Mitbewohnersuche"WG-Castings sind oft nicht authentisch"

Eine neue Onlineplattform will WGs helfen, den richtigen Mitbewohner zu finden. Im Interview sagt Gründer Benjamin Pause, worauf es beim Zusammenwohnen ankommt. von Michael Metzger

ZEIT ONLINE: Seit Mai ist Ihre Internetplattform Wgfinden.de online. Ziel ist es, Mitbewohner zu vermitteln, die gut zusammenpassen. Also Putzfimmel zu Putzfimmel und Fußballfan zu Fußballfan?

Benjamin Pause: Ganz so einfach ist es nicht. In der Entwicklung unseres Suchportals haben wir uns intensiv darüber Gedanken gemacht, woran WGs scheitern. Anschließend haben wir eine Erhebung unter einer repräsentativen Auswahl von 440 Wohngemeinschaften aus ganz Deutschland durchgeführt, um unsere Thesen zu prüfen. Am Ende konnten wir vier Bereiche extrahieren, die unserer Meinung nach für ein harmonisches Zusammenleben in einer WG wichtig sind, und die nun im Fragebogen auf unserem Portal abgefragt werden.

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ZEIT ONLINEDie wären?

Pause: Sauberkeit, Geld, Geselligkeit und kulturelle Interessen. Wenn innerhalb dieser vier Bereiche große Übereinstimmungen und ähnliche Vorstellungen vorhanden sind, ist das die halbe Miete. In dem Test auf wgfinden.de stellen wir dem Suchenden nun 20 Fragen, die genau diese vier Bereiche abdecken.

Benjamin Pause
Benjamin Pause

26, Psychologiestudent, ist Mitbegründer der Internetplattform wgfinden.de.

ZEIT ONLINE: Normalerweise werden solche Fragen bei WG-Castings gestellt. Wieso nicht auch weiterhin?

Pause: Das Problem ist: Reale Castings sind oft nicht authentisch. Der Wohnungssuchende will das Zimmer um jeden Preis haben. Also passt er sich an. Kommt er in eine Party-WG, betont er wahrscheinlich seine Partytauglichkeit. Nach dem Einzug stellt sich meistens heraus, dass ein Großteil des Castings nur gespielt war.

ZEIT ONLINE: Aber beim Onlinetest kann man doch auch lügen.

Pause: Wir drehen den Spieß um. Zuerst wollen wir vom Suchenden wissen: Wer bist du eigentlich, und wie stellst du dir deine zukünftige WG vor – unabhängig davon, wie das Angebot aussieht. Das führt dazu, dass die Suchenden ehrlich mit sich selbst sein müssen. Gleiches gilt übrigens für WGs, die ein Zimmer zu vergeben haben: Die müssen sich auch erst mal fragen, wie eigentlich ihr Wunsch-Mitbewohner aussieht.

ZEIT ONLINE: Persönliches Kennenlernen wird also überbewertet?

Pause: Nein, der Test kann ein reales Casting nicht ersetzen. Unsere Plattform sorgt vor allem für ein übersichtlicheres Angebot, welche WG zu einem passen könnte. Wer in einer fremden Stadt studieren will und eine Wohnung sucht, braucht meistens sehr schnell eine Bleibe und kann sich nicht wochenlangen Casting-Prozessen unterziehen.

ZEIT ONLINE: Ihr Angebot zielt auf ähnliche Vorstellungen der Mitbewohner ab. Was ist mit der These, dass sich gerade Gegensätze anziehen?

Pause: Wgfinden.de ist kein Plädoyer für Uniformität, und wir wollen auch keine Klon-WG schaffen, in der alle Mitbewohner gleich sind. Jeder, der bei uns sucht, hat vollen Zugriff auf alle WG-Angebote. Wir machen lediglich transparent, wie hoch die Übereinstimmung in den vier Bereichen jeweils ist. Es gibt aber keine Empfehlungen und Zuteilungen. Am Ende steht es jedem frei, zu sagen: Obwohl wir unterschiedliche Vorstellungen von Sauberkeit haben, bewerbe ich mich.

ZEIT ONLINE: Das alles wirkt ein bisschen wie bei einem Datingportal. Was, wenn sich Mitbewohner so gut miteinander verstehen, dass sie ein Paar werden?

Pause: Na ja, Sauberkeitsvorstellungen und gemeinsame Interessen machen noch keine Schmetterlinge im Bauch. Und persönliche Sympathie kann durch unser Matching-Modell ohnehin nicht ersetzt werden. Das persönliche Kennenlernen ist deshalb nach wie vor entscheidend. Und wenn dabei neben einem guten Mitbewohner auch noch der Partner fürs Leben herausspringt – umso besser!

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Leserkommentare
  1. Nö.
    Das Casting selbst ist schon authentisch,
    nur die Teilnehmer verstellen sich (übrigens auf beiden Seiten) und das ist in jedem casting so, der Bewerber will was und die Anbieter wollen auch was, also wird geschönt.
    Das wird auch auf einem Portal nicht großartig anders, wer wird sich denn da reinstellen mit negativer Selbstdarstellung (Dreck ist mir egal und Kohle für die Miete ist ein Problem, dafür mag ich Musik nur wenn sie laut ist und nerve jeden Mitbewohner mit dem Schutz der Nacktmulle)?

    Eine Leserempfehlung
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    Denn die Fragen, die dort sind gehen in die Richtung:
    * Ich gehe sehr oft mit Freunden aus und mache Party
    * Ich finde es gut, wenn die WG alle gemeinsamen Sachen gemeinsam kauft
    * Ich bin für eine WG-Kasse

    Dann jeweils ankreuzen, ob man dem ganzen sehr zustimmt oder das sehr ablehnt (5-stufig). Das hat nunmal überhaupts nichts mit negativ oder positiv zu tun, sondern mit Passung.

    • fucko
    • 06. Juli 2012 14:22 Uhr

    Oder wie soll man es nennen, wenn da so eine Homepage mit einer lächerlichen Angebotsauswahl Portraitiert und Expertisiert wird?

    Ziffer 7 – Trennung von Werbung und Redaktion
    Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.

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    Wo kommen im Artikel denn bitte wirtschaftliche Interessen von Zeit-Online zum Vorschein? Nur weil über die Kanzlerin berichtet wird, muss man sie doch nicht gleich gut finden und für sie Werbung machen wollen.

    Ich gehe davon aus, dass über das Projekt berichtet wird, weil die Redaktion es interessant findet, nicht weil sie Anteile daran hält. Aus dem Grund wird ja meist auch die Redaktion von der Abteilung, die für Anzeigekunden zuständig ist getrennt, um Interessenkonflikte zu vermeiden.

  2. Denn die Fragen, die dort sind gehen in die Richtung:
    * Ich gehe sehr oft mit Freunden aus und mache Party
    * Ich finde es gut, wenn die WG alle gemeinsamen Sachen gemeinsam kauft
    * Ich bin für eine WG-Kasse

    Dann jeweils ankreuzen, ob man dem ganzen sehr zustimmt oder das sehr ablehnt (5-stufig). Das hat nunmal überhaupts nichts mit negativ oder positiv zu tun, sondern mit Passung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und dann auch noch beurteilen was andere verstehen.

    Mal ehrlich, Sie wüssten nicht, wie Sie Ihre Chancen durch das Erreichen einer möglichst häufigen potentiellen "Passung" erhöhen könnten?
    Oder glauben Sie eine möglichst enge "Passung" auf dem Portal hilft Ihnen zu irgendwas?
    Tut es nicht, denn da keine Zuteilung erfolgt, müssen Sie immer noch anstreben, die Chance auf möglichst viele reale Castings in einem als tolerabel vorselektierten Bereich zu bekommen. Nicht mehr und nicht weniger läuft auf dem Portal, zumindest wenn man der multiple choice Maschine glaubt und davon ausgeht, dass die Beteiligten sich nicht trotzdem schönen. Das merkt man dann in der Realität, z.B. 2 Wochen nach Einzug.

  3. "Sauberkeit, Geld, Geselligkeit und kulturelle Interessen. Wenn innerhalb dieser vier Bereiche große Übereinstimmungen und ähnliche Vorstellungen vorhanden sind, ist das die halbe Miete."

    in meiner seit 18 jahren bestehenden wg > http://commonman.de/wp/?p... haben bisher 17 leute aus 12 nationen im alter von 12-58 zwischen einem monat und 9 jahren (ohne eigene kinder und freundin) gelebt. das einzige was zählt sind gegenseitige empathie und rücksicht, verbindliche absprachen und ein grosses herz voller freundlichkeit.

    wir sind bisher nur einmal auf die nase gefallen, was bei einer normalen kündigungsfrist von 3 monaten auch kein drama war.

    allerdings ist die auswahl an potentiellen mitbewohnern für uns ziemlich gross. die meisten kommen aus dem erweiterten freundes- und bekanntenkreis und auf empfehlung dieser.

    am angenehmsten sind i.ü. künstler mit gastspiel/projekt in der stadt, menschen mit einem weiten blick, kinderfreundliche zeitgenossen.

    und männer sind idr viel unkomplizierter, ordentlicher und verlässlicher, aber ohne frauen ist es langweiliger.

    ko- kriterium ist leistungsloses wohlleben durch erzeuger oder zinsfluss.

    fahrräder und katzen werden dagegen wohlgelitten.

  4. und dann auch noch beurteilen was andere verstehen.

    Mal ehrlich, Sie wüssten nicht, wie Sie Ihre Chancen durch das Erreichen einer möglichst häufigen potentiellen "Passung" erhöhen könnten?
    Oder glauben Sie eine möglichst enge "Passung" auf dem Portal hilft Ihnen zu irgendwas?
    Tut es nicht, denn da keine Zuteilung erfolgt, müssen Sie immer noch anstreben, die Chance auf möglichst viele reale Castings in einem als tolerabel vorselektierten Bereich zu bekommen. Nicht mehr und nicht weniger läuft auf dem Portal, zumindest wenn man der multiple choice Maschine glaubt und davon ausgeht, dass die Beteiligten sich nicht trotzdem schönen. Das merkt man dann in der Realität, z.B. 2 Wochen nach Einzug.

  5. "WG-Castings sind oft nicht authentisch".

    Der Satz impliziert ja, dass man es mit diesem Angebot anders macht, etwas verbessert hat. Da kommen mir Zweifel. Wer normal clever ist, erkennt anhand der gestellten Fragen sofort, welche Antworten sozial erwünscht sind, und kann sich darauf einstellen.

    Außerdem ist es bekannt, dass Selbstbild und Fremdwahrnehmung häufig voneinander abweichen, und Menschen der ehrlichen Konfrontation mit ihren Eigenschaften eher ausweichen. Das kann mit solchen Fragen auch nicht geändert werden.

    • AtoY
    • 07. Juli 2012 19:11 Uhr

    ...ist WG-Casting der größte Mist der Welt.

    Ich habe selber einen WG-Casting über mich ergehen lassen und am Ende habe ich mir lieber eine sehr kleine Wohnung genommen, die im Endeffekt genauso viel kostet wie ein WG-Zimmer.

    Was ich bei den Castings erlebt habe war schon der Hammer.
    Irgendwann war ich sogar bei mehreren WG's wo es zuging wie in einer Senkte, ganz besonders schlimm fand ich die Verbindungen, wo mir gleich gesagt wurde, dass ich dann Fechten müsste außerdem die Saufgelager beschrieben wurden usw.
    Ein paar nette Menschen hatte ich auch getroffen, aber überwiegend war meine WG-Castingerfahrung die reinste Freakshow, die man sonst nur so aus irgendwelchen seltsamen privaten Sendern kennt.

    Ich habe nichts gegen WG's, hatte selber Mal im Wohnheim gewohnt, wo es eher wie in einer WG zuging und es war schon ziemlich cool, aber solch eine Freakshow, wie es vor meinem Studium abging, das hatten wir nirgends.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Student | Internetportal | Wohnen
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