Auslandssemester in Israel"Ich habe nie mehr als zwanzig Minuten geschlafen"
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Kurz nach dem Beschuss geht es weiter, als sei nichts gewesen

Paul Hildebrandt in den Fluren der Universität von Be'er Sheva.

Paul Hildebrandt in den Fluren der Universität von Be'er Sheva.  |  © privat

19.000 Studenten besuchen die Universität in Be'er Sheva; jeder zehnte Einwohner in der Stadt ist Student. Als die Operation Säule der Verteidigung der israelischen Armee begann, floh jeder, der konnte, aus Be'er Sheva. Viele kamen bei Freunden oder Verwandten im Norden unter, einige ausländische Studenten wurden an einen anderen Standort der Uni evakuiert.

Hildebrandt fuhr stattdessen gemeinsam mit zwei anderen Deutschen nach Jerusalem . Wofür sie sonst keine Zeit hatten, wurde im Krieg nun möglich: Die drei Studenten spazierten durch die Altstadt, spielten Backgammon und frühstückten ausgiebig. Aber die Stimmung war gedrückt. Hildebrandt konnte die Nacht im Treppenflur nicht vergessen. "In meinem Kopf hat sich alles im Kreis gedreht", sagt er. "Ständig fragte ich mich: Was passiert jetzt? Wie geht es weiter?" Der Beschuss hatte Hildebrandt mitgenommen, und nur langsam wurde er die Angst, die er erfahren hatte, wieder los. Gemeinsam versuchten die drei Deutschen, das Geschehen aufzuarbeiten. Sie sprachen viel über das Erlebte, diskutierten über das Warum, die politische Zukunft. "Natürlich sind wir zu keinem Schluss gekommen. Aber es hat gutgetan, mit jemandem zu reden."

Knapp zehn Tage lang war die Universität geschlossen. Als sich am vergangenen Dienstag ein Waffenstillstand abzeichnete, kehrte Paul nach Be‘er Sheva heim; die meisten anderen Studenten kamen am Mittwoch. Die Angriffe liegen nicht lange zurück, doch schon jetzt erinnert an der Universität nichts mehr an den Ausnahmezustand: Studenten lümmeln auf dem Rasen, in der Cafeteria wird Cappuccino ausgeschenkt. Der Betrieb geht weiter, als sei nichts gewesen.

Trotz allem will Hildebrandt bleiben

"Es ist die Art der Israelis, mit dem Beschuss umzugehen", sagt Hildebrandt. "Es war ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert ist. Und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal." Auch der Göttinger Student hat sich nach dem Waffenstillstand schnell wieder eingewöhnt. Die erste Vorlesung fühlte sich für ihn nicht anders an als vor dem Krieg. "Auch eine Art von Integration", sagt Hildebrandt lächelnd.

Und obwohl der Frieden brüchig ist, möchte er sein Auslandssemester auf jeden Fall beenden. Denn so schlimm die Raketen auch waren, hat er trotzdem etwas aus der Erfahrung gelernt. "Als der Alarm losging, habe ich wenig an die Menschen in Gaza gedacht, sondern nur an mich", sagt er. Das habe ihn erschreckt, aber er könne die Furcht der Israelis auch besser nachvollziehen. Denn er hat die Angst nun selbst erlebt.  

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Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Beeindruckend und bedrückend zugleich, wass sie da schreiben.
    Einen Dank an Herrn Hildebrandt und Frau Rojkov für diesen Artikel.

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    reingefallen.

    Mich würde mal interessieren, an welcher UNI in Deutschland Herr Hildebrandt seine ersten vier Semester (zwei Jahre!) Politik studiert haben soll.

    p.s. Liebe Frau Rojkov, ich könnte Ihnen auch mal was erleben, was Sie dann schreiben können.

    wie es der zufall will kenne ich paul hildebrand persoenlich (hier unser blog aus dem ausland: blogsfromabroad.frederikschubdert.de) und die ersten zwei jahre hat er in goettingen studiert.

    daß es in Deutschland Politikstudenten im 5. Semester gibt, die nicht wissen was in Gaza bzw. Südisrael passiert...

    Der gute Mann sollte mal seine Studienfachwahl hinterfragen!

  2. ... von Gaza oder dem Westjordanland ?

    Etwas einseitig der Versuch der deutschen Heuchelei vor der UN heute etwas Wind in die Segel zu geben.

    Sind Raktenangriffe zu verurteilen - ganz klar ja !

    Nichts desto trotz ist Israel ein Besatzer, den weder UN Resolutionen noch internationales Recht interessiert. Wer mit Feuer spielt verbrennt sich eben auch.

    Das gilt für beide Seiten gleichermaßen !

    12 Leserempfehlungen
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    • towely
    • 30. November 2012 14:03 Uhr
  3. "Ich hatte keine Ahnung, dass der Süden Israels beschossen wird" ....
    kleiner Tipp: Studienwahl überdenken -> exmatrikulation -> reroll in einen anderen Studiengang

    "Ich habe nie mehr als zwanzig Minuten geschlafen"

    ... das glaube ich nicht! Selbst wenn Sie die Hand dafür ins Feuer legen.

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    • Spieler
    • 29. November 2012 17:37 Uhr

    Hier noch mal der Satz, den Sie auch zitieren, allerdings mit dem Satz davor dazu:

    Noch mehr als zehn Mal musste Hildebrandt in dieser Nacht auf den Flur flüchten. "Ich habe nie mehr als zwanzig Minuten geschlafen" (Zitat Ende)

    Was Hildebrandt meint und auch sagt, ist doch, dass er in dieser einen Nacht nie mehr als zwanzig Minuten geschlafen hat. Die Aussage halte ich ohne weiteres für glaubwürdig. Tatsächlich wundert es mich fast, dass er in dieser Nacht dann überhaupt geschlafen hat.

    So wie es in der Überschrift dar- bzw. herausgestellt wird, finde ich das Zitat aber auch irreführend, mit dem Ziel, Besucher der Seite dazu zu bringen den Artikel anzuschauen... das hat zumindest bei mir auch so funktioniert.

    Oder hatten Sie den Text schon gleich so verstanden und glauben dem Studenten trotzdem nicht? (Ich frage nur, weil ich den Satz, so wie er im Artikel untergebracht ist, eben selbst etwas irreführend fand, was nicht heißen soll, dass es Ihnen auch so gegangen sein muss.)

    ... lese ich meist die Überschriften und gehe dann direkt zu den Kommentaren.
    Die eigentlichen Artikel finde ich entweder obsolete oder tendenziös... lese diese also recht selten bis zum Ende.

    In den Kommentaren findet man wenigstens mehrere Meinungen und weiterführende Links.

    Zwischen "Ich habe NIE mehr als 20 minuten geschlaffen" und "ich habe [in dieser Nacht] NIE mehr als 20 minuten geschlaffen" ist erheblicher Unterschied.

    Im Kontext gelesen, meint er wahrscheinlich in der Nacht, wo die ganzen Beschüsse waren, hatte er zwischen den Bombenalarmen nicht länger als 20 Minuten geschlafen, bevor er wieder unter die Treppe musste.

  4. "Ich hatte keine Ahnung, dass der Süden Israels beschossen wird", sagt der Politik- und Ethnologiestudent.

    der ein fünftes! Semester in Israel machen will...

    Ich glaube dieser Herr Student Hildebrandt ist eine PR Erfindung.

    15 Leserempfehlungen
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    • karpo
    • 29. November 2012 14:50 Uhr

    Ja, es gibt ihn wirklich. Das weiß ich, weil er einer meiner Kommilitonen ist. Nein, er ist nicht auf den Kopf gefallen, auch wenn diese Aussage natürlich nicht gerade auf ein Politikstudium schließen lässt ;)

  5. reingefallen.

    Mich würde mal interessieren, an welcher UNI in Deutschland Herr Hildebrandt seine ersten vier Semester (zwei Jahre!) Politik studiert haben soll.

    p.s. Liebe Frau Rojkov, ich könnte Ihnen auch mal was erleben, was Sie dann schreiben können.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Danke!"
  6. Liebe ZEIT, guter Zeitpunkt gewählt um Mitgefühl für die Israelische Politik zu fördern. Erlauben Sie mir ein Quiz über den Gazastreifen zu empfehlen den ich bei Jewish Voice for Peace (Jüdische Stimmen für Frieden)gefunden habe. Also über das Stück Land das unmittelbar an Südisrael grenzt: http://newpol.org/node/711

    2 Leserempfehlungen
  7. 7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    3 Leserempfehlungen
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    Paul hildebrand ist tatsaechlich in israel. er ist ein Freund meines Bruders, studiert in Goettingen politik und ethnologie und sieht auch so aus wie auf dem bil. keine montage :0

    falls sie mir nicht glauben: hier der blog, den wir gemeinschaftlich fuehren: blogsfromabroad.frederikschubert.de einfach die kategorie (na was wohl) israel, Paul waehlen und sie werden staunen.

    • rsi99
    • 29. November 2012 13:21 Uhr

    kehren sicher eine ganze Menge unter den Teppich, wenn es ihrem Weltbild nicht genehm ist. Aber als Student, der nach Israel geht, sollte man eigentlich zuvor auch mal ausländische Medien gehört haben. Insofern kann ich die Verwunderung teilen, über die Naivität.

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