Leserartikel

Prima Praktika"Für ein Start-up arbeitet man nicht, man lebt dafür"

Unternehmensgründung auf kalifornisch: Die Mitarbeiter arbeiten, wohnen und leben zusammen. Leserin Annika Neujahr war Praktikantin in einem Start-up in Silicon Valley. von 

Leserin Annika Neujahr und das Team von Fair Observer

Leserin Annika Neujahr und das Team von Fair Observer  |  © Annika Neujahr

Wenige Wochen nach meinem Vorstellungsgespräch landete ich in Kalifornien, saß mit meinen künftigen Kollegen im Sitzkreis auf dem Teppich und aß mit ihnen um Mitternacht indisches Dal. Gleich an meinem ersten Arbeitstag traf ich den deutschen Botschafter in San Francisco. Ich konnte nicht fassen, dass ich als Praktikantin mitdurfte, sogar sollte. Und das auch noch mit meinem Jetlag.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

So begann mein fünfmonatiges Praktikum in der Redaktion des Medien-Start-ups Fair Observer. Das Unternehmen ist eine Crowdsourcing-Plattform: Jeder, der etwas erlebt hat und berichten möchte, kann einen Artikel für die Website schreiben. Man muss kein ausgebildeter Journalist dafür sein, die einzige Voraussetzung ist, dass der Artikel eine tiefgründige Analyse bietet.

Anzeige

Ich hatte die Aufgabe des Content Coordinator, auch liebevoll "Master of the Editorial Calendar" genannt. Jede Woche habe ich mit den Redakteuren der Website auf der ganzen Welt geskypt und Fortschritte, Themen und Ideen besprochen. Ich habe neue Mitarbeiter gesucht und eingearbeitet, Artikel redigiert und online gestellt. Am meisten Spaß hat es mir aber gemacht, selbst Artikel zu schreiben.

Mit über zehn Leuten unter einem Dach wohnen und arbeiten

Das Praktikum war alles andere als ein Nine-to-five-Job. Für ein Start-up arbeitet man nicht, man lebt dafür. Jeder einzelne war voll in das Start-up-Leben integriert. Gründer, Mitarbeiter und Praktikanten wohnten in einem kleinen Apartment in Sunnyvale, im Herzen von Silicon Valley, wo einem auch Mark Zuckerberg über den Weg laufen kann. Obwohl viele erfolgreiche Unternehmer dort unterwegs sind, trägt niemand einen Anzug – es gilt das Motto: je erfolgreicher, desto unauffälliger.

In meiner Praktikumszeit verdreifachte sich das Team und nach zwei Monaten zogen wir in ein Haus in der Nähe von San Francisco, das wir "Fair Observer Mansion" tauften. Dadurch war der Umgang ganz anders als in einer großen, etablierten Firma.

Chefs darf man auch mal kritisieren

Jede Meinung hat Gehör gefunden, und es wurde auch öfter mal das komplette Konzept der Gründer umgeworfen, wenn jemand eine bessere Idee hatte. Im Team herrschte eine lockere Atmosphäre, wir lachten viel, machten Witze, zogen einander auf. Diejenigen, die am meisten Spaß verstanden, waren die Gründer.

Doch das war nur die eine Seite: Manchmal haben wir bis in die Nacht an Präsentationen gearbeitet. In einem Start-up muss man richtig mit anpacken. Das bedeutet auch viel Stress und Verantwortung. Ich hatte oft das Gefühl, dass wenn ich es nicht mache, macht es kein anderer. Freizeit und auch meine Gesundheit habe ich in der Zeit hintenangestellt.

In diesem Ausmaß würde ich das wahrscheinlich nicht mehr machen. Ich habe viel über meine persönlichen Grenzen erfahren und musste lernen, nein zu sagen. Dafür habe ich bei Fair Observer sehr viel mehr Erfahrungen gesammelt, als es mir in einem großen Unternehmen möglich gewesen wäre.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Annikaa
    • 02. November 2012 15:57 Uhr

    Wenn Internetseiten Artikel auf mehrere Seiten aufteilen, können sie prüfen, wieviele Leute auf Seite 2 klicken zB. Das Ergebnis, dass nicht viele weiterklicken, gilt sicher nicht nur für Leserartikel.

    Ich denke auch, dass man mit mehr Zeichen und mehr Freiheit auch mehr interessante Dinge hervorheben könnte, wie zB funding. Aber wenn andere Internetseiten dass alles perfektioniert hätten, bräuchten wir ja Fair Observer überhaupt nicht. Deswegen gibt es ja die Seite, für diejenigen, die tiefgründige Analysen suchen. Dafür bieten andere Seiten eben andere Dinge.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wawerka
    • 02. November 2012 16:09 Uhr

    ...denn zum einen bietet ja grade die "Zeit" an, einen langen Artikel auf einer Seite lesen zu können und zum zweiten mag es grade die Unterteilung auf mehrere Seiten sein, die den Leser vom Weiterlesen abhält, nicht die Qualität oder die Länge der Ausführungen an sich. Wenn ich unterwegs mit meinem Smartphone Online-Artikel lese, mag ich nicht alle naslang die nächste Seite laden, d.h. wenn ich die erste Seite geladen habe und dann feststelle, dass ich die nächsten 3 Seiten jeweils neu laden muss, lese ich den Artikel ggf. erst gar nicht.

    • Annikaa
    • 02. November 2012 16:04 Uhr

    Wow, 7 Jahre im Startup ist schon heftig, das verdient Respekt. Je mehr Praktikanten mit der Zeit gekommen sind, desto mehr Freizeit habe ich mir auch genommen, da wir öfter Ausflüge zusammen gemacht haben. Am Anfang in Sunnyvale war ich aber teilweise die einzige Praktikantin, deswegen auch das Gefühl, wenn ich's nicht mache, macht's niemand).

    Es war trotzdem eine super Zeit, aber ich hätte mir zumindest frei nehmen sollen, als ich krank geworden bin. Die Sinusitis habe ich noch ein halbes Jahr später mit mir herumgeschleppt, weil ich mich nicht auskuriert habe. Aber wie gesagt ist das meine eigene Schuld. Einige andere Praktikanten haben es besser geschafft mitzuteilen, wieviele Aufgaben zu viel sind:)

    Antwort auf "kurz und buendig"
    • wawerka
    • 02. November 2012 16:09 Uhr

    ...denn zum einen bietet ja grade die "Zeit" an, einen langen Artikel auf einer Seite lesen zu können und zum zweiten mag es grade die Unterteilung auf mehrere Seiten sein, die den Leser vom Weiterlesen abhält, nicht die Qualität oder die Länge der Ausführungen an sich. Wenn ich unterwegs mit meinem Smartphone Online-Artikel lese, mag ich nicht alle naslang die nächste Seite laden, d.h. wenn ich die erste Seite geladen habe und dann feststelle, dass ich die nächsten 3 Seiten jeweils neu laden muss, lese ich den Artikel ggf. erst gar nicht.

    Antwort auf "Zur Zeichenbegrenzung"
    • WolfHai
    • 02. November 2012 16:54 Uhr

    Ich mag mich irren, aber ich vermute, dass deutsche Arbeitszeitregelungen und andere Gesetze zum Schutz von Arbeitnehmern und zum Schutz von vielen anderen Dingen eine solche Arbeitsumgebung nicht zulassen.

    Das kostet dann nicht nur den Fortschritt, den diese Startups produzieren, es lässt auch die Begeisterung derjenigen, die an so etwas teilnehmen dürfen, wie hier die Autorin, gar nicht aufkommen. Wirtschaftliche Regulierungen kosten nicht nur wirtschaftliche messbare Produktivität, sondern es bremst Lebensenergie und vermindert Lebensfreude.

    Vor vielen Jahren erzählte mir ein Freund, ein damals junger, begeisterter Ingenieur, der für Siemens irgend etwas entwickelte, dass sie ihn am Wochenende nicht an seinen Arbeitsplatz ließen, wo er liebend gern an seinem Projekt gearbeitet hätte, weil sonst die Gewerbeaufsicht (oder so etwas der Art) eine Strafe verhängen würde. Er fand das absurd - aber jedenfalls freute sich seine Freundin, dass er mal zu Hause war.

    • Keiner
    • 02. November 2012 18:15 Uhr

    Die Seite hier wird von google analytics getrackt.
    Dann wird standardmäßig die Verweildauer des Users auf der Seite gemessen worden sein. Nun hat man offenbar festgestellt, dass bei Begrenzung der Zeichen die Verweildauer höher ist.
    Alternativ könnte man auch noch bestimmte Ereignisse eines Users tracken, z.B. ob eine bestimmte Stelle im Text beim Scrollen auch erreicht (sichtbar) wird. Damit die nicht zu falschen Ergebnissen führt, nur weil schnell mal runtergescrollt wurde, könnte man dieses Ereignis zeitlich verknüpfen und so mit einer relativen Genauigkeit prognostizieren, dass ein User die Seite gelesen haben könnte und nicht nur runtergescrollt hat.

    Man hat also offenbar mal entschieden: wir begrenezen die Zeichen und siehe da: die User bleiben länger, die Kommentare nehmen zu.

  1. - da sind lange Arbeitsstunden - auch am Wochenende - nichts Neues.

    Es ist schade, dass so eine junge Person immer noch wie die alten denkt. "Nein, egal ob meine Arbeit mir Spaß macht, ich will noch Zeit um fern zu sehen haben." Oder was auch immer.

    Komischerweise habe ich gestern in Der Zeit einen kurzen Artikel gelesen, in dem die Autorin geschrieben hat, dass sie so viel Spaß an der Arbeit hat, dass sie es nicht als etwas Schlimmes sieht, wenn sie etwas in ihrer Freizeit auf dem Lande schreibt.

    Ja, ich bin dafür, dass man auch Hobbies und Interessen hat. Aber wenn man Spaß bei der ARbeit hat, warum dann auch nicht etwas länger dafür arbeiten.

    Als ich mit dem Unterrichten angefangen habe, musste ich verdammt viel arbeiten. Mein Wochenende fing um 16 Uhr am Sonntag an. Und dauerte bis Montag Morgen. Aber da habe ich viel Erfahrung und Geld erworben.

    Als ich mit dem Übersetzen angefangen habe, habe ich manchmal wochenlang ununterbrochen gearbeitet. Das heißt, dass ich manchmal nur ein freies Wochenende im Monat hatte. Wiederum hat mich das viel Erfahrung gebracht und auch einen guten Ruf. Nach 10 Jahren kann ich nun meine Aufträge einigermassen aussuchen.

    Aber das so eine junge Person wie eine Beamtin denkt.. das ist nun wirklich schade.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Annikaa
    • 04. November 2012 17:53 Uhr

    ich weiß nicht woher dein hartes Urteil (und mMn deine Vorurteile) kommt. Ich habe mehr über die positiven Aspekte berichtet als über negative.

    Es ist außerdem ein Unterschied, ob ich mir meine Arbeit selbst einteilen kann und dabei "viel Geld erwerbe", oder ob ich ein unbezahltes Praktikum im Ausland mache, wo ich vllt auch mal etwas anschauen sollte, anstatt von früh bis spät vor dem PC zu sitzen.

    Und woher du die Sache mit dem fern sehen hast, weiß ich auch nicht. Wir hatten nicht einmal einen angeschlossenen Fernseher in unserem Haus.

    • Annikaa
    • 04. November 2012 17:53 Uhr
    15. Nina,

    ich weiß nicht woher dein hartes Urteil (und mMn deine Vorurteile) kommt. Ich habe mehr über die positiven Aspekte berichtet als über negative.

    Es ist außerdem ein Unterschied, ob ich mir meine Arbeit selbst einteilen kann und dabei "viel Geld erwerbe", oder ob ich ein unbezahltes Praktikum im Ausland mache, wo ich vllt auch mal etwas anschauen sollte, anstatt von früh bis spät vor dem PC zu sitzen.

    Und woher du die Sache mit dem fern sehen hast, weiß ich auch nicht. Wir hatten nicht einmal einen angeschlossenen Fernseher in unserem Haus.

  2. Liebe Frau Pfisterer,

    wenn ich Ihnen folge, dann sollten also alle Artikel am besten nur 3000 Zeichen lang sein, nicht nur die Leserartikel. Das sorgt dafür, dass sie zu Ende gelesen werden, und das scheint die Variable zu sein, mit der sie "hat sich bewährt" operationalisieren. Dass Inhalte zu kurz kommen, scheint Ihnen hingegen keiner Berücksichtigung wert.

    Antwort auf "Zeichenbegrenzung"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Prima Praktika
  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Crowdsourcing | Atmosphäre | Freizeit | Gesundheit | Master | Praktikum
Service