StudienanfangMut zum Studium mit Handicap

Vielen behinderten und chronisch kranken Studenten sieht man die Beeinträchtigung nicht an. Das macht ihre Situation noch schwieriger. Doch es gibt Hilfen. von Arnd Zickgraf

Ausbildung oder doch besser ein Studium? Das ist die große Frage, die den Oberstufenschüler Rashik Al Hossain bewegt. Um eine Antwort zu finden, ist der 20-Jährige mit seinem Vater zu einer Veranstaltung an seiner Schule, der Integrierten Gesamtschule (IGS) Bonn-Beuel gekommen. Dort erklärt Christiane Schneider, Beraterin am Kompetenzzentrum Behinderung, Studium, Beruf (kombabb) in Bonn , vor welchen besonderen Herausforderungen Schulabgänger mit Behinderung und chronischen Krankheiten auf dem Weg in die Ausbildung und an die Uni stehen.

"Ich habe mir überlegt, Sozialpädagogik oder Heilpädagogik an der Fachhochschule in Köln zu studieren, oder wenn das nicht hinhaut, einen Ausbildungsplatz zu suchen", sagt Rashik. Er trägt eine Baseball-Kappe und Baggy-Jeans. Er mag Sportarten wie Badminton, bei denen er "Kraft am Ball rauslassen" kann. Als er 17 Jahre alt war, fanden die Ärzte heraus, dass er an multipler Sklerose leidet, einer entzündlichen Erkrankung des Nervensystems. An schlechten Tagen hat Rashik Mühe, 500 Meter zu Fuß zu gehen. Jetzt, wo der letzte Schub vorüber ist, merkt man ihm das nicht an. Nur seine Stimme ist zittrig.

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Auch die Handicaps seiner sieben Mitschüler – Tumorerkrankung, Autismus, Asperger-Syndrom – eine Variante von Autismus – und Schwerhörigkeit fallen kaum auf. 

"Der überwiegenden Anzahl von Menschen mit Beeinträchtigung sieht man nicht an, dass sie eine Behinderung haben", sagt Christine Fromme von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerkes (DSW). Noch immer denken die meisten dabei an Menschen mit Beeinträchtigung der Bewegung, des Sehens und Hörens. Dabei gehören auch Studenten mit chronischen psychischen und chronischen körperlichen Beeinträchtigungen zu der Gruppe der Menschen mit Behinderung, sofern sich ihre Leiden auf Dauer nachteilig auf das Studium auswirken. Das können Studenten mit Depressionen, Psychosen, Essstörungen genauso sein wie solche mit Morbus Crohn, multipler Sklerose, Tumorerkrankungen, Rheuma und Allergien. Auch sogenannte Teilleistungsstörungen wie Legasthenie können eine dauerhafte Beeinträchtigung darstellen.

Viele 

Dozenten sind überfordert

Viele Dozenten sind unsicher und können die Probleme ihrer gehandicapten Studenten nicht richtig einschätzen. Einmal habe ein Legastheniker seinen Professor an der FH gefragt, ob der ihm nicht mehr Zeit fürs Kontrollieren der Rechtschreibfehler bei seinen Klausuren einräumen könne. "Der macht uns was vor. Und überhaupt, wenn er nicht einmal richtig schreiben kann, hat er auf der Uni nichts zu suchen", habe der Professor über den Studenten gesagt. Das berichtet die kombabb-Beraterin Viktoria Przytulla, studierte Sozialpädagogin und von Geburt an halbseitig spastisch gelähmt.

Beratung

An 302 Hochschulen gibt es Beauftragte für die Belange von Studentinnen und Studenten mit Behinderung oder chronischer Krankheit. Darüber hinaus gibt es an 53 (von 58) Studentenwerken Beratung für Studenten mit Behinderung.

Beauftragte und Berater informieren und beraten etwa zum Umgang mit der eigenen Behinderung, zu Nachteilsausgleichen in Prüfungen oder bei der Berücksichtigung der spezifischen Belange in Vorlesungen und Seminaren. Zu den Aufgaben der Beauftragten gehört es außerdem, darauf hinzuwirken, dass vorhandene Barrieren in der Hochschule weiter abgebaut werden. Hier gibt es eine Liste der Beraterinnen und Beauftragten in Hochschulen und Studentenwerken.

Infostellen

Wer spezielle Fragen insbesondere zu rechtlichen Ansprüchen hat, die über die örtlichen Gegebenheiten der Universität vor Ort hinausgehen, kann sich an die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des DSW wenden. Die Mitarbeiterinnen der IBS informieren und beraten bundesweit telefonisch oder per E-Mail. Nützliche Informationen über Studienbedingungen gibt ihre Broschüre Studium und Behinderung.

kombabb

Hierbei handelt es sich um ein Angebot der Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Studium (BAG), ein Zusammenschluss der örtlichen Interessenvertretungen behinderter Studierender. Seit 2008 richtet sich das in Bonn ansässige kombabb mit Vorträgen, Workshops und individuellen Gesprächen an Oberstufenschüler, Abiturienten und Studieninteressierte in Nordrhein-Westfalen. kombabb arbeitet mit Schulen zusammen und steht Ratsuchenden auch persönlich zur Seite.

Behindertenselbsthilfe

Spezifische Beratungsangebote für Studieninteressierte und Studierende mit Behinderung/chronischer Krankheit gibt es auch bei der BAG, dem Deutschen Verein Blinder und Sehbehinderter in Studium und Beruf e.V. und der Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen e.V..

Der Dozent lenkte erst ein, als kombabb vermittelte. Bei nicht sichtbaren Behinderungen sei das Verständnis der Dozenten für die Probleme der Studenten geringer ausgeprägt als wenn einer im Rollstuhl sitzt. Aber wer sich nicht outet und sich mit Dozenten oder Prüfungsämtern verständigt, hat kaum Chancen, Nachteile aufgrund der Behinderung wettmachen zu können.

Ohne Umschweife gibt sich Referentin Christiane Schneider den Oberstufenschülern der IGS Bonn-Beuel zu erkennen: "Ich bin sehbehindert." Die Vortragsfolien spielt ihre Assistentin mit dem Laptop ab. Wenn sich die Beraterin selbst ins Spiel bringt, hat das einen guten Grund. Mit "Peer-Counseling" oder mit der Beratung von Behinderten für Behinderte will sie Unsicherheiten abbauen, zeigen, wie man selbstbewusst und ohne Tabus mit seiner Behinderung umgehen kann. "Niemand behauptet, dass der Besuch einer Hochschule gerade mit einer Behinderung einfach ist. Aber deine Zweifel sollten dich nicht davon abhalten, den Schritt an die Hochschule zu wagen." Gerade für Behinderte ist es leichter, einen Job zu finden, wenn sie einen höheren Abschluss haben, sagen die Beraterinnen. 

Viele Lehrer sind über Hilfen aber nicht informiert.

Leserkommentare
  1. ... kann ich vieles im Artikel bestätigen. Seien es nun das Unverständnis oder zum Teil auch Desinteresse mancher Lehrer, oder das man nach Möglichkeit so früh wie möglich selbst aktiv werden sollte. Ich besitze eine starke Sehbehinderung und hatte zwar einige Sehhilfen zur Verfügung; die Überwindung diese abe auch innerhalb des Studienkontextes, d.h. bspw. in den Seminaren etc. zu gebrauchen, hat mich große Überwindung gekostet.

    Umso interessanter war danach jedoch die Erfahrung, dass mir wider Erwarten, keine Abneigung sondern eher offenes Interesse entgegengebracht wurde. Es fand keine Ausgrenzung (wie ich befürchtet hatte) statt und viele KommilitonInnen und DozentInnen waren sehr hilfsbereit.

    Insofern geht es ganz bestimmt, auch wenn man sich selbst überwinden und ab und zu auch selbst aktiv werden muss sich über Möglichkeiten, Rechte, Anlaufstellen etc. zu informieren.

  2. 2. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mo.

  3. eine Variante von Autismus und Schwerhörigkeit ?

    Interessante Meinung!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • eklipz
    • 23. Februar 2012 6:42 Uhr

    damit meint, ist wahrscheinlich, dass asperger-betroffene öfters probleme haben, verbale informationen "so schnell" zu verarbeiten, wie nicht-betroffene. Aber richtig, hat mit der eigentlichen "Schwerhörigkeit" nichts zu tun. Eine anpassung des textes wär durchaus angebracht.

    "Auch die Handicaps seiner sieben Mitschüler – Tumorerkrankung, Autismus, Asperger-Syndrom – eine Variante von Autismus - und Schwerhörigkeit fallen kaum auf." Das erscheint mir wahrscheinlich

    • eklipz
    • 23. Februar 2012 6:42 Uhr

    damit meint, ist wahrscheinlich, dass asperger-betroffene öfters probleme haben, verbale informationen "so schnell" zu verarbeiten, wie nicht-betroffene. Aber richtig, hat mit der eigentlichen "Schwerhörigkeit" nichts zu tun. Eine anpassung des textes wär durchaus angebracht.

    Antwort auf "Asperger-Syndrom"
  4. "Auch die Handicaps seiner sieben Mitschüler – Tumorerkrankung, Autismus, Asperger-Syndrom – eine Variante von Autismus - und Schwerhörigkeit fallen kaum auf." Das erscheint mir wahrscheinlich

    Antwort auf "Asperger-Syndrom"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe/r BuntScheck,
    Sie liegen richtig, der Gedankenstrich war falsch gesetzt. Wir haben das korrigiert.
    Schöne Grüße
    mf

  5. Ob man sich immer an einer Präsenzuni einschreiben muss bleibt dahingestellt. Auch die einzige staatliche FernUni Deutschlands (http://www.fernuni-hagen.de/) sollte man in die Auswahl mit einbeziehen. Was man dafür mitbringen muss, ist ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Ausdauer. Diese braucht man aber auch an einer "normalen" Uni. Man/frau muss aber wissen, dass einem nichts geschenkt wird. Lediglich die eigene Zeiteinteilung kann flexibler gestaltet werden und man hat keinen Aufwand um in den überfüllten Hörsaal zu gelangen. Neben dem engagierten Uni-Beauftragten, der immer ein offenes Ohr für Leute mit handicap hat, gibt es die Hochschulgruppe handicap 2.0, (http://handicap2null.de/) die sich für die Belange chronisch kranker und behinderter Studierender einsetzt, hilft und unterstützt.

  6. Redaktion

    Liebe/r BuntScheck,
    Sie liegen richtig, der Gedankenstrich war falsch gesetzt. Wir haben das korrigiert.
    Schöne Grüße
    mf

  7. Leider wurde im Info-Kasten eine falsche Homepage verlinkt. Die BAG Behinderung und Studium e.V. (BAG) ist unter der URL http://www.behinderung-un... und nicht unter www.bag-selbsthilfe.de zu erreichen.
    Es wäre schön, wenn das korrigiert würde.

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  • Schlagworte Hochschule | Autismus | Badminton | Behinderte | Bonn | Dortmund
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