händen.

Wenn er nicht in dem Ferienort Hammamet als Fotograf sein Geld verdient, fährt er in die Hauptstadt Tunis, trifft Freunde, diskutiert und postet aktuelle Nachrichten auf Facebook. Unter dem Regime des gestürzten Diktators Ben Ali wäre er dafür ins Gefängnis geworfen worden. "An unseren Universitäten gibt es jetzt endlich politische Diskussionen. Es ist ein regelrechter Krieg um Wählerstimmen. Ich versuche immer, meine Freunde davon zu überzeugen, die Richtigen zu wählen", sagt der 26-Jährige. "Die Richtigen" sind für Yassine die Parteien, die nichts mit dem alten Regime zu tun hatten und es bekämpften. Doch für andere ist die Wahlentscheidung nicht so einfach.

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Die neu gewonnene Freiheit hat auch etwas Verwirrendes

"Ich bin ziemlich durcheinander, muss ich zugeben" sagt Khalid, ein Kommilitone von Yassine, der neben ihm in der Cafeteria sitzt. "Alles steht Kopf. Mich beängstigt das alles." Während er spricht wandern seine großen Augen durch den Raum, als würden sie irgendwo Halt suchen. "Die Freiheit ist neu für uns. Wir jungen Menschen wissen überhaupt nicht, was Politik eigentlich bedeutet."

Nach der Revolution bedeutetet Politik an vielen Universitäten erst mal einen großen Umbruch. Fast alle Dekane und Rektoren und viele Dozenten waren mit dem alten Regime verbandelt und wurden gefeuert. Auch ein Lehrer von Yassine zog es vor, nicht mehr aufzutauchen. Er wusste, dass er nicht mehr erwünscht war.

Leserkommentare
  1. Warum werden die gemäßigten Artikel so wenig kommentiert?

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    Wir wissen nicht, wie es weitergeht, was soll man dazu sagen?
    Auch "Westler" haben Träume verloren, weil es mit gesellschaftlichem Wandel nicht so schnell gehen kann.

  2. Wir wissen nicht, wie es weitergeht, was soll man dazu sagen?
    Auch "Westler" haben Träume verloren, weil es mit gesellschaftlichem Wandel nicht so schnell gehen kann.

    • A-RAP
    • 31. Oktober 2011 7:48 Uhr

    Die Tunesier haben die Diktatur abgeschafft, freie Wahlen organisiert und mit über 90% Wahlbeteiligung vollzogen. Nicht nur in den Medien, sondern im ganzen Land finden politische Diskussionen statt. Schritt für Schritt haben die Menschen ihr Ziel erreicht.
    Tunesien ist eine Demokratie!

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  • Schlagworte Zine el Abidine Ben Ali | Autofahrer | Facebook | Kopftuch | Moschee | Revolution
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