Studenten im Libanon"Es gab ein Attentat. Ruf mich an!"

Als in Beirut eine Bombe explodiert, sind zwei Dresdner Studenten nur einen Kilometer entfernt. Im Interview erzählen sie von ihrem Semester im Krisengebiet. von Ulrike Rasch

Die Dresdner Studenten Florian (l.) und Jonathan

Die Dresdner Studenten Florian (l.) und Jonathan   |  © privat

Jonathan (21) und Florian (22) studieren Internationale Beziehungen und verbringen ihr Auslandssemester in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Als die Explosion einer Autobombe vor gut einer Woche acht Menschen tötete und mehr als 80 verletzte, saßen sie einen Kilometer entfernt in der Bibliothek.

ZEIT ONLINE: Ein paar hundert Meter entfernt von Euch ist eine Bombe explodiert. Was habt Ihr gedacht? Wie habt Ihr gehandelt?

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Jonathan: Ich war gerade in der Uni-Bibliothek. Ich habe den Knall gehört, wusste aber nicht sofort, was das für ein Geräusch ist. Ein paar Minuten später kam eine Freundin zu mir und sagte, es habe eine Explosion gegeben. Der Bibliotheksfernseher brachte die Bestätigung. Eine Mitarbeiterin brach zusammen – ihre Kinder waren vor wenigen Minuten noch am Anschlagsort, dem Place Sassine, gewesen. Zur Sicherheit blieben wir alle den Tag über in der Bibliothek.

Florian: Ich saß in der Bibliothek des anderen Campus', als Jonathan mir eine SMS schrieb: "Am Sassine gab‘s wohl ein Attentat. Ruf mich an." Ich konnte das erst nicht glauben und bin auf den Innenhof des Campus gelaufen. Da sah ich viele Studenten, die versuchten, zu Hause anzurufen und Mädchen, die weinten. Ich probierte, Jonathan zu erreichen. Das Netz war total überlastet. Eine libanesische Kommilitonin sagte zu mir, dass sie solch einen Anschlag im Herzen Beiruts noch nicht erlebt habe. Andere sagten, dass sie die Rauchwolke vom Campus aus sehen konnten. Auch ich blieb erst mal zur Sicherheit in der Bibliothek – die Situation war extrem angespannt. Einige setzen sich dennoch wieder zum Lernen hin. Das war schon sehr sonderbar.

ZEIT ONLINE: Wie haben Eure Familien reagiert?

Jonathan: Glücklicherweise habe ich meine Familie schon eine Stunde nach dem Anschlag telefonisch erreicht. Das war noch bevor irgendetwas im deutschen Fernsehen zu sehen war und auch sonst hatten meine Eltern noch nichts davon mitbekommen. Insofern ist der Schrecken sicherlich etwas geringer ausgefallen. Natürlich war meine Familie besorgt. Nach den Bildern, die man im Fernsehen sieht, ist das auch verständlich. Dort sieht man ja nicht, dass das Leben an anderen Orten im Land zwar vorsichtig, aber doch ohne Gewalt weitergeht.

Florian: Ich habe meiner Familie als erstes eine E-Mail geschrieben und konnte abends mit ihnen skypen. Sie waren besorgt, aber verhältnismäßig entspannt. Ich habe ihnen versprochen, vorsichtig zu sein.

ZEIT ONLINE: Wie schnell kehren die Menschen nach einem Anschlag wieder zum Alltag zurück?

Florian: Nach dem Anschlag herrschte eine vollkommen veränderte Stimmung. Die sonst lauten und vollen Straßen Beiruts waren das gesamte Wochenende über leer. In der Nacht hörte ich dann vom Balkon aus mehrere Stunden heftige Feuergefechte mit Maschinengewehren und schweren Waffen. Am Montagmorgen herrschte eine erdrückende Atmosphäre. Ich hatte ziemliche Angst.

Jonathan: Wir mussten an dem Morgen unseren Reisepass für die Aufenthaltsgenehmigung in einer Behörde abholen und kamen mit dem Soldaten am Ausgang ins Gespräch. Er fragte uns: "Was macht ihr noch in diesem Land?". Im selben Moment hörten wir einen Schuss. Er sagte zynisch, das sei eine AK-47.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Relativierungen und diskutieren Sie zum konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. Der Bericht der beiden Studenten erinnert mich sehr an eigene Erfahrungen während einer Gastdozentur an der American University of Beirut als im Februar 2005 eine gewaltige Explosion das Leben zahlreicher Menschen und des damaligen Premiers auslöschte und das öffentliche Leben im Libanon zum Stillstand brachte. Diese Totenstille stellte sich innerhalb kurzer Zeit nach dem Attentat ein, sie war extrem bedückend, verbunden mit der Ungewissheit über die nächsten Ereignisse. Immer schwebt die Angst mit, ob so ein Attentat der Einstieg in eine neue Spirale der Gewalt sein könnte.
    Da ist es verständlich, dass die Libanesen auch bei diesem Attentat vorsichtig, aber entschlossen, wieder ihre normalen Tätigkeiten und Aktivitäten aufnehmen. Der bürgerkriegs-überdrüssigen Bevölkerung, die gerade in den letzten 10 Jahren so etwas wie eine Auferstehung aus der Asche des Bürgerkrieges miterlebte, mit allen Unterbrechungen und Konflikten, ist wohl auch zu verdanken, dass auch dieser gewaltige Anschlag nicht sofort wieder zum offenen Kampf auf den Strassen geführt hat. Der Preis für diesen relativen Frieden ist aber aus meiner Sicht, dass Verantwortliche hinter den zahlreichen politischen Anschlägen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, Spuren gern verwischt werden und kriminaltechnische Ermittlungen verschleppt oder vereitelt werden.

  3. ... und ich hoffe, dass aus dem "spannend" nicht bald gefährlich wird. mit einem einzigen flughafen im land, den syrischen nachbarn und der hisbollah vor der grenze israels wäre mir persönlich sehr mulmig zumute.
    nochmal alles gute für die beiden und den libanon natürlich.

  4. mit Zatar - wie lecker!

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