Die erste Nacht seines Auslandssemesters verbrachte Paul Hildebrandt im Treppenhaus seiner Wohnung. Zusammen mit seinem Mitbewohner kauerte Hildebrandt unter den Stufen und wartete, bis die Sirene verstummte. Dann gingen sie zurück in ihre WG. "Willkommen in Be'er Sheva", sagte sein Mitbewohner. Hildebrandt hatte seinen ersten Raketenalarm überstanden.

Denn der 22-jährige Student aus Göttingen hat sich für sein fünftes Semester einen Ort ausgesucht, der sich beinahe als Kriegsgebiet bezeichnen lässt. Be'er Sheva liegt im Süden Israels , nur 40 Kilometer vom Gazastreifen entfernt; jenem schmalen Küstenstreifen, aus dem radikale Palästinenser seit Jahren Raketen feuern. Bis zu zehn Raketen gehen pro Woche auf die Region nieder. Doch davon wusste Paul vor seinem Austauschsemester nichts.

"Ich hatte keine Ahnung, dass der Süden Israels beschossen wird", sagt der Politik- und Ethnologiestudent. Heute gibt er zu: "Ich war naiv." Zwei Wochen nach dem ersten Alarm bekam Hildebrandt eine SMS. Die Vorlesungen fielen aus, stand darin, die Studenten sollten sich an einen sicheren Ort begeben.

Immer wieder reißt ihn der Alarm aus dem Schlaf

Hildebrandt saß zu dieser Zeit in der Uni-Bibliothek und lernte. "Ich wusste überhaupt nicht, was los ist“, erzählt er. Keiner an der Uni hatte ihm erklärt, was in solch einem Fall zu tun sei und niemand kümmerte sich um ihn. Also ging Hildebrandt nach Hause in seine WG und wartete. Was er nicht wusste: Das israelische Militär hatte kurz zuvor Ahmed al-Dschabari , den Militärchef der Hamas , exekutiert. Nun wartete ganz Be'er Sheva auf die Vergeltung.

Gegen 20 Uhr begann der Alarm, und alles war so wie beim ersten Mal: aus dem Zimmer rennen, sich unter der Treppe verstecken, warten. Kurz darauf hörte man, wie der Iron Dome, der Raketenschutzschild, das Geschoss abfing. Noch mehr als zehn Mal musste Hildebrandt in dieser Nacht auf den Flur flüchten. "Ich habe nie mehr als zwanzig Minuten geschlafen", erinnert sich der Student. Dann ging der Alarm erneut los. Nervös und ängstlich saß er bis zum Morgengrauen unter der Treppe. Dann beschloss Hildebrandt, die Stadt zu verlassen.

Kurz nach dem Beschuss geht es weiter, als sei nichts gewesen

19.000 Studenten besuchen die Universität in Be'er Sheva; jeder zehnte Einwohner in der Stadt ist Student. Als die Operation Säule der Verteidigung der israelischen Armee begann, floh jeder, der konnte, aus Be'er Sheva. Viele kamen bei Freunden oder Verwandten im Norden unter, einige ausländische Studenten wurden an einen anderen Standort der Uni evakuiert.

Hildebrandt fuhr stattdessen gemeinsam mit zwei anderen Deutschen nach Jerusalem . Wofür sie sonst keine Zeit hatten, wurde im Krieg nun möglich: Die drei Studenten spazierten durch die Altstadt, spielten Backgammon und frühstückten ausgiebig. Aber die Stimmung war gedrückt. Hildebrandt konnte die Nacht im Treppenflur nicht vergessen. "In meinem Kopf hat sich alles im Kreis gedreht", sagt er. "Ständig fragte ich mich: Was passiert jetzt? Wie geht es weiter?" Der Beschuss hatte Hildebrandt mitgenommen, und nur langsam wurde er die Angst, die er erfahren hatte, wieder los. Gemeinsam versuchten die drei Deutschen, das Geschehen aufzuarbeiten. Sie sprachen viel über das Erlebte, diskutierten über das Warum, die politische Zukunft. "Natürlich sind wir zu keinem Schluss gekommen. Aber es hat gutgetan, mit jemandem zu reden."

Knapp zehn Tage lang war die Universität geschlossen. Als sich am vergangenen Dienstag ein Waffenstillstand abzeichnete, kehrte Paul nach Be‘er Sheva heim; die meisten anderen Studenten kamen am Mittwoch. Die Angriffe liegen nicht lange zurück, doch schon jetzt erinnert an der Universität nichts mehr an den Ausnahmezustand: Studenten lümmeln auf dem Rasen, in der Cafeteria wird Cappuccino ausgeschenkt. Der Betrieb geht weiter, als sei nichts gewesen.

Trotz allem will Hildebrandt bleiben

"Es ist die Art der Israelis, mit dem Beschuss umzugehen", sagt Hildebrandt. "Es war ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert ist. Und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal." Auch der Göttinger Student hat sich nach dem Waffenstillstand schnell wieder eingewöhnt. Die erste Vorlesung fühlte sich für ihn nicht anders an als vor dem Krieg. "Auch eine Art von Integration", sagt Hildebrandt lächelnd.

Und obwohl der Frieden brüchig ist, möchte er sein Auslandssemester auf jeden Fall beenden. Denn so schlimm die Raketen auch waren, hat er trotzdem etwas aus der Erfahrung gelernt. "Als der Alarm losging, habe ich wenig an die Menschen in Gaza gedacht, sondern nur an mich", sagt er. Das habe ihn erschreckt, aber er könne die Furcht der Israelis auch besser nachvollziehen. Denn er hat die Angst nun selbst erlebt.