Hochschulreform : Kein Bologna in Bologna

Politikstudentin Pia Ratzesberger machte ein Erasmussemester in der Geburtsstadt der umstrittenen Reform. Doch von Bulimielernen und Klausurmarathons keine Spur.

In Bologna scheint die Zeit still zu stehen. Gerade hier, in der Geburtsstadt des Bologna-Prozesses, hat die Umstellung auf Bachelor und Master kaum Spuren hinterlassen. Wo an den deutschen Universitäten die neuen Prüfungsordnungen in vielen Fächern vor Klausuren nur so strotzen, Studenten und Professoren über zu viel Stoff und zu wenig Zeit klagen, wirkt die Studentenstadt in Norditalien von alldem unberührt.

In meiner ersten Vorlesung fordert der Professor uns gleich zu Beginn der Stunde auf, so viele Zwischenfragen zu stellen wie möglich und alles zu hinterfragen, was er uns erzählt. "Das was ich ihnen hier sage, muss nicht zwangsläufig stimmen. Bilden sie sich ihre eigene Meinung." Größer könnte der Unterschied zu meinen deutschen Professoren nicht sein, von denen manch einer Antworten nur akzeptiert, wenn sie wortwörtlich seinen Power-Point-Folien entsprechen.

Statt sich für fünf bis acht Klausuren pro Semester seitenweise Fakten anzufressen, um diese kurz darauf wieder zu vergessen, lesen wir in den Seminaren Bücher und diskutieren sie mit dem Professor. Nicht die kleinen Details stehen im Mittelpunkt, sondern das Verständnis des Gesamtzusammenhangs und die eigene Meinung.

Weniger Druck, mehr Vertrauen

Gerade in Fächern wie Politik sind bei uns in Deutschland Multiple-Choice-Klausuren weit verbreitet. An der Universität Bologna sind dagegen so gut wie alle Prüfungen mündlich – sicher auch, weil das eine Menge Korrekturarbeit spart. Allerdings ist dafür der Organisationsaufwand enorm hoch, denn es wird nicht immer gruppenweise geprüft, sondern meistens einzeln.

Außerdem ist der Druck auf die Studenten geringer: Meist gibt es mehrere Appelli, das heißt, mehrere Termine, an denen die Prüfung abgelegt werden kann. Gerade Studenten, die für ihren Masterplatz einen bestimmten Schnitt erreichen müssen, kommt das entgegen.Wer kennt nicht das Gefühl, in der Klausur zu sitzen und vor Nervosität im entscheidenden Moment etwas zu vergessen? Doch einmal an der Klausur teilgenommen und bestanden, ist die Note in Deutschland festgeschrieben. Chance vorbei, der Notenspiegel verzeiht kein Black-Out.

Natürlich kann diese Möglichkeit der unbegrenzten Wiederholungen auch dazu führen, dass Prüfungen immer weiter hinausgeschoben werden, das Ende des Studiums bei manchen in immer weitere Ferne rückt. Doch das ist unter meinen Kommilitonen eher die Ausnahme.

In Bologna wird den Studenten noch mehr Vertrauen geschenkt und damit auch mehr Freiheit. Wenn ich in der Via Zamboni, dem Herzen des universitären Viertels, den Gesprächen der Studierenden in den Cafés, Bibliotheken und Lehrsälen lausche, höre ich kaum Klagen über den europaweiten Bologna-Prozess. Die Universität verlieh der Reform zwar ihren Namen – mehr aber nicht.
 

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich habe ein MINT-Fach studiert,

meine Prüfungen waren auch mündlich.

Dort wurde allerdings nicht mehr geprüft, ob ich Sätze auswendig kann, die ich aus dem Fachbuch nachschlgen kann, sondern ob ich mit einem gegebenen Satz etwas anfangen kann.

Tatsächlich kannte ich eine Professor, dessen Fragen immer Ab-Fragender wurden, je schlechter die Zensur wurde.

("Sie kennen doch e, die Eulersche Zahl e?")

Es gibt große Unterschiede zwischen etablierten harten

W. und sagen wir anderen. In den meisten Wissenschaften wird Standardstoff und seine Anwendung gelehrt- da ist eine Diskussion mit dem Lesenden nicht nur absurd, sondern unsinnig (etwa wer ist Meinung, dass das Ohmsche Gesetz gilt oder dass dies die Symptome für Pocken sind?). Studenten haben aus dem erprobten Wissenschatz zu lernen.
Ob ein Professor eine gute oder schlechte Prüfung macht hat damit nichts zu tun.

"Stellen Sie sich vor man hätte das zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemacht. Damals galt die Physik für abgeschlossen. Man war der Meinung es gäbe nichts mehr zu entdecken. Dann kam Einstein."

Das ist leider "Kleinfritzchensicht" (sorry!) auf die Wissenschaft Physik. Jede Wissenschaft hat offene Fragen und entwickelt sich ständig weiter. Das hat überhaupt nichts mit Einstein zu tun. Im Studium werden solche offene Dinge höchstens bei der Promotion betrachtet bzw. berührt- sie werden schon gar nicht in Diskussionen in Vorlesungen behandelt.

Vielleicht ist es weniger die Wissenschaft

als vielmehr der jeweilige Professor. Ihre Unterscheidung zwischen den "etablierten harten Wissenschaften und sagen wir den anderen" ist leider eine 'Kleinfritzchensicht' (sorry!). Im Kern und in ihrem Verhältnis von Theorie und Empirie sind sich die meisten Wissenschaften recht ähnlich. Auch Medizin und Physik sind mittlerweile so weit, sich an vielen Stellen als multiparadigmatische Wissenschaften zu begreifen. Lernen müssen alle ihre jeweiligen Werkzeuge, aber ob die Anwendung jeweils sinnvoll ist, sollte man lernen zu hinterfragen.

6, 7 Das unterscheidet uns eben:

Ich werde das Ohmsche Gesetz lieber akzeptieren und die Physik nicht als "multiparadigmatische Wissenschaft" (ich habe das schöne Wortspiel in meiner Schwurbelkiste abgespeichert) begreifen. Sie können es und seine Anwendung ja gerne hinterfragen.

Das Hinterfragen ist natürlich auch in der Physik oder Mathematik an der vordersten Forschungsfront notwendig-
aber dahin kommen unsere abgerüsteteten Bachelor/Master-Studien nicht.

Skepsis ist die Grundhaltung des Naturwissenschaftlers!

Es haben ja schon mehrere Mitdiskutanten gesagt, aber eine falschere Darstellung des Wesens der Naturwissenschaften (insbesondere der Physik) und ihrer Didaktik, kann ich mir gar nicht denken! Die Grundhaltung des Naturwissenschaftlers ist doch gerade die Skepsis gegenüber allen Behauptungen oder gar Ex-Kathetra-Lehrmeinungen irgendwelcher Autoritäten. Ich freue mich jedenfalls immer sehr, wenn in Vorlesungen/Übungen die Studierenden nicht passiv herumsitzen, sondern Fragen stellen und evtl. auftretende Fehler korrigieren. Physik Lernen bedeutet eben gerade nicht das Einpauken irgendwelcher kanonischer Lehrinhalte, sondern das Verständnis physikalischer Zusammenhänge und wie man zur Erkenntnis derselben gelangt. Freilich erlernt man die, indem man sich eben die "kanonischen Lehrinhalte", also klassische Mechanik, Feldtheorie, Spezielle Relativitätstheorie, Quantentheorie und Statistische Physik sowie die dazu benötigte Mathematik aneignet, aber man hat vom Wesen der Physik nichts verstanden, wenn man sie nicht kritisch hinterfragt und sie sich selbst denkend erschließt. Das kann man nicht erst an der "vordersten Forschungsfront", sondern muß es von Anfang an einüben. Daß freilich mancherlei Auswüchse der Verschulung durch die Bologna-Reform der Einübung des naturwissenschaftlich-kritischen Denkens eher zuwiderlaufen und daß diese Reform für die MINT-Fächer in Deutschland überflüssig wie ein Kropf war, steht auf einem anderen Blatt.

Eigene Meinung auch in Physik und Medizin wichtig

"'Das was ich ihnen hier sage, muss nicht zwangsläufig stimmen. Bilden sie sich ihre eigene Meinung.'

Man stelle sich mal so einen Satz in Physik oder Medizin vor."

Als jemand der zuerst Physik (abgebrochen) und dann Medizin studiert hab kann ich ihnen versichern dass dieser Satz fast uneingeschränkt auch für diese Fächer gilt. Physik ist zwar eine exakte Wissenschaft, dennoch gibt es oftmals mehr als eine Lösung oder zumindest mehrere Wege zur Lösung eines Problems zu kommen.

Die Medizin ist dagegen keine exakte Wissenschaft und auch wenn ihnen die Propaganda durch Medien und Krankenkassen anderes vorgaukelt so können wir Mediziner in den meisten Fällen eben nicht einfach nur eine "optimale" Leitlinienbehandlung abspulen sondern müssen bei jedem Patienten den individuellen Krankheitsverlauf berücksichtigen. Und darüber wie man das optimal tut kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein, zumal auch in Studien sehr häufig kein eindeutig bester Weg etabliert werden kann (und selbst wenn doch würde der nur für Patienten gelten die denn Studienpatienten genau entsprechen...was aber selten vorkommt).

Also: Auch in Physik und Medizin, ich behaupte gar in den Naturwissenschaften allgemein, sollte man durchaus über den besten Lösungsweg diskutieren und sich eine eigene Meinung bilden.

Ein Fakt.

"In meiner ersten Vorlesung fordert der Professor uns gleich zu Beginn der Stunde auf, so viele Zwischenfragen zu stellen wie möglich und alles zu hinterfragen, was er uns erzählt. "Das was ich ihnen hier sage, muss nicht zwangsläufig stimmen. Bilden sie sich ihre eigene Meinung." Größer könnte der Unterschied zu meinen deutschen Professoren nicht sein, von denen manch einer Antworten nur akzeptiert, wenn sie wortwörtlich seinen Power-Point-Folien entsprechen."

Beinahe wortgleich wurde ich bisher bei allen meinen Vorlesungen an einer deutschen Hochschule begrüßt, abgesehen von den methodischen Grundlagenfächern wie Mathematik und Statistik.
Ich denke, dies wird an vielen anderen Hochschulen nicht anders sein.

Objektivität?

Genau das war auch mein Gedanke.

Ich frage mich, welche Vergleichsmöglichkeiten die Autorin hat.
Auch in Deutschland gibt es Fächer, in denen mündliche Prüfungen Standard sind. In meinem Studium waren im Hauptstudium etwa 3/4 der Prüfungsleistungen mündlich.
Die Argumentation, dass der Korrekturaufwand dadurch niedriger ist, wirkt etwas merkwürdig wenn dann zwei Sätze später der Einwand kommt, dass die Organisation aufwändiger ist. Im Allgemeinen werden mündliche Prüfungen dort gemacht, wo es eine überschaubare Anzahl an Studierenden gibt. Bei uns sind das max. 30 Leute.
Mündliche Prüfungen als durchschnittlichen Modulabschlussprüfung dauern etwa 45 Minuten, für einen Prüfling ist somit ein Zeitfenster von 1 Stunde nötig. Wenn man das in einer Einführungsveranstaltung mit 300 Studenten machen würde, wäre ein Professor fast 2 Monate damit beschäftigt. Dass das unsinnig und unrealistisch ist, muss ich wohl nicht weiter erklären.

Auf die weiteren Argumente will ich an dieser Stelle gar nicht eingehen, aber ich finde es bizarr, eine Uni auf Basis eines einzelnen Studiengangs zu loben und gleichzeitig gegen die deutschen Studiengänge zu wettern.
Natürlich gibt es hier viel zu tun, aber das ist in vielen Bereichen auch schon geschehen, wenn man die aktuelle Situation mit der vor 10 Jahre vergleicht, als gerade die ersten Bachelor-Master-Studiengänge eingeführt werden. Vielleicht wäre das auch mal einen Bericht wert?

Meine Erfahrungen an der Uni Bologna

Ich studiere Politikwissenschaft an einer deutschen Uni und habe ebenfalls ein Auslandssemester in Bologna gemacht.

Von den angeblichen kleinen Seminaren und dem großen Unterschied habe ich nichts mitbekommen, mag an der Kurswahl liegen.

Ein Beispiel: Einführung in die Internationalen Beziehungen ist sowohl hier als auch in Bologna in einem großen Hörsaal mit ca. 100-200 Studierenden. Die Inhalte sind ziemlich ähnlich, der Frontalunterricht auch.

Ich habe zwar von mündlichen Prüfungen gehört, jedoch durchweg normale Klausuren geschrieben. Multiple Choice war das aber genauso wie in Deutschland auch nicht.

@bierm

Ich muss wiedersprechen. Ich habe selbst in Triest meine Bachelor in Chemie gemacht(den Ganzen nicht nur Erasmus) und habe Freunde die in Bologna und anderwo studieren(auch nicht MIT Fächer).

Es gibt fast nur mündliche Prüfungen und wenn es schriftliche gibt, so gibt es oft noch zusätzliche mündliche Prüfungen.

So sehr ich das Studium in Deutschland schätze, so fand ich diese Art der Leistungsüberprüfung doch deutlich besser.