Studienförderung"Bei vielen Stipendien geht es gar nicht um Leistung"

Nicht nur Streber werden gefördert, sagt Mira Maier, Gründerin von mystipendium.de. Im Interview erklärt sie, wie man das richtige Stipendium findet – und bekommt.

ZEIT ONLINE: Leider bin ich weder Streber noch Gutmensch. Lohnt sich eine Bewerbung um ein Stipendium überhaupt für mich?

Mira Maier: Auf jeden Fall. Es ist ein großer Irrtum, dass es Stipendien nur für extrem engagierte Hochbegabte gibt. Im Gegenteil gibt es eine ganze Bandbreite an Stiftungen, deren Förderkriterien erst einmal nichts mit Leistung zu tun haben.

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ZEIT ONLINE: Aber aus welchem Grund werde ich dann gefördert?

Maier: Das können ganz verschiedene Gründe sein, zum Beispiel Bedürftigkeit. Viele kleinere Stiftungen haben sehr spezielle Auswahlkriterien. Etwa, dass man aus einem bestimmten Ort kommen muss, weil der Stifter dort geboren ist. Insgesamt kann man sagen: Circa 40 Prozent der Stipendiengeber geht es nicht primär um Leistung. Deshalb hat wirklich jeder die Chance, ein Stipendium zu bekommen – vorausgesetzt, er findet die richtige Stiftung für sich.

Mira Maier
Mira Maier

Mira Maier, 27, promovierte an der Uni Witten/Herdecke und ist Gründerin von mystipendium.de, einem Projekt der gemeinnützigen Initiative für transparente Studienförderung. Die Plattform ist das größte Informationsportal für Studienförderung in Deutschland und wurde jüngst vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft ausgezeichnet.

ZEIT ONLINE: Wenn die Note kein Ausschlusskriterium ist, bewerben sich doch bestimmt Massen. Habe ich da eine Chance?

Maier: Das denken die meisten – und bewerben sich gar nicht erst. Bewirbt man sich um ein Stipendium und versucht es mit der ganzen Bandbreite an Stiftungen, liegt die Erfolgsquote bei 40 Prozent. Denn viele kennen höchstens die Studienstiftung des Deutschen Volkes, mit Glück noch eine der politischen Stiftungen. Dabei gibt es sogar eine Stiftung, die bedürftige Töchter bayerischer Beamter fördert.

ZEIT ONLINE: Was wollen diese kleinen Stiftungen erreichen?

Maier: Abseits der staatlichen Stiftungen gibt es zum einen private Stifter und zum anderen Unternehmensstiftungen. Privatleute wollen oft etwas zurückgeben von dem, was sie selbst im Leben an Unterstützung erfahren haben. Firmen nutzen Stipendien gern als Recruiting-Instrument, um potenzielle Mitarbeiter kennenzulernen.

ZEIT ONLINE: Auf Ihrer Internetseite mystipendium.de listen Sie über 1.200 Stipendiengeber auf. Wie soll man da durchblicken?

Maier: Wir haben die Stipendien nach 34 Bewerbungsvoraussetzungen geordnet. Das kann die Bachelor-Note sein oder zum Beispiel eine Behinderung. Der Bewerber kann sein persönliches Profil erstellen und findet dann nur die Stipendien, die auch zu ihm passen. Im Durchschnitt sind das etwa 15.

ZEIT ONLINE: Und dann muss ich 15 Bewerbungen schreiben?

Maier: Nicht unbedingt. Einige Stiftungen schließen aus, dass man sich gleichzeitig auch bei anderen Stiftungen bewirbt. Man sollte seine Unterlagen deshalb eher kurz vor Ablauf der jeweiligen Bewerbungsfrist einreichen, sodass man relativ schnell erste Rückmeldungen bekommt.

ZEIT ONLINE: Wie lange dauert es, bis ich eine Antwort bekomme?

Maier: Bei den großen Begabtenförderungswerken muss man mit drei bis sechs Monaten rechnen. Es gibt meistens mehrere Auswahlsitzungen pro Jahr. Wenn man seine Bewerbung zufällig genau vor einer Sitzung einschickt, kann es auch schneller gehen. Bei kleineren Stiftungen bekommt man meist innerhalb von vier Wochen Bescheid.

ZEIT ONLINE: Wie viel Tricksen ist eigentlich erlaubt?

Maier: Wenn Tricksen bedeutet, sich gut zu verkaufen, ist das durchaus erlaubt. Ich rate jedem dazu, seine Stärken zu betonen und Schwächen nicht gerade hervorzuheben. Vor Lügen kann ich nur warnen, weil auf die schriftliche Bewerbung meist noch ein Vorstellungsgespräch folgt, bei dem man sich leicht verplappern kann.

ZEIT ONLINE: Was ist der größte Fehler, den ich machen kann?

Maier: Man sollte in seiner Bewerbung unbedingt auf die Stiftung eingehen. Das Schlimmste ist, anonyme Massenbewerbungen zu verschicken. Das machen leider mehr Leute als man denkt.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Machen Sie es sich da nicht ein bisschen einfach? Viele Stipendienprogramme, allen voran die Studienstiftung des deutschen Volkes, wählen nicht nur nach harten Leistungskriterien aus. Gute Self-Promoter sind bei der Stipendienvergabe eindeutig im Vorteil.
    Wie das in vielen Bereichen der Fall ist, werden introvertierte Personen, denen es weniger auf den äußeren Schein ankommt, die aber davor eventuell mehr "hard skills" mitbringen, bei der Auswahl benachteiligt.
    Wenn jemand trotz guter Leistungen kein Stipendium bekommt, hat das oftmals nicht nur mit mangelndem Ehrgeiz oder mangelnder Konsequenz zu tun.
    Auf mich wirkt Ihr Beitrag einfach nur arrogant.

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Wie meinen?"
  2. ...so hatte ich zum Beispiel eine Bekannte "aus gutem Hause", die während des Studiums Praktika bei der Deutschen Botschaft in Washington und beim Spiegel-Büro in Paris gemacht hat. Beide unbezahlt, finanziert von Papa. Ich habe in den Semesterferien bei VW Motoren zusammen geschraubt, damit die restlichen Monate genug Geld auf dem Konto war. Dass besagte Freundin am Ende natürlich bei Bewerbungen besser qualifiziert war, versteht sich von selbst.

    "Neid" wird in unserer Gesellschaft gerne abgetan, als Reflex der Untalentierten, Entschuldigung der Nichtskönner. Dabei ist Neid manchmal schlicht und einfach das Resultat gesammelter Erfahrungen. Ich glaube zwar nicht, dass bei der Vergabe von Stipendien pauschal die Oberklasse privilegiert wird, finde aber schon, dass wir uns in Deutschland ein bisschen mehr Mühe geben müssen, die Kinder von Arbeitern, Angestellten und besonders von Migranten gezielter zu fördern.

    5 Leser-Empfehlungen
    • noemi1
    • 20.07.2012 um 19:09 Uhr

    An Chandler81: Ein Ehrenamt verlangt absolut nicht zwingend große zeitliche Kapazitäten. Das weiß ich, da ich selbst ehrenamtlich tätig bin. Da gibt es Möglichkeiten wie Sand am Meer.

    An ermes 87: Ich reagiere wirklich allergisch auf Pauschalisierungen wie "Das ist eine sehr deutsche Diskussion..." . Aber wahrscheinlich ist das ebenfalls typisch deutsch?!?

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    mit guten Noten und am besten in einer Zeitspanne. ...damit man nicht als Bummelstudent gilt und nachts noch 6 Stunden Schlaf?

    So so, dann schildern Sie doch bitte Ihr Rezept damit ich mir an Ihnen ein gutes Beispiel nehmen kann. Vielleicht ja auch noch andere Leser.

    Ganz besonders würde mich interessieren ob Sie sich Ihr Studium zu 100% selber durch Nebenjobs finanzieren..und wieviele Stunden Sie monatlich als Zeitfenster für Geldverdienen, Lernen, Nachtschlaf und obendrein für Ihr Ehrenamt genau einplanen und tatsächlich realisieren.

    Das es genügent Einsatzmöglichkeiten für unbezahlte ehrenamtliche Arbeit gibt. ...wer würde dies ernsthaft bestreiten wollen. Es geht m.E. nicht um das wo ehrenamtliche Arbeit, sondern um das WIE ZUSÄTZLICHE ZEIT UND ENERGIE DAFÜR FREISCHAUFELN.

    Auf Ihre monatliche Zeitplanung wäre ich gespannt. Klar dürfte auch sein, dass nicht ein paar Babysittingstunden oder ein paar Nachhilfestunden im Monat als job gemeint sind. Ich meine solche Studenten die echt arbeiten müssen für Miete und Essen und nicht ein kleines Jöbchen zur Finanzierung von Urlaub, Konzertkarten oder schönen Handtaschen.

    mit guten Noten und am besten in einer Zeitspanne. ...damit man nicht als Bummelstudent gilt und nachts noch 6 Stunden Schlaf?

    So so, dann schildern Sie doch bitte Ihr Rezept damit ich mir an Ihnen ein gutes Beispiel nehmen kann. Vielleicht ja auch noch andere Leser.

    Ganz besonders würde mich interessieren ob Sie sich Ihr Studium zu 100% selber durch Nebenjobs finanzieren..und wieviele Stunden Sie monatlich als Zeitfenster für Geldverdienen, Lernen, Nachtschlaf und obendrein für Ihr Ehrenamt genau einplanen und tatsächlich realisieren.

    Das es genügent Einsatzmöglichkeiten für unbezahlte ehrenamtliche Arbeit gibt. ...wer würde dies ernsthaft bestreiten wollen. Es geht m.E. nicht um das wo ehrenamtliche Arbeit, sondern um das WIE ZUSÄTZLICHE ZEIT UND ENERGIE DAFÜR FREISCHAUFELN.

    Auf Ihre monatliche Zeitplanung wäre ich gespannt. Klar dürfte auch sein, dass nicht ein paar Babysittingstunden oder ein paar Nachhilfestunden im Monat als job gemeint sind. Ich meine solche Studenten die echt arbeiten müssen für Miete und Essen und nicht ein kleines Jöbchen zur Finanzierung von Urlaub, Konzertkarten oder schönen Handtaschen.

    • noemi1
    • 20.07.2012 um 19:15 Uhr
  3. ...und den empörten Mitkommentierer überstimmen. Ich kenne auch fast nur arrogante und gelackte Studienstiftler mit sehr viel Humorlosigkeit. Gott sei Dank gibt es aber noch andere Stiftungen, wie hier zu lesen, mit einer Reihe von angenehmeren Zeitgenossen.

    Von sieben Studienstiftlern, die ich kenne, ist nur ein Nicht-Nase-drei-Meter-hoch dabei. Ärgerlich ist, dass diese Truppe bei Bewerbungen uni-intern (wissensch. Mitarbeiter etc.) eindeutig bevorteilt wird. (Mit Drama, Glück und Kampfgeist hab ich mal einen rausgekickt zu meinen Gunsten. Durfte aber merken, dass die "Regeln" nur für diese Leute gelten.)

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Zunächst einmal möchte ich einigen Vorredner, die nicht das beste Bild von Studienstiftler zeichnen, zustimmen. Deckt sich mit meinen Erfahrungen. Von einem Studienstiftler durfte ich mir mal anhören: "Wenn jemand kein Musikinstrument spielt, was will der ueberhaupt in der Studienstiftung". Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, aber eine Tendenz zu Nasehochs ist schon klar zu erkennen.

    Was mich aber vielmehr nervt, bei Stipendien sind die folgenden zwei Dinge:

    1) Intrasparenz: Selten bekommt man eine genaue Rückmeldung warum es nun gerade mal wieder nicht geklappt hat. Ein solches Verfahren leistet natürlich Beihilfe zu allerhand Mauscheleien. Eine positive Ausnahme sind hier die Stipendien der EU (Marie-Curie usw.), wo man eine genaue Aufschlüsselung und Bepunktung der eigenen Bewerbung bekommt.

    2) Der Mythos: "Es gibt fuer jeden das richtige Stipendium!"

    Dieser Mythos wird ja hier gerne nochmal wiederholt. Einer kritischen Überprüfung kann er aber leider nicht standhalten. Frau Dr. Maier wird das natürlich nicht gerne zugeben, schließlich will sie ihr Produkt verkaufen. Der Mythos ärgert mich insbesondere, da durch ihn der Eindruck erweckt wird, dass jemand der kein Stipendium bekommt, sich einfach nicht richtig bemüht hat...

    (Um allen Neid und Typisch-Deutsch-Diskussionen zuvorzukommen: Der Author dieses Beitrags hat schon zweimal ein Stipendium zugesprochen bekommen und lebt nicht in Deutschland...)

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  5. Ich möchte dem 2. Punkt meines Vorredners beipflichten. In sämtlichen Studienratgebern und auf Infoseiten zu Stipendien kann man ähnliche Sätze lesen, wie sie auch im Interview mit Frau gefallen sind, nach dem Motto: "Es gibt für jeden das richtige Stipendium"
    Leider kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass es (wie bei der BaFöG-Förderung im übrigen auch) eine "Mittelschichtslücke" gibt, in der ich/ meine Eltern stecken.
    Will sagen: Ich bin nicht bedürftig genug, um finanzielle Förderung zu erhalten (dem Grunde nach BaFöG-berechtigt, aber das Einkommen der Eltern ist auf dem Papier zu hoch), jedoch können meine Eltern mir mein Studium nicht vollständig finanzieren. Viele Stipendiengeber richten sich nach den Bafögbestimmungen, sodass ich trotz intensiver Recherche bisher kein passendes Stipendium gefunden habe (auch nicht durch mystipendium.de!).

    Ich finde es verwunderlich, dass bei aller Diskussion und Streit um Sinn und Sinnlosigkeit von Stipendien in Deutschland und deren Vergabe immer nur von den Extremen (Klischees) gesprochen wird. Ich meine hier nicht nur von (m)einem Einzelfall zu sprechen, sondern die Probleme einiger Studis anzusprechen, die durch das Raster des Bafög fallen und auch kaum Stipendien ergattern können!

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  6. Liebe/r KommentarschreiberIn,
    Ich denke es ist falsch Erfahrungen aus der Erteilung von Stipendien für Auslandsstudienaufenthalte auf die Vergabe von anderen Vollstipendien zu übertragen.
    Erstens bewirbt man sich nicht im 1 Semester um ein Auslandssemester. D.h.die Entscheidung,dass man sich überhaupt ein Studium leisten kann ist zu dem Zeitpunkt schon gefallen.
    Zweitens hängt die Einfachheit oder Schwierigkeit an diese Auslandsplätze ran zu kommen sehr stark von den Studierendenzahlen/Berwerberzahlen in Ihrem Fachbereich und Ihrer Uni hab. Das kann in anderen Fächern und an anderen Unis ganz anders aussehen.
    Drittens kann man das Erasmusstipendium (abhängig von uni- und Lebenshaltungskosten im Ausland ) als Beitrag verstehen der noch lange nicht kostendeckend ist.
    Viertens dürfte der Student, der in Deutschland einen guten Nebenjob hat und sich damit das Studium finanziert nur mit großen Bauchschmerzen den job für ein Auslandssemester kündigen.......wenn er weder weiß ob er im Ausland auch einen Studentennebenjob ergattern kann, ob er dies zusammen mit der nötigen größeren Zeitinvestition im Ausland durch das Lesen und Schreiben in Finnisch, Maltesisch oder Französisch....hinkriegen kann ohne damit das Übergeordnete Ziel Erlangung eines Hochschuldiploms in Deutschland zu gefährden. Somit wagen sich dort dann vielleicht auch eher die Studenten, die im Zweifel auf den Geldairbag der Eltern vertrauen.

    Antwort auf "Wie meinen?"

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