Die Praktikantin Lydia bei den Vereinten Nationen in New York © privat

Ich studiere Jura, wollte aber nie Anwältin oder Richterin werden. Eigentlich hatte ich immer schon die Vereinten Nationen im Kopf und deswegen freute ich mich riesig über die Praktikumszusage von der Ständigen Vertretung Deutschlands. Die Ständige Vertretung ist so etwas wie eine Botschaft – mit dem Unterschied, dass sie Deutschland eben nicht innerhalb eines Landes, sondern innerhalb einer Organisation vertritt. Ihre Mitarbeiter sitzen in den Ausschüssen, verhandeln Resolutionen und sind bei allen Generalversammlungen dabei.

Ich hatte Glück, weil Deutschland gerade im Sicherheitsrat war, als ich in New York ankam. So durfte ich ab und zu mit in die geschlossenen Verhandlungen über die Sicherheitsrats-Resolutionen, die für alle anderen Nationen nicht zugänglich sind. Außerdem hatte es wenige Wochen vorher eine Generalversammlung gegeben, es mussten also viele Resolutionen neu verhandelt werden.

Gemeinsam mit meiner Chefin habe ich mindestens sechs oder sieben Resolutionen gelesen und für die verschiedenen deutschen Institutionen aufbereitet. Ich schrieb Berichte, in denen stand, worum es ging, was neu und was unserer Meinung nach problematisch war.

Das war nicht leicht: Mitunter saß ich sechs Stunden lang in einer Sitzung, die ich anschließend auf einer halben Seite zusammenfassen musste. Aber die Chefin war toll, sie hat sich Zeit genommen und versucht, mir alles genau zu erklären. Nach ein paar Wochen waren wir soweit, dass sie meine Berichte bloß noch quergelesen und dann rausgeschickt hat. Zum Beispiel an die entsprechenden Abteilungen im Auswärtigen Amt , im Wirtschafts- oder Entwicklungsministerium.

Aus Bonn oder Berlin bekamen wir dann eine Weisung zurück, damit geht man in eine EU-Sitzung und bespricht sich mit den Vertretern dort. Einmal habe ich zum Beispiel eine umfangreiche Liste mit Fragen aus Berlin bekommen, die im Rahmen einer Sitzung des United Nations Mine Action Service beantwortet werden sollten. Das war kurz nach dem Ende des bewaffneten Konflikts in Libyen . Es ging darum, was mit den ganzen Waffen passieren soll, die dort überall in irgendwelchen Waffenlagern liegen.

Ich war ziemlich aufgeregt, mich als kleine Praktikantin – und zugleich Vertreterin Deutschlands – vor allen hinzustellen und immer wieder nachzuhaken. Aber alle meine Fragen wurden beantwortet und ich konnte den Vertretern in Berlin umfassend berichten.

Eine Woche später erschien eine Pressemeldung, die verkündete, dass die EU Geld für genau dieses Projekt gegeben hatte. Das war ein Aha-Moment: Ein paar Tage vorher hatte ich noch in der Sitzung gesessen und darüber berichtet – ich war also ein kleiner Teil dieses Prozesses.

Bei den Vereinten Nationen gehen alle sehr freundschaftlich miteinander um. Das Ziel der UN, die friedliche Lösung von Konflikten, wird dort wirklich gelebt. Ich glaube, wer da nicht mit Leib und Seele dabei ist, hält es auch gar nicht lange aus. Denn es ist von vornherein klar, dass viele Ideen niemals durchsetzbar sind, dass bei den ewigen Verhandlungen oft nur winzige Kompromisse herauskommen, und man noch viel öfter einfach gegen Wände läuft.

Bei den Vereinten Nationen habe ich gelernt, wie komplex internationale Zusammenarbeit ist. Oft ist es sehr mühsam, die gewünschten Ziele zu erreichen. Ob das auf die Dauer etwas für mich wäre, weiß ich noch nicht.

Der Artikel wurde im Nachhinein an einigen Stellen geändert. Die Redaktion .