Leserartikel

Erfolgreich studierenEs geht nur darum, Klausuren zu bestehen

In seinem ersten Studium scheiterte Leser Sebastian G. Der Grund: zu großes Interesse, zu viel Engagement. In seinem zweiten Studium macht er nur noch das Nötigste.

Es war Anfang 2007 als ich mein Studium der Medieninformatik begann. Das Fach interessierte mich brennend – zu sehr, wie sich später herausstellte. Ein Kommilitone und ich programmierten basierend auf PHP einen Veranstaltungskalender: DINDO, das Informationsnetz für deutsche Ortsveranstaltungen.

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Das Projekt scheiterte. Heute sind nur noch der Code und das Patent davon übrig. Ein halbes Jahr arbeiteten wir daran. Implementierten Kartenmaterial, PLZ-Codes und Datenbanken und programmierten Formularabfragen. Wir organisierten uns im Team, hielten stundenlange Konferenzen über Skype, setzten uns mit Patentrecht auseinander.

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Fakt ist, dass wir für dieses Projekt nicht einen einzigen ETCS-Punkt bekamen, obwohl in unserem Studiengang die Fächer Webprogrammierung und Projektmanagement jeweils 5 ECTS Punkte abwerfen. Am Ende war nicht nur unser Projekt gescheitert, sondern auch alle Versuche unsere Leistungen anerkennen zu lassen. Die Begründung: Es sei nicht nachzuvollziehen welche Lehrinhalte durch dieses Projekt abgedeckt werden.

Natürlich habe ich nicht erwartet, dass ein einziges Projekt mir alle studienrelevanten Leistungen erspart. Doch ich hätte mir gewünscht, dass unser selbständiges Arbeiten Anerkennung findet, unabhängig von der Qualität der Idee.

Ich stand vor einem großen Motivationsloch und einem noch größeren Berg ungeschriebener Prüfungen. Kurz darauf brach ich das Studium ab.

"Ein Studium ist die Zeit der Charakterbildung"; "Die Zeit während des Studiums gehört mir"; "Innovation beginnt im Studium." – Das sind alles schöne Floskeln, die nur wenig mit der Realität zu tun haben.

Es war Zeit, meine Strategie zu überdenken. Sind grenzenloses Interesse und Innovation wirklich der richtige Weg um ein Studium erfolgreich zu beenden? Sicher, ich habe aus dem Projekt viele Erfahrungen mitgenommen, doch das Loch im Lebenslauf und das abgebrochene Studium bleiben.

Ich wechselte den Studiengang: Wirtschaftsrecht. Lernte nur noch das, was ich musste. Beschränkte den Umfang meines Interesses auf die Folien des Dozenten. "Man muss nicht alles wissen, man muss nur das wissen, was der Dozent wissen möchte", war mein neues Motto.

Meinen Bachelor habe ich bereits erfolgreich beendet. Derzeit mache ich meinen Master.

Was ich gelernt habe? Ein Studium besteht nur aus Klausuren, die es zu bestehen gilt. Nicht mehr, nicht weniger.

 
Leserkommentare
    • alkyl
    • 12.11.2012 um 16:41 Uhr

    In meinem Diplomstudiengang vor zwanzig Jahren hätte dieses "private" Projekt auch schon nicht geklappt. Damals habe ich mitgezählt: bis zum Diplom 49 kleinere und größere Prüfungen, die Meisten davon als Colloquium, nur wenige Klausuren. Laborpraktika ohne Ende, dafür waren wir aber auch handwerklich mindestens so gut wie die Kollegen aus dem entsprechenden Lehrberuf. Und die Wissenschaft hatten wir gratis noch dazu. Über Bologna kann ich nicht diskutieren, weil ich´s nicht selbst erlebt habe. Aber mehr Freiraum gab´s damals - zumindest für Chemiker - ganz sicher nicht.

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    ... Bologna in der Chemie nicht wirklich anders aus. Und um mal eine Analogie zum Artikel aufzumachen: Wenn ich neben dem Studium zu Hause noch Drogen gekocht haette um mir was dazuzuverdienen, waere ich nicht auf die Idee gekommen, dass mir das irgendwie als Studienleistung anerkannt wird. :D
    Ich verstehe nicht wirklich wie man sich darueber beschweren kann, dass man als Student nicht die zu erbringenden Studienleistungen vorschreiben kann.

    ... Bologna in der Chemie nicht wirklich anders aus. Und um mal eine Analogie zum Artikel aufzumachen: Wenn ich neben dem Studium zu Hause noch Drogen gekocht haette um mir was dazuzuverdienen, waere ich nicht auf die Idee gekommen, dass mir das irgendwie als Studienleistung anerkannt wird. :D
    Ich verstehe nicht wirklich wie man sich darueber beschweren kann, dass man als Student nicht die zu erbringenden Studienleistungen vorschreiben kann.

  1. Also, ich denke nicht, dass das Problem zu viel Engagement oder das "ba-System" war, sondern das Fehlen an Kommunikation. Ich habe zumindest in meinem Bachelorstudiengang erlebt, dass alles besser mit UNterstützung von Dozenten (und zwar von Anfang) geht. Dieses Projekt klang doch zumindest geeignet für eine Bachelorarbeit bei Absprache mit Betreuern zur Anpassung der Dokumentation des Projektes. Aber zu erwarten,dass man dafür ECTS für nicht besuchte Kurse erhält, halte ich schlichtweg für vermessen und realitätsfern. INsbesondere wenn man am Ende eines Projektes bei den DOzenten anfragt und es diese auf den Tisch knallt. Ich kann die DOzenten gut verstehen, die dieses ablehnten und es wäre außerdem ungerecht den KOmilitonen gegenüber (Messen mit verschiedenen Maßstäben). Ja der Bachelor ist verschult und ja es gibt vielleicht wenig Freiraum aber besonders in Projekten wie Programmierpraktika und der Bachelorarbeit, hatte ich und meine KOmilitonen einen sehr weiten Spielraum (sofern fachrelevant und abgesprochen mit Lehrkraft).
    Ein anderer guter Grund mit Dozenten zu sprechen, ist dass diese vielleicht interessiert sind, Helfen können und vielleicht auch auf Kurse an der UNI zwecks UNternehmungsgründung oder Produktentwickulng hinweisen können. Wenn dann das Studium eventuell durch "besonderes INteresse" länger dauert ist das eben so und sofern man kein Bafögempfänger ist, in der Regel auch kein Problem.
    Das Meckern über den BA finde ich in diesem Fall unangemessen.

    2 Leserempfehlungen
    • AndreD
    • 12.11.2012 um 17:28 Uhr

    geht mir auf die Nerven...

    nicht wirklich :-)

    Aber wichtig ist, dass man sich die Studienordnung genau durchliest und so herausfindet, wo man sich mehr Freiheiten nehmen kann.
    An meiner Uni stand bspw. nichts davon in der Studienordnung, dass ich den Bachelor in sechs Semestern zu absolvieren hätte. Keine Begrenzung.
    Perfekt. In meinem Sprachenbachelor habe 9 Semester und 2 Urlaubssemester gebraucht, um fertig zu werden. Davon habe ich die zwei Urlaubssemester und 4 ordentliche Semester in den jeweiligen Ländern meiner Sprachen verbracht.
    Und natürlich war ich enttäuscht davon, mit wie wenig Wissen ich durch das Studium gekommen bin.
    Da musste man im Magisterstudium schon weit mehr können, allein schon, weil die Zwischenprüfung auf dem Niveau der Bachelorprüfung lag.

  2. Ich habe ihn den Niederlanden studiert, erst meinen BA in Maastricht (+ den USA) jetzt meinen MA in Amsterdam. Ich habe Klausuren alle 8 Wochen, dann zählt der Kurs als abgeschlossen und Ich bekomme eine Note. Die Klausur zählt aber normalerweise nur 30-40% der Kursnote, der Rest ist aktive teilnahme im Unterricht, Präsentationen und Facharbeiten.

    Das Argument dies sein in "Massenuniversitäten" nicht möglich, ist schlichtweg falsch. Einfach mal in andere Länder gucken. Normalerweise übernehmen hier PhD Kandidaten teilweise Kurse, wobei der Professor noch immer die Vorlesungen gibt und den Kurs koordiniert.

    Alle die sich beschweren Deutsche Unis hätten so viele Mängel sollten einfach woanders studieren. Dann würden die deutschen Unis auch was merken + verbessern (um Studenten anzulocken).

    Leider ist der Durchschnittsstudent noch immer zu bequem und mag nicht von Freunden+Familie wegziehen und studiert gleich nebenan. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über ambitioniertere Leute beschweren.

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    • G Eich
    • 12.11.2012 um 22:09 Uhr

    >Leider ist der Durchschnittsstudent noch immer zu bequem und mag nicht von Freunden+Familie wegziehen und studiert gleich nebenan. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über ambitioniertere Leute beschweren.

    Leider hat der Durchschnittsstudent noch immer zu arme Eltern und mag nicht von Bafög + vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten wegziehen und studiert in Deutschland. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über selbstgefällige Leute mit reichen Eltern beschweren.

    • G Eich
    • 12.11.2012 um 22:09 Uhr

    >Leider ist der Durchschnittsstudent noch immer zu bequem und mag nicht von Freunden+Familie wegziehen und studiert gleich nebenan. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über ambitioniertere Leute beschweren.

    Leider hat der Durchschnittsstudent noch immer zu arme Eltern und mag nicht von Bafög + vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten wegziehen und studiert in Deutschland. Kann man verstehen, ist auch völlig okay, aber dann bitte hinterher nicht über selbstgefällige Leute mit reichen Eltern beschweren.

    • towely
    • 12.11.2012 um 18:06 Uhr

    Die von ihnen empfohlene Vorgehensweise habe ich ebenfalls in meinem Kommentar empfohlen: Erstmal mit dem Dozenten reden, dann kann man immer noch handeln. Insofern kann ich ihre Kritik nicht einstufen und verbuche es mal unter "Sonstiges".

    Ansonsten scheint es mir so, als hätte der Autor sich eher auf seine Projektarbeit eingelassen, weil er das den Klausuren bevorzugt. Aber beim Studium geht es eben nicht um was möchte ich, sondern was steht im Lehrplan. So leid es mir tut, aber das war schon vor Bologna so und wird es auch immer bleiben.

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    Antwort auf "Naiv?"
  3. Ob man blöd auswendig lernen muss und mit Mininalismus am besten durchs Studium kommt, ist von Fach zu Fach und von Dozent zu Dozent verschieden. Als Dozentin erwarte ich ein überdurchschnittliches Engagement, und zwar im Studium. Wenn jemand ausserhalb der Uni tolle Sachen macht, finde ich das super und interessiere mich dafür.

    Ich denke, der Verfasser war falsch gewickelt, wenn er für sein ausseruniversitäres Engagement Punkte an der Uni bekommen wollte. Das ist nur in bestimmten Gefäßen und eher selten möglich. Auf dieser Stufe sollten junge Menschen verstanden haben, dass sie in erster Linie für sich selbst lernen. Idealerweise schaffen sie es, ihre Interessen mit den Studieninhalten zu verbinden. Wenn nicht, studieren sie entweder das falsche Fach oder das richtige Fach am falschen Ort.

    2 Leserempfehlungen
  4. hat leider recht!

  5. "Ein Studium ist die Zeit der Charakterbildung"; "Die Zeit während des Studiums gehört mir"; "Innovation beginnt im Studium." – Das sind alles schöne Floskeln, die nur wenig mit der Realität zu tun haben.---

    Ich danke dem Himmel, dass ich früh genug geboren wurde, um Bologona nicht mehr aktiv erleben zu müssen.

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