VDM-Verlag : Die akademische Müllhalde

Mit einem raffinierten Geschäftsmodell verkauft ein Wissenschaftsverlag minderwertige Literatur zu horrenden Preisen. Sogar vor Wikipedia-Artikeln macht er nicht halt.

Die erste E-Mail von Holly schmeichelte Benjamin noch. "Im Rahmen einer Recherche im Hochschuldokumenten-Server der Universiteit Twente fand einer unserer Mitarbeiter einen Hinweis auf Ihre Master-Arbeit. Das Thema Ihrer Thesis würde sehr gut in unser Verlagsprogramm passen. Gerne würde ich Ihre Arbeit hausintern prüfen", schrieb Holly. Schön, dass sich jemand für meine Forschung interessiert, dachte Benjamin.

In Hollys Signatur stand, sie arbeite für den Lambert-Academic-Publishing-Verlag . Benjamin rief die Webseite des Verlags auf. "Die Veröffentlichung Ihrer Abschlussarbeit als Buch – worauf warten Sie?", las er. Er klickte sich weiter durch die Seite. Klingt doch alles ganz interessant, dachte Benjamin. Er schrieb Holly zurück, er würde gerne mehr über Lambert-Academic-Publishing erfahren. Aber Holly antwortete nicht. Erst nach fünf Tagen erhielt Benjamin ein zweites Mal eine Nachricht von ihr und zwar genau die Nachricht, mit der sich Holly eingangs bei ihm gemeldet hatte: "Gerne würde ich Ihre Arbeit hausintern prüfen." Benjamin wunderte sich.

Erneut schrieb er Holly, dass er grundsätzlich Interesse an der Publikation seiner Master-Arbeit habe. Wieder Funkstille. Für neun Tage. Benjamin schob den Gedanken beiseite, seine Master-Arbeit bei Lambert-Academic-Publishing zu veröffentlichen. Auf alle weiteren Anbahnungsversuche von Holly reagierte er nicht mehr – obwohl sie ihm von nun an jeden Monat immer wieder die gleiche Nachricht schickte.

Dass Benjamin sich auf sein Gefühl verließ, war wohl eine gute Entscheidung. Denn hinter der Anfrage steckt ein Wissenschaftsverlag mit einem fragwürdigen Geschäftsmodell.

Je mehr, desto besser

Der Lambert-Academic-Publishing-Verlag ist eine Tochtergesellschaft der VDM Publishing Group, die sich " eines der führenden Verlagshäuser für akademische Forschung " nennt. 85.000 Autoren zählt das Unternehmen nach eigenen Angaben , weit über 1.000 Arbeiten werden jeden Monat veröffentlicht. Dass der Verlag trotz der großen Zahl an Veröffentlichungen weitgehend unbekannt ist, liegt an seiner Strategie: Anders als Holly Benjamin in ihren E-Mails suggerierte, zählt bei VDM nicht die Qualität der vertriebenen Bücher. Was zählt, ist die pure Anzahl der Titel im Programm. Je mehr, desto besser. Oder wie das Geschäftsmodell in einem Jahresbericht beschrieben wird: "Wir publizieren nach dem Konzept des user-generated content alle wissenschaftlichen Arbeiten, die die Qualitätskriterien der Hochschulen erfüllt haben."

Aber auch Arbeiten, die nicht in einer Universität entstanden sind, finden ihren Weg ins VDM-Sortiment: Alphascript Publishing etwa, eine weitere Tochter des Unternehmens, vertreibt sogar Wikipedia-Artikel im Printformat – und das für bis zu 79 Euro pro Edition. Hauptsitz von VDM ist in Saarbrücken . Weitere Niederlassungen gibt es unter anderem in Mauritius, Argentinien und Moldawien . Rund 220 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen weltweit. Zu Umsatzzahlen will sich VDM nicht äußern.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Das Spiel mit der Eitelkeit

Wenn jemand z.B. eine Doktorarbeit geschrieben hat und sie aus persönlicher Eitelkeit in gedruckter Form veröffentlichen will, ist es dem Verlag mMn nicht vorzuwerfen, wenn er dazu die Gelegenheit bietet.

Ich sehe auch nicht, dass der Verlag auf diese Weise ein Angebot schafft, was es ohne ihn nicht gäbe, denn Veröffentlichungen solcher Arbeiten auf eigene Rechnung gab es schon immer.

Als früher ohnehin immer so um die 50 Pflichtexemplare abzugeben waren, war der zusätzliche Aufwand für eine Veröffentlichung in Buchform die im Buchhandel bestellbar war (und schon damals nie bestellt wurde) auch nur relativ gering.
Die meisten Exemplare gingen natürlich an die Verwandten, die sie zwar nie gelesen aber gerne ihren Freunden gezeigt haben haben.: "Schaun Sie mal. Das hat mein Kind geschrieben!"

Damals war die preiswerte Alternative für die weniger selbstgefälligen Autoren die Veröffentlichung auf Mikrofilm. Diese Dinger nahmen in den Bibliotheken wenigsten nicht so viel Platz weg.

Heutzutage scheint mir eine Veröffentlichung im Internet, die einfachste Lösung. Aber bitte keine Illusionen machen: Nur weill sie dann weltweit zugänglich ist, wird sie auch nicht mehr gelesen werden.