LernforschungTipps, die das Lernen leichter machen

Vor dem Einschlafen lernen wir effektiver, Aufgeschriebenes behält man besser – heißt es. Stimmt das? Psychiater Manfred Spitzer erklärt, wie wir Dinge wirklich behalten. von 

Studieren heißt oft, komplizierte Dinge in den Kopf zu kriegen. Jeder hat da seine eigene Technik. Ein bisschen haben die Eltern dazu beigetragen, ein bisschen hat man selbst herausgefunden. Außerdem hört und liest man ja allerlei von Experten: Zum Beispiel, dass man am besten vor dem Einschlafen lernen soll. Oder dass Handgeschriebenes sich eher im Kopf festsetzt als Getipptes. Was stimmt davon?

Wir haben die gängigsten Lernstrategien gesammelt, und legen sie einem vor, der sich seit Jahren mit den komplizierten Abläufen in unserem Kopf beschäftigt: Dem Psychiater Manfred Spitzer, der das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm leitet.

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These: "Vor dem Einschlafen ist das Gehirn besonders aufnahmefähig"

Manfred Spitzer: Das stimmt. Der Lernprozess endet nicht, sobald man das Buch zuklappt, sondern geht in der Nacht weiter . Wenn wir uns eine bestimmte Information langfristig merken wollen, muss sie vom Hippocampus – einer Art Zwischenspeicher – in die Großhirnrinde gelangen. Das passiert erst im Schlaf: In der Tiefschlafphase lädt sich das Gehirn zwischengespeicherte Informationen aus dem Hippocampus herunter und verarbeitet diese dann während der REM-Phase. Das Gehirn wechselt also ständig zwischen "downloaden" und "speichern" ab.

Allerdings setzt es auch Prioritäten: Lernen wir beispielsweise Vokabeln auswendig und haben anschließend ein dramatisches, emotionales Erlebnis, festigt sich in der darauffolgenden Nacht dieses Erlebnis – nicht aber die Vokabeln. Denn im Gedächtnis landen eher die Informationen, die mit stärkeren Emotionen verknüpft sind. Wenn man gleich nach der Lernphase schlafen geht, kann dazwischen nichts mehr passieren, das das Gehirn als "wichtiger" einstuft.

These:"Bewegung hilft beim Lernen"

Spitzer: Sport hat positive Effekte auf das Gehirn. Beim Ausdauersport wachsen zum Beispiel Nervenzellen im Hippocampus nach – dieser Zusammenhang wurde zumindest für Mäuse schon nachgewiesen . Zudem wird beim Sport vermehrt Tryptophan aus dem Blut ins Gehirn transportiert und dort in Serotonin umgewandelt. Serotonin ist ein Botenstoff, der unsere Stimmung heben und damit auch die Leistungsfähigkeit steigern kann.

Sport ist also einerseits gut für die Infrastruktur, die das Lernen ermöglicht. Andererseits kann Bewegung auch den Lerneffekt selbst steigern: Wer einen abstrakten Zusammenhang mit einer dazu passenden körperlichen Bewegung verknüpft, sorgt dafür, dass dieser sich im Gehirn besser festsetzt. Wenn man einem Kleinkind das Bild von einer Tasse zeigt, kann es sich hinterher schlechter an deren Form erinnern, als wenn es sie anfasst und ihre Konturen mit den Fingern nachvollzieht. Ebenso ist es bei Erwachsenen: Wir sollten beim Lernen unseren Körper einsetzen, um etwas zu begreifen und verinnerlichen zu können.

Manfred Spitzer
Manfred Spitzer

Manfred Spitzer ist Professor der Psychiatrie an der Universität Ulm und leitet das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) des Psychiatrischen Universitätsklinikums in Ulm. Im August erschien sein Buch Digitale Demenz, das sich mit den negativen Auswirkungen digitaler Medien auf das Lernen befasst.

These:"In letzter Sekunde lernt man schneller, als drei Wochen vor der Prüfung"

Spitzer: Es liegt in der Natur des Menschen, das Hier und Jetzt wichtiger zu nehmen als zukünftige Probleme. Man muss Kindern erst beibringen, dass sie länger für etwas arbeiten müssen, um ein Erfolgserlebnis zu haben: Wer Geige spielen können möchte, muss anstrengende Übungsstunden in Kauf nehmen. Wer gut in Sport sein will, muss trainieren. Wenn das Kind das lernt, bilden sich zwischen dem Frontallappen – der zum Beispiel für längerfristige Planungen zuständig ist – und anderen Gehirnregionen Verknüpfungen. Diese Verknüpfungen sind die Basis für Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin.

Bei Menschen, die dieses Durchhaltevermögen nicht trainiert haben, sind die Verknüpfungen eher schwach ausgeprägt. Diese Menschen brauchen immer einen aktuellen Impulsgeber, um etwas zu leisten. Es mag sein, dass sie die Klausur trotz Last-Minute-Lernen bestehen. Allerdings werden sie wahrscheinlich weniger Erfolg im Leben haben: Sie richten sich immer nur nach aktuellen Zwängen und können nicht auf ein Ziel in der Zukunft hinarbeiten. Sie sind Fähnlein im Wind, die immer nur das tun, was gerade ansteht. Die Bergspitze werden sie niemals erreichen, weil ihnen das Klettern 200 Meter vorher zu stressig wird.

Leserkommentare
    • ruiin
    • 29. November 2012 5:58 Uhr

    Ich traue dem Spitzer, seit seinem Buch und die Diskussion über den bösen Computer und das böse Internet, nicht mehr die Wissenschaftlichkeit zu, die seine Titel unterstreichen. Er hat sich in Diskussionen (im TV) grob unwissenschaftlich verhalten, er ist als Ideologe aufgetreten. Unter dem Aspekt sehe ich auch diesen Artikel.

    Ihm zugute halten will ich, dass er die Arbeit mit digitalen Medien im letzten Absatz "Was man aufschreibt, bleibt länger im Gedächtnis" nicht kategorisch ausschließt, sondern es tiefer erläutert. Ich kenne Professoren die unter diesem Argument, Laptops in ihren Vorlesungen verbieten. Doch deren Argumenten sind verkürzt: Wer, wie ich, mit dem Laptop schneller schreiben kann, als mit der Hand, ist klar im Vorteil. Er nimmt mehr auf in gleicher Zeit und vermeidet, wichtige Dinge unter den Tisch fallen zu lassen. Denn lernen sollte man nicht umbedingt in der Vorlesung, sondern genau dann, und genau wie man es am besten kann. Wo die Inhalte herkommen ist egal, solange man sich damit ausreichend beschäftigt.

  1. ...das hat Herr Spitzer so nicht gesagt, sondern Handschreiben vs. Copy-Paste.
    Und das ist ein riesiger Unterschied.

    Er hat aber den Rückschluss nahe gelegt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Handschrift (und da war auch der Kugelschreiber lange verpönt!) und Tastatur.

    Und den erlebe ich selber nicht.
    Es geht drum, sich mit einem Lernstoff zu beschäftigen.

    Antwort auf "da gab es"
  2. Also meine Erfahrung zeigt einfach das man Abends oder Nachts nur deshalb besser Lernen kann bzw. sich etwas Merken kann weil da Ruhe herrscht. Tagsüber ist meiner Meinung nach der Kopf einfach nicht voll da sondern mit Wäsche waschen, Einkaufen, Kochen und Staubsaugen beschäftigt. Abends kehrt eben dann die Ruhe ein, man weis das jeder andere auch daheim ist und bald ins Bett geht und somit ist man viel Konzentrierter.

    Zu den anderen Punkten muss ich sagen: Ist zumindest schon mal Greifbarer als der Mist den man sonst so Liest wie mit den Liegenden achtern.

    • De Rage
    • 29. November 2012 11:32 Uhr

    Dem Interview habe ich schon hinreichend viel entnehmen können, um –– neben durchaus interessanten Aspekten –– auch genug über das Weltbild von Herrn Spitzer zu erfahren. "Der Computer ist böse."

    Antwort auf "sehr interessant..."
    • bernd64
    • 29. November 2012 12:48 Uhr
    Antwort auf "Pauschalisierend"
  3. Hallo,

    ich finde diesen Artikel sehr hilfreich bezüglich der Lerntipps. Aus Erahrungen weiß ich, dass beim Lernen mit Emotionen der Stoff tatsächlich besser gefestigt wird. Dass alles, was man vor dem Schlafen gehen lernt, im Schlaf selbst gefestigt wird, hört man öfters. Nun weiß ich, dass es auch wirklich so ist. Was das Getippte angeht, finde ich, lässt es besser lernen! Es spart viel Zeit, da man alles schnell eintippen kann...diese Zeit kann man zum Lernen nutzen. Ich nutze da brainyoo. Das Programm ist kostenlos und beschleunigt das Lernen, da ich alles eintippen kann. Wer auch einmal reinschauen möchte: http://wie-kann-ich-lerne...

    Kann ich nur weiterempfehlen!

    MFG
    Dozen Freud

    • same
    • 19. Oktober 2013 13:24 Uhr

    Das schlecht definierte Ziel eines Wissensgewinns oder Erlernen einer Fähigkeit mit dem Bergsteigen zu vergleichen, ist unglücklich gewählt. Denn der Gipfel ist ein sehr klar umrissenes Ziel, motivierendes Ziel. Dafür braucht es keine hohe Selbstdisziplin über einen langen Zeitraum. Ausdauersport wäre da der geeignetere Vergleich.

    Das Power-Point-Argument teile ich nicht. Hier wird zu schnell geschlossen
    Ob tatsächlich das Schreiben per Hand dem per PC beim Lernen überlegen ist, könnte auch eine Frage der Sozialisation bzw. der Gewohnheiten sein oder auch in der Dauer der Verarbeitung liegen. Ich schreibe z. B. am PC wesentlich schneller, als handschriftlich. Es wäre interessant zu wissen, ob es da Korrelationen gibt.

    Gerade wenn ich an die Menge an zu verarbeiteten Informationen im Studium denke, ist das handschriftlich kaum zu bewältigen.

    • Zeigo
    • 03. Dezember 2014 10:05 Uhr

    Das ist ein sehr interessantes Interview, das nicht nur für Schüler und Studenten, sondern auch für Erwachsene in der Weiterbildung sehr hilfreich sein kann. Was ich mich im Hinblick aufs effektive Lernen im Hinblick auf das Umfeld frage: gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Lernerfolg und ruhiger Lernumgebung? Ich habe früher in der Bibliothek gesehen, dass am Eingang des Lesesaals gesehen, dass Ohropax Produkte im Münzbehälter gegen 1 Euro erhältlich waren, was mich schon erstaunt hat. Und die Stöpsel sind in der Tat gar nicht mal so teuer, wenn man hier auf http://www.gehoerschutz-v... die verschiedenen Ohropax Modelle ansieht.

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