Prima Praktika : "Wir fliegen nach China. Willst Du mit?"

Der Student Timo Verlaat träumte von der Großstadt. Dann fragte ihn sein Chef, ob er nach Shanghai mitkommen will. Für unsere Serie berichten Studenten von prima Praktika.
Praktikant Timo Verlaat in Shanghai © Timo Verlaat

Für mein erstes Praktikum wollte ich unbedingt in die Großstadt. Ich komme aus Erlangen und studiere in Friedrichshafen , das sind nicht gerade Metropolen. Auf der Suche nach einem coolen Marketing‐Praktikum stieß ich auf Avandeo. Das Startup stellt in Asien Designermöbel her und verkauft diese dann verhältnismäßig günstig übers Internet . Damals war das Unternehmen gerade ein Jahr alt und im Wachstum begriffen. Sie suchten Praktikanten für den Berliner Standort.

In Berlin saß eigentlich nur einer der Gründer, damit Kunden und Investoren einen Ansprechpartner in Deutschland haben. Alle anderen Mitarbeiter arbeiteten von Shanghai aus. Für mich war das ein großer Vorteil. Mein Chef saß nur einen Tisch weiter, und so bekam ich mit, was zur Gründung eines Unternehmens dazugehört: die Gespräche mit Investoren, Telefonkonferenzen und wie man Mitarbeiter führt. Ich bekam auch jeden Möbelentwurf zu sehen und durfte mit darüber entscheiden.

Doch bald merkte ich, dass mein Arbeitsplatz keineswegs sicher war: Die deutsche Niederlassung sollte verlegt werden. Eines Morgens kam mein Chef ins Büro und sagte: "Ich habe mich entschieden, wir machen hier zu und fliegen nach China . Willst du mit?"

Das musste ich erst mal sacken lassen! Ich hatte Riesenflugangst, keine Ahnung von China und einen Mietvertrag in Berlin. Nach einem Feierabendbier beruhigte ich mich – und besorgte mir gleich am nächsten Tag das Visum.

Dann ging alles ganz schnell: Binnen zwei Wochen suchten wir Wohnungen, buchten Flüge (die zum Glück die Firma bezahlte) und verluden das gesamte Büro in einen Sprinter, den wir einmal quer durch Deutschland nach München fuhren. Am nächsten Tag stieg ich in ein Flugzeug nach Shanghai.

Fünf aufregende Wochen

Dort arbeiteten wir in einem internationalen Team aus Deutschen, Chinesen, Schweden und Franzosen in einer umgebauten Fabrik. Endlich lernte ich all die Leute kennen, mit denen ich bisher nur telefoniert hatte. Und sie alle hatten Aufgaben für mich: Ich sollte die Homepage pflegen, Möbelkollektionen zusammenstellen und das Bezahlsystem anpassen. Zugegeben, manchmal kam ich mir dabei vor wie ein Arbeitstier.

Gleichzeitig habe ich gelernt, was es eigentlich bedeutet, wenn europäische Firmen nach Asien gehen, um dort günstiger zu produzieren. Da treffen zwei Kulturen, zwei Arbeitsweisen aufeinander. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass Chinesen es nicht so gewohnt sind, selbstständig zu arbeiten, wie wir Europäer. Ihre Umgangsformen sind dagegen viel höflicher und zurückhaltender. Nach der Arbeit zeigten sie uns spannende Orte und verrücktes Essen.

Es war eine aufregende Zeit in der Megacity Shanghai – so aufregend, dass ich nach fünf Wochen fast schon froh war, zurück ins beschauliche Friedrichshafen zu kommen.

 

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Interessantes Thema

Ich selber befinde mich seit längerer Zeit in Shanghai, da ich nach dem Maschinenbaustudium eine Auszeit wollte. Um etwas Erfahrung für das Berufsleben zu sammeln, habe ich Praktikum bei einer deutschen Firma in Shanghai absolviert. Das Ergebnis ist ernüchternd. Wie im Bericht dargestellt wird, arbeiten Deutsche und Chinesen in Firmen komplett anders. Ich wunderte mich, dass einer meiner Kollegen den ganzen Tag Zeitung laß und quasi nichts tat. Ich hatte ihm beim Lunch darauf angesprochen und er meinte nur, dass der Chef eh in Deutschland sei und er nichts zu tun hätte. Von Selbstinitiative war nichts zu sehen. Von Tag zu Tag bröckelte diese perfekte Fassade von dieser in Asien aufstrebenden deutschen Firma immer mehr. Es gab schließlich nur noch Kompetenzprobleme mit den Verantwortlichen in Deutschland. Somit kam es irgendwann zum kompletten Stillstand in der Firma. Ähnliche Zustände berichteten mir ebenfalls Freunde in Shanghai. Sicherlich ist es sehr schön hier in China zu sein aber Shanghai ist keineswegs eine schöne Stadt. Sie ist groß, schmutzig, laut und teuer wie alle anderen Metropolen der Welt. Es wird alles abgerissen was alt ist und es bleiben hauptsächlich Fake-Sehenswürdigkeiten, mit einem KFC und nem McDonalds im Erdgeschoss, stehen. Ich bin froh wenn ich diese Stadt verlasse.

Prima Praktikum oder eher Schnellkurs in Bauernfängerei?

Wenn man die website der Firma, bei der der Autor "gearbeitet" hat, anschaut, versteht man nicht, was daran jetzt so prima war. Vielleicht findet man, wenn man "Marketing" machen möchte, die Frechheit gut, die dort an den Tag gelegt wird: Zur Herkunft der Ware findet sich nur unverbindliches: natürlich nur beste Qualität. Natürlich achten sie auf Einhaltung von Sozialstandards und Umweltverträglichkeit. Aber nirgendwo etwas konkretes, abgesehen wie Mindeststandards wie CE-Normen.
So findet man auf der site unter dem Punkt "Holz-Qualität" ein ellenlanges Gelaber über die Farbvarianten der heimischen Rotbuche oder den Anteil der Eichen im deutschen Wald.
Über die Herkunft der Hölzer der verkauften Möbel aber steht da nichts. Nirgendwo ein Zertifikat wie etwa ein FSC-label. Abgesehen von einer offenbar in Deutschland gefertigten Sitzbank, "aus nachhaltiger Forstwirtschaft" scheint alles aus China zu sein. Viele der Hölzer sind Sperrholz mit Furnier (übrigens laut avandeo "eine der höchsten Veredlungsformen bei der Holzverarbeitung"). Wenn man weiß, daß Chinesische Fabriken keine Hemmungen haben, Tropenholz zu Sperrholz zu verarbeiten, scheint das ganze zumnindest fragwürdig, wenn nicht frech.

Wäre der Autor daheim in Erlangen geblieben, hätte er gar nicht in die Welt hinaus gemußt, die kommt nämlich dorthin: um bei Siemens solide Ingenieursarbeit zu leisten. Ein Praktikum dort und er hätte wirklich was Nützliches gelernt. Aber für sowas nach China...?

Guter Artikel

Sehr interessanter Artikel, vor allem da er nicht ausschließlich die Sonnenseiten eines Auslandspraktikums zeigt. Ich plane zur Zeit ein Auslandssemester und gehe stark davon aus, dass nicht alles positiv sein wird, aber eben genau darum geht es auch.Ich habe mir inzwischen viele Informationen und Erfahrungsberichte eingeholt und bin auf die skurrilsten Dinge gestoßen. Umgehauen hat mich, dass das Sternzeichen Einfluss darauf haben soll, ob man einen Job bekommt oder nicht: http://www.meinpraktikum....
Ist das auch eines der vielen Klischees oder ist da was dran?

@FreundHein: Erlangen und Siemens in Ehren - Schließlich ist Erlangen quasi mit meine Heimat und Siemens hat mir schon einige Jobs neben der Schule/Studium verschafft... NUR: Wie kann man ernsthaft der Meinung sein, dass im "Heimathafen" bleiben die bessere Alternative ist zum in die Welt hinauskommen?

Eine Auslandserfahrung ist Gold wert. Das heißt ja nicht, dass man seiner Heimat den Rücken keren muss, aber ein Praktikum in einem StartUp in China ist doch das beste, was einem passieren kann! Global denken ist die Zukunft und Weltoffenheit eine sehr wertvolle Tugend. Beides erlangt man am besten durch Aufenthalte im Ausland und diese sind IMMER ein Gewinn. Denn auch aus negativen Erfahrungen kann man etwas lernen. Daher hat der Autor alles richtig gemacht.

Hinzu kommt: Was denken Sie, wie viele Kunden auf solche Qualitätsmerkmale, Zertifizierungen und Standards achten? Ich persönlich schätze einfach mal bis zu 5%. Dem Rest ist das egal, deshalb ist ja mittlerweile fast alles Made in China. Und so schnell werden wir da auch nicht drum rumkommen. Für die Entscheider von Morgen ist es nur wichtig zu erkennen, wo die Vor- und Nachteile nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und moralisch sind, wenn man im Ausland produzieren lässt. Und: Wie man Problemen am besten begegnet.

Daher am besten früh anfangen und lernen, wie die Chinesen z. B. ticken und Strategien entwickeln, wie man die Zusammenarbeit optimieren kann.

Was hat er denn im Praktikum tatsächlich gemacht?

Möbel geschleppt und die deutsche website gestaltet, in der in verschleiernder, schönfärberischer Weise furnierte, chinesische Spanplattenmöbel als das nonplusultra der Wohnungseinrichtung angepriesen werden. Sind das hochqualifizierte Aufgaben, für die man nach China reisen muß?
Daß nur wenige Menschen auf die ethische Qualität ihres Handelns achtgeben, weder beim Einkauf noch sogar bei der Berufswahl, ist leider richtig. Aber man sollte doch nicht das als Rechtfertigung für sein eigenes moralisches Versagen anführen. Ich finde es richtiggehend erbärmlich, wenn sich jemand, der Abitur und Hochschulabschluß hat, für ein Flugticket nach Schanghai für so etwas kaufen läßt und nicht mehr vom Leben erwartet.
Ich meinte das mit dem Praktikum bei Siemens völlig ernst: es muß ja nicht das einzige sein. Aber es kommt doch in erster Linie darauf an, w a s man macht; w o, das kommt dann vielleicht an zweiter Stelle. Als ich noch Medizinstudent war konnte man in den jetzt ja großenteils aufgelösten amerikanischen und britischen Militärkrankenhäusern die besten Famulaturen machen: Tagsüber britische oder amerikanische Medizinkultur kennenlernen und abends wieder zu Hause: das ist doch super, oder nicht?