Leserin Anneke Bremer hatte die halbe Regelstudienzeit bereits geschafft, dann brach sie das Studium ab. Lange musste sie sich dafür rechtfertigen.

Als ich die Zusage zum dualen Studium im Fach Business Administration bekam, erhielt ich viel Schulterklopfen und wurde mit Lob überschüttet: Mensch, da hast du aber den Jackpot geknackt! An einer Privatuni studieren, zwischendurch Praxiserfahrung sammeln, Gehalt kassieren und nach drei kurzen Jahren schon den Bachelor!

Ein Scheitern kam damals nicht infrage. In meinen Augen bin ich auch nicht gescheitert. In den Augen anderer bin ich gescheitert.

Nach mehr als der Hälfte der Regelstudienzeit brach ich das Studium ab. Es hatte lange gedauert, bis ich mich zu dieser Entscheidung durchgerungen hatte. Als sie feststand, fiel eine Last von mir ab. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass sie die letzten anderthalb Jahre auf meinen Schultern lag.

Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Aus meinem privaten Umfeld erhielt ich viel Unterstützung: Kommilitonen, die selbst nicht glücklich in dem dualen System waren; Freunde und Verwandte, die daran glaubten, dass ich meinen eigenen Weg gehen würde.

Doch ich bekam auch kritische Meinungen zu hören. Einige Zweifler und Besserwisser schüttelten nur ungläubig den Kopf: Lücke im Lebenslauf, kein Abschluss, achtloses Wegschmeißen der glänzenden Zukunft und Perspektive.

Diese Vorwürfe musste ich aushalten. Mit der Zeit lernte ich, sie zu ignorieren. Ich hörte auf, mich gegenüber jedem und für alles zu rechtfertigen. Ich bin nur mir gegenüber Rechenschaft schuldig. Und vielleicht meinen Eltern, falls sie jetzt wieder für meinen Lebensunterhalt aufkommen müssen.

Auch wenn ich das Studium nicht zu Ende gebracht habe, waren die zwei Jahre seit dem Abitur nicht verschenkt. Ich habe an Reife gewonnen, meine Persönlichkeit, meine Meinungen und Vorstellungen weiterentwickelt. Ich habe Erfahrungen im Studium und in der Berufswelt gesammelt.

Das alles hat mir Selbstbewusstsein gegeben. Jedem Personaler im Bewerbungsgespräch werde ich in Zukunft gegenüberstehen und mit Überzeugung sagen: "Ja, ich habe mich damals dazu entschlossen, mein Studium abzubrechen." Ich bin ich und ich gehe meinen Weg. Egal, was andere sagen.