Studium in Libyen"Gaddafis Leute hätten uns umgebracht"

Ein Jahr stand der Betrieb an der Uni Benghasi still. Die Studenten freuen sich über die neue Meinungsfreiheit – und warten auf Veränderungen. von Raphael Thelen

Studenten auf dem Campus der Uni in Benghasi

Studenten auf dem Campus der Uni in Benghasi  |  © Bridgette Auger

"Während der Revolution habe ich mir eine Kalaschnikow genommen. Ich wollte den Abschaum der Gaddafi-Anhänger beseitigen", sagt Mutaz al-Obeidi und wirft eine Patrone auf den Tisch. Der 24-jährige Englisch-Student sitzt in der Caféteria der Universität in Benghasi. Im Hintergrund läuft Musik von Bruce Springsteen , Studenten mit Kaffeebechern in der Hand schlendern zwischen den Tischen entlang. Ein Jahr lang fand kein Unterricht an der Uni statt, jetzt läuft der Betrieb wieder.

In Benghasi, Libyens zweitgrößter Stadt, begann vor gut einem Jahr die Revolution . Schon Wochen später war die Stadt befreit, doch im Rest des Landes dauerten die Kämpfe an. Ans Studieren dachte in der Zeit keiner. "Ab Mitte Februar ging niemand mehr zur Uni. Alle wussten, dass etwas passieren würde", sagt Mutaz, der mit seinem Kapuzenpullover und den Baggiepants aussieht wie aus einem Hip-Hop-Video der neunziger Jahre.

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Statt an die Uni gingen viele an die Front . Im Schnelldurchlauf lernten sie das Notwendigste über Waffen, schlossen sich mit ihren Freunden einer Miliz an und kämpften. "Gott hat entschieden, wer sterben würde und wer nicht", sagt Mutaz und zieht an einer Zigarette der Marke American Legend. Er hat überlebt. Nach seiner Rückkehr von der Front nahm er mehrere Rapsongs über den Krieg auf, "damit das Blut unserer Freunde nicht umsonst vergossen wurde." Mutaz klingt immer noch kämpferisch.

Das Grüne Buch ist für Mutaz "unwichtige Scheiße"

Die Revolution in Libyen war keine Hungerrevolte, sondern ein Kampf für politische Freiheit. Im Vergleich zu seinen Nachbarländern ist das ölreiche Libyen wohlhabend. Doch kaum ein Diktator mischte sich so ins Leben und Denken der Menschen ein wie der selbsternannte "Bruderführer" Gaddafi .

"Unter Gaddafi mussten wir ständig das Grüne Buch studieren", sagt Mutaz, jenes Werk, in dem der Diktator seine Vision für Libyen darlegte. "So eine unwichtige Scheiße. Es ist voll mit verblödeten Sätzen wie: 'Ein Kind sollte von seiner Mutter großgezogen werden.' Ja von wem denn auch sonst?" entrüstet sich Mutaz.

Gaddafis Regime hatte seine Augen und Ohren überall. Wer nicht eingesperrt oder umgebracht werden wollte, musste seine Rolle spielen. "Wir waren alle Teil des Systems. Auch ich stand vor meinem Kurs und habe gesagt: 'Ich würde für Gaddafi sterben'", sagt Mutaz.

Das Grüne Buch ist aus den Universitäten verbannt. Der Dekan der Universität in Benghasi sowie einige Dozenten wurden ausgewechselt. Ansonsten hat sich aber nicht viel verändert. Die Lehrgebäude sind immer noch unfertig. Auf dem Feld hinter dem Ökonomie-Institut treffen sich wie immer heimlich Pärchen und halten Händchen. Politisch vermissen viele Studenten sichtbare Fortschritte.

Leserkommentare
  1. ...verheimlichenden Hiobsbotschaften aus dem "demokratischen Libyen" lesen wir jetzt also etwas Positives.

    Das die Vorgänge an der Uni nicht gerade repräsentativ für das zerrüttete und zerstörte Land stehen, dürfte klar sein.

    Warten wir ab, wie sich der Lehrbetrieb unter evtl. regierenden "religiösen Eiferern" zukünftig entwickeln wird.

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  2. Aber mit Kopftuch! Wie war das eigentlich zu Zeiten Gaddafis? Brauchte man nicht oder durfte man nicht? Und wie sah und sieht es an den Universitäten in Tripolis aus?

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  3. Es ist alles sehr widersprüchlich was aus Libyen berichtet wird-
    Vor ca. 4 Wochen kam eine Meldung dass um den Flughafen gekämpft wird zw. alten Polizeieinheiten und den Rebellen, weil es um eine Flugzeuglieferung von 120 Mrd. US $ ging- der Weg vom Airport bis zur Staatsbank in Tripolis betrug 30 km - Über den Ausgang wo das Geld wirklich gelandet ist hat man nichts erfahren - ZENSUR- vor ca. 2 Wochen stürmten Frauen das Büro der Ü-Regierung in Benghazi - das Geld kommt wohl selbst in der Rebellenhochburg nicht an wo alles begann, sonst gehen Frauen nicht auf die Strasse und machen ihren Unmut breit- es ist das gleiche wie in Afghanistan, das Geld versickert irgendwo in den Regierungskreisen.
    Es ist ja schön und gut wenn die Studenten meinen es würde was liberaler, wenn sich so Leute wie im vorigen Artikel beschrieben
    aus Derna weiter verbreiten, dann wird es auch da zu Zusammenstössen kommen, weil die Dschihadisten sind gg. allles westlich moderne und dazu zählt auch die Offenheit wie sich die jungen Menschen geben. Ich würde gerne hoffen, dass sie es so leben können wie es ihnen vorschwebt, aber ich glaube nicht daran
    dass es zu so Freiheiten für die Studenten kommen wird.
    Dafür werden sie kämpfen müssen, ob ihnen offene Proteste gelingen werden, wird man hoffentlich bald erfahren.
    Der Clan aus Derna macht nicht den Eindruck dass ihm ein westl.geprägtes Libyen und Offenheit gefällt.
    Die Scharia wird sich an den offenen lyb.Frauen reiben.
    Wie in Ägypten.

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    aber eben nur Derna.
    Und das fast an der hintersten Ostgrenze.
    Was die Flughafensache betrifft:

    1. es war keine Polizeieinheit, sondern eine wohl etwas misslungene kleine Einheit der neuen Armee, die im Wesentlichen nur aus Offizieren bestand.
    Die wollten das Geld selber transportieren, indem sie sich wohl etwas arrogant Zugang verschaffen wollten. Alter Brauch aus Gaddafi-Zeiten, dem die den Flughafen bewachende Zintan-Niliz freilich nicht folgte; da sind die misstrauisch.
    Nicht zu verschweigen auch, dass Commandantes Sohn auf die gleiche Weise bewaffnet in die Bank wollte.
    Stand aber auch die Zintan-Brigade zwecks Absicherung und meinte, Waffen reintragen is verboten, Ausnahmen gibt's nich.
    Hat Sohnemann 'ne Schussverletzung bei kassiert.
    Seitdem ward nichts mehr gehört.
    In einem Land, in dem wenige Monate zuvor solche Bräuche noch selbstverständlich waren, kann so etwas schon mal vorkommen.
    Entscheidend ist, ob die damit durchkommen.
    Sind sie aber offenkundig nicht.

    ...in Libyen natürlich (so gut es geht) auf dem Laufenden.

    Berichte in unseren "Qualitätsmedien" kann man meist unter Propaganda oder "Schönfärberei" abhaken.

    P.S. Links bei der Zeit zu posten ist nicht immer einfach ;-)

  4. Das ist genau das Libyen das ich kenne.
    Nüchtern, locker, Leute, die "Scheiße" sagen, Rapsongs schreiben und Revolutionsbilder malen und der Liebe frönen, vorsichtig, aber immerhin.
    Die alle Nas lang demonstrieren, auch praktisch für Sauberkeit mit dem Besen in der Hand, wochenlang von den Riesenparties zwecks Revolutionsfeier schwärmen - und wer nicht dabei sein konnte/durfte/wollte, verschlingt wenigstens die Videos aus dem Netz.
    Die über Politik diskutieren, ersatzweise fromme Verslein, wenn man sonst keine Ahnung hat, und dazwischen, sofern noch jung, immer wieder Thema Nr. 1: Liebe, Liebe, Liebe.
    Die gar nicht genug kriegen können von fluchen und schimpfen über alles und jeden, weil sie 42 Jahre lang immer nur das Maul halten mussten.
    Guckt Euch die an - die Alten sind was gemäßigter natürlich, aber ansonsten genau so - und dann erzählt noch mal was vom bevor stehenden Sieg der Dschihadisten!

    4 Leserempfehlungen
  5. ...und jetzt wo wir die Zeit der Zeit-Diktatur erleben, wird alles besser. Ne garnichts wird besser, alles wird total dreckig. Es geht nur noch bergab und wo früher ein kleiner Aufstand war, herrscht heute kontinentale Blutrebellion.

    Schon echt toll, was diese Demokraten in den Jahrzehnten geschafft haben - ausser die Kriegsindustrie zum Orgasmus zu führen. NA Zeit, wo ist denn Eure tolle, schöne Welt? Wer sieht sie denn ausser den Bonzen?

    4 Leserempfehlungen
  6. aber eben nur Derna.
    Und das fast an der hintersten Ostgrenze.
    Was die Flughafensache betrifft:

    1. es war keine Polizeieinheit, sondern eine wohl etwas misslungene kleine Einheit der neuen Armee, die im Wesentlichen nur aus Offizieren bestand.
    Die wollten das Geld selber transportieren, indem sie sich wohl etwas arrogant Zugang verschaffen wollten. Alter Brauch aus Gaddafi-Zeiten, dem die den Flughafen bewachende Zintan-Niliz freilich nicht folgte; da sind die misstrauisch.
    Nicht zu verschweigen auch, dass Commandantes Sohn auf die gleiche Weise bewaffnet in die Bank wollte.
    Stand aber auch die Zintan-Brigade zwecks Absicherung und meinte, Waffen reintragen is verboten, Ausnahmen gibt's nich.
    Hat Sohnemann 'ne Schussverletzung bei kassiert.
    Seitdem ward nichts mehr gehört.
    In einem Land, in dem wenige Monate zuvor solche Bräuche noch selbstverständlich waren, kann so etwas schon mal vorkommen.
    Entscheidend ist, ob die damit durchkommen.
    Sind sie aber offenkundig nicht.

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    Antwort auf "@ gitogito_hustler"
  7. Gaddafis Regime hatte seine Augen und Ohren überall. Wer nicht eingesperrt oder umgebracht werden wollte, musste seine Rolle spielen. "Wir waren alle Teil des Systems. Auch ich stand vor meinem Kurs und habe gesagt: 'Ich würde für Gaddafi sterben'", sagt Mutaz.

    Ich gehe davon aus, das "Mutaz" nur das in Anführungszeichen gesagt hat, oder? Der Rest ist die Interpretation des Autors?

    Naja, jetzt muss Mutaz dieses blöde Buch nichtmehr lesen, American Legend rauchen und Rap hören. Glückwunsch.

    Dafür gibts aber auch bald keine Wohnungen mehr für Lau für Studenten, keinen kostenlosen Strom, keine 50.000 US-Dollar zur Heirat, keine 5000 Dollar fürs erste Kind und auch bei gescheiterter Jobsuche nach dem Studium springt der Staat nichtmehr ein mit dem Durchschnittsgehalt.

    Ach Mutaz...willkommen in unserer Welt...

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    hat er vielleicht Aussicht, 'nen Job zu kriegen.
    Das war nämlich unter Gaddafi gar nicht so leicht.

    • BerndL
    • 29. Februar 2012 19:59 Uhr

    "Demokraten", die die NATO an die Macht gebombt hat. Zu solchen Leuten hat man doch gleich Vertrauen.

    ""Während der Revolution habe ich mir eine Kalaschnikow genommen. Ich wollte den Abschaum der Gaddafi-Anhänger beseitigen", sagt Mutaz al-Obeidi und wirft eine Patrone auf den Tisch. "

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  • Schlagworte Grüne | Libyen | Bruce Springsteen | Revolution | Student | Zahnmedizin
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