Leserartikel

Erfolgreich studierenEs geht nur darum, Klausuren zu bestehen

In seinem ersten Studium scheiterte Leser Sebastian G. Der Grund: zu großes Interesse, zu viel Engagement. In seinem zweiten Studium macht er nur noch das Nötigste. von Sebastian G.

Es war Anfang 2007 als ich mein Studium der Medieninformatik begann. Das Fach interessierte mich brennend – zu sehr, wie sich später herausstellte. Ein Kommilitone und ich programmierten basierend auf PHP einen Veranstaltungskalender: DINDO, das Informationsnetz für deutsche Ortsveranstaltungen.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Das Projekt scheiterte. Heute sind nur noch der Code und das Patent davon übrig. Ein halbes Jahr arbeiteten wir daran. Implementierten Kartenmaterial, PLZ-Codes und Datenbanken und programmierten Formularabfragen. Wir organisierten uns im Team, hielten stundenlange Konferenzen über Skype, setzten uns mit Patentrecht auseinander.

Anzeige

Fakt ist, dass wir für dieses Projekt nicht einen einzigen ETCS-Punkt bekamen, obwohl in unserem Studiengang die Fächer Webprogrammierung und Projektmanagement jeweils 5 ECTS Punkte abwerfen. Am Ende war nicht nur unser Projekt gescheitert, sondern auch alle Versuche unsere Leistungen anerkennen zu lassen. Die Begründung: Es sei nicht nachzuvollziehen welche Lehrinhalte durch dieses Projekt abgedeckt werden.

Natürlich habe ich nicht erwartet, dass ein einziges Projekt mir alle studienrelevanten Leistungen erspart. Doch ich hätte mir gewünscht, dass unser selbständiges Arbeiten Anerkennung findet, unabhängig von der Qualität der Idee.

Ich stand vor einem großen Motivationsloch und einem noch größeren Berg ungeschriebener Prüfungen. Kurz darauf brach ich das Studium ab.

"Ein Studium ist die Zeit der Charakterbildung"; "Die Zeit während des Studiums gehört mir"; "Innovation beginnt im Studium." – Das sind alles schöne Floskeln, die nur wenig mit der Realität zu tun haben.

Es war Zeit, meine Strategie zu überdenken. Sind grenzenloses Interesse und Innovation wirklich der richtige Weg um ein Studium erfolgreich zu beenden? Sicher, ich habe aus dem Projekt viele Erfahrungen mitgenommen, doch das Loch im Lebenslauf und das abgebrochene Studium bleiben.

Ich wechselte den Studiengang: Wirtschaftsrecht. Lernte nur noch das, was ich musste. Beschränkte den Umfang meines Interesses auf die Folien des Dozenten. "Man muss nicht alles wissen, man muss nur das wissen, was der Dozent wissen möchte", war mein neues Motto.

Meinen Bachelor habe ich bereits erfolgreich beendet. Derzeit mache ich meinen Master.

Was ich gelernt habe? Ein Studium besteht nur aus Klausuren, die es zu bestehen gilt. Nicht mehr, nicht weniger.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Unimaas
    • 12. November 2012 17:45 Uhr

    Ich habe ihn den Niederlanden studiert, erst meinen BA in Maastricht (+ den USA) jetzt meinen MA in Amsterdam. Ich habe Klausuren alle 8 Wochen, dann zählt der Kurs als abgeschlossen und Ich bekomme eine Note. Die Klausur zählt aber normalerweise nur 30-40% der Kursnote, der Rest ist aktive teilnahme im Unterricht, Präsentationen und Facharbeiten.

    Das Argument dies sein in "Massenuniversitäten" nicht möglich, ist schlichtweg falsch. Einfach mal in andere Länder gucken. Normalerweise übernehmen hier PhD Kandidaten teilweise Kurse, wobei der Professor noch immer die Vorlesungen gibt und den Kurs koordiniert.

    Alle die sich beschweren Deutsche Unis hätten so viele Mängel sollten einfach woanders studieren. Dann würden die deutschen Unis auch was merken + verbessern (um Studenten anzulocken).

    Leider ist der Durchschnittsstudent noch immer zu bequem und mag nicht von Freunden+Familie wegziehen und studiert gleich nebenan. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über ambitioniertere Leute beschweren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • G Eich
    • 12. November 2012 22:09 Uhr

    >Leider ist der Durchschnittsstudent noch immer zu bequem und mag nicht von Freunden+Familie wegziehen und studiert gleich nebenan. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über ambitioniertere Leute beschweren.

    Leider hat der Durchschnittsstudent noch immer zu arme Eltern und mag nicht von Bafög + vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten wegziehen und studiert in Deutschland. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über selbstgefällige Leute mit reichen Eltern beschweren.

    • towely
    • 12. November 2012 18:06 Uhr

    Die von ihnen empfohlene Vorgehensweise habe ich ebenfalls in meinem Kommentar empfohlen: Erstmal mit dem Dozenten reden, dann kann man immer noch handeln. Insofern kann ich ihre Kritik nicht einstufen und verbuche es mal unter "Sonstiges".

    Ansonsten scheint es mir so, als hätte der Autor sich eher auf seine Projektarbeit eingelassen, weil er das den Klausuren bevorzugt. Aber beim Studium geht es eben nicht um was möchte ich, sondern was steht im Lehrplan. So leid es mir tut, aber das war schon vor Bologna so und wird es auch immer bleiben.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Naiv?"
  1. Ob man blöd auswendig lernen muss und mit Mininalismus am besten durchs Studium kommt, ist von Fach zu Fach und von Dozent zu Dozent verschieden. Als Dozentin erwarte ich ein überdurchschnittliches Engagement, und zwar im Studium. Wenn jemand ausserhalb der Uni tolle Sachen macht, finde ich das super und interessiere mich dafür.

    Ich denke, der Verfasser war falsch gewickelt, wenn er für sein ausseruniversitäres Engagement Punkte an der Uni bekommen wollte. Das ist nur in bestimmten Gefäßen und eher selten möglich. Auf dieser Stufe sollten junge Menschen verstanden haben, dass sie in erster Linie für sich selbst lernen. Idealerweise schaffen sie es, ihre Interessen mit den Studieninhalten zu verbinden. Wenn nicht, studieren sie entweder das falsche Fach oder das richtige Fach am falschen Ort.

    2 Leserempfehlungen
  2. hat leider recht!

  3. "Ein Studium ist die Zeit der Charakterbildung"; "Die Zeit während des Studiums gehört mir"; "Innovation beginnt im Studium." – Das sind alles schöne Floskeln, die nur wenig mit der Realität zu tun haben.---

    Ich danke dem Himmel, dass ich früh genug geboren wurde, um Bologona nicht mehr aktiv erleben zu müssen.

    Eine Leserempfehlung
    • lezteul
    • 12. November 2012 20:10 Uhr

    ... hat man an der Uni ein FACH studiert, heute soll man dort einen BERUF erlernen. Eine Uni ist aber kein Unternehmen, sondern eine Bildungs- und Forschungseinrichtung. Wer, wenn nicht Universitäten sollen bitte Grundlagenforschung in Deutschland betreiben, wenn man die Unis durch die Bologna-Reform zu Berufs-Ausbildungsstätten gemacht hat?

    Wenn Ihr - liebe Unternehmer - fertig ausgebildete praxis-orientierte Absolventen haben möchtet, DANN KÜMMERT EUCH G E F Ä L L I G S T SELBST DARUM und ruiniert nicht auf Kosten der Steuerzahler unsere Einrichtungen für die Grundlagenforschung!

    2 Leserempfehlungen
  4. 55. Quark

    "Es war nur einmal wieder die Sturheit der Prüfungsämter u.a., die sich so oft unflexibel und verständnislos bei der Anerkennung von Leistungen zeigen."

    Was erwarten Sie denn? Dass das Prüfungsamt einer Universität mit 10.000 Studenten sich mit jedem einzelnen Studenten erst einmal zusammen setzt, herausfindet, was er in seiner Freizeit so macht und auf was davon man wie viele Credit Points geben kann? Das ist doch Blödsinn.

    Abgesehen von der schlichten Undurchführbarkeit wegen des enormen Aufwands ginge dadurch auch jegliche Vergleichbarkeit verloren.

    Allein die Idee, sich sein Hobby als Prüfungsleistung anrechnen lassen zu wollen, ist schon derart absurd, dass ich im Leben nicht darauf gekommen wäre.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Petka
    • 13. November 2012 0:48 Uhr

    "Dass das Prüfungsamt einer Universität mit 10.000 Studenten sich mit jedem einzelnen Studenten erst einmal zusammen setzt, herausfindet, was er in seiner Freizeit so macht und auf was davon man wie viele Credit Points geben kann? Das ist doch Blödsinn."

    Ja, das ist sogar so üblich an Universitäten: die haben an den Fakultäten/Instituten (die sich um etwas weniger Studenten kümmern) oft einen Prüfungsauschuß, der über Anträge dieser Art (und Anträge auf Anullierungen/Befangenheit/Wiederholungen/...) entscheidet. Manchmal, vor allem an verschulteren FHs ist sowas eine zentrale Prüfungskommission, die dann tatsächlich etwas anonymer arbeitet.

    Allerdings ist es ziemlich blöd, mit einem nichtuniversitären Projekt in den Ausschuss zu trampeln und Anerkennung zu erwünschen, weil die Mitglieder dort die Bewertung auch nicht aus der Luft zaubern können und sich so intensiv nicht mit Projektdetails beschäftigen können und wollen. Solche Kommissionen und Ausschüsse verlassen sich auf Zuarbeit.

    Deshalb geht man mit so einem Projekt erstmal zu einem geeigneten Dozenten aus dem Bereich (der wurde ja anscheinend an der Hochschule des Autors auch gelehrt) und überzeugt den, dass es ein anerkennenswertes Projekt ist und geht dann damit zum Prüfungsausschuss. Nur sollte das Projekt auch tatsächlich aus Hochschulsicht interessant sein, einen bestimmten Punkt der Lehre berühren und nicht einfach nur ... toll funktionierender Code sein. Dafür bekommt man nur im Geschäftsleben Preise.

  5. Bringen Sie Ihr Projekt in eine angemessene schriftsprachlihe Form und publizieren Sie in einem Fachorgan.
    Wissensvermittlung an Kommilitonen und Disputation mit dem Dozentin in einer Lehrveranstaltung gehören zu den Standards.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Arbeit | Bachelor | Berg | Innovation | Lebenslauf | Master
Service