Horror-PraktikumWarum ich als Praktikant ein 100.000-Euro-Jobangebot ausschlug

BWL-Student Slaven hat ein Praktikum bei einer großen Investmentbank im Frankfurter Bankenviertel gemacht. Jetzt weiß er, warum in der Branche so manches schief läuft. von Julian Kirchherr

Ich weiß nicht genau, wie viele Bewerber es auf meinen Praktikumsplatz gab. Aber am Interviewtag waren außer mir noch neun andere Interessenten da. Ich dachte mir: Wenn die Nachfrage so groß ist, muss das Praktikum ja etwas taugen. Und während des Auswahlprozesses machte die Investmentbank auch einen sympathischen Eindruck. Deshalb hab ich mich sehr gefreut, als mir ein Angebot unterbreitet wurde. Ein solches Praktikum im Frankfurter Bankenviertel wollen viele BWL-Studenten ergattern.

Der erste Tag war aber schon komisch: Mein neuer Chef knallte mir ein Compliance-Handbuch auf den Tisch, 800 Seiten stark. "Das musst Du durcharbeiten." Compliance – Gesetzesvorgaben, ethische Kodizes – ist ja gerade im Nachgang der Finanzkrise ein wichtiges Thema geworden. Deshalb dachte ich, ich würde mich nun einige Stunden mit dem Buch auseinandersetzen. "Reichen dreißig Minuten?", fragte mein Chef. Ich schluckte. Wenn Banker sich in Gerichtsprozessen verteidigen mit "Ich habe das nicht besser gewusst", kann ich das jetzt ziemlich gut verstehen.

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Von Anfang an habe ich richtig viele Aufgaben bekommen und wirklich viel und lange gearbeitet. Eigentlich habe ich kein Problem mit langen Arbeitszeiten. Wer in eine Investmentbank geht, der weiß, dass das kein Nine-to-Five-Job ist. Aber meine Arbeitszeiten bei dieser Bank waren schlimmer als alles, was ich mir vorgestellt hatte: In der furchtbarsten Phase habe ich zehn Tage am Stück, inklusive Wochenende, durchgeackert. Jeden Tag 14 bis 18 Stunden. Am elften Tag war ich so platt, dass ich nachmittags vorm Computer eingenickt bin. Ich habe dann ganz klar gesagt, dass ich alle bin und nach Hause muss. An dem Tag bin ich um 22.00 Uhr gegangen. Und die Kollegen motzten nur: "Machst heute einen early leave , wie?"

Am Ende winkt ein 100.000-Euro-Jobangebot

Immerhin hat das Gehalt gestimmt. Pro Monat habe ich mehr als 3.500 Euro verdient. Mein Chef hat mein Gehalt am Ende des Monats immer so kommentiert: "Du bekommst diese Kohle von uns, Slaven. Du verdienst sie aber nicht." Ähnliche Sprüche habe ich mir auch von anderen Kollegen angehört. Die Atmosphäre in dieser Bank war wirklich vergiftet.

Einer der Analysten hat mir besonders Probleme bereitet. Er hat es richtig genossen, wenn er mir das Leben zur Hölle machen konnte: Wenn ihm seine Chefs morgens Arbeit gegeben haben, ist er immer erst spätabends zu mir gekommen, um mir die Arbeit aufzudrücken. Ihm habe ich viele Nachtschichten zu verdanken. An manchen Tagen bin ich erst um sechs Uhr morgens nach Hause gekommen.

Irgendwann ist mir der Geduldsfaden gerissen und ich habe den Analysten gefragt, was das soll. "Ich muss doch den ganzen Tag lang Dart spielen", hat er mich dann angegrinst. Wir hatten eine Dartscheibe im Büro. Als ich dann in der Human-Resources-Abteilung nachfragt habe, ob ich versetzt werden könne, hieß es nur: "Stell Dich nicht so an." Niemand in dieser Bank hat mich als Kollegen oder Mitarbeiter gesehen. Ich war nur eine Maschine, die so schnell wie möglich Arbeit wegschaffen sollte.

Was mich dann richtig überrascht hat: Zum Praktikumsende hat mir die Bank einen Job angeboten, obwohl ich wirklich mit niemandem klargekommen bin. "Glückwunsch", hieß es. "Du hast bis zum Schluss durchgehalten. Die letzten beiden Praktikanten haben abgebrochen." Ich hätte in meinem ersten Jahr bei dieser Bank – mit Boni – schon über 100.000 Euro verdient. Ich habe trotzdem abgelehnt. Und zwar sofort.

Aufgezeichnet von Julian Kirchherr

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Leserkommentare
  1. 65. Komisch

    Ein paar Schreiberlinge scheinen dem unbändigen Kapitalismus und der Ausbeutung positiv gegenüber gestimmt zu sein. Seltsam nur, dass sie hier, während der eigenen Arbeit unglaublich viele Kommentare schreiben können. Nix zu tun oder was? Oder sind das nur wieder theoretische Erfahrungswerte von langer Arbeitszeit und ausgebeutet werden? Scheint fast so.

  2. Was genau hat's wohl gebracht, das ich nicht auch erfahren habe, obwohl ich einen solchen Job nicht gemacht habe? ausser eventuell ein paar Kröten, die heute schon ausgegeben sind.

    Die Erfahrung, sich "durchbeissen zu müssen" ist mir zu pauschal - und die Erfahrung kann man auch woanders machen. Was bleibt also (ohne dass ich Ihren Weg schlecht machen möchte)?

    Antwort auf "Kein Neid"
  3. Für 100.000€ im Jahr psychische Schäden hinzunehmen ist nicht ratsam. Ich habe damals in London hingeschmissen und bin zurück nach Deutschland. Jetzt verdiene ich "nur" die Hälfte des genannten Betrags. Habe aber Mitarbeiter die gerne mal einen Umweg fahren und mich abholen, wenn der Wagen mal nicht anspringt. Und keiner sabotiert meinen Rechner oder versteckt Unterlagen vor dem Meeting. Es lohnt sich.

  4. Ich würde nur zu gern wissen, was Sie damit aussagen wollen...

    Oder war das nur ein Feststellung ohne Beitrag zur Diskussion?

    Antwort auf "Sic !"
  5. sich in einem Job komplett gesundheitlich zugrunde richten, eine ganz andere. Ich weiß nicht, was man ihm vorwerfen sollte: er hat das Praktikum unter wirklich miesen Bedingungen durchgehalten und wusste, dass es wohl keinen Deut besser wird, nur weil das Konto voller ist. Geld befriedigt einen am Anfang sicher sehr, das kenn ich nur allzugut. Aber wenn das Umfeld nicht stimmt und die Gesundheit leidet, dann tröstet der Blick auf den Gehaltszettel auch nur noch minimal.

  6. Ich frag mich grad wie hoch die Fehlerqoute in solch einem Arbeitsumfeld und bei der hohen Arbeitszeit ist. In der Chemie, zumindest dort wo ich arbeite, wird meist in 8h-Schichten gearbeitet, obwohl 12h-Schichten für den Arbeitnehmer praktischer wären.
    So wie ich das verstanden habe, wollen aber die Betreiber der Anlagen das größere Risiko einer Fehlbedienung nicht eingegen und den damit verbundenen Produktionsausfall.
    Komisch, dass es bei Investmentbanken oder im Krankenhaus nicht so wichtig zu sein scheint.
    Im Krankenhaus wundert mich das nicht, da ja der Patient den Fehler nachweisen muss. Aber bei einer Bank kann ich mir solch eine Praxis schwer vorstellen. Es macht doch schon einen großen Unterschied ob ich eine 0 mehr oder weniger eintippe oder vergesse einen Betrag als negativ auszuweisen. Naja vielleicht kann man in solchen Fällen auch noch Stunden später das Ergebnis korrigieren, im Gegensatz zum Patienten oder dem Chemieprodukt, was dann noch kostenpflichtig entsorgt werden muss.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bügelt doch der Staat resp. der Steuerzahler aus. Das Risiko ist doch da minimal, wie die letzten Jahre gezeigt haben. Und notfalls stellen wir halt die kleine Angestelltensau an den Pranger, siehe Kerviel.

  7. McKinsey & Company angefangen, gell? ;)

    So ein kritischer Bericht eines jungen Liberalen? Sicher, das das die richtige Partei ist? Unter anderen parteien sähe der Markt ggf nicht so aus, wie er heute ist.

    Beste Grüße
    FSonntag

    Antwort auf "Alternativer Job"
  8. .
    "...
    "Ich habe als AIP und danach meist 12 h am Tag gearbeitet, und das ohne Probleme !"
    Bloß weil Sie das gemacht haben, bedeutet das nicht, dass es der richtige Weg für jeden bzw. für die Gesellschaft ist.
    ..."

    Im Gegenteil.

    Es wäre höchste Zeit, derartige Ausbeutung durch ordentlichen Arbeitsschutz und entsprechende Arbeitszeitgesetze verzichtbar zu machen.

    Und das kollidiert nicht im mindesten mit der "freien Arbeitnehmerentscheidung, viel zu arbeiten", wie jetzt sicher gleich wieder welche anführen wollen hier.

    Wer das will, soll das tun können, sofern sich der Arbeitgeber entsprechend erkenntlich zeigt (was bei 3500.- für einen Praktikantenjob durchaus gelten kann).

    Wer das aber muss, weil er anderenfalls auf der Strasse steht (wie viele Mediziner, die halt dann in das Ausland mit den besseren Bedingungen wechseln, oder die angeblich ach-so-händeringend gesuchten Ingenieure), dem ist durch eindeutige Arbeitszeitgesetzgebung gegen den Arbeitgeber unter die Arme zu greifen.

    Antwort auf "Ja und?"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeit | Arbeitszeit | Atmosphäre | Bank | Chef | Computer
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