Erinnerungen"Das Studium ist eine traumhafte Zeit"

Als Student schimpfte unser Autor gern auf die Uni. Jetzt hat er seinen Abschluss und wünscht sich Freiheit, Ruhe und seine alte WG zurück. Eine Hommage ans Studentsein von 

Ende August war ich das letzte Mal in Marburg. Ich war für ein Wochenende gekommen, um mit meinen ehemaligen Mitbewohnern das Ende unserer Studenten-WG zu feiern. Als ich vor einem Jahr nach Berlin zog, war ich der erste, der ging. Abschied hatte ich also schon genommen. Im Regionalexpress zurück nach Hause wurde ich dennoch melancholisch. Ich dachte an die sechs Jahre, die ich in dieser kleinen Studentenidylle verbrachte: An das erste Semester, in das ich noch etwas unbeholfen hineinstolperte, meine WG, sogar an meine Professoren, die, obwohl ich mich damals über viele ärgerte, eigentlich einen guten Job gemacht hatten.

Meine Eltern sagten immer, das Studium sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Das klingt schrecklich abgedroschen und stimmt wahrscheinlich gar nicht, man erinnert die Vergangenheit ja meistens schöner, als sie war. Aber in diesem Moment konnte ich sie gut verstehen.

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Oft merkt man gar nicht, dass man gerade etwas richtig Schönes erlebt, denkt nur an die nächste Etappe, ohne das Ganze zu erkennen. Als Student macht man sich ständig Sorgen: Genug gelernt für die Klausur? Welches Praktikum ist besonders karrierefördernd? Komme ich mit den 20 Euro noch bis zum Monatsende hin? Viele klagen zu recht über lebensfremde Studienordnungen, unrealistische Anforderungen oder überfüllte Seminare.

Man verkennt, wie gut es einem eigentlich geht

Wahrscheinlich sind Studenten nie zufrieden. Mir ist jedenfalls keine Periode der jüngeren Vergangenheit bekannt, in der das anders war. Es wird demonstriert, geklagt und geschimpft. Das ist an sich auch gut so, sonst würde sich nie etwas verändern.

Philipp Alvares de Souza Soares

studierte von 2005 bis 2011 Politik und VWL in Marburg und Den Haag. Heute arbeitet er als freier Journalist in Berlin.

Doch im Rückblick merke ich, dass man schnell verkennt, wie gut es einem eigentlich geht. Das Studium ist eine traumhafte Zeit: In den allermeisten Studiengängen ist die Arbeitsbelastung nicht auch nur annähernd mit einem Vollzeitjob vergleichbar. Ein Blick in die Bars, an die Seen und Parks einer durchschnittlichen Studentenstadt genügt, um sich von der Süße des Studentenlebens zu überzeugen.

Hinzu kommt eine Freiheit, die man weder aus der Schule kannte noch im Job je wieder erleben wird. Man kann meist aus verschiedenen Veranstaltungen die herauspicken, die einen wirklich interessieren und hat in manchen Studiengängen noch nicht einmal Anwesenheitspflicht. Zudem kann man als Student selbst entscheiden, wann man lernt oder ein Referat vorbereitet. Beneidenswerte Zustände. Die Bologna-Reformen haben hier einiges verschlechtert, aber das trübt das Gesamtbild nicht wirklich, finde ich.

Leserkommentare
  1. ... was hier vermittelt wird. Ein Bachelorstudent, der pro Semester 8-9 Klausuren im Modellstudienplan vorgeschrieben hat und dazu 12 Wochen Pflichtpraktika in der Industrie absolvieren muss, hat leider keine Zeit für "lange Reisen ins Ausland" oder zum Rumliegen auf irgendwelchen Parkwiesen, sofern es die in dem Kaff, in dem man studiert, überhaupt gibt.

    Natürlich kann man sein Studium auch künstlich in die Länge strecken (zB 6 statt 5 Jahre, so wie es der Autor des Artikels getan hat) um WG-Partys zu feiern oder durch die Weltgeschichte zu gondeln.

    Die Realität sieht jedoch so aus, dass es von Uni zu Uni und vor allem von Studiengang zu Studiengang vollkommen unterschiedliche Arbeitsbelastungen gibt. Manche Master-Studiengänge kann man bspw. locker in 2 Semestern ablegen (wie zum Beispiel meinen eigenen), aber wenn ich mir meine Komilitonen im Fach Elektrotechnik anschaue, dann möchte ich nicht mit denen tauschen.

    Die Studienzeit ist einfach Ausbildungszeit. Man sollte sie so effektiv und vor allem so schnell wie möglich über die Runden bringen. Alle, die ich kenne und die jetzt erfolgreich in ihren Traumberufen arbeiten, haben das so getan. Dieses ständige Gerede von "Selbstverwirklichung" und "Persönlichkeitsfindung" ist doch (mMn) vollkommener Quark. Wenn ich mir die Erasmusstudenten anschaue, die 6 Monate in Spanien abfeiern, dann frage ich mich, wo hirnloses Besaufen, feiern und Party machen die Persönlichkeit formt.

    Uni? Ja bitte! Aber bitte nicht verklären...

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    Ich glaube Sie verwechseln hier "Ihre Studienzeit" mit "Die Studienzeit". Wenn Ihnen Ihre Ausbildungszeit nichts anderes als die Ausbildung selbst gebracht hat, dann ist das traurig genug. Denn DAS würde ICH als verschwendete Zeit ansehen.

    Freier Autor

    Danke für den Hinweis!
    Letztlich ist es wohl eine persönliche Entscheidung,
    wie man sich seine Studienzeit aufteilt und welche Prioritäten man setzt.
    Ein Studium, das länger dauert, als die Regelstudienzeit ist aber nicht unüblich.
    Die meisten brauchen mehr Zeit und trödeln nicht etwa, sondern gehen bspw ins Ausland oder machen längere Praktika.

    • wawerka
    • 18. September 2012 19:27 Uhr

    "Manche Master-Studiengänge kann man bspw. locker in 2 Semestern ablegen (wie zum Beispiel meinen eigenen)"

    Sagen Sie doch gleich, dass Sie BWL studieren.....

    "dann frage ich mich, wo hirnloses Besaufen, feiern und Party machen die Persönlichkeit formt."

    Da scheinen Sie allerdings Nachholbedarf zu haben! Es wäre zum Beispiel der Persönlichkeitsformung sicher sehr zuträglich auch Mal einen Gang runterzuschalten, selbst wenn dies bedeutet sein Studium "künstlich in die Länge zu strecken". Sonst könnte man womöglich bereits als junger Mensch einen unnötig harten, bitteren Eindruck machen und das wäre mMn ganz schön traurig.

    http://www.sueddeutsche.d...

    Für mich wirkt es, als würde ich hier Kommentare von "Noch-Studenten" oder "Ex-Studenten" lesen, welche bereuen, ihre Studienzeit nicht so genutzt zu haben wie sie es hätten tun können.

    Ich studiere ein sehr anspruchsvolles Fach, welches in so manchem Semester 8-12 Klausuren und damit ca 3Monate im Semester mit einer zusätzlichen Lernzeit von 8-10h fordert. Ich bin ein durchschnittlicher Student, lerne viel und habe wochenends einen Nebenjob als Barkeeper.
    Ich sitze täglich zwischen 6-10 Stunden in der Vorlesung und habe es trotzdem geschafft ein glückliches Leben mit Freizeit am Wochenende/Semesterferien, 2 Auslandsaufenthalten (1Studiensemester Mexiko mit hirnlosem Besaufen und Feiern und 1Praxissemester in Singapur), 2zusätzlich gelernten Fremdsprachen und einem erarbeiteten Stipendium, zu leben.

    Die Zeit in der man sich 6 Monate im Ausland besäuft und die Zeit genießt ist nicht unbedingt formend für die Persönlichkeit (je nach Motivation - Ich habe im Ausland 2 neue Fremdsprachen gelern und trotzdem Zeit für alles gehabt) Aber das wichtigste dabei ist, die Zeit im Ausland muss die Persönlichkeit nicht formen, das einzige was sie muss ist SPAß machen.

    Wenn ich so manche Kommentare hier lese, kommt es mir so vor als seien die Authoren so in Ihrem Unmut gefangen, dass sie vergessen haben was das ist.

    Schiebt nicht alles auf den bösen Bachelor. Wer will, kann!

    (Ich habe mir jeden dieser Auslandsaufenthalte selbst bzw. durch Stipendien finanziert)

  2. Ich selbst hab das Glück, dass mein Studiengang bundesweit noch nicht bolognialisiert ist und es hoffentlich auch nie wird.

    Aber Freunde von mir studieren u.a. Lehramt (da ist der Bachelor ja wirklich das Sinnloseste überhaupt).

    Allein schon durch die Uni hat man fast einen 8h-Tag und dann kommt noch das Lernen hinzu, um überhaupt halbwegs brauchbare Noten abzuliefern. Statt Entspannung gibts in den Ferien Praktika oder irgendwelche Fremdsprachennachweise.

    Das studieren, was einen interessiert? In dem Tempo, wie man es will? Einen Blick aufs Große Ganze werfen können?

    Ja, vor 20 Jahren ging das vielleicht noch. Heutzutage müssen ja ruckzuck "akademische" Arbeitskräfte produziert werden, die man dann auch fix wieder verheizen kann. Gibt ja genug künftige Studenten, die jeden Quatsch mitmachen.

  3. Ich glaube Sie verwechseln hier "Ihre Studienzeit" mit "Die Studienzeit". Wenn Ihnen Ihre Ausbildungszeit nichts anderes als die Ausbildung selbst gebracht hat, dann ist das traurig genug. Denn DAS würde ICH als verschwendete Zeit ansehen.

    Eine Leserempfehlung
  4. Freier Autor

    Danke für den Hinweis!
    Letztlich ist es wohl eine persönliche Entscheidung,
    wie man sich seine Studienzeit aufteilt und welche Prioritäten man setzt.
    Ein Studium, das länger dauert, als die Regelstudienzeit ist aber nicht unüblich.
    Die meisten brauchen mehr Zeit und trödeln nicht etwa, sondern gehen bspw ins Ausland oder machen längere Praktika.

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    Das Problem dabei, sein Studium ein oder zwei Semester zu verlängern - aus welchen gründen auch immer - ist doch, dass man hier große Gefahr läuft, kein Bafög mehr zu bekommen, da dieses im Normalfall nur noch für die Regelstudienzeit vergeben wird - ausgenommen sind "Härtefälle". Wenn man alles zusammen addiert in dem Studiengang, welchen ich abgeschlossen habe, war die Belastung schon sehr hoch und das Leben nicht annähernd so rosig, wie der Autor hier schreibt. Man sollte die Kurse auch ohne Anwesenheitspflicht halbwegs regelmäßig besuchen, wenn man vorankommen möchte, was man muss um sein Bafög nicht zu verlieren. Dazu kommt das Lernen und die Hausarbeiten nach der Uni, das Jobben, weil das Bafög in einer Stadt wie Hamburg einfach nicht reicht, nebenbei noch Praktika. Wenn ich für meine Kommilitonen und mich spreche, kann ich sagen, die Arbeitsbelastung war definitiv höher, als sie jetzt im Job ist. Exzessives Feiern, rumhängen im Park, lange Auslandsreisen ist sicherlich alles machbar...für denjenigen dessen Geldbeutel dick genug ist, um unabhängig von staatlichen Zuschüssen und irgendwelcher Nebenjobs zu sein. Zumindest ist das meine Erfahrung.

    • EmilyC
    • 18. September 2012 18:39 Uhr

    Ich muss mich den beiden ersten Kommentaren leider anschließen. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man Germanistik oder Kunstgeschichte studiert, aber in meinem Fach (Physik) hat man in den ersten Semestern durchgehend eine 60-Stunden-Woche... Im Bachelor ist von "Man kann meist aus verschiedenen Veranstaltungen die herauspicken, die einen wirklich interessieren" ebenfalls keine Spur, hier ist alles vorgegeben bis auf zwei "Module", welche zusammengenommen 14 von insgesamt 180 in 6 Semestern zu erreichenden Credit Points zählen. Ich möchte gern mal wissen, wo man sich da angeblich entfalten kann.

    Wenn man als Bachelor/Master-Student (einer Naturwissenschaft) diesen Artikel liest, klingt er fast ein wenig wie Hohn. Hohn über das Klischeebild des faulen Studenten, der Unmengen an Zeit hat, gegen das man sich beständig wehren muss.
    Es freut mich für den Autor des Artikels, dass er eine so tolle Studentenzeit hatte, aber vielleicht sollte man so langsam mal damit aufhören, dieses veraltete Studentenbild noch weiter zu verbreiten.

    Eines ist natürlich geblieben: die Unabhängigkeit von den Eltern, die ersten eigenen vier Wände, das eigentliche Erwachsenwerden. Aber auch diese Freiheit bleibt vielen aus finanziellen Gründen verwehrt, weil sie sich wegen der Studiengebühren von 500€ pro Semester keine eigene Bude leisten können und nach wie vor bei den Eltern wohnen müssen.

    Eine Leserempfehlung
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    • Fosetyl
    • 19. September 2012 19:30 Uhr

    "in meinem Fach (Physik)[...] Im Bachelor ist [...] ist alles vorgegeben bis auf zwei "Module"
    Als ob das in klassischen Diplomstudiengängen in Naturwissenschaften früher großartig anders gewesen wäre. Letztlich wurde da doch nur alles ein bisschen anders in Module zusammengefasst und anders als früher in Scheine oder Prüfungen aufgeteilt. Kann man sich in den alten Studienordnungen schön ansehen. Große Änderungen hat der Bachelor natürlich für Geisteswissenschaftler gebracht. Die konnten früher wirklich machen, was sie wollen. [...]

    "Arbeitsbelastung nicht auch nur annähernd mit einem Vollzeitjob vergleichbar" hört man übrigens oft von Wiwi-Leuten. Lustigerweise führt das aber in der Regel nicht dazu, dass diese Leute ihr Studium hinterfragen, sondern sie meinen dann eher, dass alle Studiengänge ähnlich einfach sind. Ich kenne z.B. von Ingenieuren die Aussage, dass man im Beruf Sachen macht, die viel anspruchsloser sind als die komplizierten Dinge, mit denen im Studium gnadenlos ausgesiebt wurde. So etwas kennen BWL-Studenten gar nicht. Da wird ja sogar in der Mathevorlesung Schulstoff wiederholt. Das habe ich selbst gesehen bei einem Freund.

    Bitte verzichten Sie auf pauschale Herabwürdigungen und äußern Sie sich differenziert. Danke, die Redaktion/fk.

    • sogos
    • 18. September 2012 18:50 Uhr

    im Gegensatz zu den anderen Posts hier (vermutlich von Studenten ;-) ) kann ich zustimmen, aber mit Einschraenkung.
    Als ich Kind war, dachte ich es waere die schoenste Zeit in meinem Leben, da die Aelteren so ernst aussahen.
    Als Jugendlicher, dachte ich, ich haette die schoenste Zeit, da ich jetzt Freiheit hatte und die aelteren so "uncool" aussahen.
    Als Student war ich frei, hatte keinem zu verantworten, genug Geld zum Reisen (und zu wenig fuer Essen manchmal) und wollte nie den ernst des Lebens haben, es konnte nicht besser werden.
    Als ich anfing zu arbeiten merkte ich, das es ging, ploetzlich hatte ich Geld und konnte mir Sachen leisten, was kann besser sein als das Single-Leben eines Akademikers ?
    Dann heiratete ich und merkte, das es nichts Schoeneres gibt als Kinder zu haben und aufwachsen zu sehen. Nichts was ich eintauschen wuerde, no nicht mal die Freiheit eines Studenten. Nur Rentner moechte ich nicht werden ;-) mal schauen...

    2 Leserempfehlungen
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    Ich danke Ihnen für Ihren lebensbejahenden Kommentar. Man muss das "Jetzt" ergreifen und das Leben genießen.

    Alles andere ist falsch: Wer immer nur vergangende Sachen als traumhaft beschreibt und gerne zurück möchte, der wird unglücklich. Und wer wie "Kommentar 1" Ausbildungszeit schnellstmöglichst beenden möchte, der wird nie im glücklichen Jetzt ankommen.

    Eigentlich wollte ich Ihnen ja nur für den erfrischenden Kommentar danken, denn er bringt es klar auf Punkt, welche Zeit wirklich "traumhaft" ist.

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Wie oft habe ich gedacht, dass ein jeweiliger Lebensabschnitt nicht übertroffen werden kann. Ich wurde stets (bis jetzt) eines Besseren belehrt.

    Grüße von einem Ex-(Physik)Studenten und Vater

  5. Also ich denke ebenfalls, wenn man das Studium einigermaßen diszipliniert durchzieht und vielleicht auch ein Semester mehr in Anspruch nimmt, dann kann ich die Eindrücke des Autors nur bestätigen.

    Bei den anderen Kommentaren würde ich wirklich überlegen, ob das richtige Studium gewählt wurde. Ich denke es gibt Phasen die wirklich anstrengend sind und sein sollten, aber naja insgesamt sollte es wirklich die schönste Zeit des Lebens sein sonst hat man glaube ich etwas falsch gemacht. Aber da kann man natürlich anderer Meinung sein...

  6. Ich finde die Studienzeit auch toll. Ich studiere auch Politikwissenschaft, inzwischen an der FU und habe zwei Nebenjobs, auch in der Wissenschaft. Ich arbeite 7 Tage die Woche, aber ich empfinde es als sehr sinnvolle Tätigkeit. Freunde treffe ich dennoch regelmäßig abends und manchmal fällt Schlafen dann eben aus :)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Auslandssemester | Bologna-Reform | ICE | Praktikum | See | Studiengang
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