ZEIT ONLINE: Herr Storr, was haben Sie heute zu Mittag gegessen?

Martin Storr: Nur zwei Äpfel, eine richtige Mittagspause lässt mein Terminplan selten zu. Optimal ist das aber nicht. Das uralte Sprichwort "morgens esse wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettler" hat seinen Sinn: Tagsüber braucht das Gehirn viel Energie, am Abend nicht. Wer zu wenig isst, kann auch nichts leisten – weder körperlich noch geistig.

ZEIT ONLINE: Wie genau beeinflusst Essen unsere Gehirnleistung?

Storr: Stellen sie sich das Gehirn wie ein Auto vor: Damit es fährt, müssen alle Bestandteile intakt und funktionstüchtig sein. So ist es auch beim Gehirn: Die Nervenzellen benötigen Omega-3-Fettsäuren – zum Beispiel aus Fisch, Rapsöl oder Nüssen – um gesund und stabil zu bleiben. Außerdem braucht ein Auto ausreichend Treibstoff, um längere Strecken zu fahren. Auch unser Gehirn arbeitet nur, wenn es Energie bekommt – es muss konstant mit Zucker versorgt sein.

ZEIT ONLINE: Um die Konzentration während der Vorlesung oder einer Lernphase aufrechtzuerhalten, sollte man also möglichst viel Süßes essen?

Storr: Nein, das macht erstens dick und hat zweitens auch nicht den gewünschten Effekt. Süßigkeiten wie Schokolade oder Bonbons steigern zwar kurzfristig die Gehirnleistung, aber dieser Boost hält höchstens 20 Minuten an. Danach fällt man in ein Tal und denkt eher langsamer als vorher.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das?

Storr: Süßigkeiten enthalten einfache Zuckermoleküle wie Glucose oder Fructose. Sie gelangen über das Blut ins Gehirn und werden dort direkt in Energie umgewandelt. Dem Gehirn steht also auf einmal eine große Menge Energie zur Verfügung, wir bekommen einen Kick und fühlen uns wach und leistungsfähig. Aber nur kurz, denn die Energie ist auch schnell wieder verbraucht. So kommt es zu starken Blutzuckerschwankungen, unser Gehirn wechselt ständig zwischen Vollgas und Bremsen. Wenn längere Lernphasen oder ganztägige Prüfungen anstehen, sollte man lieber stärkehaltige Nahrungsmittel wie Kartoffeln oder Reis zu sich nehmen.

ZEIT ONLINE: Stärke ist also besser für unser Gehirn als Zucker?

Storr: Stärke gehört genau wie Zucker zu den Kohlenhydraten. Beide setzen sich aus aneinander geketteten Kohlen- und Wasserstoffatomen zusammen. Der Unterschied ist, dass Stärke aus komplexeren und längeren Ketten besteht als Glucose und Fructose. Der Körper muss sie also erst schrittweise zu Glucose abbauen. Sie gelangt also nur peu à peu ins Gehirn und unser Blutzuckerspiegel bleibt auf einem konstant stabilen Niveau.

ZEIT ONLINE: Während Klausuren kann man aber nicht eben mal Kartoffeln kochen gehen. Was kann man stattdessen als Snack zwischendurch essen?

Storr: Obst. Das enthält zwar auch schnelle Energielieferanten wie Fructose, aber auch komplexere Zucker. Das heißt, man bekommt erst einen Zuckerkick, fällt danach aber nicht in ein Loch. Außerdem sind in Früchten zusätzlich Vitamine enthalten, die das Gehirn für den Stoffwechsel braucht.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Vitaminkapseln?

Storr: Sie sind überflüssig, wenn man sich ausgewogen ernährt. In Deutschland haben wir eine breite Auswahl an gesunden Nahrungsmitteln, die uns alle Vitamine liefern, die wir brauchen. Die meisten von uns müssen sich also keine Sorgen um ihren Vitaminhaushalt machen. 

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Nahrungsmittel, die dem Gehirn schaden?

Storr: Alkohol kann auf Dauer großen Schaden im Gehirn anrichten. Es tötet Nervenzellen ab und das beeinträchtigt langfristig die Denkleistung.

ZEIT ONLINE: Damit machen Sie viele Studenten sehr unglücklich.

Storr: Gegen ein Glas Wein ab und zu ist absolut nichts einzuwenden – ich bin der letzte, der Genuss verteufeln will. Ich bin sogar der Meinung, dass Genuss und Lebensglück wichtig für das Gehirn und unsere Denkleistung sind. Und wenn dazu hin und wieder ein bisschen Alkohol oder ein Stück Schokolade gehört, ist dagegen nichts einzuwenden.