An seinem ersten Tag als Student saß Johannes Kneifel plötzlich wieder hinter Gittern. Der Direktor des Theologischen Seminars Elstal hatte ihn über den Campus geführt, durch die lichten Gebäude mit den Glasdächern, den modernen Lehrsälen, den Andachtsraum mit dem Kreuz. Schließlich kamen sie in den Versammlungsraum der Fachhochschule , in dem die Studenten auch ihre Klausuren schreiben, und der junge Mann blickte auf die Eisenstäbe vor den ebenerdigen Fenstern. "Da dachte ich: Das kenne ich noch von früher", sagt Kneifel und grinst flüchtig.

Mit 17 Jahren wurde Kneifel wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft verurteilt. Heute macht der 30-Jährige seinen Master in Evangelischer Theologie. In ein paar Monaten wird er Pastor sein. Über seine Wandlung hat der Ex-Neonazi ein Buch geschrieben, es heißt Vom Saulus zum Paulus . Darin erzählt der Student, wie er in der Jugendhaftanstalt Hameln einsaß, weil er einen Mann so sehr zusammenschlagen hatte, dass dieser starb. Und wie er dort zu Gott fand.

Wie sehr kann ein Mensch sich verändern, wie viel kann er lernen – im Leben, im Studium, im Knast? Wer Kneifel heute trifft, begegnet einem durchtrainierten, jungen Mann mit vorsichtigem Händedruck, der sehr ruhig und gewissenhaft spricht. Und der sehr oft sagt, er wisse, dass seinetwegen ein Mensch gestorben sei und dass er für immer damit leben müsse: "Ich kann nur die Verantwortung dafür übernehmen und meine Schuld eingestehen."

Mit seiner Vergangenheit geht er offen um

Vielleicht hat er das als Erstes gelernt: Dass man ihm die Wandlung vom Gewalttäter zum Gottesdiener nur glauben wird, solange er sich immer und immer wieder schuldig bekennt. Nur wenn Kneifel über seine Beziehung zu Gott spricht, klingt er völlig gelöst. "Gott hat mir neue Chancen gegeben", sagt er dann etwa. "Ich bin dankbar, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich jetzt studieren kann. In anderen Ländern wäre das undenkbar."

Nicht, dass seine Professoren und die rund 100 Kommilitonen erst durch das Buch von seiner Vita erführen. Schon als er 2006 in der Nähe von Berlin sein Studium aufnahm, ging Johannes Kneifel offen damit um. Die ersten drei Semester durchlaufen die Studenten des Theologischen Seminars gemeinsam, wie in einer Schulklasse; da kommt man schnell mit den anderen ins Gespräch. "Ich möchte in Bezug auf meine Vergangenheit nicht lügen. Irgendwann käme schließlich eh alles raus", sagt Kneifel. Wer ihn fragte, was er vorher gemacht habe, dem gab er die Antwort: "Ich war im Gefängnis" – oft gefolgt von der Aufforderung, mehr zu erzählen. Er habe mit dieser Strategie ganz gute Erfahrungen gemacht, sagt Kneifel. Nur gebe es eben immer auch Menschen, die sich gar nicht erst auf ihn einlassen wollen: "Die haben eben das Bild des brutal mordenden Skinheads im Kopf."