StudiengebührenChiles Studentenaufstand, zweiter Akt

Chiles Studenten waren des Protests müde geworden und in den Hörsaal zurückgekehrt. Polizeigewalt treibt sie wieder auf die Straße zum Kampf gegen das Bildungssystem. von Benedikt Peters

Chiles Präsident Sebastián Piñera wirkt zufrieden. Bei einer Militärparade anlässlich des Nationalfeiertages vergangene Woche sitzt Piñera auf der Ehrentribüne, die Schärpe in den rot-weiß-blauen Landesfarben über dem Anzug, und lächelt. Wenig später hält er eine Rede über die Einheit des Landes, den Frieden, den Stolz und die Dankbarkeit der Chilenen. Über die massiven Proteste gegen das Bildungssystem verliert er kein Wort. Wie immer.

Mit dieser Taktik hätte Piñera die Studentenbewegung fast zum Erliegen gebracht . "Die Regierung hat versucht, uns unsichtbar zu machen. Sie hat nicht auf unsere Forderungen geantwortet", sagt der Studentensprecher der Päpstlichen Katholischen Universität Noam Titelman im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Er ist einer der Köpfe des Protests gegen das privatisierte Bildungssystem. Seit Beginn des Jahres seien viele Studenten wieder an die Universitäten zurückgekehrt, um Stoff nachzuholen, den sie durch frühere Streiks verpasst hatten, sagt Titelman. Die Folge: Immer weniger Menschen kamen zu den Demonstrationen, es gab deutlich weniger Protestmärsche als im Vorjahr.

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Drei von vier Chilenen unterstützen die Studentenbewegung

Die Bewegung drohte unterzugehen, doch dann kam die Wende. Ein kleiner Protestmarsch Anfang August in Santiago endete mit brennenden Bussen und heftigen Schlägereien zwischen chilenischen Polizisten und gewaltbereiten Demonstranten. "Danach mussten wir ein Zeichen setzen, um zu zeigen, dass wir jegliche Form von Gewalt ablehnen", sagt Studentenführer Titelman. 150.000 Menschen gingen Ende August auf die Straßen und forderten kostenlose Bildung und das Ende der Gewalt gegen die Demonstranten. Und das soll nur der erste Schritt gewesen sein: Bis Mitte Oktober hat die Bewegung drei weitere Protesttage angekündigt.

Auch abseits der Straße solidarisieren sich immer mehr Bürger mit den Studenten. Umfragen zufolge unterstützen drei von vier Chilenen die Bewegung. Gleichzeitig ist die Zustimmung zur konservativen Regierung auf den historischen Tiefstand von 23 Prozent gesunken.

"Jetzt muss sich die Regierung endlich bewegen", fordert Titelman angesichts des Zuspruchs. Dass Präsident Piñera zuletzt eine Steuerreform auf den Weg gebracht hat, die rund 760 Millionen Euro in die Bildungskassen bringen soll, will er nicht gelten lassen. Das Geld sei vor allem für private Einrichtungen bestimmt. "Es ist vielleicht eine kurze Erleichterung für einige Wenige, aber am ungerechten System ändert das überhaupt nichts."

Leserkommentare
  1. Diese sollte auch im internationalen Kotext gesehen werden, auch wenn die Auswüchse in Chile Dank der Pinochet-Ära besonders extrem sind.
    Im kanadischen Quebec gab es bis vor Kurzem Proteste gegen explodierende Studiengebühren, in Großbritannien letztes Jahr, in Israel wurde allgemein gegen soziale Ungleichheit und Wohnungsnot protestiert, die Arabischen Aufstände begannen als soziale Unruhen (Selbstverbrennung eines tunsischen Akademikers ohne Aussichten), aktuell finden gewaltige Proteste in Griechenland, Spanien und Italien gegen die Kürzungspolitik statt.
    Alle diese Phänmene und viele weitere geben ein globales Gesamtbild, das vor Allem vor dem Hintergrund, dass die demokratischen Länder des Westens es zur Zeit für ihre Hauptaufgabe halten, das "Vertrauen der Märkte" (Banken, Fonds,...) zu gewinnen. In China und weiteren asiatischen Ländern wie Vietnam gärt ebenfalls gewaltiger sozialer Sprengstoff.
    Vielleicht kündigt sich eine globale Wende wie Ende der 1960er Jahre an.

  2. Seit Beginn des Jahres seien viele Studenten wieder an die Universitäten zurückgekehrt, um Stoff nachzuholen, den sie durch frühere Streiks verpasst hatten, sagt Titelman. Die Folge: Immer weniger Menschen kamen zu den Demonstrationen, es gab deutlich weniger Protestmärsche als im Vorjahr.

    Ein Hochschulsemester kostet bis zu 5.000 Euro. Stipendien für Studenten gibt es kaum, viele Immatrikulierte und ihre Familien sind über Jahrzehnte verschuldet.

    Viele Studenten sind auch zurückgekehrt, da es eben wegen der finanziellen Situatuon starke Probelme gab und gibt. Die Zahlungen an die Unis und Institute liefen ja weiter, wollte man seine Einschreibung (Matriculación) nicht verlieren bzw. ausgesperrt werden, dann musste man weiterzahlen.

    Um einen Anhaltspunkt zu haben: Der Mindestlohn in Chile liegt um die 160.000 Pesos, das sind ~ 260€. Der Durchschittsverdienst einer Familie liegt ein wenig darüber zwischen 250.000 (~410€) und 300.000 (~490€) Pesos. Nimmt man jetzt die jährlichen (Mindes-) Zahlungen von 5.000$ (~235.000 Pesos) zum Verhältnis, dann kassieren die billigsten Unis schon einen Monatsgehalt.

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    ... grober Fehler vor: 5000*410 sind 2.050.000, also 2 Mio., das entschricht also nicht einem Monatsgehalt, sondern dem gehalt von ~ 9 Monaten.

    • iawdw
    • 27. September 2012 2:25 Uhr

    Mein VWL-Prof nannte diese Neo-Liberalen Terroristen und ich bin da ganz seiner Meinung. Chile war ein riesiges menschenverachtendes Labor fuer Theoretiker, das Spiegelbild der DDR sozusagen (nur dass Pinochet konsequent war in der Umsetzung seiner Ideologie).
    Jeder Depp sieht sofort, dass ein dermassen radikaler Ansatz im Marktversagen muendet und somit der Staat eingreifen muss. Aber das kommt natuerlich nicht in die Tuete, lieber verschulden sich Generationen von Patienten und Studierende auf lange Sicht, arbeiten Jahrzehnte nur fuer die Kapitalertraege der Reichen.
    In Europa ist es noch nicht so weit mit der Austeritaetspolitik, doch die Auswuechse in Gross-Britannien und dank der Troika auch in weiteren Defizitgeplagten Staaten der EU lassen Schlimmes erahnen.

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    ... eine weiteres Erbe des Pinochet-Regimes das binominale Wahlrecht ist. Es gibt nur zwei Blöcke die gewählt werden können. Das diese Blöcke natürlich überwiegend aus den Reichen oder den sog. Politikerfamilien kommen und gar kein Interesse an Veränderungen haben, darf auch nicht verschwiegen werden.

    Jeder Depp sieht sofort, dass ein dermassen radikaler Ansatz im Marktversagen muendet und somit der Staat eingreifen muss. Aber das kommt natuerlich nicht in die Tuete, lieber verschulden sich Generationen von Patienten und Studierende auf lange Sicht, arbeiten Jahrzehnte nur fuer die Kapitalertraege der Reichen.

    Das man es nicht mehr so hinnehmen will zeigen die chilenischen Studenten und die breite Masse der Unterstützer.

    Was wäre denn Ihr Gegenvorschlag? Die Kinder nicht mehr studieren lassen und damit noch mehr in Abhängikeiten zu verfallen?

  3. ... grober Fehler vor: 5000*410 sind 2.050.000, also 2 Mio., das entschricht also nicht einem Monatsgehalt, sondern dem gehalt von ~ 9 Monaten.

  4. ... eine weiteres Erbe des Pinochet-Regimes das binominale Wahlrecht ist. Es gibt nur zwei Blöcke die gewählt werden können. Das diese Blöcke natürlich überwiegend aus den Reichen oder den sog. Politikerfamilien kommen und gar kein Interesse an Veränderungen haben, darf auch nicht verschwiegen werden.

    Jeder Depp sieht sofort, dass ein dermassen radikaler Ansatz im Marktversagen muendet und somit der Staat eingreifen muss. Aber das kommt natuerlich nicht in die Tuete, lieber verschulden sich Generationen von Patienten und Studierende auf lange Sicht, arbeiten Jahrzehnte nur fuer die Kapitalertraege der Reichen.

    Das man es nicht mehr so hinnehmen will zeigen die chilenischen Studenten und die breite Masse der Unterstützer.

    Was wäre denn Ihr Gegenvorschlag? Die Kinder nicht mehr studieren lassen und damit noch mehr in Abhängikeiten zu verfallen?

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    • iawdw
    • 27. September 2012 9:10 Uhr

    die chilenische Bevoelkerung zu beleidigen oder ihnen ihre Situation vorzuwerfen. Im Gegenteil bin ich ganz Ihrer Meinung, dass es gut ist, wenn sich gegen diese Verhaeltnisse jetzt Widerstand regt.
    Meine Kritik galt den Leuten, die dieses System eingefuehrt haben bzw. denen, die es sich scheinbar zum Vorbild nehmen (Romney, Cameron etc.).

    • iawdw
    • 27. September 2012 9:10 Uhr

    die chilenische Bevoelkerung zu beleidigen oder ihnen ihre Situation vorzuwerfen. Im Gegenteil bin ich ganz Ihrer Meinung, dass es gut ist, wenn sich gegen diese Verhaeltnisse jetzt Widerstand regt.
    Meine Kritik galt den Leuten, die dieses System eingefuehrt haben bzw. denen, die es sich scheinbar zum Vorbild nehmen (Romney, Cameron etc.).

  5. 3von 4 Chilenen sond für die Studentenbewegung
    Sorry, aber wenn ich das schon lese ...
    Sie Haben diese Regierung doch gewählt
    und diese Privatisierungen waren somit absehbar !!

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    Die Privatisierungen wurden von Pinochet durchgeführt und den haben allenfalls die Armeeführung und die CIA gewählt, der gewählte Präsident war Allende.
    Und die demokratischen Regierungen nach Pinochet haben den Ärger dieser Ära noch nicht beseitigt.

    ... das binominale Wahlsystem erkundigen.

    Andrés Landsberger hat dies mal in einem Post hier auf Zeit erklärt, der Titel dazu:«Erläuterung des perversen "demokratischen" Wahlsystems»
    Hier der Link und die Erklärung: http://www.zeit.de/politi...

    Sorry, aber wenn ich das schon lese ...
    Sie Haben diese Regierung doch gewählt
    und diese Privatisierungen waren somit absehbar !!

  6. Die Privatisierungen wurden von Pinochet durchgeführt und den haben allenfalls die Armeeführung und die CIA gewählt, der gewählte Präsident war Allende.
    Und die demokratischen Regierungen nach Pinochet haben den Ärger dieser Ära noch nicht beseitigt.

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    • fsrivas
    • 29. September 2012 23:58 Uhr

    Pinochet war klar nicht der gewählte Präsident, doch man soll nicht vergessen, dass Allende selbst den Klassenkampf promoviert und die Demokratie nicht geschützt hat. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung erwarteten eine Reaktion der Armee, die am Anfang sowas nicht machen wollten. Was nachher geschah, ist eine andere Geschichte. Zum Thema, ich bin nicht der Meinung der Studenten. Man denkt es geht fast nur um Kosten, aber ganz wenige Leute diskutieren hier über Bildungsqualität, was noch wichtiger ist. Vor kurzer Zeit wurde sogar eine finanzielle Unterstützung von der Regierung eingeführt, falls jemand mit Kredit studiert, welche man erlaubt, dass man seit dem nächsten Jahr nur 2% des Lohnes zurückzahlen soll, doch die extrem-links orientierten Studentenführer wollen einfach weiter Unruhe bringen und die ausländische Presse zeigt wahrscheinlich auch Tendenzen dafür.

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