Duftforschung : "Wenn der Prüfer stinkt, kann die Konzentration leiden"

Gerüche beeinflussen uns oft stärker, als wir uns bewusst machen. Der Duftforscher Hanns Hatt erklärt, wie Zitronenduft und Käsefüße auf unsere Leistung wirken können.

ZEIT ONLINE: Herr Hatt, Sie erforschen, wie Gerüche unsere Gefühle und Gedanken beeinflussen. Gibt es Aromen, mit denen wir uns für Lernphasen und Klausuren dopen können?

Hanns Hatt: "Dopen" würde ich es nicht nennen, aber bestimmte Düfte können durchaus die Gehirnaktivität und Aufmerksamkeit steigern. Das hat allerdings nichts mit ihrem Geruch zu tun, sondern mit spezifischen Duftmolekülen, die sie enthalten. Diese gelangen beim Atmen über unsere Lunge ins Blut und werden von dort aus ins Gehirn transportiert. Sie wirken auf Rezeptoren in den Aktivitätszentren im Gehirn – und das macht uns wacher. Klassische Beispiele für anregende Aromen sind etwa Minze, Rosmarin und Zitrone.

ZEIT ONLINE: Und Kaffeeduft?

Hatt: Nein, dass wir von Kaffeeduft wach werden ist reine Konditionierung: Wenn Sie morgens Kaffee trinken, mach das Koffein Sie wach. Wenn sie das regelmäßig wiederholen, merkt sich Ihr Gehirn den Zusammenhang zwischen Kaffeeduft und wach werden. Danach ist es wie beim Pawlowschen Hund, der bereits beim Glockenklang zu speicheln beginnt, obwohl überhaupt kein Futter kommt. Auf Teetrinker hätte Kaffee allerdings keinen belebenden Effekt.

ZEIT ONLINE: Man kann seine Nase also auf bestimmte Gerüche konditionieren?

Hatt: Ja, das kann ich für lange Prüfungen oder Lernphasen nur empfehlen. Ich habe ein Parfum, das ich mir immer dann auf den Ärmel sprühe, wenn ich besonders konzentriert arbeiten muss. Ich nutze dieses Parfum nur für diesen Zweck. Meine Nase weiß also: Das ist mein Aufmerksamkeitsduft. Immer wenn meine Aktivität nachlässt, rieche ich an meinem Ärmel und werde wieder konzentrierter. Dafür ist es im Grunde unerheblich, was für ein Duft es ist – Hauptsache man selbst koppelt ihn mit Lern- oder Arbeitsphasen.

ZEIT ONLINE: Viele Menschen empfinden starke Parfums eher als störende Ablenkung.

Hatt: Man sollte mit intensiven Düften vorsichtig sein. Die Nase ist unser empfindlichstes Sinnesorgan. Zu starke Gerüche sprechen den Nervus trigeminus an. Das ist der Schmerz- und Warnnerv in unserem Gesicht, der bei hohen Duftkonzentrationen Kopfschmerzen und Übelkeit hervorruft. Das hat allerdings auch nichts mit den Gerüchen an sich zu tun. Es ist ein Schutzmechanismus des Warnnervs, der dem Körper sagt: Was hier in der Luft liegt, könnte gefährlich sein – sei vorsichtig. Dieses Warnsignal lenkt uns ab. Das ist natürlich kontraproduktiv, wenn wir uns auf etwas konzentrieren möchten.

Hanns Hatt

Hanns Hatt ist Professor für Zellphysiologie an der Universität Bochum und erforscht die Wirkung von Düften auf den menschlichen Körper.

ZEIT ONLINE: Angenommen ich sitze in einer mündlichen Prüfung und mag den Körpergeruch des Prüfers nicht – kann sich das auf meine Leistung auswirken?

Hatt: Mit Sicherheit. Wenn der Prüfer stinkt, kann auch die Konzentration leiden. Gerüche haben eine große Macht auf unsere Stimmungen und Gefühle, weil sie eng mit Erinnerungen verknüpft sind. Wenn der Prüfer das gleiche Rasierwasser verwendet, wie der gehasste Exfreund, ruft das unschöne Erinnerungen an die alte Geschichte wach. Diese wiederum beeinflussen die Stimmung und dementsprechend auch die Leistungsfähigkeit – dafür müssen wir den Geruch nicht einmal bewusst wahrnehmen.

ZEIT ONLINE: Welchen Einfluss haben "echte" Körpergerüche wie Schweiß oder Mundgeruch auf unsere Konzentration?

Hatt : In erster Linie rufen sie Ekel hervor, und der kann – je nachdem wie stark er ausfällt – ablenkend wirken. Es gibt außerdem Studien, die belegen, dass der Angstschweiß von anderen uns beeinträchtigen kann. Wenn der Sitznachbar in der Klausur aufgrund von starkem Stress schwitzt, kann dieser Angstduft bei uns unterbewusst Mitgefühl auslösen und unsere Leistungsfähigkeit blockieren.

ZEIT ONLINE: Welche Düfte hemmen unsere Konzentration?

Hatt: Aromen wie Melisse, Lavendel oder Thymian haben eine beruhigende Wirkung, machen uns also eher müde als aufmerksam. Auch das liegt an Duftmolekülen, die über die Atmung in unser Blut gelangen und dann im Schlafzentrum des Gehirns wirken. Meine Mitarbeiter und ich haben einen jasminähnlichen Duftstoff entdeckt , der eine ähnliche Wirkung hervorruft wie Valium, also sedierend und angstlösend.

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Flammenblume ruft Erinnerungen wach

Meine Großeltern hatten eine Unmenge von Flammenblumen (Phlox) im Garten und Vorgarten, die einen sehr intensiven Geruch ausströmen.

Wenn ich heute Phlox irgendwo rieche, dann werden nicht nur ganz lebendige Erinnerungen an meine Großeltern wach, sondern ich nehme auch Gerüche wahr, die aktuell gar nicht da sind, sondern in Kombination mit Phlox in meiner Kindheit auftraten: Der Geruch der frisch gebügelten Schürze meiner Großmutter, aufgebrühter Kaffee, der Geruch der Seife im Bad und der Duftjasmin, dessen Geruch bei geöffnetem Fenster ins Haus strömte.

Das alles läuft sozusagen "automatisiert" ab.

Bingo

Ich litt 4 Jahre lang unter einem stinkenden Mathelehrer. Das hat mir die Materie eine Zeit lang gründlich verleidet, und es brauchte ein Jahr mit einem neuen, gepflegten Lehrer, um den Spaß wiederzufinden. Wenn ich zu dem ersten an die Tafel musste und er sich annäherte, um was zu erklären, versank ich mit der Nase mehr oder weniger diskret in ein extra zu diesem Zweck angezogenes Halstuch. Ich finde olfaktorische Aufdringlichkeit (ich sage nur Sommer – U-Bahn, Leute, die sich an der oberen Stange festhalten und nicht ausreichend deodoriert sind, oder aber auch Parfumschleudern) äußerst rücksichtslos.