Ende August war ich das letzte Mal in Marburg. Ich war für ein Wochenende gekommen, um mit meinen ehemaligen Mitbewohnern das Ende unserer Studenten-WG zu feiern. Als ich vor einem Jahr nach Berlin zog, war ich der erste, der ging. Abschied hatte ich also schon genommen. Im Regionalexpress zurück nach Hause wurde ich dennoch melancholisch. Ich dachte an die sechs Jahre, die ich in dieser kleinen Studentenidylle verbrachte: An das erste Semester, in das ich noch etwas unbeholfen hineinstolperte, meine WG, sogar an meine Professoren, die, obwohl ich mich damals über viele ärgerte, eigentlich einen guten Job gemacht hatten.

Meine Eltern sagten immer, das Studium sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Das klingt schrecklich abgedroschen und stimmt wahrscheinlich gar nicht, man erinnert die Vergangenheit ja meistens schöner, als sie war. Aber in diesem Moment konnte ich sie gut verstehen.

Oft merkt man gar nicht, dass man gerade etwas richtig Schönes erlebt, denkt nur an die nächste Etappe, ohne das Ganze zu erkennen. Als Student macht man sich ständig Sorgen: Genug gelernt für die Klausur? Welches Praktikum ist besonders karrierefördernd? Komme ich mit den 20 Euro noch bis zum Monatsende hin? Viele klagen zu recht über lebensfremde Studienordnungen, unrealistische Anforderungen oder überfüllte Seminare.

Man verkennt, wie gut es einem eigentlich geht

Wahrscheinlich sind Studenten nie zufrieden. Mir ist jedenfalls keine Periode der jüngeren Vergangenheit bekannt, in der das anders war. Es wird demonstriert, geklagt und geschimpft. Das ist an sich auch gut so, sonst würde sich nie etwas verändern.

Doch im Rückblick merke ich, dass man schnell verkennt, wie gut es einem eigentlich geht. Das Studium ist eine traumhafte Zeit: In den allermeisten Studiengängen ist die Arbeitsbelastung nicht auch nur annähernd mit einem Vollzeitjob vergleichbar. Ein Blick in die Bars, an die Seen und Parks einer durchschnittlichen Studentenstadt genügt, um sich von der Süße des Studentenlebens zu überzeugen.

Hinzu kommt eine Freiheit, die man weder aus der Schule kannte noch im Job je wieder erleben wird. Man kann meist aus verschiedenen Veranstaltungen die herauspicken, die einen wirklich interessieren und hat in manchen Studiengängen noch nicht einmal Anwesenheitspflicht. Zudem kann man als Student selbst entscheiden, wann man lernt oder ein Referat vorbereitet. Beneidenswerte Zustände. Die Bologna-Reformen haben hier einiges verschlechtert, aber das trübt das Gesamtbild nicht wirklich, finde ich.