Horror-Praktikum : Warum ich als Praktikant ein 100.000-Euro-Jobangebot ausschlug

BWL-Student Slaven hat ein Praktikum bei einer großen Investmentbank im Frankfurter Bankenviertel gemacht. Jetzt weiß er, warum in der Branche so manches schief läuft.

Ich weiß nicht genau, wie viele Bewerber es auf meinen Praktikumsplatz gab. Aber am Interviewtag waren außer mir noch neun andere Interessenten da. Ich dachte mir: Wenn die Nachfrage so groß ist, muss das Praktikum ja etwas taugen. Und während des Auswahlprozesses machte die Investmentbank auch einen sympathischen Eindruck. Deshalb hab ich mich sehr gefreut, als mir ein Angebot unterbreitet wurde. Ein solches Praktikum im Frankfurter Bankenviertel wollen viele BWL-Studenten ergattern.

Der erste Tag war aber schon komisch: Mein neuer Chef knallte mir ein Compliance-Handbuch auf den Tisch, 800 Seiten stark. "Das musst Du durcharbeiten." Compliance – Gesetzesvorgaben, ethische Kodizes – ist ja gerade im Nachgang der Finanzkrise ein wichtiges Thema geworden. Deshalb dachte ich, ich würde mich nun einige Stunden mit dem Buch auseinandersetzen. "Reichen dreißig Minuten?", fragte mein Chef. Ich schluckte. Wenn Banker sich in Gerichtsprozessen verteidigen mit "Ich habe das nicht besser gewusst", kann ich das jetzt ziemlich gut verstehen.

Von Anfang an habe ich richtig viele Aufgaben bekommen und wirklich viel und lange gearbeitet. Eigentlich habe ich kein Problem mit langen Arbeitszeiten. Wer in eine Investmentbank geht, der weiß, dass das kein Nine-to-Five-Job ist. Aber meine Arbeitszeiten bei dieser Bank waren schlimmer als alles, was ich mir vorgestellt hatte: In der furchtbarsten Phase habe ich zehn Tage am Stück, inklusive Wochenende, durchgeackert. Jeden Tag 14 bis 18 Stunden. Am elften Tag war ich so platt, dass ich nachmittags vorm Computer eingenickt bin. Ich habe dann ganz klar gesagt, dass ich alle bin und nach Hause muss. An dem Tag bin ich um 22.00 Uhr gegangen. Und die Kollegen motzten nur: "Machst heute einen early leave , wie?"

Am Ende winkt ein 100.000-Euro-Jobangebot

Immerhin hat das Gehalt gestimmt. Pro Monat habe ich mehr als 3.500 Euro verdient. Mein Chef hat mein Gehalt am Ende des Monats immer so kommentiert: "Du bekommst diese Kohle von uns, Slaven. Du verdienst sie aber nicht." Ähnliche Sprüche habe ich mir auch von anderen Kollegen angehört. Die Atmosphäre in dieser Bank war wirklich vergiftet.

Einer der Analysten hat mir besonders Probleme bereitet. Er hat es richtig genossen, wenn er mir das Leben zur Hölle machen konnte: Wenn ihm seine Chefs morgens Arbeit gegeben haben, ist er immer erst spätabends zu mir gekommen, um mir die Arbeit aufzudrücken. Ihm habe ich viele Nachtschichten zu verdanken. An manchen Tagen bin ich erst um sechs Uhr morgens nach Hause gekommen.

Irgendwann ist mir der Geduldsfaden gerissen und ich habe den Analysten gefragt, was das soll. "Ich muss doch den ganzen Tag lang Dart spielen", hat er mich dann angegrinst. Wir hatten eine Dartscheibe im Büro. Als ich dann in der Human-Resources-Abteilung nachfragt habe, ob ich versetzt werden könne, hieß es nur: "Stell Dich nicht so an." Niemand in dieser Bank hat mich als Kollegen oder Mitarbeiter gesehen. Ich war nur eine Maschine, die so schnell wie möglich Arbeit wegschaffen sollte.

Was mich dann richtig überrascht hat: Zum Praktikumsende hat mir die Bank einen Job angeboten, obwohl ich wirklich mit niemandem klargekommen bin. "Glückwunsch", hieß es. "Du hast bis zum Schluss durchgehalten. Die letzten beiden Praktikanten haben abgebrochen." Ich hätte in meinem ersten Jahr bei dieser Bank – mit Boni – schon über 100.000 Euro verdient. Ich habe trotzdem abgelehnt. Und zwar sofort.

Aufgezeichnet von Julian Kirchherr

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Kommentare

177 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

@ #11

Danke! Das wäre für den Artikel eine nicht ganz unwesentliche Information gewesen und relativiert doch die Heldenhaftigkeit der Ablehnung des Bankjobs.

Viel Erfolg ihm in seinem neuen Job und möge er bei einem Berater gelandet sein, der sowohl ethisch vertretbare Aufträge hat als auch seine Leute achtet.

Habe zwar noch nie gehört, dass es sowas gibt, aber ich bin gespannt auf einen Folgeartikel...

Nein, sind sie alle...

...garantiert nicht.

Mein persönliches Problem, dass ich mit solchen Artikeln habe ist, dass diese sich meist (immer) mit doch sehr gehobenen Berufsmilieus befassen.

Die Schilderung des Arbeitsanfalls wird sich nicht auf jede andere Berufsgruppe übertragen lassen, die eiskalte Zurschaustellung von Macht (verkleidet als Belastungstest selbstverständlich), der alles delegierende Chef, der unglaublich schwer an seiner Verantwortung trägt (und einen im Ernstfall sein eigenes Versagen zuschiebt) und die im Verhältnis dazu miese Bezahlung, schon.

Der Artikel ist im Endeffekt für mich ein Spiegel der heutigen Arbeitswelt, als störend empfinde ich bloß, dass in den vielen Zeit- und Spiegelartikeln immer irgendwelche bestausgebildete Eliten als "arme ausgenutzte Schweine" herhalten sollen, als wenn der Bauarbeiter, die Reinigungskraft oder die Pflegekraft nicht mehr zeitgemäß wären.

Aufgrund seiner Ausbildung und der von vorneherein begrenzten Praktikumszeit, hat der hier geschilderte Fall Ausnahmecharakter. Denn der hier beschrieben Praktikant hatte überhaupt die Wahl abzulehnen. Die Möglichkeit abzulehnen ist überhaupt erst das essentielle Kriterium um Verhandlungsmacht zu haben und "Riten" oder Gepflogenheiten einer Branche zu verändern.

Der Hilfarbeiter in der untersten Subkette hat dies heutzutage nicht mehr. Dort ist das Arbeitsrecht und jegliches soziale Gewissen unter dem Kostendruck begraben worden und außer Kraft gesetzt.

Bitte?

Wo genau liegt ihr Problem?

"Familienvermögen im Rücken ... altes Geld ... jeden Monat ein paar Tausender Mieterträge ..."

Das schreit ja geradezu nach Neid und Vorurteilen. Er hat sein Studium scheinbar mit hervorragenden Noten bestanden (was ist das für sie anderes, als 'sich mal durchbeißen'?), ihm stehen alle Möglichkeiten offen. Sie stellen es geradezu da, als seien die zwei einzigen Alternativen 'Investmentbank vs. Arbeitslosigkeit/Papis Vermögen'.

Die Frage, warum man sich bei einem schlechten Arbeitsklima schinden soll, wenn andere, wohl ebenfalls sehr gut bezahlte Jobs, vorhanden sind, haben Sie sich irgendwie nie gestellt, oder?

Romantiker

Ich bin hoffnungsloser Romantiker und möchte daran glauben, dass hier jemand schon sehr früh erkannt hat, dass man zwar Geld braucht, um leben zu können, aber auch leben muss, um mit dem Geld etwas anfangen zu können.

Kurzum: Geld ist nicht alles. Er wird einen Job für 60.000 Einstiegsgehalt irgendwo anders bekommen und vielleicht sein Haus abbezahlt haben, bevor er am Herzinfarkt eingegangen ist oder seine bis dahin eingegangene Beziehung iwieder in Brüche gegangen ist.

Psychische Schäden

Für 100.000€ im Jahr psychische Schäden hinzunehmen ist nicht ratsam. Ich habe damals in London hingeschmissen und bin zurück nach Deutschland. Jetzt verdiene ich "nur" die Hälfte des genannten Betrags. Habe aber Mitarbeiter die gerne mal einen Umweg fahren und mich abholen, wenn der Wagen mal nicht anspringt. Und keiner sabotiert meinen Rechner oder versteckt Unterlagen vor dem Meeting. Es lohnt sich.

Arbeiten gehen ist eine Sache

sich in einem Job komplett gesundheitlich zugrunde richten, eine ganz andere. Ich weiß nicht, was man ihm vorwerfen sollte: er hat das Praktikum unter wirklich miesen Bedingungen durchgehalten und wusste, dass es wohl keinen Deut besser wird, nur weil das Konto voller ist. Geld befriedigt einen am Anfang sicher sehr, das kenn ich nur allzugut. Aber wenn das Umfeld nicht stimmt und die Gesundheit leidet, dann tröstet der Blick auf den Gehaltszettel auch nur noch minimal.

Nochmal, extra für Sie:

Nein, ich habe weder Vorurteile, noch bin ich neidisch.

Ich habe mich ausreichend differenziert für dieses Forum hier ausgedrückt und habe, mit Verlaub, nur eins und eins zusammen gezählt und Mutmaßungen gemacht. Und vor allem habe ich zu erkennen gegeben, dass ich gerne mehr wüsste und bereit bin, mir ein wirklichkeitsgerechtes Bild zu machen.

Also, was gibt es da zu raunzen?

Interessant,

wie eine einfache kleine Frage gleich niedergebasht wird.
Viele Praktikanten werden getestet, ob sie späteren Extremsituationen gewachsen sind. Es ist quasi systematisches Mobbing, weil es die Branche ein Stück weit auch erfordert. Eine Bank ist nunmal kein Familienbetrieb. Bei den richtig großen Banken wird ähnlich agiert um eben auszusieben. Anders ausgedrückt. Das Praktikum ist nicht nur zum reinschnuppern für den Praktikanten gedacht, sondern auch für die Bank als Aquise und da kann man dann tatsächlich nachfragen, warum er nach dem Praktikum für das Geld nicht zumindest ein Jahr richtig reingeschaut hat. Und für 8300 Euro + Boni + Überstundenvergütung (irgendwie muss es vergütet werden) würden wohl mehr als nur Sie darüber nachdenken.

Ich glaubs einfach nicht

Merkwürdiges Verständnis von Würde??????

Das kann nur ein Mensch sagen, der noch nie etwas von Burnout, Stress, Depression, Herzinfarkt, Schlaganfall gehört hat. Oder gerne so tut, als gäbe es das alles nicht.
Bewunderswert ist der junge Mensch, der schon so weit ist, zu erkennen, dass seine Gesundheit mehr als 100000 Euro wert ist.

Gehen Sie mal zwei Jahre lang in eine Firma, die mit solchen Strategien arbeitet. Und dann reden wir nochmal drüber.

100.000 waren wohl zu wenig!

Ja, bei der miesen Bezahlung hätte ich das Angebot auch nicht angenommen.
100.000 EUR im Jahr, aber mit mindestens 4000 Arbeitsstunden. Das sind gerade mal 25EUR/Stunde brutto! Das gibts auch im Öffentlichen Dienst. Da wäre S(k)laven ja schön blöd gewesen, so blöd wie schon beim Praktikum.
Nee, ganz tolles Märchen.....

Es gibt Arbeitsstunden und "Arbeitsstunden"

Für beides bekommt man Geld, beides kann aber unterschiedlich je nach Unternehmen sein.
Ich kann aus eigener Erfahrung nur sagen, dass eine vergiftete Atmosphäre am Arbeitsplatz so ziemlich das Tödlichste ist für zukünftige mögliche Mitarbeiter und das in den meisten Fällen kein Geld der Welt dafür ausreicht, um sich das anzutun.

Ich habe den Vergleich: Ich habe im Einzelhandel ein Jahr lang gearbeitet: Die Bezahlung war im Verhältnis zum Aufwand schwierig einzuschätzen, da eine Abendschicht oftmals mörderisch war während eine Morgenschicht einfach nur rumgammeln war; Für beides bekam ich selben Stundenlohn, aber die Atmosphäre war spätestens nach einigen Vorfällen auf die ich nicht näher eingehe wirklich vergiftet; Es kam zu Anfeindungen, einer Mitarbeiterin wurde monatelang ihr Lohn verweigert, usw usf.
Nach diesem Jahr hatte ich guten Gewissens mehr als genug gesehen und war froh als ich gekündigt wurde.

Mein anderer Job etwa war in einer mittelständischen Werkstatt, ich hatte teilweise 12h-Schichten, was aber egal war, da mir die Arbeit viel Spaß gemacht hat. Ich war zwar erledigt aber glücklich nach solchen Schichten.

Deswegen: Job ist nicht gleich Job, selbst wenn die Bezahlung und die Jobbeschreibung gleich ist.
Jeder sollte selbst wissen, ob und inwieweit er sich ein Unternehmen mit einer derartig schlechten Führung antun möchte.
Ich hätte einen solchen Job wie im Artikel nicht einmal für 200.000 Euro/ans angenommen.

Leider verrät der Autor nicht

was er bei diesem Jobmarathon eigentlich gemacht hat. Falls er dem Gehalt entsprechend ziemlich große Summen verwaltet hat würde es mich nicht wundern wenn bei ihm und seinen Kollegen durch Streß und Übermüdung so mancher teurer Fehler gemacht wird. Und warum die Branche inzwischen einen so miserablen Ruf hat.