Die eine verklagt ihre Eltern auf mehr Unterstützung, die andere verheimlicht ihr reiches Elternhaus vor den Kommilitonen. Zwei Gespräche über Freiheit und Abhängigkeit

Judith Sager*, 24, bekam von ihrem Vater weniger Geld, als ihr zusteht. Jetzt zwingt sie ihn zu zahlen.

ZEIT CAMPUS: Den eigenen Vater verklagen – wie haben Sie das fertiggebracht? 

Judith Sager: Anfangs ist es mir schwergefallen. Man kann sich nie ganz sicher sein, ob wirklich schon alle anderen Möglichkeiten ausgereizt sind. Irgendwann waren meine Versuche gescheitert, auf Augenhöhe mit meinem Vater zu sprechen. Ich hätte auch nie Geld von ihm gefordert, wenn er es nicht hätte zahlen können. Die Klage war das letzte Mittel, aber irgendwann hatte ich keinen Zweifel mehr, dass ich das einfach machen musste.

ZEIT CAMPUS: Ist Ihr Vater wohlhabend?

Sager: Er bekommt ein sehr gutes Gehalt. Ich bin die jüngste von fünf Töchtern, wir haben alle studiert, und mein Vater zahlte zunächst allen das Gleiche: Kindergeld plus den Freibetrag, den er als Beamter pro Kind bekommt, und noch ein bisschen was dazu – insgesamt waren das gerade mal 358 Euro im Monat. Er gibt viel für Luxusreisen nach Jamaika aus, aber nicht für meine Schwestern und mich. Dabei ist er gesetzlich verpflichtet, mich zu unterstützen, solange ich unter 25 bin.

ZEIT CAMPUS: Wie viel müsste er Ihnen denn zahlen?

Sager: Als ich Bafög beantragt habe, wurde mir vorgerechnet, dass mein Vater mir 260 Euro mehr hätte zahlen müssen. Das hat er nie getan, sondern das Geld sogar noch gekürzt, als ich gerade im ersten Semester war.

ZEIT CAMPUS: Wie hat er das begründet?

Sager: Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch in der Schule war, später wurde mein Vater krank, er hatte Krebs. Wenn meine Schwestern oder ich uns wegen Geld beschwerten, warf er uns mangelnde Loyalität vor. Geld war sein Machtmittel. Er wollte, dass wir zu ihm halten und nicht zu unserer Mutter. Wenn ich nett zu ihm war, bezahlte er mir Reisen oder neue Möbel. Dabei hätte ich gern einfach regelmäßig genug gehabt, um mir Essen zu kaufen. 

ZEIT CAMPUS: Und deshalb haben Sie beschlossen, ihn zu verklagen?

Sager: Beim Studentenwerk wurde mir Paragraf 37 des Bafög erklärt, der "gesetzlich übergegangene Unterhaltsanspruch": Was mein Vater nicht zahlt, übernimmt auf meinen Antrag hin das Land und stellt es ihm in Rechnung. Wenn er sich dann weiterhin weigert, seine Schuld zu begleichen, muss nicht ich klagen, sondern das Land. Vor Gericht werde ich meinem Vater wohl nie begegnen.

ZEIT CAMPUS: Ist durch diesen Schritt zwischen Ihnen etwas kaputtgegangen?

Sager: Nein. Es hat sich nur manifestiert, was schon kaputt war. Ich habe Respekt vor ihm verloren – und vor mir selbst gewonnen. Durch den klaren Schnitt bin ich auch emotional unabhängiger geworden. Heute herrscht Funkstille, aber ich habe das Richtige getan.

ZEIT CAMPUS: Was sagen Ihre Kommilitonen dazu?

Sager: Ich habe Freundinnen, die sich das nie getraut hätten. Eine bekommt nicht mal das Kindergeld von ihren Eltern. Man überschreitet eine Schwelle, wenn man jemanden verklagt, gerade in der Familie. "Das tut man nicht", heißt es. Aber im Ernst, scheiß drauf! Wenn man krank ist, geht man zum Arzt, wenn das Auto kaputt ist, zum Mechaniker, und wenn das Geld nicht fließt, holt man sich eben Hilfe von Menschen, die sich damit auskennen. Die Beziehung zu Eltern, die einen nicht unterstützen, ist ohnehin kaputt.

ZEIT CAMPUS: Das klingt abgeklärt. 

Sager: Ich bin meinem Vater nichts schuldig. Ich habe ihn schließlich nicht darum gebeten, auf die Welt zu kommen. Er hat vernachlässigt, für mich zu sorgen, dazu ist er gesetzlich und moralisch verpflichtet. Dass es für solche Fälle rechtliche Unterstützung gibt, ist eine super Sache. Diese Hilfe anzunehmen, ist absolut angebracht.

ZEIT CAMPUS: Werden Sie sich mit Ihrem Vater jemals versöhnen können?

Sager: Das sehe ich nicht. Eigentlich ist es furchtbar, dass ich über meinen eigenen Vater so spreche, aber ich weiß nicht, was wir uns noch zu sagen haben. Außer, er entschuldigt sich bei mir: "Judith, ich hab’s verbockt, ich hab alles versaut." Das müsste zuerst kommen.