Verfrühter AprilscherzSorry, Sie sind zu akademisch

Eine Volkshochschule bietet am 1.4.2013 den Kurs "De-Qualifizierung für Akademiker" an. Das ist als Aprilscherz gemeint. Nur versteht den nicht jeder. von 

Die Kursbeschreibung klingt so absurd, dass sie sich eigentlich niemand ausgedacht haben kann. "Ein akademischer Abschluss oder gar eine Promotion kann beim Zugang zu bestimmten Berufen, beispielsweise Bauhelfer, eine große Einstellungshürde sein." So steht es schwarz auf weiß im Programmheft der Kreisvolkshochschule Osterode. Angeboten wird der Kurs angeblich vom örtlichen Jobcenter.

Weiter heißt es: "In diesem Kurs versuchen wir, durch Erlernen eines zielgruppenspezifischen Vokabulars, angepasste Kleidung und gezielte Verhaltensänderung auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern wieder echte Männer zu machen." Ein entsprechender Kurs für Frauen sei in Vorbereitung.

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Gibt's das? Ein Angebot, das verweichlichte Akademiker nach Jahren des Bücherwälzens wieder das Anpacken lehrt?

Ein verfrühter Aprilscherz

Viele konnten sich das durchaus vorstellen. Der Freitag berichtete in seiner Onlineausgabe, man habe nicht schlecht gestaunt, als eine Leserin die Redaktion auf den Kurs aufmerksam machte – und das Angebot zunächst für einen "schlechten Scherz" hielt. Eine "kurze Überprüfung" habe aber ergeben, dass es den Kurs "anscheinend doch" gebe. Ein freier Journalist bot ZEIT ONLINE in einer E-Mail an, den Kurs einem Praxischeck zu unterziehen und selbst die Metamorphose vom Akademiker zum Bauarbeiter durchzumachen. Dazu kamen unzählige Reaktionen auf Facebook und Twitter. Ein User kommentierte: "Witzig, aber nicht nur."

Aber natürlich gibt es den Kurs nicht. Wer genau hinsah, konnte es ahnen: Kursbeginn 01.04.2013 – ein Aprilscherz, wie er im Buche steht. Medien, Autoren und das Social Web mussten ihren Spott schnell revidieren. Der Freitag schrieb in einem Update: "Da der Kurs angeblich am ersten April 2013 starten soll, kann es sich auch um einen verfrühten (und böswilligen) Aprilscherz handeln." Der freie Autor schrieb 20 Minuten später, er müsse seinen Themenvorschlag leider wieder zurückziehen.

Leserkommentare
  1. Sie beschreiben mit Ironie eine Problematik von Arbeitslosen(Akademiker,Facharbeiter), den eine gezielte Umschulung(die zu einem qualifizierten neunen Berufsabschluß führt) mit Perspektive in einen neuen Beruf tätig zu werden verweigert wird (Altersdiskriminierung, zu hohe berufliche Qualifikation).

  2. so extrem absurd sind, - Mal-und Bastelkurse zur Selbstfindung, Schminkkurse fürs bessere Aussehen, Gesundheitstage für arbeitslose Frauen, speziell die Menstruation etc. - hätte ich das wahrscheinlich auch geglaubt.

    Vor einigen Jahren gab es einen Aprilscherz der Redaktion unserer regionalen Zeitung. Dort war zu lesen, dass die Verkehrsbetriebe des Öffentlichen Nahverkehrs die Einführung einer dritten Klasse planen. Diese sollte mit eng stehenden, einfachen Holzbänken ohne Lehnen ausgestattet sein. Diese Maßnahme solle auch sozial Schwachen die Teilnahme am ÖPNV ermöglichen. Die Tickets sollten nur ein Drittel der zweiten Klasse kosten. Vorbestellungen unter Tel.12345.

    Ich musste lachen, als ich am nächsten Tag las, dass sich viele Menschen unter der angegebenen Tel.-Nr. gemeldet hatten und Tickets vorbestellen wollten.

    Heute würde ich nicht mehr lachen. Ich würde das glauben.
    Und wirklich unwahrscheinlich wäre das heutzutage mit dem Maß an sozialer Apartheit und dem Grad der Menschenverachtung auch gar nicht mehr.

    • Ascag
    • 26. Oktober 2012 17:13 Uhr

    Wie bei jedem guten Scherz liegt die Wirkung darin, daß eine unbequeme Wahrheit satirisch aufgegriffen wurde. Dieser Scherz hat einen wunden Punkt getroffen.

    Erst gestern war hier auf den Seiten der ZEIT ein Leserartikel unter den meistgeklickten und -kommentierten. Es ging um einen Mathematiker, der sich beklagte, daß ihn in der freien Wirtschaft niemand haben will.

    Ich habe während meines Wechsels vom akademischen in die Wirtschaft ebenfalls die Erfahrung gemacht, daß zwischen diesen zwei Welten ein himmelweiter Unterschied besteht. Mein Professor hat mir eingetrichtert: "Machen Sie auf jeden Fall den Doktor! Ohne Doktor und ordentliche Publikationsliste hat man heutzutage keine Chance mehr!" Dabei sprach er explizit nicht von einer akademischen Karriere, sondern er dachte an die freie Wirtschaft.

    Außerhalb des Elfenbeinturms wurde ich bisher nie mehr nach meiner Publikationsliste gefragt, und habe die Beobachtung gemacht, daß der Dr. viel weniger wert ist, und immer wertloser wird. Und zwar nicht Bauhelferjobs, sondern hochqualifizierte Arbeit in der IT-Branche.

    Ich kenne manche Firmen, da muss man sich inzwischen sogar im Vorstellungsgespräch rechtfertigen, warum man seine wertvolle Lebenszeit ausgerechnet mit einer Promotion verplempert hat. Wenn man manche Geschichten von völlig verkopften Akademikern hört, die meinen weil sie einen Dr. haben damit automatisch die Besten sind, und im Praxisalltag komplett scheitern, dann kann ich dies durchaus verstehen.

  3. ..würde ohnehin wiederum eine neue geistige Elite herausbilden, was der Sache zuwider sein würde.

  4. als am 14. März 2003 G. Schröder die Agenda 2010 verkündet wurde, dachte ich auch in 14 Tagen ist 1. April, passt scho.
    Es kam anders.
    Wer den Artikel gleich als Ironie erkannt hat, ist mit dem Jobcenter noch nicht in Berührung gekommen.

    • Zuckerl
    • 26. Oktober 2012 17:42 Uhr

    So ein Blödsinn dass dieser Kurs ein Aprilscherz sein soll. Er ist eingetragen, in einem Heft publiziert worden und fertig. Die Meldung das sei ein Aprilscherz soll nur den Shitstorm der über jene hereinbrechen wird aufhalten.

  5. An den naturwissenschaftlichen Instituten arbeiten bei uns viele studierte und auch z.T. promovierte Frauen als Helferinnen.
    Den Job gibt es nämlich auch in Teilzeit.
    Männer tun dies nicht, auch wenn sie Kinder haben. So sieht das aus, der promovierte Herr möchte alles oder nichts, die promovierte Dame schaut aufs Überleben.
    Am Ende hat der Herr alles oder nichts und die Dame macht unterbezahlt einfachere Tätigkeiten oder schlimmstenfalls das gleiche wie der Herr aber eben für die Hälfte.
    Und der Herr bei dem es nicht klappt, jammert über die Ungerechtigkeit der Welt.

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    weil andere sich freiwillig für sklavenarbeit hergeben, sind die, die so etwas ablehnen, natürlich übermäßig anspruchsvoll.

    manche menschen sind halt noch keiner hühner, die sich freiwillig zur schlachtbank führen lassen.

    Die Dame, die fuer die Haelfte arbeitet jammert auch ueber die Ungerechtigkeit der Welt - und ueber die Maenner, bei denen es "alles" geworden ist.

    Sie beschreiben eine Situation, in der hochqualifizierte Menschen vor der Wahl stehen ausgebeutet zu werden (unter 40 ist das beinahe für jeden Unimitarbeiter der Fall) und vielleicht mit viel Glück eine Ausbeuterstelle zu ergattern, oder gleich einen Gang runterzuschalten (Teilzeit, ohne Chance auf Aufstieg), oder sich sozusagen zu verweigern (die "garnicht"Methode). Und Sie finden das nicht ungerecht? Lässt tief blicken.

  6. Da sind die Arbeitsagenuren wohl doch schon weiter. Erst kürzlich widerfuhr einem mir bekannten Bibliothekar - nach 20 Jahren in diesem Beruf stellungslos geworden - folgendes: Er sollte mit Ungelernten, Eisenflechtern und Kopfschlächtern ect. ( nichts gegen diese soliden Handwerksberufe !)durch einen 3-monatigen Bewerberkurs gejagt werden, wo der promovierte (sic) und arbeitslose Bibliothekar nach Auffasung der Arbeitagenur hätte lernen sollen, wie Lebenslauf und Bewerbungen abzufassen sind. Erst die Einschaltung eines Rechtsanwalts und die Drohung, die Medien hierüber zu informiern, konnten die Agentur für Arbeit von ihrem schändlichen Treiben abbringen. De-Qualifizierung findet längst schon statt. Grüsse aus Absurdistan

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    Es macht durchaus Sinn, dass auch Akademiker solche Trainings besuchen. In solchen Trainings gibt es durchaus gutes Personal, welches Schwächen in der Eigenpräsentation erkennen und durchaus die Qualität der Bewerbung heben kann. Sei es, dass man einen Stil verwendet, der etwas aus der Mode gekommen ist und beim Personaler gleich in der Rundablage landet oder halt auch das Thema Vorstellungsgespräch. Gerade die Bücherwürmer verkaufen sich dort gerne unter Wert. Wer so etwas blockiert, der schneidet sich ins eigene Fleisch.

    Was die anderen, mehr oder weniger sinnvollen, Trainings betrifft: Der Hauptgrund für diese Trainings ist es, die immer häufiger gewordene, Schwarzarbeit zu unterbinden. Gerade viele Handwerker kassieren die Stütze, lassen sich darüber krankenverischern und kassieren (auch durch den Wegfall der Sozialabgaben) ein Gehalt, welches locker über einer regulären Festanstellung liegen kann. Wenn die aber halt in solchen Trainings rumlungern müssen, können die auch nicht schwarzarbeiten.

    Schröder hat mit Hartz IV dass geschafft, was vorher nur Adolf Hitler geschafft hatte: Es hat den Gegensatz zwischen dem Kleinbürgertum und den Proletariat aufgehoben. Jeder anhängig beschäftigte kann dank Hartz IV jetzt ganz nach unten fallen. Selbst gute Rücklagen sind schnell aufgezehrt, wenn kein qualifizierter Arbeitsplatz folgt. Daher ist die Überheblichkeit gegenüber den Eisenflechtern und Co. völlig unangebracht.

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