Studienorte"Ich dachte, Germersheim überlebe ich nicht"

Kultur oder Natur: Vier Studenten erzählen, wie es sich anfühlt, das Heimatdorf gegen eine Metropole zu tauschen. Oder für das Studium in eine Kleinstadt zu ziehen. von Viola Diem

Neue Adresse, neue Leute, neuer Lebensabschnitt: Fürs Studium umzuziehen ist aufregend. Besonders dann, wenn ein Dörfler in die Metropole zieht – oder ein Großstädter in die Provinz. Statt Wald und Wiesen verläuft plötzlich eine vierspurige Straße vor dem Fenster. Oder die Diskomeile wird ersetzt von einer alten Eckkneipe, die um Mitternacht schließt. Vier Studenten berichten von ihrem persönlichen Kontrastprogramm.

Katharina, 24: "Menschenmassen finde ich beunruhigend"

"Ich bin auf dem Land groß geworden, in der Nähe von Bremerhaven . Das erste Jahr meines Journalistik-Studiums in Bremen bin ich gependelt. Dann habe ich mir dort ein Zimmer gesucht. Eigentlich nur, weil ich manchmal vier Stunden unterwegs war, um eine Stunde in der Bibliothek zu sitzen. Und damit ich feiern gehen kann, ohne mich kümmern zu müssen, wo ich nachts unterkomme. Nach kurzer Zeit bin ich dann aber doch wieder zurückgezogen.

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Im fünften Semester musste ich ein Auslandssemester in London machen. Ich dachte, ich würde nicht klarkommen mit der Stadt, dem Lärm, den vielen Leuten. Menschenmassen finde ich beunruhigend und einengend. Die ersten drei Wochen bin ich durch die Parks gezogen. Es ist unglaublich: Es gibt einfach keinen Ort in dieser Stadt, wo keine Menschen sind. Es gibt keinen Stillstand. Schließlich hatte ich mich etwas eingewöhnt und bin wie eine Londonerin, mit Blick nach unten, durch die Massen gegangen. Wer gegen mich läuft, läuft halt gegen mich, dachte ich.

Katharina Mennicke
Katharina Mennicke

mag keine größeren Städte und ist aus Bremen zurück in ein Dorf in der Nähe von Bremerhaven gezogen.

Viele schätzen an großen Städten, dass man alles um sich herum hat. Man muss nicht ins Auto steigen, wenn man einen Döner essen will. Aber diese ganzen Angebote, auch in London, die möchte ich gar nicht ständig nutzen. Ich möchte ein Stück Heimat finden und das kann ich nicht, wenn ich ständig unterwegs bin.

Vielleicht brauche ich das Landleben so sehr, weil ich es nie anders erlebt habe. Weil ich hier reiten kann und die Ruhe finde, die ich brauche. Oder es ist wegen dieser Momente, wenn ich morgens in der Bushaltestelle sitze. Um mich herum Raureif auf den Blättern, Nebel, zwitschernde Vögel, der Geruch von Wald, keine Autos, keine Menschenseele. Ich sitze da, warte auf den Bus und denke: In ein paar Stunden bist du aus Bremen zurück, wieder hier, und alles ist gut."

Philipp, 20: "Ich dachte, Germersheim überlebe ich nicht"

"Mein erster Besuch in Germersheim war ein Schock. Ich dachte wirklich, das überlebe ich nicht. Außer der Fakultät gibt es nicht viel. Keine Bars oder Freizeitmöglichkeiten. Das Kino hat nur ein Mal im Monat geöffnet. Es gibt ein Industriegebiet mit McDonalds, zwei KIKs, Lidl, Aldi, RealKauf, aber keine Shoppingmöglichkeiten. Für die muss man 15 Kilometer in die nächste Kleinstadt fahren und selbst dort ist nicht viel los. Auch kulturell wird in Germersheim wenig geboten. Es gibt eigentlich nur das Deutsche Straßenmuseum – aber wer will sich schon ständig Asphaltarten anschauen?

Ich hörte damals, dass diese Uni die beste Adresse ist, wenn man Dolmetscher werden will. Deshalb bin ich jetzt hier. Ich lerne sehr viel, der Stoff ist anspruchsvoll, aber er macht mir Spaß. Deshalb würde ich Germersheim jedem empfehlen, der was mit Sprachen studieren möchte.

Philipp Gaux
Philipp Gaux

kommt aus Essen und studiert seit 2011 Sprache und Translation in Germersheim, einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern.

Das Studium und die Menschen sind top. Wegen der tollen Leute konnte ich mich an das alles hier gewöhnen und werde auch die nächsten sechs Semester bleiben. Mein ganzes Leben hier zu verbringen wäre undenkbar. Dinge, die in Germersheim besser sind als in Essen, fallen mir kaum ein. Das Wetter vielleicht: Hier ist es immer fünf bis zehn Grad wärmer als in Essen.

An der Fakultät sind 3.000 Studenten. Sie werten das Stadtbild mit Veranstaltungen und durch die Internationalität sehr auf. Der AStA organisiert wöchentlich Disko- und Filmabende. Und sonst trifft man sich eben mit Freunden, geht spazieren, quatscht einfach. Das hat viele Vorteile im Vergleich zu einer Großstadt. Der Kontakt mit den Menschen ist sehr intensiv, kommt schnell und verläuft sich nicht. Klar kann das auch negativ sein, weil man auch den Menschen ständig begegnet, auf die man keinen Bock hat."

Leserkommentare
  1. "Vier Studenten erzählen, wie es sich anfühlt (!!!), das Heimatdorf gegen eine Metropole zu tauschen."
    Und zum tausendsten mal: Anfühlen kann sich nur etwas lassen, was sich auch anfassen lässt! Ist das denn so schwer zu begreifen???

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    Haben Sie überhaupt schon mal nachgeschaut?

    Die reflexive Wortbedeutung ist "so vorkommen wie"!
    http://www.wortbedeutung.info/anf%C3%BChlen/

  2. Sprache ist lebendig! Und sie verändert sich. Ja ja, Mark Twain hatte sich auch schon die Zähne daran ausgebissen, an der allgemeinen Sprachverblödung.

  3. ...scheint geistig schon so verarmt zu sein, daß sie ihre Freizeitgestaltung auf Bars, Clubs, Shopping und tumben Konsum reduziert.

    Wie arm ist das denn?

    Wer auch nur einen Funken Kreativität, Engagement und eigenen Antrieb mitbringt, wird in keinem noch so kleinen Kaff einen Mangel an Möglichkeiten verspüren, seine Freizeit zu gestalten. Man muß dazu allerdings den Allerwertesten hochkriegen und aktiv das kulturelle Leben nicht nur konsumieren, sondern mitgestalten wollen.

    Mit ein Wenig Mühe findet man dazu schnell genügend Gleichgesinnte. Bars, Clubs, Diskotheken, Fitneß-Studios, Shopping-Malls und dergleichen Konsumtempel braucht man allerdings eher nicht, die relevanten Kontakte muß man ganz anders suchen.

    Es ist erschreckend, wenn gerade angehende Studenten schon so abgestumpft sind, daß sie dermaßen eindimensional denken. Hier wären Programme zur Horizonterweiterung dringend nötig.

    Einfacher Vorschlag zur Selbstfindung: mal seine Freizeit eine Woche lang bewußt so gestalten, daß man weder Geld ausgibt noch jemand anderen für sich bezahlen läßt noch zuhause in der Wohnung sitzt. Nein, wer dann stattdessen nur im Park rumhängt, macht was falsch.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die ausschließlich provozieren sollen. Danke, die Redaktion/mk

  4. Na in Speyer klappen aber unter der Woche auch früh die Bürgersteige hoch und am Wochenende gibts genau 2 Läden, wo man ein bisschen tanzen kann und die sind beide nicht wirklich toll. Dann sollte man von Germersheim doch lieber rüber nach Landau fahren, denn dort gibt es wesentlich mehr Studentenbars. Alternativ gleich mit der S Bahn nach KA oder MA.

    Die Gegend ist aber recht schön und vor allem warm :-)

    Antwort auf "Naja..."
  5. Ich wohne in Berlin erheblich ruhiger, als es auf meinem sächsischen Heimatdorf der Fall war. Keine Rasenmäher und Kreissägen morgens um 7 und keine militanten Mütter, die ihre Kinder mitm Auto zur Schule gurken. Bei mir in Berlin um diese Uhrzeit: Totenstille, manigfaltiger Vogelgesang, gab sogar meine Mutter zu, die heilfroh war, mal ein paar Tage den hassenswerten Gockelhahn um halb 4 nachts nicht hören zu müssen :D

    Aber die Gewöhnung an ne Kleinstadt stell ich mir trotzdem sehr schwer vor. Ich hab mich vom Dorf nach Berlin eher langsam gesteigert...

  6. ich musste, über ein Jahr in Germersheim verbringen. Mir läuft heute noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich an die Ödnis der Landschaft denke, eine Wüste aus Rebstöcken, von der Langeweile des kuturellen Lebens garz zu schweigen. Gut, ich bin dieser Idyllenhölle entkommen, aber nur sehr, sehr knapp.

  7. Berlin ist in Wirklichkeit provinziell, weil die Stadt ständig etwas sein möchte, was sie nicht ist. Sagt man das einem Berliner, ist er beleidigt, weil man die zweifelhaften Anstrengungen seiner Stadt nach "Weltläufigkeit" scheinbar nicht würdigt.
    Sagt man aber einem New Yorker, man hasse New York, ist dem das entweder völlig egal oder er pflichtet einem bei.

    2 Leserempfehlungen
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    Berlin ist höchstens dort provinziell, wo gar keine Berliner mehr wohnen, sondern all die Zugezogenen. Ohne ein Klischee bedienen zu wollen, denn es trifft tatsächlich zu: Die lieben schwäbischen, hessischen und westfälischen Zeitgenossen wünschen nämlich die Aktitivätsrate und das übervolle Angebot der Großstadt, verbunden mit dem Flair, in der eigenen Heimat als "der Hauptstädter" und unermesslich tapferer Hauptstadtdschungelkämpfer wahrgenommen zu werden. Was die konkreten Lebensbedingungen angeht, sollte es aber nach Möglichkeit wieder überschaubar, berechenbar und vor allem idyllisch wie im Ländle sein.

    Das Provinzielle an Berlin sind nicht die Berliner.

    • DrNI
    • 23. Juli 2012 18:58 Uhr

    Ruhe auf dem Dorf? Wo dauernd einer Rasen mäht, das Moped repariert, den Traktor anwirft? Höhö, netter Gedanke. Auf dem Land gibt es die große Weite, einfach nur Landschaft, am besten bis zum Horizont. Das ist genial, das macht frei - solange man keinen Kontakt zu Dörflern haben muss, die besser über das eigene Leben Bescheid wissen als man selbst.

    Stadtluft macht nach wie vor frei. Nämlich frei, einfach nur ohne Theater man selbst zu sein, täglich. Nur die Landschaft, die fehlt, täglich.

    Wie schön wäre es, wenn die Dörfler ihren geistigen Horizont dem ihrer Landschaft etwas annähern könnten, dann könnte man dort in Frieden und (seelischer) Ruhe leben. So bleibt nur die Stadt oder die innere Emigration.

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  • Schlagworte Google | Auslandssemester | Essen | Berlin | Hildesheim | Bremen
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