KunststudentenKunst, wirst du mich mal ernähren?

Superstar oder armer Schlucker: Kunststudenten steht eine ungewisse Zukunft bevor. Ein harter Konkurrenzkampf scheint programmiert. Doch Einzelkämpfer kommen nicht weit. von 

Eine Arbeit aus der Klasse von Robert Lucander an der UDK Berlin während des Rundgangs 2012

Eine Arbeit aus der Klasse von Robert Lucander an der UDK Berlin während des Rundgangs 2012  |  © Stefan Kesselhut

Einmal im Jahr verwandelt sich das Hauptgebäude der Berliner Universität der Künste (UdK) in die wahrscheinlich größte Galerie der Stadt. Während eines Rundgangs zeigen Studenten ihre Arbeiten der Öffentlichkeit. Viele moderne Kunstwerke hängen in langen Fluren mit hohen Gewölbedecken und in den Arbeitsräumen der Studenten.

In einem der Ateliers steht eine merkwürdige Maschine, zusammengebaut aus einem Scheibenwischermotor, Teilen einer Schreibtischlampe und einem Stahlseil, das unter ständigem Geratsche durch eine Gipswand läuft und diese langsam zersägt. Sie sieht ein bisschen aus, als käme sie aus einer anderen Welt.

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Doch schon ein paar Schritte weiter holt einen die Realität ein. An der Wand hängen Flyer, die "Selbstmarketingkurse für Bildende Künstler" bewerben. Studenten sollen lernen "wie man sich vor Ort verkauft, ohne sich selbst zu verkaufen".

Dass es schwierig ist, sich mit Kunst über Wasser zu halten, wissen nicht nur die Anbieter dieser Kurse, sondern auch die angehenden Künstler. Während des Rundgangs schwingt deshalb auch die Frage mit: Werde ich einmal von der Kunst leben können?

Eine berechtigte Frage, nimmt man die Statistik der Künstlersozialkasse als Maßstab. Die dort versicherten bildenden Künstler verdienten im vergangenen Jahr im Schnitt weniger als 14.000 Euro. Brutto, wohlgemerkt. Der Verdienst von Künstlerinnen ist noch einmal geringer.

Der Kunstmarkt ist ein ungerechter Markt. Stars wie Neo Rauch verdienen Millionen mit ihrer Kunst. Für den Rest bleibt nur wenig übrig. Ein harter Konkurrenzkampf scheint programmiert.

Miteinander statt gegeneinander

Doch die Realität sieht anders aus: Statt sich gegenseitig auszustechen, versuchen viele Kunststudenten, ihre Kräfte zu bündeln. "Natürlich ist Konkurrenz da. Es wäre naiv zu glauben, dass das nicht so ist. Aber wir helfen uns auch viel untereinander, informieren uns gegenseitig über Stipendien, machen Gruppenausstellungen", sagt eine Studentin auf der Ausstellung. Einzelkämpfer kämen nicht weit. "Ohne gute Kontakte und Bekanntschaften läuft gar nichts."

Sogar die Selbstmarketing-Kurse könnten aus ihrer Sicht sinnvoll sein. Um sich besser und professioneller zu präsentieren oder schneller die richtige Galerie zu finden. "Man muss aber aufpassen, sich und seine Arbeit nicht zu übertrieben anzupreisen. Das kann schnell extrem aufgesetzt wirken."

Häufig konkurrieren die Studenten auch nicht direkt miteinander. Eine Galerie, die für einen genau die richtige ist, kommt für andere nicht in Frage. Die meisten Galeristen bevorzugen bestimmte Herangehensweisen. Und während des relativ frei und selbstorganisierten Kunststudiums an der UdK, in dem es nach der einjährigen Grundlehre kaum Pflichtveranstaltungen gibt, entwickeln sie unterschiedliche Stile und Ansätze.

Trotzdem bleibt das Leben als bildender Künstler unsicher. Wem das Risiko zu groß ist, der kann es machen wie Maika Saworski. Sie studiert Kunst mit Lehramtsoption – eine Chance auf ein sicheres Einkommen. Aber Lehrerin sein, das kann sich Saworski höchstens in Teilzeit vorstellen.

Statt zu überlegen, wie man die Gesetze des Marktes am besten für sich nutzt, sollten Kunststudenten auch darüber nachdenken, wie Alternativen aussehen könnten, findet Saworski. Man könne Werke ja nicht nur verkaufen, sondern zum Beispiel auch gegen Dienstleistungen tauschen oder gegen andere Kunstwerke. Um gemeinsam zu arbeiten, statt gegeneinander zu kämpfen.
 

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Leserkommentare
    • dëfr
    • 19. Juli 2012 19:40 Uhr

    Die gestellte Frage in der Headline stellte man sich schon immer. Ich glaube wer anfängt Kunst zu studieren um später mal "Geld zu machen" hat sich entweder den falschen "Job" ausgesucht oder ist genauso ein Clown wie Jonathan Meese.

    2 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 20. Juli 2012 0:46 Uhr

    Es sollten nur Kinder reicher Eltern Kunst studieren dürfen.
    Die Eltern müssten sich zudem amtlich dazu bereit erklären ihre Kinder Zeit ihres Lebens durchzufüttern.und ihnen ein entsprechend großes Vermögen zu hinterlassen.Bei den 260 Milliarden die jährlich vererbt werden,dürfte die arbeitende Bevölkerung nicht mit der Alimentierung gescheiterter Kunstexistenzen behelligt werden.
    Das wären dann die Voraussetzungen für den Berufsstand des freien Künstlers und die Kunst dem entsprechend eine unangepasste Kunst.
    und also ohne Rücksicht auf die die zwar selbst keine Künstler sein können, aber wissen wie´s geht.

    2 Leserempfehlungen
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    ironie zu erkennen ist auch eine art von kunst :))

  1. "Es sollten nur Kinder reicher Eltern Kunst studieren dürfen." - Bitte? Es kann doch nicht sein, dass jemandem etwas verwehrt wird, nur wegen eines fehlenden Vermögens der Eltern. Derartige Beschränkungen gibt es bereits zu Genüge auf der Welt. Das muss nicht noch weiter ausgeweitet werden. Im Gegenteil. Gleiche Chancen für alle.

    3 Leserempfehlungen
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    sorgt die normative Kraft des Faktischen ohnehin dafür, dass man es eher wagt, Kunst (oder sonstige Brotlosigkeiten) zu studieren, wenn man aus einigermaßen gut versorgten Verhältnissen stammt.
    Wohlgemerkt eher und nicht nur.

  2. ironie zu erkennen ist auch eine art von kunst :))

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    ironie in geschriebener Sprache zu erkennen, ist nur möglich wenn man den Autor kennt und seine Sicht auf die Dinge, denn sonst könnte man meinen das es einer ernst meint ;)

  3. sorgt die normative Kraft des Faktischen ohnehin dafür, dass man es eher wagt, Kunst (oder sonstige Brotlosigkeiten) zu studieren, wenn man aus einigermaßen gut versorgten Verhältnissen stammt.
    Wohlgemerkt eher und nicht nur.

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    Antwort auf "Antwort auf #2"
    • BP89
    • 20. Juli 2012 13:02 Uhr

    jeder, wenn er denn die Möglichkeit dazu hat, das zu studieren was ihn interessiert und ihm freude bereitet, egal wie die Zukunftsaussichten für den Beruf sind.

  4. "Aber wir helfen uns auch viel untereinander, informieren uns gegenseitig über Stipendien, machen Gruppenausstellungen",

    Irgendwie habe ich meine Zweifel, daß sich das jetzt geändert hat, wo Studiengebühren noch mehr der Druck erhöht haben.

    Ich kenne das so, daß diese "Hilfe" so ausschaut, daß Ausschreibungen abgerissen werden, damit weniger Konkurrenz teilnehmen kann, daß in letzter Minute Faxe geschrieben werden, um alleine kostenlose Mittel zu erhaschen, welche für die Klassengemeinschaft gedacht waren und daß einer dem Anderern den Dreck nicht unterm Fingernagel gönnt.

    Zusammenarbeit gab es nur Zwangsweise, immer mit Blick darauf, daß man selber mehr davon hat, als die Anderen.

    Das war BTW der Hauptgrund, warum ich dann irgendwann abseits der Uni arbeitete.

    "Ohne gute Kontakte und Bekanntschaften läuft gar nichts."

    Das kann ich unterschreiben. Allerdings sind diese Kontakte weniger die Mitstudenten, sondern die Professoren, bei denen man in den Hintern kriechen muss(te), um Stipendien und Kunstpreise zu bekommen.
    Leider werden solche Mittel fast nie anonym nach Werkschau vergeben, sondern "zugeschustert". Wer sich auskennt, wird sehr oft feststellen, Gewinner XY hat mit Jurymitglied Z etwas zu tun. Entweder direkt oder Z ist ein guter Kumpel von Professor V, bei dem XY seinen Meisterschüler gemacht hat.
    Der Höhepunkt in meinem "Wettbewerbsleben" bisher war ein hoch dotierter Kunstpreis an eine Person, welcher in der ersten Version der Webseite in der Jury sass.

    2 Leserempfehlungen
  5. die Erfahrung die ich bis jetzt mit Kunst gemacht habe ist folgende: Kunst ist nur was für Leute mit Geld und die eine schöne Deko fürs Zuhause suchen.

    Und Kunst ist eine Inspirationsquelle für Kreative (Spieleentwickler/Schriftsteller/Regisseure/vielleicht auch Musiker).

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    @sonnenbrand (Kommentar Nr.8)

    Zitat:
    "Kunst ist nur was für Leute mit Geld und die eine schöne Deko fürs Zuhause suchen".

    Solche Kommentare erwarte ich doch eher von BILD-Lesern. Kleiner Tip: Allgemeinbildung und Interesse lüften hier und da die Geheimnisse der Kunst in ihrem gesellschaftlichen und historischen Status.

    Zum Artikel: Ich möchte gerne in den Niederlanden Kunst studieren, eher aus der Hinsicht, mich über ein Studium prozesshaft weiterzuentwickeln. Ich will aber nicht Kunst studieren mit dem Vorsatz finanzielle Erleuchtung zu erwarten. Wenn es danach gehen soll, kann man auch andere Richtungen studieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dienstleistung | Einkommen | Galerie | Kunstmarkt | Kunstwerk | Künstler
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