GenerationendebatteMacht Deutschland zur Bildungsrepublik!

Das Knausern bei den Bildungsinvestitionen verschiebt gewaltige Lasten in die Zukunft, warnt der Autor Wolfgang Gründinger in seinem Buch "Wir Zukunftssucher". Ein Auszug von Wolfgang Gründinger

"Betreten auf eigene Gefahr" steht auf Schildern auf dem Campus der Uni Regensburg. Würden die Studierenden die Warnung ernst nehmen, dürften sie keinen Fuß mehr auf den Campus setzen. Die Philosophische Fakultät ist mit Bauzäunen umstellt, zum Schutz vor herausbrechenden Gesteinsbrocken. Beinahe wäre selbst der Rektor von solch einem Brocken erschlagen worden, der sich aus der Betonfassade löste und neben ihm auf den Bauzaun krachte. "Das war ganz schön knapp", erinnert sich der Rektor, der noch mit dem Leben davon kam. Jahre später ist das Gebäude immer noch marode: "Für eine Sanierung fehlt uns das Geld."

Einmal kam Papst Benedikt höchstpersönlich zu Besuch an die Uni. Plötzlich wurde investiert: Das Verwaltungsgebäude wurde grau gestrichen, der Weg von der Eingangstür bis zum Audimax wurde schön gefliest. Der "Papstweg" fällt ins Auge. Denn das Gros der Flure in der Uni besteht nicht aus glänzenden Fliesen, sondern aus Pflastersteinen, wie man sie sonst nur von Gehwegen kennt. Manche Gänge können bei Regen nicht mehr trockenen Fußes durchquert werden, weil die Bausubstanz löchrig ist und das Regenwasser durchtropft.

Anzeige

Die deutschen Hochschulen sollen weltweit in der ersten Liga spielen, doch gleichzeitig sparen die Politiker die Bildung kaputt. Von "Bayerns größter Bruchbude" spricht die Süddeutsche Zeitung mit Blick auf die Uni Regensburg. Die Lehre ist sicherlich hochwertiger als der äußere Anschein der Gebäude, in denen sie stattfindet. Aber auch in den Lehr- und Studienbedingungen ließe sich vieles verbessern.

Verdichten, Verschulen, Umbenennen

Wolfgang Gründinger
Wolfgang Gründinger

Jahrgang 1984, ist SPD- und Piraten-Mitglied. Als Autor mehrerer sozialwissenschaftlicher Bücher zählt er zur "jungen Elite Deutschlands" (Handelsblatt). Er promoviert an der Humboldt Universität zu Berlin über Demokratieforschung.

Das Knausern bei den Bildungsinvestitionen verschiebt gewaltige Lasten in die Zukunft. Alle Exzellenz-Initiativen verkommen zum bloßen Ablenkungsmanöver, wenn sonst allerorten an der Zukunft gespart wird, anstatt für die Zukunft zu sparen. So mag vielleicht die schwarze Null im Staatshaushalt näher rücken, doch die wirkliche Belastung nachrückender Generationen wächst umso schneller.

Die Hochschulen werden seit den EU-Beschlüssen von Bologna 1999 von den Plänen der Bildungsreformer getrieben. Die Ideen waren gut, doch die Umsetzung missglückte: Kinderkrankheiten, die früh diagnostiziert waren, deren Behandlung aber immer wieder verschoben wurde.

Die Umstellung auf das neue System aus Bachelor und Master folgte oftmals dem Motto "Verdichten, Verschulen, Umbenennen". Enge Stundenpläne und Prüfungswut raubten Freiräume, über den Tellerrand des eigenen Studienfaches hinauszudenken, sich Nachhilfe zu nehmen, sich erst einmal im Uni-Leben zurechtzufinden. Vor allem für Studierende aus sozial schwächeren Elternhäusern wurde das Leben noch schwieriger.

Leserkommentare
  1. da hat der Autor wohl seine Lieblingspartei vergessen:

    "Kretschmann will 11.600 Lehrer-Stellen streichen"

    http://www.spiegel.de/sch...

    Ist doch das selbe wie mit den Kantinenessen: "Es soll ein 4 Sterne Gericht werden zu den Kosten eines Sandwiches".

    Vor allem sind auch langjährige SPD Stammländer wie Bremen und NRW keine Super Bildungsländer.

    Das einseitige Bayern Bashing über die Zustände der Uni Regensburg könnte man auch mit den Zuständen der Uni Bochum gleichstellen.

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Bayern stehen finanziell besser da, als NRW. Wenn die schon an der Infrastuktur knausern, ist das halt eine andere Hausnummer. Nebenbei haben die in den letzten Jahren ja richtig Knete in dem Bereich ausgegeben, aber Regensburg ist halt nicht München.

    Nebenbei hat NRW, bezogen auf die jeweilige Gesamtbevölkerung, eine wesentliche höhere Studierendenquote als Bayern.

    Hallo allerseits,

    in einigen Kommentaren wurde kritisiert, dass ich nur die Uni Regensburg und damit indirekt die CSU bashe. Nunja, ich hab da halt studiert, daher das Beispiel aus eigener Anschauung. Wäre ich in Bochum gewesen, hätte ich sicherlich auch dort viel zu kritisieren gefunden.

    Wolfgang Gründinger

  2. hat eine spitzen Rendite. Aber eben erst nach einer Laufzeit von 20+ Jahren.
    Außerdem ist mangelnde Bildung die Ursache von den meisten Problemen einer Gesellschaft.
    In einer Welt in der es nur auf Quartalszahlen und Wahlperioden ankommt ist dafür aber leider kein Platz.

    22 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das Thema ist langsam durch. In den letzten Jahren wurden, in vielen Bereichen, auch durch die Bologna-Reform, die Einstiegsgehälter für Akademiker in vielen Branchen sogar gesenkt.
    Ein guter Bildungsabschluss ist schon lange keine Garantie mehr für eine gute Bezahlung.

  3. Es fehlen Anreize zur Bildung für "bildungsferne Schichten" und eine Öffnung unserer allseitig verschulten und verwalteten Bildungssysteme.

    Wenn Geld, dann Förderung von mittellosen Potenzialen durch privatwirtschaftlich finanzierte Stipendien.

    Wirds natürlich bei uns nie geben, bedanken dürfen sich die Opfer bei den Linken.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Fehlende finanzielle Sicherheit ist einer der Hauptgründe für die untersten Schichten nicht zu studieren. Das ist mein größtes Problem und das von tausenden anderen Studenten, das Geld.

    Eine der Hauptaufgaben eines Staates ist die Bildung, dass kommt gleich nach Straßen bauen und ser weit vor Banken retten. Und wo sind den bitte die privatwirtschaftlich finanzierten Stipendien für mittellose?

    Wer kein Geld hat, muss während dem Studium arbeiten, darunter leiden die Noten und Zeit für soziales Engagement belibt auch wenig. Und damit kommen viele dann schon garnicht mehr für ein Stipendium infrage.

    Weitere Stipendien für die, die eh schon Geld haben, braucht es nicht. Es braucht Förderung in der Breite für die, die es benötigen. Dafür haben wir schon ein gutes Instrument, Bafög, einfach die Sätze und den Förderungsradius erhöhen. Und natürlich einmal Geld an die Hochschulen, das man seinen leeren Kaffeebecher mit dem Wasser das durch die Decke tropft wieder auffüllen kann, ist zwar praktisch, aber keine dieser Leistungen die Deutshcland zur Bildungsrepubik macht, dass ist einfach nur peinlich für ein so wohlhabendes Land wie unseres.

    Vielleicht sollten wir Studenten aber auch einfach nur die Land- und Kreistage besetzen, dann haben wir wenigstens trockene Räume und Sitzplätze. Sollen sich die Politiker halt in Hörsäale setzen in denen es im Sommer an üftung , im Winter an Heizung und das ganze Jahr über an Sitzplätzen fehlt.

    • Solanum
    • 03. Oktober 2012 16:38 Uhr

    Neben dem Finanziellen lohnt ein Blick auf die Studienordnungen. Denn auch diese bedürfen offenbar einer Strukturreform: Seit Bologna geben die Studienordnungen akribisch die zu belegenden Veranstaltungen vor (z.T. bis hin zum Titel), so dass schon die Veranstaltungswahl wenig Freiraum für eigene Schwerpunktsetzungen oder Selbstentfaltung lässt. Heutige Studierende müssen ihre StO regelrecht "abstudieren", da diese für jedes Semester innerhalb der Regelstudienzeit das gesamte SWS-Pensum bereits vorgeben.
    Solche Rahmenbedingungen führen dann schnell zu folgender Studierweise: Den Abschluss klar vor Augen, zählt nicht mehr die Leistung, sondern die Leistungen werden gezählt.
    Dabei sollte doch immer Weg das Ziel sein.

    Ein Verständnis von Bildung, die gerade nicht anwendungsbezogen ist, fehlt vollkommen. Bildung zum Selbstzweck scheint eher verpönt.

    • okmijn
    • 04. Oktober 2012 12:10 Uhr

    , dass es privatwirtschaftlich finanzierten Initiativen verboten wäre, zu fördern. Nur wenn man sich die üblichen Verdächtigen anschaut vergeben die ihre Stipendien (un)erstaunlich häufig Bewerbern, die sie überhaupt nicht bräuchten und häufig noch negativer milieuselektiv als die ganze Bildungslandschaft so schon ist. Gerade die netten Gremien, die dort über die Stipendien entscheiden tun dies gerne ihrem Bauchgefühl nach - da betont man dann z.B. das ehrenamtliche Engagement, versteht aber nicht wirklich, dass sich das manche wirklich unterstützungsbedürftige Bewerber gar nicht leisten können. Und beim gemütlichen Plausch in dem man sondiert ob der Bewerber zur Organisation/Stifter, ... passt entscheidet nicht selten ob man auf gemeinsamer Wellenlänge liegt - wann ist das bei einem Bildungsaufsteiger ohne familiären akademischen Hintergrund und den Entscheidenden in solchen Runden wohl der Fall?

    Das beste (auch noch defizitäre) System wären die ungeliebten Aufnahmetests - allerdings nicht mit Puddingfütterungen, sondern mit allgemeinem Intelligenztest und fachspezifischem Test der Einstiegsvoraussetzungen.

    • Isi 1st
    • 03. Oktober 2012 15:45 Uhr

    Sind wir doch mal ehrlich, wenn der Staat seine Kinder bilden wollen würde, dann könnte er dies - Geld ist genug da!
    Man braucht halt nur nicht Milliarden für irgendwelche Kriegsspiele oder
    U-Boot Geschenke ausgeben...

    Die erste Bildungsreform kam durch Friedrich II., auch Friedrich der Große genannt, weil die Kinder durch die Kinderarbeit in Mühlen und Bergwerken verkrüppelt waren und zu dumm ein Gewehr zu bedienen, mussten sie die Schulbank drücken - also zum Wohle des Staates. Der Fritz brauchte gesunde Jungs für seine Armee.
    Wilhelm II. unser letzter Kaiser hatte wohl einen Narren an den Naturwissenschaften gefressen und deshalb ebenfalls in die Bildung investiert. Wohl aber mehr in die Eliten-Förderung. Daher kamen in den 20er bis 30er Jahren die ganzen Nobelpreise! Das war gut, sehr gut - davon zerren wir noch heute!
    Wenn der Staat will, dann kann er.

    Die 68er Bewegung/'Revolution' sitzt den Politikern/der Industrie noch heute in den Knochen. Die Studenten waren gebildet und wollten nicht mehr alles mit sich machen lassen.
    Ergo, sie waren *zu schlau*!

    Welcher König möchte ein Volk haben, welches schlauer und gebildeter ist, als der König selbst?
    Selbst wenn das Ziel ein lohnendes wäre, es wird leider nicht passieren...

    23 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DDave
    • 03. Oktober 2012 16:05 Uhr

    Dank Bachelor und Master und dem Verdichten vom Stoff kommt der Student gar nicht zum Nachdenken, zur Weltverbesserung, sondern er kann sich voll und ganz aufs Studium konzentrieren, bzw wenn er denn in die Versuchung kommt über den Tellerrand zuschauen, dass er dann ganz schnell wieder aus der Uni ausscheidet.
    Es wäre ja schlimm für die Politiker- und Finanzelite, wenn es zu Umbrüchen in der Gesellschaft kommen würden.

    Die Aufgaben des Staates sollten die Bereitstellung der Infrastruktur(Mobilität, Bildungs, Sozialer Frieden) sein. Aus der Wirtschaft soll er sich heraushalten und insbesondere die Marktkräfte in der Finanzbranche zur Geltung kommen lassen. Dann wäre nicht nur den Unis geholfen, sondern direkt auch den sog. PIIGS-Staaten.

    liefert den wirtschaftlichen beduerfnissen passend

    • A_Loser
    • 03. Oktober 2012 15:49 Uhr

    Auf jeden Fall sollten wir keine Eliteförderung betreiben, weil dann gibt es Menschen, die den anderen davon galoppieren und das ist für eine Gesellschaft nicht gut!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • junge7
    • 03. Oktober 2012 16:33 Uhr

    Eine Gesellschaft setzt sich doch aus einem bunten Haufen zusammen. Es gibt nun mal Menschen, die zu bestimmten Bereichen des Lebens mehr zu sagen haben als andere - und diesen also davongaloppieren. Das ist bei Tieren nicht anders: der erste Hund läuft schneller als der zweite.

    Sorgt man durch bewusstes Ignorieren individueller Begabungen dafür, dass alle Individuen auf einem Niveau gehalten werden, unterbindet man nicht nur die Entwicklung einer Gesellschaft, sondern missachtet auch den Vorteil, dass alle voneinander profitieren können.
    Wobei ich ihnen recht gebe (ich nehme an, in diese Richtung blickten sie): Bildung und Privilegien müssen zu einem allgemeinen Vorteil gereichen und dürfen nicht durch eine wissende Gruppe von anderen abgeschottet werden.

    • S0T86
    • 03. Oktober 2012 15:51 Uhr

    Es ist ja auch kein Wunder, dass eine patriarchale, rückwärtsgewandte Partei wie die CDU/CSU die Chancengleichheit in der Bildung systematisch nicht erstrebt, sondern unfaire und veraltete Strukturen wie die Hauptschule und eine radikale undurchlässigkeit des Bildungssystems aufrechterhält.

    Merkel kann keine gebildeten Bürger gebrauchen, sonst fliegt ihre ganze Show auf.

    6 Leserempfehlungen
  4. Fehlende finanzielle Sicherheit ist einer der Hauptgründe für die untersten Schichten nicht zu studieren. Das ist mein größtes Problem und das von tausenden anderen Studenten, das Geld.

    Eine der Hauptaufgaben eines Staates ist die Bildung, dass kommt gleich nach Straßen bauen und ser weit vor Banken retten. Und wo sind den bitte die privatwirtschaftlich finanzierten Stipendien für mittellose?

    Wer kein Geld hat, muss während dem Studium arbeiten, darunter leiden die Noten und Zeit für soziales Engagement belibt auch wenig. Und damit kommen viele dann schon garnicht mehr für ein Stipendium infrage.

    Weitere Stipendien für die, die eh schon Geld haben, braucht es nicht. Es braucht Förderung in der Breite für die, die es benötigen. Dafür haben wir schon ein gutes Instrument, Bafög, einfach die Sätze und den Förderungsradius erhöhen. Und natürlich einmal Geld an die Hochschulen, das man seinen leeren Kaffeebecher mit dem Wasser das durch die Decke tropft wieder auffüllen kann, ist zwar praktisch, aber keine dieser Leistungen die Deutshcland zur Bildungsrepubik macht, dass ist einfach nur peinlich für ein so wohlhabendes Land wie unseres.

    Vielleicht sollten wir Studenten aber auch einfach nur die Land- und Kreistage besetzen, dann haben wir wenigstens trockene Räume und Sitzplätze. Sollen sich die Politiker halt in Hörsäale setzen in denen es im Sommer an üftung , im Winter an Heizung und das ganze Jahr über an Sitzplätzen fehlt.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie wollen sie erfolgreich studieren wenn sie nicht einmal meinen Kommentar verstehen?

    Ihrem entnehme ich nämlich, dass wir grundsätzlich keine gegensätzliche Meinung haben.

    Btw: Geld verdirbt den Charakter. Ich habe während meines Studiums immer gearbeitet, sowohl während des Semsters als auch in den Ferien. Hätte mir sonst weder das Studium, noch das notwendige Gras dazu verdienen können.

    Ach ja: Bologna und das verschulte Studium sind m.E. der Sargnagel für das, was man gemeinhin unter "Bildung" versteht.

    • DDave
    • 03. Oktober 2012 16:08 Uhr

    Ich glaube nicht, dass es den Politikern an Sitzplätzen mangelt in den Hörsäalen.
    Dazu muss man einfach nur mal schauen, mit wie vielen Abgeordneten das Meldegesetz verabschiedet wurde.
    Waren es wirklich ganze 50 anwesende Abgeordnete?

    • Chali
    • 03. Oktober 2012 15:53 Uhr

    "Zen oder die Kunst. ein Motorrad zu warten"

    Eine Universität ist keine Ansammlung von Gebäuden. Auch ist Universität kein Betrieb zur Entrichterung von Lehrstoff.

    Man sollte sich eben fragen, was "Bildung" eigentlich sein soll.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service