Studentenfutter"Ich bin der letzte, der Genuss verteufeln will"

Wir sind nur so konzentriert, wie unsere Ernährung es zulässt. Der Mediziner Martin Storr sagt, was das Gehirn braucht – und warum ein Glas Wein ab und zu nicht schadet. von 

ZEIT ONLINE: Herr Storr, was haben Sie heute zu Mittag gegessen?

Martin Storr: Nur zwei Äpfel, eine richtige Mittagspause lässt mein Terminplan selten zu. Optimal ist das aber nicht. Das uralte Sprichwort "morgens esse wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettler" hat seinen Sinn: Tagsüber braucht das Gehirn viel Energie, am Abend nicht. Wer zu wenig isst, kann auch nichts leisten – weder körperlich noch geistig.

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ZEIT ONLINE: Wie genau beeinflusst Essen unsere Gehirnleistung?

Storr: Stellen sie sich das Gehirn wie ein Auto vor: Damit es fährt, müssen alle Bestandteile intakt und funktionstüchtig sein. So ist es auch beim Gehirn: Die Nervenzellen benötigen Omega-3-Fettsäuren – zum Beispiel aus Fisch, Rapsöl oder Nüssen – um gesund und stabil zu bleiben. Außerdem braucht ein Auto ausreichend Treibstoff, um längere Strecken zu fahren. Auch unser Gehirn arbeitet nur, wenn es Energie bekommt – es muss konstant mit Zucker versorgt sein.

Martin Storr
Martin Storr

Martin Storr ist Leiter der Arbeitsgruppe Neurogastroenterologie der Medizinischen Klinik der Universität München. Neurogastroenterologie befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Magen-Darm-Trakt und Nervensystem.

ZEIT ONLINE: Um die Konzentration während der Vorlesung oder einer Lernphase aufrechtzuerhalten, sollte man also möglichst viel Süßes essen?

Storr: Nein, das macht erstens dick und hat zweitens auch nicht den gewünschten Effekt. Süßigkeiten wie Schokolade oder Bonbons steigern zwar kurzfristig die Gehirnleistung, aber dieser Boost hält höchstens 20 Minuten an. Danach fällt man in ein Tal und denkt eher langsamer als vorher.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das?

Storr: Süßigkeiten enthalten einfache Zuckermoleküle wie Glucose oder Fructose. Sie gelangen über das Blut ins Gehirn und werden dort direkt in Energie umgewandelt. Dem Gehirn steht also auf einmal eine große Menge Energie zur Verfügung, wir bekommen einen Kick und fühlen uns wach und leistungsfähig. Aber nur kurz, denn die Energie ist auch schnell wieder verbraucht. So kommt es zu starken Blutzuckerschwankungen, unser Gehirn wechselt ständig zwischen Vollgas und Bremsen. Wenn längere Lernphasen oder ganztägige Prüfungen anstehen, sollte man lieber stärkehaltige Nahrungsmittel wie Kartoffeln oder Reis zu sich nehmen.

Konzentrationsschwäche: Was schadet?

Schokolade, Bonbons und Softdrinks enthalten große Mengen an kurzkettigen Zuckerarten wie Glucose und Fructose. Diese kann das Gehirn einfach aufnehmen und direkt in Energie umwandeln. Wer Süßigkeiten isst, führt seinem Körper also kurzfristig eine große Menge an schnell verwertbarer Energie zu. Die Konzentration erhält einen Schub, der allerdings höchstens 20 Minuten anhält. Danach sinkt der Blutzuckerspiegel rapide ab und man fühlt sich müder als zuvor.

Auch mit fettem Essen tut man seinem Gehirn keinen Gefallen. Da die Verdauung von Fett viel Energie verbraucht, ist man nach schweren Mahlzeiten zunächst müde und unkonzentriert. 

Wer Kaffee trinkt, führt seinem Körper Coffein zu. Dieser Stoff wirkt anregend auf unser Gehirn, weil er die müdigkeitsfördernde Wirkung des Botenstoffes Adenosin hemmt und unsere Nervenzellen aktiv hält. Kaffee fördert außerdem die Ausschüttung des Hormons Adrenalin, das ebenfalls unsere Leistungsfähigkeit erhöht. Allerdings putscht Koffein - ähnlich wie Zucker - nur kurzfristig auf.

Was hilft?

Stärkehaltige Nahrungsmittel wie Kartoffeln, Reis und Roggen halten den Blutzuckerspiegel auf einem stabilen Niveau. Stärke ist ein komplexes Kohlenhydrat, das der Körper erst allmählich in Glucose aufgespalten wird. Diese gelangt also nur häppchenweise ins Gehirn. Das hilft, über längere Zeiträume konzentriert und aufmerksam zu bleiben.

Obst eignet sich als Snack in Lernphasen, da es neben kurzkettigen Zuckern wie Fructose auch komplexere Kohlenhydrate enthält. Nach dem kurzzeitigen Wacheffekt fällt das Gehirn also nicht in ein Tal, sondern wird weiter mit Energie versorgt. Zudem enthält Obst Vitamine, die für fast alle Stoffwechselvorgänge benötigt werden und das Gehirn gesund halten.

Omega-3-Fettsäuren und Omega-6-Fettsäuren sind der Hauptbestandteil der Myelinschicht, die unsere Nervenfasern umgibt. Diese Schicht ermöglicht es, dass Reize und Informationen schnell von Nervenzelle zu Nervenzelle geleitet werden können. Enthalten sind diese Fettsäuren zum Beispiel in Fisch, Leinsamen, Rapsöl und Nüssen.
 

ZEIT ONLINE: Stärke ist also besser für unser Gehirn als Zucker?

Storr: Stärke gehört genau wie Zucker zu den Kohlenhydraten. Beide setzen sich aus aneinander geketteten Kohlen- und Wasserstoffatomen zusammen. Der Unterschied ist, dass Stärke aus komplexeren und längeren Ketten besteht als Glucose und Fructose. Der Körper muss sie also erst schrittweise zu Glucose abbauen. Sie gelangt also nur peu à peu ins Gehirn und unser Blutzuckerspiegel bleibt auf einem konstant stabilen Niveau.

ZEIT ONLINE: Während Klausuren kann man aber nicht eben mal Kartoffeln kochen gehen. Was kann man stattdessen als Snack zwischendurch essen?

Storr: Obst. Das enthält zwar auch schnelle Energielieferanten wie Fructose, aber auch komplexere Zucker. Das heißt, man bekommt erst einen Zuckerkick, fällt danach aber nicht in ein Loch. Außerdem sind in Früchten zusätzlich Vitamine enthalten, die das Gehirn für den Stoffwechsel braucht.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Vitaminkapseln?

Storr: Sie sind überflüssig, wenn man sich ausgewogen ernährt. In Deutschland haben wir eine breite Auswahl an gesunden Nahrungsmitteln, die uns alle Vitamine liefern, die wir brauchen. Die meisten von uns müssen sich also keine Sorgen um ihren Vitaminhaushalt machen. 

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Nahrungsmittel, die dem Gehirn schaden?

Storr: Alkohol kann auf Dauer großen Schaden im Gehirn anrichten. Es tötet Nervenzellen ab und das beeinträchtigt langfristig die Denkleistung.

ZEIT ONLINE: Damit machen Sie viele Studenten sehr unglücklich.

Storr: Gegen ein Glas Wein ab und zu ist absolut nichts einzuwenden – ich bin der letzte, der Genuss verteufeln will. Ich bin sogar der Meinung, dass Genuss und Lebensglück wichtig für das Gehirn und unsere Denkleistung sind. Und wenn dazu hin und wieder ein bisschen Alkohol oder ein Stück Schokolade gehört, ist dagegen nichts einzuwenden.

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Leserkommentare
  1. Franzosen, Spanier und Italiener frühstücken fast gar nichts, und essen sehr spät und üppig zu Abend. Sind die alle fetter und kränker als wir?

    Mir kommen solche "Experten" nicht in die Küche, die treiben eh immer neue Säue durchs Dorf. Ich bleibe dabei: ich frühstücke nicht, weil ich erst Mittags Hunger habe.

    Und mein Sohn darf essen, was, wann und wie viel er möchte. Denn Kinder sind die wahren Ernährungsexperten, einfach aus dem Instinkt heraus. Wenn man sie nur lässt.

    • 2eco
    • 09. November 2012 11:32 Uhr

    "Süßigkeiten wie Schokolade oder Bonbons steigern zwar kurzfristig die Gehirnleistung, aber dieser Boost hält höchstens 20 Minuten an. Danach fällt man in ein Tal und denkt eher langsamer als vorher."

    Dagegen gibt es einen ganz einfachen Trick. Nicht nur einmal Schokolade essen sondern nach und nach weiter naschen ;-) Hat bis jetzt immer gut funktioniert.

    Eine Leserempfehlung
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    • ezoo
    • 09. November 2012 19:00 Uhr
    • auk
    • 09. November 2012 11:45 Uhr

    Erklären Sie dann doch einmal, warum dann so viele Kinder und Jugendliche dick oder zumindest pummelig sind. Für diese Feststellung braucht man keine Statistiken, man muss sich nur auf der Straße umschauen.
    Werden diese Kinder zu Fritiertem als Mittagessen, zu Kinderriegel als Pausensnack gezwungen? Nein, man "lässt sie" das essen. Und genau das ist das Problem. Wenn unser Appetit so intelligent wäre, wie gerne behauptet wird, wären in unserer gutversorgten Gesellschaft ja alle optimal ernährt.

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    • Kurwa
    • 09. November 2012 12:27 Uhr

    Als wir klein waren, gab´s auch Süßigkeiten oder "Dickmacher".

    Der Grund, warum Kinder heutzutage dicker und dicker werden, liegt an der technischen Innovation.

    Früher haben wir immer auf einem Spielplatz gespielt, sind wir da rumgelaufen, Fußball gespielt etc.

    Heute sind die meisten Kinder nur noch mit PC, Smartphones, Filmen und virtuellen Tätigkeiten beschäftigt.

    Ich esse als Student und als "Jeden-Tag-Jogge" jeden Tag Gummibärchen oder wenn eine Tüte Chips vorhanden ist, dann esse ich die ganze Tüte auf.

    Mir geht es trotzdem wunderbar. Außerdem brate ich auch jeden Tag Kartoffeln, Möhren etc..

    Werde ich dadurch dick?

    Nö..Ich nehme zu. Durch Laufen und Krafttraining nimmt meine Muskelmasse zu.

    Lieber alles essen und damit verantworlich umgehen.

    Man lebt nur einmal.

    "Erklären Sie dann doch einmal, warum dann so viele Kinder und Jugendliche dick oder zumindest pummelig sind."

    Erstens weil wir die Kinder zum Bewegungsmangel erziehen: Rumchauffieren, ständig "Sitz still" sagen etc. Jeses Kind hat von sich aus viel Bewegungsdrang, man muss es nur lassen.

    Zweitens weil wir ungesundes Essen überhöhnen: "Wenn du brav das Gemüse aufisst gibts auch Schokolade". Das Kind lernt: Gemüse ist ein zu überwindendes Übel, Schokolade das große erstrebenswerte Ziel.

    Ich habe gute Erfahrung damit gemacht, es Kindern ganz neutral freizustellen. Und das Richtige vorleben: viel Fuß und Fahrrad, und immer lecker Knabbergemüse auf dem Tisch. Die nehmen sich schon, was gut ist.

  2. Die ist auch meiner Ansicht nach irrelevant. Dass jedoch Kohlenhydrate überflüssig seien halte ich für falsch. Dass die Inuit nahezu ohne auskommen, ist eine Anpassung an extreme Lebensbedingungen, die zeigt, dass der menschliche Körper sehr anpassungfähig ist und mit unterschiedlichster Nahrung überlebensfähig.

    Es gibt auf der Welt nahezu alle Varianten: Fast nur tierisches Eiweiß wie bei den Inuit aber auch Gegenden etwa in Indien, in denen menschen rein vegetarisch leben.

    Modische Radikaldiäten halte ich für den größten Humbug überhaupt.

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    aber eine spezielle Form dieser sog. modischen Radikaldiät wird auch medizinisch bei Epilepsiekranken mit Erfolg eingesetzt.

    Dass Eskimos an fast KH-lose Kost angepasst seien sollen und Andere nicht, halte ich für falsch. Viele sog. "Natur"völker haben sich traditionell KH-arm ernährt. Ganz einfach, weil kein Nahrungsmittelanbau betrieben wurde und die Jagd Vorrang hatte. Von Wurzeln, Nüssen usw. mal abgesehen.

    Der Mensch betreibt erst seit der Jungsteinzeit Ackerbau. Wenn sie schon "Anpassung", also Evolution als Argument anbringen, denke ich eher, dass sich der Mensch in dieser doch sehr kurzen Zeit noch nicht an KH-reiche Kost angepasst hat.

    Ach ja. Nicht unbedingt immer der Weisheit letzter Schluss, aber Wiki meint:

    "Kohlenhydrate gelten nicht als essentiell, da der Körper sie in der Gluconeogenese unter Energieaufwand aus anderen Nahrungsbestandteilen wie Proteinen und Glycerin selbst herstellen kann. "

    Siehe

    http://de.wikipedia.org/w...

    • redon
    • 09. November 2012 15:11 Uhr

    essen traditionell tatsächlich überwiegend tierisch, hauptsächlich kommen die Kalorien aber aus Fett, nicht Eiweiß. Die Bevorzugung von magerem Fleisch ist eine moderne Erscheinung der unbegründeten Angst vor Fett.

  3. Immerhin scheint der Experte die Frage nach dem Hackbraten kurzerhand zu ignorieren - sehr berechtigt, ist sie doch ein bisschen zu suggestiv gestellt.

    Antwort auf "Experte?"
  4. Redaktion

    Entschuldigen Sie, unser System hat die Hackbraten-Antwort leider aufgegessen. Wir reichen sie nach, sofern es sie wieder ausgespuckt hat. Und nun: Guten Appetit allerseits!

    • Kurwa
    • 09. November 2012 12:27 Uhr

    Als wir klein waren, gab´s auch Süßigkeiten oder "Dickmacher".

    Der Grund, warum Kinder heutzutage dicker und dicker werden, liegt an der technischen Innovation.

    Früher haben wir immer auf einem Spielplatz gespielt, sind wir da rumgelaufen, Fußball gespielt etc.

    Heute sind die meisten Kinder nur noch mit PC, Smartphones, Filmen und virtuellen Tätigkeiten beschäftigt.

    Ich esse als Student und als "Jeden-Tag-Jogge" jeden Tag Gummibärchen oder wenn eine Tüte Chips vorhanden ist, dann esse ich die ganze Tüte auf.

    Mir geht es trotzdem wunderbar. Außerdem brate ich auch jeden Tag Kartoffeln, Möhren etc..

    Werde ich dadurch dick?

    Nö..Ich nehme zu. Durch Laufen und Krafttraining nimmt meine Muskelmasse zu.

    Lieber alles essen und damit verantworlich umgehen.

    Man lebt nur einmal.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... die Tüte hat ja auch kaum Kalorien ;-)

    Aber stimmt, so wie Sie sehe ich das auch.

    dass Kinder und Jugendliche mehr an die frische Luft zum sporteln sollen, statt stundenlang vor der Konsole zu hocken, habe ich vor einigen Tagen noch virtuelle Prügel bezogen. In dem Artikel ging es um den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen.

    Wer draußen rummrennt (in jeder erdenklichen Art und Weise, egal ob bolzend, joggend oder radelnd) - isst in dieser Zeit nichts, verbrennt Energie und pusht den Sauerstoffgehalt im Blut - der, das dürfte unser Experte aus dem Artikel ja auch wissen - mindestens ebenso wichtig für Wachheit und Konzentration sein dürfte wie das richtige Essen zur richtigen Zeit. Achja...die Lichtmenge spielt auch eine Rolle, ob wir schlapp und müde (und unkonzentriert) sind - und davon gibts zu jeder Zeit draußen am meisten. Habe doch vorhin erst so einen Artikel hier auf ZEIT gelesen...

    Das Problem dürfte also ziemlich vielschichtig sein und nicht nur etwas mit "der richtigen" Ernährung zu tun haben.

    Noch in den 50ern wurde für möglichst hohen Zuckerkonsum geworben - um schlank zu bleiben! :

    http://www.youtube.com/wa...

    So ändern sich die Zeiten...

  5. Es wundert mich, dass diese klassische Mischung aus Nüssen und Rosinen im Artikel nicht erwähnt wird. Es handelt sich nämlich hierbei um einen gesunden Snack, der die Denkleistung anregt: Nüsse sid wichtige Lieferanten von B-Vitaminen, Rosinen liefern den Zucker und durch das Kauen wird ebenfalls das Gehirntätigkeit angeregt.

    Also, nich lang schnacken, Nüsse knacken.:))

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alkohol | Energie | Gehirn | Nahrungsmittel | Auto | Fisch
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