Sören Baumgardt, 26, war immer ein Typ, der durchzog, was er sich vornahm. Im Elektrotechnik-Studium war das zum ersten Mal anders. Nach zwei Semestern war Schluss. "Es war so trocken und theoretisch. Es ging nur darum, Kondensatorwiderstände zu berechnen, Wechselstrom, Gleichstrom, Ampere." Die Hälfte der Ingenieur-Studenten bricht ihr Studium ab. Das machte es für Sören nicht leichter: "Ich zweifelte damals zum ersten Mal an mir selbst und auch an meiner Intelligenz – vielen gefällt das und sie kommen da durch. Warum ich nicht?"

Sören entschied sich nach mehreren Praktika für eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und hängte die Weiterbildung zum Rettungsassistenten gleich dran. Nun liebäugelt er mit einem Medizinstudium, obwohl ihm seine Festanstellung beim Deutschen Roten Kreuz im Grunde gefällt. "Ich weiß jetzt, wo mein Platz ist und bin angekommen."

Wer Angst hat, ohne abgeschlossenes Studium nichts werden zu können, der sollte sich einmal mit Philipp Keller unterhalten. Mit Mitte 20 hatte er schon die Projekte Pizzaservice, Großraumdisko und Nachtclub gegen die Wand gefahren. Das letzte Geld verprasste er in Las Vegas . Einige Zeit später landete er in der Hamburger Texterschmiede , einer Akademie für den Werber-Nachwuchs. Und noch viel später auf dem Stuhl des Geschäftsführers der Kölner Werbeagentur Zum Goldenen Hirschen .

Verlangt wird Fachkenntnis, kein Abschluss

Für sein Team ist es dem 37-Jährigen wichtig, dass es vielfältig ist und nicht, dass jeder einen Studienabschluss vorzeigen kann. "Im Texter-Bereich sind mindestens die Hälfte der Leute Studienabbrecher. Die haben alles Mögliche gemacht: Germanistik studiert oder wollten in die Bank – bis sie feststellten, dass es anstrengend ist, ständig Schlips zu tragen."

Keller findet, dass drei abgebrochene Studiengänge sogar gut klingen können, nach Neugierde und jemandem, der sich immer wieder auf was Neues einlässt: "Wer vom Abi übers Studium bis zur Bewerbung alles sauber durchgezogen hat, ist wahrscheinlich nie nach Bangladesch gefahren oder hat irgendwo eine Surfschule aufgemacht. Der hat meistens weniger Lebenserfahrung."

Personalberater Christian Pape sieht auch außerhalb der Kreativbranche immer mehr Chancen ohne abgeschlossenes Studium: "Viele Unternehmen suchen händeringend und sind froh, wenn sie gute Leute bekommen. Da fragt oft niemand mehr nach einem Abschluss. Die Bewerber müssen den Studienabbruch im Gespräch aber gut verkaufen." Und natürlich werden in allen Bereichen Fachkenntnisse verlangt. "Zum Beispiel muss ein Softwareentwickler die Programmiersprachen kennen. Abgefragt, was der Stoff im dritten Semester war, wird aber nicht."