Lebenswandel : Vom Straftäter zum Theologie-Studenten

Mit 17 Jahren tötete Johannes Kneifel einen Menschen. Jetzt macht er seinen Master in Theologie und will Pastor werden. Céline Lauer hat ihn auf dem Campus getroffen.
Johannes Kneifel © Thorsten Wulff

An seinem ersten Tag als Student saß Johannes Kneifel plötzlich wieder hinter Gittern. Der Direktor des Theologischen Seminars Elstal hatte ihn über den Campus geführt, durch die lichten Gebäude mit den Glasdächern, den modernen Lehrsälen, den Andachtsraum mit dem Kreuz. Schließlich kamen sie in den Versammlungsraum der Fachhochschule , in dem die Studenten auch ihre Klausuren schreiben, und der junge Mann blickte auf die Eisenstäbe vor den ebenerdigen Fenstern. "Da dachte ich: Das kenne ich noch von früher", sagt Kneifel und grinst flüchtig.

Mit 17 Jahren wurde Kneifel wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft verurteilt. Heute macht der 30-Jährige seinen Master in Evangelischer Theologie. In ein paar Monaten wird er Pastor sein. Über seine Wandlung hat der Ex-Neonazi ein Buch geschrieben, es heißt Vom Saulus zum Paulus . Darin erzählt der Student, wie er in der Jugendhaftanstalt Hameln einsaß, weil er einen Mann so sehr zusammenschlagen hatte, dass dieser starb. Und wie er dort zu Gott fand.

Wie sehr kann ein Mensch sich verändern, wie viel kann er lernen – im Leben, im Studium, im Knast? Wer Kneifel heute trifft, begegnet einem durchtrainierten, jungen Mann mit vorsichtigem Händedruck, der sehr ruhig und gewissenhaft spricht. Und der sehr oft sagt, er wisse, dass seinetwegen ein Mensch gestorben sei und dass er für immer damit leben müsse: "Ich kann nur die Verantwortung dafür übernehmen und meine Schuld eingestehen."

Mit seiner Vergangenheit geht er offen um

Vielleicht hat er das als Erstes gelernt: Dass man ihm die Wandlung vom Gewalttäter zum Gottesdiener nur glauben wird, solange er sich immer und immer wieder schuldig bekennt. Nur wenn Kneifel über seine Beziehung zu Gott spricht, klingt er völlig gelöst. "Gott hat mir neue Chancen gegeben", sagt er dann etwa. "Ich bin dankbar, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich jetzt studieren kann. In anderen Ländern wäre das undenkbar."

Nicht, dass seine Professoren und die rund 100 Kommilitonen erst durch das Buch von seiner Vita erführen. Schon als er 2006 in der Nähe von Berlin sein Studium aufnahm, ging Johannes Kneifel offen damit um. Die ersten drei Semester durchlaufen die Studenten des Theologischen Seminars gemeinsam, wie in einer Schulklasse; da kommt man schnell mit den anderen ins Gespräch. "Ich möchte in Bezug auf meine Vergangenheit nicht lügen. Irgendwann käme schließlich eh alles raus", sagt Kneifel. Wer ihn fragte, was er vorher gemacht habe, dem gab er die Antwort: "Ich war im Gefängnis" – oft gefolgt von der Aufforderung, mehr zu erzählen. Er habe mit dieser Strategie ganz gute Erfahrungen gemacht, sagt Kneifel. Nur gebe es eben immer auch Menschen, die sich gar nicht erst auf ihn einlassen wollen: "Die haben eben das Bild des brutal mordenden Skinheads im Kopf."

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Kommentare

113 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Ich glaube nicht, dass er noch einmal einen Menschen...

...töten wird. Die wenigsten Mörder sind Wiederholungstäter, zumal er bei der Tat erst 17 Jahre alt war. Ob er sich jedoch unbedingt zum evangelischen Pastor eignet, wage ich zu bezweifeln. In den USA werden gerade in evangelikalen Kreisen solche Saulus-Paulus-Geschichten sehr gehyped (sog. wiedererweckte Christen, man denke auch z.B. an den Ex-Trinker George W. Bush). Bei uns gibt es den Euphemismus "Brüche in der Biographie" (z.B. Ex-Steinewerfer Joschka Fischer). Kleine und mittlere Verfehlungen wie Alkoholismus und Steinewerfen sind natürlich irgendwann verjährt. Wer vorsätzlich einen Menschen getötet hat, hat jedoch m.E. allein durch die EINE Tat so schwere Schuld auf sich geladen, dass er sich nicht mehr als moralische Instanz eignet. Dass man mit einer entsprechenden Vorstrafe Pfarrer werden kann, finde ich schon sehr eigenartig. Hätte er Kinder missbraucht, würde jeder die Hände über den Kopf zusammenschlagen, wenn er später einmal Konfirmanden betreuen soll. Bei einem Tötungsdelikt ist aber alles okay? Soll er doch Ingenieur werden.

Ich glaube...

, dass jemand mit 30 Jahren ein anderer ist, als mit 17.
, dass jemand, der einst deratig hassen konnte, diesen Hass nicht "einfach so" loswerden kann und dies trotzdem noch auf die eine oder andere Weise in ihm schlummert.
, dass erfahrungsgemäß und wissenschaftlich ofrtmals belegt ein derartiger Hass meist seine tieferen Ursachen in der eigenen Kindheit hat (Ablehnung, Misshandlungen und/oder Missbrauch etc.)
, dass nur eine weltliche Psychotherpie und eigenes engagiertes Mitarbeiten dabei das Feuer des (schlummernden) Hasses löschen kann.

Ich dagegen glaube...

...,dass es einen vollkommenen Wandel gibt und keine weltliche Psychotherapie diesen Wandel bewirken kann.

Aber sture Rationalität ist hier fehl am Platze. Das kann man glauben oder auch nicht. Ich denke auch, dass die menschliche Seele nicht rational zu erklären ist, aber das ist für rational denkende Menschen vollkommen irrational.

Ich denke der Mensch ist sich an vielen Stellen einfach zu sicher darin, dass er irgendwann alles verstehen wird und was nicht zu verstehen geht, darüber gibt es dann Theorien, die dann als Grundlage für neue Theorien hinzugezogen werden und irgendwann die Wahrheit darstellen sollen.

Tiefe Ursachen

In der Wissenschaft gibt es Gesellschaftsorientierte Theorien, die die "Schuld" im Umfeld und der Benachteiligung der Täter sehen, es gibt Sozialpsychologische Theorien, die die "Schuld" darin sehen, dass die eigene kulturell durch Fremde gefährdet sind, es gibt gruppendynamische Theorien, es gibt interaktionstheorien - es gibt in der Wissenschaft also zahlreiche Erklärungsversuche jenseits der Kindheit.

Dass nur die Psychotherpie das Feuer des schlummernden Hasses löschen kann halte ich daher für einen irrationalen Psychotherpieglauben.

geliebte Kinder

Sehe Sie es doch einmal so:
Herr Kneifel wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kein behütendes, liebevolles Elternhaus gehabt haben. Ein solches macht nämlich quasi immun gegen extremistische Ideologie, einfach weil die Emotionen und vor allem das Mitgefühl weit entwickelt werden.

Man mag viele Theorie zur Erklärung von Gewalt heanziehen und sie alle haben ihre Wahrheiten. Die wichtigste Wahrheit in diesem Kontext ist, dass geliebte Kinder keine Extremisten werden und erst recht keine Hassmorde begehen.

Umgekehrt bedeutet dies nicht, dass aus "ungeliebten" Kindern keine sozial kompetenten Menschen werden können.

Das brauchen Sie nicht "denken", das ist so

"Ich denke der Mensch ist sich an vielen Stellen einfach zu sicher darin, dass er irgendwann alles verstehen wird und was nicht zu verstehen geht, darüber gibt es dann Theorien, die dann als Grundlage für neue Theorien hinzugezogen werden und irgendwann die Wahrheit darstellen sollen."
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So in etwa geht man mit wissenschaftlichen Annäherungsmodellen um. Das brauchen Sie nicht "denken", das ist so!

.......

"Die Erfahrung die er gemacht hat, wird ihn lange genug quälen. Jetzt hat er seinen "Weg" gewählt und eine 2. Chance und ich hoffe, dass er in Zukunft alles dafür tun wird, dass niemand erst so eine grausame Erfahrung machen muss um dann ein guter Mensch zu werden." ... Ja, welch grausame Erfahrung, da kann man glatt Mitleid bekommen mit dem Herrn Kneifel. Wer dazu in der Lage ist, einen Menschen zu töten, dem würde ich auch nach 50 Jahren noch nicht trauen, egal wie sehr er sich angeblich verändert hat.