Leserartikel

Prima Praktika"Für ein Start-up arbeitet man nicht, man lebt dafür"

Unternehmensgründung auf kalifornisch: Die Mitarbeiter arbeiten, wohnen und leben zusammen. Leserin Annika Neujahr war Praktikantin in einem Start-up in Silicon Valley.

Leserin Annika Neujahr und das Team von Fair Observer

Leserin Annika Neujahr und das Team von Fair Observer

Wenige Wochen nach meinem Vorstellungsgespräch landete ich in Kalifornien, saß mit meinen künftigen Kollegen im Sitzkreis auf dem Teppich und aß mit ihnen um Mitternacht indisches Dal. Gleich an meinem ersten Arbeitstag traf ich den deutschen Botschafter in San Francisco. Ich konnte nicht fassen, dass ich als Praktikantin mitdurfte, sogar sollte. Und das auch noch mit meinem Jetlag.

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So begann mein fünfmonatiges Praktikum in der Redaktion des Medien-Start-ups Fair Observer. Das Unternehmen ist eine Crowdsourcing-Plattform: Jeder, der etwas erlebt hat und berichten möchte, kann einen Artikel für die Website schreiben. Man muss kein ausgebildeter Journalist dafür sein, die einzige Voraussetzung ist, dass der Artikel eine tiefgründige Analyse bietet.

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Ich hatte die Aufgabe des Content Coordinator, auch liebevoll "Master of the Editorial Calendar" genannt. Jede Woche habe ich mit den Redakteuren der Website auf der ganzen Welt geskypt und Fortschritte, Themen und Ideen besprochen. Ich habe neue Mitarbeiter gesucht und eingearbeitet, Artikel redigiert und online gestellt. Am meisten Spaß hat es mir aber gemacht, selbst Artikel zu schreiben.

Mit über zehn Leuten unter einem Dach wohnen und arbeiten

Das Praktikum war alles andere als ein Nine-to-five-Job. Für ein Start-up arbeitet man nicht, man lebt dafür. Jeder einzelne war voll in das Start-up-Leben integriert. Gründer, Mitarbeiter und Praktikanten wohnten in einem kleinen Apartment in Sunnyvale, im Herzen von Silicon Valley, wo einem auch Mark Zuckerberg über den Weg laufen kann. Obwohl viele erfolgreiche Unternehmer dort unterwegs sind, trägt niemand einen Anzug – es gilt das Motto: je erfolgreicher, desto unauffälliger.

In meiner Praktikumszeit verdreifachte sich das Team und nach zwei Monaten zogen wir in ein Haus in der Nähe von San Francisco, das wir "Fair Observer Mansion" tauften. Dadurch war der Umgang ganz anders als in einer großen, etablierten Firma.

Chefs darf man auch mal kritisieren

Jede Meinung hat Gehör gefunden, und es wurde auch öfter mal das komplette Konzept der Gründer umgeworfen, wenn jemand eine bessere Idee hatte. Im Team herrschte eine lockere Atmosphäre, wir lachten viel, machten Witze, zogen einander auf. Diejenigen, die am meisten Spaß verstanden, waren die Gründer.

Doch das war nur die eine Seite: Manchmal haben wir bis in die Nacht an Präsentationen gearbeitet. In einem Start-up muss man richtig mit anpacken. Das bedeutet auch viel Stress und Verantwortung. Ich hatte oft das Gefühl, dass wenn ich es nicht mache, macht es kein anderer. Freizeit und auch meine Gesundheit habe ich in der Zeit hintenangestellt.

In diesem Ausmaß würde ich das wahrscheinlich nicht mehr machen. Ich habe viel über meine persönlichen Grenzen erfahren und musste lernen, nein zu sagen. Dafür habe ich bei Fair Observer sehr viel mehr Erfahrungen gesammelt, als es mir in einem großen Unternehmen möglich gewesen wäre.

 
Leserkommentare
  1. ist es, wenn man sein gesamtes Privatleben für ein paar Jahre Start-up opfert, dieses Start-up sehr erfolgreich wird - Überstunden nicht existieren (normal bei einem Start-up Unternehmen, auch in Deutschland!) und der/die Firmeninhaber dann dieses Start-up an einen großen Global Player verschachert, der den Laden dann im Anschluß dicht macht, da er nur einen lästigen Konkurrenten loswerden wollte! (Und ggf. die Kundenkartei übernehmen will...)

  2. Ja, das ist echt ein großes Problem in der Startup-Welt. Die Gründer von Fair Observer suchen auch nach einem Angel Investor, mit dem sie selbst gut auskommen, und möchten ungerne das Steuer an einen Venture Capitalist übergeben. Deswegen haben sie es auch schwer, einen Investoren zu finden - an das Konzept glaubt eigentlich jeder, der davon hört.

    Ich weiß nicht wie frustrierend das ist, wenn man da wirklich Jahre reingesteckt hat, aber für mich war von Anfang an klar, auch wenn es die Firma nicht schafft, habe ich zumindest die Erfahrung, die mir bleibt.

  3. 19. Visum

    Hey Annika, danke für den Artikel. ;)

    Darf man fragen, wie du an die Position gekommen bist? Über ein Online-job-board, oder wie ging das?

    Und muss für einen Praktikanten auch ein Visum gesponsert werden, oder nur für Festangestellte. Falls ja, wie hat das Startup ohne Funding dein Visum finanziert?

    Besten Dank!

  4. Ich habe eine Ausschreibung auf der Jobseite meiner Uni gesehen und mich darauf beworben. Von meiner Uni sind auch noch ein paar andere dabei.

    Ich glaube wenn man arbeitet, braucht man ein Visum, wahrscheinlich auch, wenn man kein Einkommen hat. Da ich aber eh länger als 3 Monate bleiben wollte, brauchte ich sowieso eins. Ich hab mein Visum selbst bezahlt.

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