MedikamentenkonsumDie ständige Angst, zu scheitern

Ob Ritalin oder Koffeintabletten: Immer mehr Studenten greifen zu Psychopharmaka. Der Neurophilosoph Stephan Schleim sagt im Interview, warum wir unter Dauerdruck stehen. von 

ZEIT ONLINE:Aktuelle Zahlen der Techniker Krankenkasse zeigen, dass der Medikamentenkonsum bei Studenten in den vergangenen Jahren gestiegen ist – das gilt insbesondere für Psychopharmaka. Ist wieder einmal der Bologna-Prozess schuld?

Stephan Schleim: Die Auswirkungen des Bologna-Prozesses spielen bestimmt eine Rolle. Ich lehre selbst und merke, unter welchem Druck Studenten heute stehen. Das Credit-Point-System zwingt sie dazu, mehr Leistung in weniger Zeit zu erbringen. Nebenbei sollen sie Auslandsaufenthalte und Praktika absolvieren. Allerdings wäre es nur die halbe Wahrheit, allein das neue Studiensystem dafür verantwortlich zu machen. Schließlich ist der Medikamentenkonsum nicht nur bei Studenten gestiegen, sondern auch bei gleichaltrigen Erwerbstätigen. Ich denke, es liegt an einem Wandel der gesamten Gesellschaft. Stets herrscht die Angst: Wenn ich nicht hart genug arbeite, gerate ich ins Hintertreffen. Das macht sie psychisch nicht unbedingt gesünder.

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ZEIT ONLINE: Wettbewerb ist kein neues Konzept – schon früher mussten die Menschen sich anstrengen, um erfolgreich zu sein. Medikamente haben sie deshalb nicht genommen.

Schleim: Früher war die Angst vor dem Scheitern nicht so groß. Wer einen Schicksalsschlag oder eine Niederlage erlebt hat, wurde von der Gesellschaft aufgefangen. Dann hat man eben mal ein Jahr in der Hängematte verbracht, um einen neuen Weg zu finden. Heute geht das kaum noch, die Gesellschaft ist kälter geworden. Politiker rufen zum "Fördern und Fordern" auf. Übersetzt heißt das, dass jeder für seinen eigenen Erfolg verantwortlich ist. An ganz normalen Problemen zu scheitern, ist heute keine Option mehr, deshalb machen wir das zur Krankheit.

ZEIT ONLINE: Früher hat man psychologische Probleme verschwiegen, weil sie gesellschaftlich nicht akzeptiert waren. Ist es nicht ein gutes Zeichen, dass immer mehr Menschen sie ernst nehmen und behandeln lassen?

Schleim: Pillen und Stressbewältigung sind zwar Lösungsmöglichkeiten. Doch sie basieren auf der Annahme, dass das Individuum das Problem ist. Das ist eine Art Trostpflaster, denn eine medizinische Diagnose nimmt die Verantwortung: "Du bist eben krank, es ist nicht deine Schuld." Das eigentliche Problem ist aber, dass der Wettbewerb von vornherein ungerecht ist: Nicht alle haben die gleichen Erfolgschancen und nicht jeder kann Gewinner sein. Auch nicht jeder, der hart arbeitet.

Leserkommentare
  1. Alles was irgendwie machbar ist muss gemacht werden, um die Effizienz in der kapitalistisch-neoliberalen Hochleistungsgesellschaft bis zum Es-geht-nicht-mehr zu steigern, oder wenigstens zu optimieren.
    Koste es auch was es wolle (an seelisch-körperlicher Gesundheit) und auf Biegen und Brechen (auch ohne Rücksichtnahme auf irgendwelche menschlichen Schicksale und gebrochene Lebensläufe).
    Ist das wirklich die Gesellschaft, die Art von Leben, die wir für uns, unsere Kinder und Alten haben wollen!?

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  2. Glückwunsch, dass Sie diese Entscheidung getroffen haben und auch durchsetzen konnten. Meiner Erfahrung nach kann das sehr schwierig sein, wenn einen das Umfeld in einer bestimmten Rolle sehen will (in meinem Fall beispielsweise die eines Akademikers) und bei Gesprächen über Probleme nur mit Durchhalteparolen reagiert, anstatt einem für Alternativen den Rücken zu stärken.

    Ich finde es vor allem sehr unglücklich, dass man junge Menschen über das Studium schon sehr früh auf einen bestimmten Weg festlegt; zumindest dann, wenn man z.B. finanziell abhängig ist (BAFöG). In den Niederlanden, wo ich drei Jahre gelehrt habe, studiert man teilweise schon mit 17. Wer nach ein paar Semestern merkt, dass er nicht das richtige Fach gewählt hat, kriegt dann mitunter zeitliche oder finanzielle Probleme. Woher soll man mit 17/18 schon wissen, was man mit 30/40 machen will?

    Zugegeben, auch Selbstfindung kann man übertreiben und es gibt häufig alternative Wege (z.B. Studium durch Nebenjobs finanzieren), die es dann aber auch wieder schwerer machen können.

    Ich werde manchmal als junger Professor "gehypet" – dass man für so einen Lebenslauf auch einen (psychischen wie physischen) Preis bezahlt, das interessiert die meisten nicht. Für die Doktorarbeit musste ich ein hohes Maß an Frustrationstoleranz besitzen; ich weiß bis heute nicht, ob mich das näher an ein gelungenes Leben gebracht hat oder nicht; aber zumindest zu einem Interview auf ZEIT Online. :-)

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    Antwort auf "Verwöhnung"
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    • Legatus
    • 11. Dezember 2012 14:50 Uhr

    Es gibt ja doch noch ein paar Menschen, die tatsächlich verstehen.
    Die Kommentare 16 und 35 sind auch sehr gut gelungen.

  3. ..., aber mal eine Frage, wieviele Bewerbungen hat Ihr Vater jemals geschrieben?

    Bei meinem Vater war es genau eine - danach Übernahme und Arbeit bis zur Rente im selben Betrieb in der selben Stadt.

    Antwort auf "Prägung?"
  4. Das hatte ich im Sinn. Klar war studieren früher deutlich angenehmer, haben schließlich nur wenige Menschen überhaupt Abitur machen können. Wer nen Studienplatz hatte, hatte seinen "A" schon so gut wie im Trockenen, man gehörte allein dadurch schon zu den oberen 15%.

    Das sorgt ja auch für Ruhe und Selbstvertrauen.

    Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Ihr Vater VOR seinem Studium deutlich stärker gefordert wurde, bei deutlich weniger Ablenkungen.

    Zitat: "Ein Normalverdiener konnte locker eine Familie ernähren und auch Wohneigentum erwerben."

    Das stimmt natürlich. Wer heute vor seinem 40. Lebensjahr Wohneigentum erwirbt, kann dies nur mit saftigen Krediten. Als junger Mensch bekommt man diese heute gar nicht mehr, zurecht, bei den Beschäftigungsverhältnissen.

    Wer unbedingt Wohneigentum will, belastet sich selbst psychisch über alle Maßen, denn dann sind Sie auf Gedeih und Verderb von ihrem Job (sprich: Ihrem Chef) abhängig. Weil dann alles auf dem Spiel steht, was bis dato geleistet wurde.

    Ich hab mich damit abgefunden, bis mind. 40 oder 50 zur Miete zu leben. Warum auch nicht? Weniger Stress und keine Zinsen an die Bank. Das alte "Haus-Kind-Baum"-Paradigma hat wirklich ausgedient. Machen wir das Beste draus ;)

    • ST_T
    • 11. Dezember 2012 13:35 Uhr

    Sondern ich sage nur, dass es der simple Zusammenhang ist zwischen Dauerstress und dann noch Dauerleistungsbereitschaft.
    Wenn man mir dabei Egoismus vorwerfen möchte, bitte!
    Wenigstens kann ich genug aus eigener Erfahrung berichten: Fast die Hälfte der Jura-Studenten die ich kenne kommt ohne Ritalin kaum klar.
    Vor allem in den "harten" Fächern (Sprachkurse, Medizin, Jura, Ingi-Wissenschaften und evtl. noch Informatik) besteht so ein ungeheurer Druck, den sich keiner mehr von der früheren Studenten-Generation vorstellen kann.

    Selbst bei den Azubis sieht es in der Hinsicht kaum anders aus: Überstunden, Willkür von Chefs, um mal einige Dinge zu nennen.

    Was ich nur ausdrücken wollte mit meiner ewtwa lapidar gewählten Überschrift: Der kausale Zusammenhang ist ziemlich eindeutig. Jeder Student kennt das Problem es sei denn man gehört wohl zu denen die vielleicht 6 Veranstaltungen pro Woche haben, was aber nur ziemlich selten vorkommt.

  5. ..."fröhliche" Selektiererei los und bestätigt fulminant den Artikel bzw. das Interview und die Aussagen des Herrn Schleim.

    Antwort auf "@3 ST_T"
  6. >Im selben Alter hat man mit Abi und Ausbildung bereits seit Jahren ein höheres Gehalt, in der Ausbildung oft schon ein Jobangebot, wo Studenten nochmal ganz von vorne anfangen müssen, und seit Jahren prekär leben und die Gebühren ranschaffen müssen.

    Die Erfahrung habe ich auch machen müssen. Zwar war der geistige Anspruch während der Ausbildung nicht dass, was ich gerne von mir abgefordert habe, hat allerdings dafür gesorgt, dass ich danach eine gewisse finanzielle Grundsicherung und viel wichtiger mir Arbeitsroutine und Kernkompetenzen für den alltäglichen Büro-Dschungel aneignen konnte und so auch gerlent habe mein (Fern-)Studium neben dem Beruf in Griff zu kriegen.
    Da haben es unsere Studenten die frisch von der Uni kommen meist deutlich schwerer mit dem Ankommen in der Realität und Banaliät der Arbeitslandschaften. Davon abgesehen, dass diese sich meist selbst für ein Apfel und ein Ei verkaufen - vielleicht auch weil sie sich während des Studiums an greingfügige Arbeiten für einfachen (= unterbezahlten) Lohn gewöhnt haben.

    >Meine Empfehlung für Abiturienten: Bloß nicht studieren, lieber eine Ausbildung im kaufmännischen oder technischen Bereich und die Energie statt dessen in den Aufsteig legen.

    Bloß nicht studieren ist viel zu drastisch. Später, also nach einer Ausbildung studieren kann ich allerdings uneingeschränkt empfehlen! Zumindest dann, wenn die Motivation der Forschung und Lehre nicht ausreichend ist sein Studium fertig zu kriegen.

    Antwort auf "Das sehe ich ähnlich"

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