Ein Studienabbruch gilt als mittelschwere Katastrophe. Zu Recht? Arbeitgeber, Karriereberater und Ex-Studenten über die übertriebene Angst vor der Lücke im Lebenslauf

Ihre wahre berufliche Bestimmung fand Meike Ahlers im Kino. Auf der Leinwand lief The King's Speech , ein Film über den stotternden britischen König Georg VI.. Da wusste sie: Das ist es – Logopädie!

Das war 2011 und die 23-Jährige befand sich im vierten Semester ihres Journalistik-Studiums. Journalistik war von Anfang an kein Fach gewesen, mit dem sie sich richtig identifizieren konnte. Doch das Studium abbrechen? Bei diesem Gedanken war Meike auch nicht wohl: "Schon in der Schule wurde uns erzählt, wie wichtig es ist, nach dem Abi schnell die Ausbildung oder das Studium anzufangen und abzuschließen. Ohne Lücken im Lebenslauf. Umso besser seien die Chancen auf den Arbeitsmarkt."

Schließlich nahm sie sich ein Herz und schmiss das Studium. Bereut hat sie die Entscheidung nicht: "Ich stehe nun hundertprozentig hinter meiner Ausbildung."

Man könne doch nicht gleich alles hinschmeißen

Geschichten wie die von Meike gibt es viele. Trotzdem gleicht ein Studienabbruch in vielen Köpfen nach wie vor einer mittelschweren Katastrophe. Dabei steigt der Anteil der Abbrecher seit Jahren, ein Studienabbruch wird so gesehen also immer alltäglicher. An Universitäten beendet inzwischen mehr als jeder Dritte sein Studium ohne Abschluss . Bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern ist die Quote am höchsten. Unter Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern sind Studienabbrüche seltener.

Lana Wegener aus der Nähe von Hameln war mit ihrem Studium von Anfang an unzufrieden. Eigentlich wollte die 23-Jährige Soziale Arbeit studieren. Als dafür nur Absagen kamen, wurde der Doppel-Bachelor Geschichte und Religion zum Notnagel, dem sie vier Semester treu bleib. Gleich abzubrechen kam für sie nicht infrage, sie wollte dem Studium immerhin eine Chance geben: "Nach einem Semester kann man doch nicht hinschmeißen. Da ist man doch noch gar nicht richtig drin", dachte sie sich.

"Der Studienabbruch war letztendlich eine Erleichterung. Ein bisschen fühlte es sich aber auch an, als hätte man versagt und Zeit verschwendet", sagt Lana. Heute macht sie eine Ausbildung zur Heil- und Erziehungspflegerin. Sie kannte die Arbeit aus einem Freiwilligen Sozialen Jahr und arbeitet auch während des Studiums ehrenamtlich. Schon damals machte ihr das mehr Spaß als die praxisfernen Vorlesungen.

Besser abbrechen, als unglücklich durchziehen

"Es ist eine veraltete Denke, dass man studieren muss, nur weil man Abitur hat", sagt der Personalberater Christian Pape . "Nicht jeder passt in die Mühle des Studiums, ist ein Lerntier und sitzt gerne in der Bibliothek. Manche sind Praktiker, für die sich eine Ausbildung besser eignet."

Pape empfiehlt, schon während des Studiums Praktika zu machen. Er hält Praxiserfahrung für wichtiger als gute Noten. "Man lernt einen Betrieb kennen, weiß, ob der Beruf einem wirklich gefällt, knüpft Kontakte und kann sich zeigen und beweisen. Oft wird dann gefragt: 'Hättest du nicht Lust, gleich hierzubleiben?'"

Der 55-Jährige erlebt bei seiner Arbeit ständig, dass Menschen unglücklich in ihrem Beruf sind, weil sie nicht frühzeitig einen neuen Weg eingeschlagen haben. "Etwas anzufangen und auch durchzuziehen ist typisch deutsch. Aber das wird vom Arbeitsmarkt überhaupt nicht honoriert", sagt Pape. Wenn man keinen Spaß hat, sei es besser, den eingeschlagenen Weg zu korrigieren. "Alles andere ist Lebenszeitverschwendung."