Bildungsprojekt UdacityHochschulbildung, kostenlos und für alle

Kostenlose Vorlesungen auf Stanfordniveau für ein globales Publikum: Der Professor Sebastian Thrun sagt im Interview, wie er die akademische Bildung demokratisieren will.

Will die Hochschulbildung aufmischen: Informatik-Professor Sebastian Thrun

Will die Hochschulbildung aufmischen: Informatik-Professor Sebastian Thrun

ZEIT ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie mit Ihrem Kollegen Peter Norvig einen Kurs zu Künstlicher Intelligenz, der eigentlich für Studenten der Stanford Universität gedacht war, auch kostenlos im Internet angeboten. Sie wurden von Interessenten geradezu überrollt. Was genau ist passiert?

Sebastian Thrun: Wir dachten, es melden sich vielleicht 500 oder 1.000 Menschen zu dem Kurs an. Innerhalb von ein paar Tagen hatten wir 160.000 Anmeldungen aus der ganzen Welt. Das hat uns völlig überwältigt. Dann haben wir angefangen, wie die Irren Videos zu produzieren und einen siebenwöchigen Kurs auf die Beine zu stellen. Jetzt haben wir das Portal Udacity gelauncht und bereiten neue Kurse vor.

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ZEIT ONLINE: Wie läuft solch ein Kurs ab?

Thrun: Statt eine Vorlesung einfach abzufilmen, stellen wir den Studenten Aufgaben. Sie haben Zeit, nachzudenken und können direkt am Bildschirm die Lösungen eingeben. Wie das Video dann weitergeht, hängt davon ab, ob sie richtig oder falsch geantwortet haben. Wenn sie falsch lagen, erkläre ich ihnen, wie ich zu der Lösung gekommen bin. Die Prüfungen am Ende des Kurses fanden teils sogar im realen Hörsaal statt. In Deutschland konnten Teilnehmer die Prüfungen an drei Unis ablegen – in Freiburg, Berlin und München – und erhielten so einen ganz regulären Schein.

ZEIT ONLINE: Wie viele von den 160.000 blieben bis zum Ende dabei?

Thrun: 23.000 haben die Abschlussprüfungen erfolgreich absolviert, 240 von ihnen haben dabei keinen einzigen Fehler gemacht. Das Niveau hat mich wirklich erstaunt.

Sebastian Thrun

Sebastian Thrun, 44, stammt aus Solingen und studierte Informatik in Hildesheim und Bonn. Nach der Promotion an der Uni Bonn war er von 1995 bis 2003 Professor an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh/Pennsylvania und von 2003 bis 2011 Professor für Künstliche Intelligenz an der Stanford Universität. Thrun hat Google Street View mitentwickelt und arbeitet derzeit bei Google am fahrerlosen Auto.

ZEIT ONLINE: Kostenlose Vorlesungen im Netz sind an sich ja nicht neu. Sie aber wollen die Hochschulbildung revolutionieren. Was haben Sie vor?

Thrun: Wir wollen mit dem neuen Online-Portal Udacity die Hochschulbildung demokratisieren. Kurse, in deren Genuss sonst nur Studenten an renommierten Hochschulen kommen, sollen für alle Menschen verfügbar werden, völlig unabhängig von Herkunft, Vermögen, Alter, Geschlecht. Den nächsten Kurs wird David Evans von der Universität Virginia halten. Die Teilnehmer können in sieben Wochen lernen, wie man eine Suchmaschine programmiert.

ZEIT ONLINE: Geht das nicht an den realen Problemen junger Menschen in sehr armen Ländern vorbei? Viele können ja nicht einmal die Schule besuchen.

Thrun: Es ist klar, dass ein solcher Kurs nicht für jeden einzelnen Menschen auf der Welt der Weg aus der Armut ist. Grundsätzlich aber glaube ich, dass Bildung dazu essenziell wichtig ist. Das kann man gut beobachten an Indien, wo sich die Menschen wirklich nach Bildung sehnen, weil sie wissen, dass sie nur so weiterkommen. Die Fähigkeit zu Programmieren ist eine reale Möglichkeit, sich eine Existenz aufzubauen.

Leserkommentare
    • Klaue
    • 26.01.2012 um 17:28 Uhr

    Wissen sollte allen Menschen in möglichst unkomplizierter Form zugänglich sein. Dazu gehört auch, das Wissen unter einer Lizenz (Creative Commons-Lizenz z.B.) zu stehen hat, die dessen Verbreitung »fördert und nicht bremst« (ideal wäre gar keine Beschränkung, denn Wissen ist frei). Anstatt es in ein Video oder auf eine Internetplattform zu binden, wäre es besser, Wissen in Metadaten (z.B. als xml) zu speichern und so in allen Möglichen Formen exportieren zu können/anzubieten zu können. Da das Interesse an Wissen (wie zu erwarten) riesig ist (und die dadurch Serverkosten hoch sind), könnte für die Verteilung u.a. BitTorrent genutzt werden (das BitTorrent ist gerade zu dafür gemacht).

    Um einmal ein Beispiel zu nennen:
    Aus den Metadaten würde sich neben Internetseiten auch Bücher kreieren, die dann wiederum als PDF oder ePub (e-Book Format) veröffentlicht würden. Menschen die nur über eine langsame Internetverbindung verfügen, könnten sich diese Bücher herunterladen und offline nutzen/verbreiten (USB-Sticks...).

    Alles beschriebene ist heute schon möglich und wird es auch über kurz oder lang geben. Der Gegenspieler dieser Utopie sind die Verlage, die keinerlei Interesse daran haben das hoch qualitatives Wissen kostenlos den Menschen zur Verfügung steht. Da Verlage "nur" Wissens-Vermittler sind und bei einer Interessenabwägung zwischen freiem Wissen und ihrem "selbst erklärten Wissensmonopol" eindeutig den kürzeren ziehen, werden sie ein Bedeutungsverlust hinnehmen müssen.

    2 Leserempfehlungen
  1. Kann man an diesen Kursen beliebig oft teilnehmen?
    Dennim Grunde sollte ja nur wichtig sein ob jemand etwas weiß.
    Ob der dafür 7 Wochen oder ein halbes Jahr gebraucht hat ist irrelevant.
    Solange der in den Prüfungen nicht länger braucht.

    Oder kann man sich das ganze reinziehen ohne sich zu "verpflichten".
    Denn wenn man nur einmal (oder eine gewisse Anzahl) mitmachen kann, dann entsteht Druck. Druck sich das Wissen evtl. doch vorher woanders anzueignen (evtl. weniger gutes Material), um dann beim Durchziehen Bestwerte erreichen zu können.

    Genau so wie ich wahrscheinlich vor einem herkömlichen Studium auch das Bedürfnis hätte alles schon extern zu lernen, um dort gleich Bestnoten zu erlangen.
    Um vorher zu wissen was man mindestens für Noten bekommen wird. Evtl. hat ja jemand den Ehrgeiz sich erst dann an der echten Uni anzumelden, wenn er laut unverbindlichen Vorabtests perfekt ist.

    Auch wenn das hier Einige eher als Spaß sehen, mir wäre auch dieses zu riskant, wenn man nicht beliebig oft wiederholen kann. Besonders wenn man nicht regulär studieren darf.
    Das ist zwar (noch) kein Abschluss einer regulären Uni, aber auch keine Urkunde der Bundesjugendspiele.
    Mal abgesehen vom persönlichen Nutzen (Ich glaube ich propagiere dieses Modell in Foren evtl. schon länger als der Thrun, googlet mich...) selbst etwas erschaffen zu können ist natürlich auch jedem potentiellen Arbeitgeber freigestellt so etwas zu werten.

    Kann man also beliebig oft teilnehmen, oder nicht?

    Danke...

  2. As if this were new! In Germany, Thrun's native country, prof. Loviscach started online university lectures back in 2009, and got millions of clicks long before Thrun jumped on the train 3 years later. And the pioneering prof. Vornberger published his popular videos already in 2002, even before the Khan Academy, currently the most visible mass education outfit. (Germany has a long tradition of distance teaching - Univ. Hagen has specialized on this for decades.) Even at Stanford, Thrun was not the first. His colleague prof. Andrew Ng, co-founder of Coursera, got hundreds of thousands of viewers for his youtube machine learning course, long before Thrun followed suit and put his own lecture online.

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