"Während der Revolution habe ich mir eine Kalaschnikow genommen. Ich wollte den Abschaum der Gaddafi-Anhänger beseitigen", sagt Mutaz al-Obeidi und wirft eine Patrone auf den Tisch. Der 24-jährige Englisch-Student sitzt in der Caféteria der Universität in Benghasi. Im Hintergrund läuft Musik von Bruce Springsteen , Studenten mit Kaffeebechern in der Hand schlendern zwischen den Tischen entlang. Ein Jahr lang fand kein Unterricht an der Uni statt, jetzt läuft der Betrieb wieder.

In Benghasi, Libyens zweitgrößter Stadt, begann vor gut einem Jahr die Revolution . Schon Wochen später war die Stadt befreit, doch im Rest des Landes dauerten die Kämpfe an. Ans Studieren dachte in der Zeit keiner. "Ab Mitte Februar ging niemand mehr zur Uni. Alle wussten, dass etwas passieren würde", sagt Mutaz, der mit seinem Kapuzenpullover und den Baggiepants aussieht wie aus einem Hip-Hop-Video der neunziger Jahre.

Statt an die Uni gingen viele an die Front . Im Schnelldurchlauf lernten sie das Notwendigste über Waffen, schlossen sich mit ihren Freunden einer Miliz an und kämpften. "Gott hat entschieden, wer sterben würde und wer nicht", sagt Mutaz und zieht an einer Zigarette der Marke American Legend. Er hat überlebt. Nach seiner Rückkehr von der Front nahm er mehrere Rapsongs über den Krieg auf, "damit das Blut unserer Freunde nicht umsonst vergossen wurde." Mutaz klingt immer noch kämpferisch.

Das Grüne Buch ist für Mutaz "unwichtige Scheiße"

Die Revolution in Libyen war keine Hungerrevolte, sondern ein Kampf für politische Freiheit. Im Vergleich zu seinen Nachbarländern ist das ölreiche Libyen wohlhabend. Doch kaum ein Diktator mischte sich so ins Leben und Denken der Menschen ein wie der selbsternannte "Bruderführer" Gaddafi .

"Unter Gaddafi mussten wir ständig das Grüne Buch studieren", sagt Mutaz, jenes Werk, in dem der Diktator seine Vision für Libyen darlegte. "So eine unwichtige Scheiße. Es ist voll mit verblödeten Sätzen wie: 'Ein Kind sollte von seiner Mutter großgezogen werden.' Ja von wem denn auch sonst?" entrüstet sich Mutaz.

Gaddafis Regime hatte seine Augen und Ohren überall. Wer nicht eingesperrt oder umgebracht werden wollte, musste seine Rolle spielen. "Wir waren alle Teil des Systems. Auch ich stand vor meinem Kurs und habe gesagt: 'Ich würde für Gaddafi sterben'", sagt Mutaz.

Das Grüne Buch ist aus den Universitäten verbannt. Der Dekan der Universität in Benghasi sowie einige Dozenten wurden ausgewechselt. Ansonsten hat sich aber nicht viel verändert. Die Lehrgebäude sind immer noch unfertig. Auf dem Feld hinter dem Ökonomie-Institut treffen sich wie immer heimlich Pärchen und halten Händchen. Politisch vermissen viele Studenten sichtbare Fortschritte.