MedikamentenkonsumDie ständige Angst, zu scheitern

Ob Ritalin oder Koffeintabletten: Immer mehr Studenten greifen zu Psychopharmaka. Der Neurophilosoph Stephan Schleim sagt im Interview, warum wir unter Dauerdruck stehen. von 

ZEIT ONLINE:Aktuelle Zahlen der Techniker Krankenkasse zeigen, dass der Medikamentenkonsum bei Studenten in den vergangenen Jahren gestiegen ist – das gilt insbesondere für Psychopharmaka. Ist wieder einmal der Bologna-Prozess schuld?

Stephan Schleim: Die Auswirkungen des Bologna-Prozesses spielen bestimmt eine Rolle. Ich lehre selbst und merke, unter welchem Druck Studenten heute stehen. Das Credit-Point-System zwingt sie dazu, mehr Leistung in weniger Zeit zu erbringen. Nebenbei sollen sie Auslandsaufenthalte und Praktika absolvieren. Allerdings wäre es nur die halbe Wahrheit, allein das neue Studiensystem dafür verantwortlich zu machen. Schließlich ist der Medikamentenkonsum nicht nur bei Studenten gestiegen, sondern auch bei gleichaltrigen Erwerbstätigen. Ich denke, es liegt an einem Wandel der gesamten Gesellschaft. Stets herrscht die Angst: Wenn ich nicht hart genug arbeite, gerate ich ins Hintertreffen. Das macht sie psychisch nicht unbedingt gesünder.

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ZEIT ONLINE: Wettbewerb ist kein neues Konzept – schon früher mussten die Menschen sich anstrengen, um erfolgreich zu sein. Medikamente haben sie deshalb nicht genommen.

Schleim: Früher war die Angst vor dem Scheitern nicht so groß. Wer einen Schicksalsschlag oder eine Niederlage erlebt hat, wurde von der Gesellschaft aufgefangen. Dann hat man eben mal ein Jahr in der Hängematte verbracht, um einen neuen Weg zu finden. Heute geht das kaum noch, die Gesellschaft ist kälter geworden. Politiker rufen zum "Fördern und Fordern" auf. Übersetzt heißt das, dass jeder für seinen eigenen Erfolg verantwortlich ist. An ganz normalen Problemen zu scheitern, ist heute keine Option mehr, deshalb machen wir das zur Krankheit.

ZEIT ONLINE: Früher hat man psychologische Probleme verschwiegen, weil sie gesellschaftlich nicht akzeptiert waren. Ist es nicht ein gutes Zeichen, dass immer mehr Menschen sie ernst nehmen und behandeln lassen?

Schleim: Pillen und Stressbewältigung sind zwar Lösungsmöglichkeiten. Doch sie basieren auf der Annahme, dass das Individuum das Problem ist. Das ist eine Art Trostpflaster, denn eine medizinische Diagnose nimmt die Verantwortung: "Du bist eben krank, es ist nicht deine Schuld." Das eigentliche Problem ist aber, dass der Wettbewerb von vornherein ungerecht ist: Nicht alle haben die gleichen Erfolgschancen und nicht jeder kann Gewinner sein. Auch nicht jeder, der hart arbeitet.

Leserkommentare
    • Klüger
    • 11. Dezember 2012 12:53 Uhr

    ... habe in den späten 80ern und frühen 90ern studiert.

    Mein Vater (Jahrgang 1938) hat gesagt, als Student der VWL hat er damals zwar fleißig gerabeitet, aber es war alles geregelt. Veranstaltungen von 8 bis 20:00 Uhr gab es da nicht.

    Auch in der Arbeitswelt nicht.

    Ist Wochenendarbeit und Abends erst um 18:30 oder später Feierabend machen eher normal für mich, war bei ihm das die Ausnahme.

    Natürlich hat er auch deutlich mehr verdient!

    Ich denke eher, das die Motivation das Problem ist sowie die menschenfeindliche Ideologie, wie im Artikel und manchen Kommentaren schon angesprochen.

    Die Generationen der Nachkriegszeit bis in die 80er haben für sich gearbeitet und dafür, das es ihren Kindern mal besser geht.

    Eine Arbeitsstelle war sozialversichert und unbefristet.

    Ein Normalverdiener konnte locker eine Familie ernähren und auch Wohneigentum erwerben.

    Gleichzeitig wusste man, dass die Rente im Alter reicht, wenn man durchhielt.

    Heute? Muss man das wirklich alles aufzählen?

    Mach ich aber trotzdem, für diejenigen, die glauben, heute wäre alles besser.

    Doppelverdiener - reicht für eine Familie gerade, um über die Runden zu kommen.

    Normalverdiener (ca. 2500 EUR brutto) = Armutsrente, es sei denn, man hat privat vorgesorgt. Nur, wer kann die PV bezahlen?

    Chance auf festen und unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Job?

    Davon kann man in vielen Branchen nur noch träumen.

    Kurz - heute muss der Einzelne sehen, wo er bleibt.

    Wer am Boden liegt, wird noch getreten.

    20 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Prägung?"
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    Das hatte ich im Sinn. Klar war studieren früher deutlich angenehmer, haben schließlich nur wenige Menschen überhaupt Abitur machen können. Wer nen Studienplatz hatte, hatte seinen "A" schon so gut wie im Trockenen, man gehörte allein dadurch schon zu den oberen 15%.

    Das sorgt ja auch für Ruhe und Selbstvertrauen.

    Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Ihr Vater VOR seinem Studium deutlich stärker gefordert wurde, bei deutlich weniger Ablenkungen.

    Zitat: "Ein Normalverdiener konnte locker eine Familie ernähren und auch Wohneigentum erwerben."

    Das stimmt natürlich. Wer heute vor seinem 40. Lebensjahr Wohneigentum erwirbt, kann dies nur mit saftigen Krediten. Als junger Mensch bekommt man diese heute gar nicht mehr, zurecht, bei den Beschäftigungsverhältnissen.

    Wer unbedingt Wohneigentum will, belastet sich selbst psychisch über alle Maßen, denn dann sind Sie auf Gedeih und Verderb von ihrem Job (sprich: Ihrem Chef) abhängig. Weil dann alles auf dem Spiel steht, was bis dato geleistet wurde.

    Ich hab mich damit abgefunden, bis mind. 40 oder 50 zur Miete zu leben. Warum auch nicht? Weniger Stress und keine Zinsen an die Bank. Das alte "Haus-Kind-Baum"-Paradigma hat wirklich ausgedient. Machen wir das Beste draus ;)

  1. ..., geistig und körperlich, weil der Mensch eben nur als Mittel zum Zweck der Kapitalverwertung angesehen wird.
    Ich empfehle Erich Fromm, der hat's recht eingängig analysiert: "Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflußt werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen, ohne daß man Gewalt anwenden müßte, die sich ohne Führer führen lassen und die kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen. […] Jeder glaubt sich dann in Sicherheit, wenn er möglichst dicht bei der Herde bleibt und sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln nicht von den anderen unterscheidet" (Die Kunst des Liebens) "Der Konsumideologie liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit. (Haben oder Sein. ))

    17 Leserempfehlungen
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    Man muß "bedenken, von welchem
    Geist unsere heutige Industriegesellschaft erfüllt ist. Der Mensch hat sich in einen homo consumens verwandelt. Er ist unersättlich und passiv und versucht seine innere Leere mit einem ständigen, stets wachsenden Konsum zu kompensieren. Es gibt viele klinische Beispiele für diesen Mechanismus, bei dem übermäßiges Essen, Kaufen und Trinken eine Reaktion auf Depression und Angst ist. Konsumiert werden Zigaretten, Schnaps, Sex, Filme, Reisen, Bildungsgüter wie Bücher, Vorlesungen, Kunst. Der Mensch macht den Eindruck, als sei er aktiv und höchst angeregt, in seinem tiefsten Innern ist er jedoch erfüllt von Angst, ist er einsam, deprimiert und gelangweilt. (Langeweile kann als jene Art chronischer
    Depression begriffen werden, die man erfolgreich mit Konsum kompensieren
    kann.) Die Industriegesellschaft des 20.Jh hat diesen neuen psycholog. Typ, den homo cons., in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen geschaffen, d. h. um des notwendigen Massenkonsums willen, der durch die Werbung stimuliert und manipuliert wird. Aber der einmal geschaffene Charaktertyp beeinflusst seinerseits wieder die Wirtschaft und lässt das Prinzip der ständig zunehmenden Befriedigung vernünftig und realistisch erscheinen...Außerdem möchte er alles, was die andern haben, auch besitzen und sieht in ihnen seine Konkurrenten. Daher ist er im Grunde isoliert und voller Angst. Er kann Kunst und andere kulturelle Anregungen nie wirklich genießen, weil er immer
    mehr haben möchte."

  2. Man muß "bedenken, von welchem
    Geist unsere heutige Industriegesellschaft erfüllt ist. Der Mensch hat sich in einen homo consumens verwandelt. Er ist unersättlich und passiv und versucht seine innere Leere mit einem ständigen, stets wachsenden Konsum zu kompensieren. Es gibt viele klinische Beispiele für diesen Mechanismus, bei dem übermäßiges Essen, Kaufen und Trinken eine Reaktion auf Depression und Angst ist. Konsumiert werden Zigaretten, Schnaps, Sex, Filme, Reisen, Bildungsgüter wie Bücher, Vorlesungen, Kunst. Der Mensch macht den Eindruck, als sei er aktiv und höchst angeregt, in seinem tiefsten Innern ist er jedoch erfüllt von Angst, ist er einsam, deprimiert und gelangweilt. (Langeweile kann als jene Art chronischer
    Depression begriffen werden, die man erfolgreich mit Konsum kompensieren
    kann.) Die Industriegesellschaft des 20.Jh hat diesen neuen psycholog. Typ, den homo cons., in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen geschaffen, d. h. um des notwendigen Massenkonsums willen, der durch die Werbung stimuliert und manipuliert wird. Aber der einmal geschaffene Charaktertyp beeinflusst seinerseits wieder die Wirtschaft und lässt das Prinzip der ständig zunehmenden Befriedigung vernünftig und realistisch erscheinen...Außerdem möchte er alles, was die andern haben, auch besitzen und sieht in ihnen seine Konkurrenten. Daher ist er im Grunde isoliert und voller Angst. Er kann Kunst und andere kulturelle Anregungen nie wirklich genießen, weil er immer
    mehr haben möchte."

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    • Marobod
    • 11. Dezember 2012 14:25 Uhr

    den Nagel auf den Kopf.

    • LaSilas
    • 11. Dezember 2012 11:57 Uhr

    Jeder gegen jeden. Immer höher, schneller und weiter soll der Mensch. Als Arbeitskraft soll er höchst optimal verwertet werden für den Profit anderer. Der Mensch ist eine Wurst für das BIP und die imperialistischen Träume von Politikern, die einen autoritären Großstaat in Europa wollen.

    Auf der Strecke geblieben ist der gesunde Menschenverstand und Entspannung ist nicht mehr vorgesehen. Wenn das BIP bei niedrigen Kapitalsteuern ständig wachsen muss, ist gnadenlose Konkurrenz die Folge - und der Niedergang von Natur und Umwelt.

    Gnadenloser Konkurrenzkampf macht unglücklich. Die Kooperation von Menschen führt viel eher zu Fortschritten für alle:

    'Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren' von Joachim Bauer

    'Kampf oder Kooperation? Der renommierte Medizinprofessor und Psychotherapeut Joachim Bauer widerlegt die weit verbreitete These, der Mensch sei primär auf Egoismus und Konkurrenz eingestellt. Ausgehend von aktuellsten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zeigt er, dass das menschliche Handeln vielmehr durch das Streben nach Zuwendung, Wertschätzung und Kooperation bestimmt wird.'

    http://www.amazon.de/Prin...

    "Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält"
    Richard Sennett

    http://www.amazon.de/Zusa...

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    ..., geistig und körperlich, weil der Mensch eben nur als Mittel zum Zweck der Kapitalverwertung angesehen wird.
    Ich empfehle Erich Fromm, der hat's recht eingängig analysiert: "Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflußt werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen, ohne daß man Gewalt anwenden müßte, die sich ohne Führer führen lassen und die kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen. […] Jeder glaubt sich dann in Sicherheit, wenn er möglichst dicht bei der Herde bleibt und sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln nicht von den anderen unterscheidet" (Die Kunst des Liebens) "Der Konsumideologie liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit. (Haben oder Sein. ))

  3. "Dafür brauch ich keinen 'Neurophilosophen', der mir diesen simplen kausalen Zusammenhang erklären muss"

    Sehen Sie, auch Sie beteiligen sich daran, "überflüssige Menschen" aus der Gesellschaft auszusortieren. In Ihrem Fall sind Neurophilosophen überflüssig wie ein Kropf, für Andere sind es vielleicht Hartz-IV-Empfänger, für wieder Andere Zuwanderer, die irgendwie "entsorgt" gehören.

    Ich glaube, diese Art von Denken gab es in den 60er Jahren tatsächlich nicht in dem Maße.

    Statt zu erkennen, was die Markt-Ideologie mit dem Menschen anstellt, fallen leider viel zu viele auf sie herein und machen mit bei diesem Hamsterrad, in dem sich atomisierte Einzelkämpfer-"Individuen" (auch so eine neoliberale Neuentdeckung) panisch eine Position auf Kosten Anderer in der Gesellschaft erkämpfen wollen und dabei gegen alles treten, was sich vermeintlich in der Hierarchie weiter unten befindet.

    Es ist schon Jahre her, dass ich Michel Houellebecques (oder Hullebeck, wie auch immer er sich schreibt...) "Ausweitung der Kampfzone" gelesen habe, aber es will mir nicht aus dem Kopf, wie sehr er damit Recht hatte, wie die Wettbewerbs-Ideologie sich auf mehr und mehr Lebensbereiche ertreckt und langsam die Fundamente der abendländischen Kultur wegfrißt.

    Irgend ein US-Thinktank hat mal ausgerechnet, daß 20% der Menschheit genügen, die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Die restlichen 80% sind "überflüssig" und müssen irgendwie bei Laune gehalten werden. Neurophilosophen gehören dazu, nicht wahr?

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    • Klüger
    • 11. Dezember 2012 12:59 Uhr

    ... sondern sollen die Produkte kaufen, welche die 20% herstellen.

    Wer da einen Widerspruch zur Idee der Arbeitsgesellschaft findet, liegt vollkommen richtig.

    Man erkennt das am Scheitern der Binnengesellschaften in den entwickelten Ländern.

    Wer nicht grade Exportmeister ist, hat schlechte Karten.

    Export heisst aber (stark zugespitzt) eigentlich nur, Sachen an andere zu verkaufen, weil die eigene Bevölkerung die schon hat, nicht will oder nicht bezahlen kann.

    Wer kein Geld hat, weil keine richtige Arbeit, fällt als Kunde weg.

    Da alle Staaten der Welt dieser Ideologie frönen, ist es nur eine Frage der zeit, bis die letzten Absatzmärkte wegfallen bzw, auf ein paar wenige menschen mit Geld schrumpfen.

    Diese Ideologie ist ein Auslaufmodell - wird Zeit, andere Kriterien für WIrtschaft und Gesellschaft auszudenken.

    • ST_T
    • 11. Dezember 2012 13:35 Uhr

    Sondern ich sage nur, dass es der simple Zusammenhang ist zwischen Dauerstress und dann noch Dauerleistungsbereitschaft.
    Wenn man mir dabei Egoismus vorwerfen möchte, bitte!
    Wenigstens kann ich genug aus eigener Erfahrung berichten: Fast die Hälfte der Jura-Studenten die ich kenne kommt ohne Ritalin kaum klar.
    Vor allem in den "harten" Fächern (Sprachkurse, Medizin, Jura, Ingi-Wissenschaften und evtl. noch Informatik) besteht so ein ungeheurer Druck, den sich keiner mehr von der früheren Studenten-Generation vorstellen kann.

    Selbst bei den Azubis sieht es in der Hinsicht kaum anders aus: Überstunden, Willkür von Chefs, um mal einige Dinge zu nennen.

    Was ich nur ausdrücken wollte mit meiner ewtwa lapidar gewählten Überschrift: Der kausale Zusammenhang ist ziemlich eindeutig. Jeder Student kennt das Problem es sei denn man gehört wohl zu denen die vielleicht 6 Veranstaltungen pro Woche haben, was aber nur ziemlich selten vorkommt.

    • pepe423
    • 11. Dezember 2012 12:31 Uhr

    > Wer Psychopharmaka oder Drogen benötigt um eine geforderte
    > Leistung zu erbringen sollte sich überlegen ob er sich die
    > Leiste nicht etwas zu hoch gesteckt hat.

    Das stimmt wohl. Allerdings gilt heute "Den Letzten beissen die Hunde", und das Resultat kann man jederzeit im ÖPNV und auf öffentlichen Plätzen live erleben.

    Der Herr Professor hat aber absolut Recht dass dies kein individuelles sondern ein gesellschaftliches Problem ist. Egal wie sich alle anstrengen und fördern, es wird immer einen Letzten geben, der uns allen Angst macht. Nur dass es dann allen anderen auch kollektiv schlechter geht.

    Der Schlüssel ist, sich wieder auf eine soziale (humane) Gemeinschaft zu besinnen, dass der Letzte kein Deut schlechter dran ist oder verachtenswerter ist als alle anderen.

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    Antwort auf "Fachkräftemangel"
  4. Mein Vater hat zu dem Thema eine ganz eigene Hypothese:

    Unsere Studentengeneration sei in unvorstellbarem Wohlstand aufgewachsen und wurde von vorne bis hinten verhätschelt, verglichen mit früheren Generationen. Dazu zähle auch weniger körperliche Arbeit und weniger Verantwortung im Haushalt. Schließlich musste man "früher" schon mit 14 in die Ausbildung starten etc...

    Die ganz normale "Härte des Lebens" träfe uns daher viel härter und unvorbereiteter. Zumindest käme uns das so vor.

    In Wahrheit aber sei die real zu erbringende Arbeitsleistung gesunken (Wie auch immer er das messen möchte)... ^^

    10 Leserempfehlungen
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    Sehe ich ähnlich. Und wenn man sich alte Dokumentationen von Studentenveranstaltungen ansieht kann man sehen, dass sich die Interessenlage in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat. Ging damals die 68er Generation auf die Straße, um gegen „den Muff von 1000 Jahren“ zu kämpfen, steht heute nicht selten nur noch der nächste Surfurlaub im Mittelpunkt.

    Für meine Generation war die Jugend leichter als die vorangegange Generation und ich denke es ist fair zu sagen, dass die jetzigen Studenten i.d.R. eine noch bessere/leichtere Jugend gehabt haben könnten, wenn eine pauschale Einschätzung gültig sein kann.

    Wenn sonst nichts, dann ist die mediale Ablenkung durch mobile Endgeräte omnipräsent und nimmt, schätze ich, viel Platz ein, der ansonsten frei wäre für Fokussierung auf Relevantes.

    ... und dazu zähle ich mich (leider) auch, haben in keiner Weise die "Härten" des Lebens kennengelernt und die Erfahrung des Scheiterns kennen wir kaum. Auch nicht, dass man für ein Ziel auch mal mehrere Jahre kämpfen muss.

    Die interessantesten Menschen die ich kenne haben in ihrem Leben schon viel kämpfen müssen. Diese machen sich über die Problemchen der heutigen Studenten lustig.
    Viele Studenten sind durch die jahrelange Wohlstandserziehung psychisch einfach nicht in der Lage, Belastung auszuhalten. Da kommt einiges auf und zu...

    Auf der anderen Seite verstehe ich es nur zu gut. Wir stellen die Sinnfrage zu unserem Tun und stellen oft fest dass es keinen Sinn gibt. Wozu für ein Studium abrackern, wenn es danach nur schlecht bezahlte Jobs gibt mit der man keine Familie ernähren kann? Wozu das alles, obwohl die Welt ringsherum den Bach hinuntergeht. Motivation ist eine wichtige Energiequelle, wer nicht ausreichend davon hat, schafft nicht viel.

    Ich muss meinem alten Herrn auch insoweit zustimmen, dass der Kontrast von Wattebausch-Jugend und anschließendem knallharten Wettbewerb schon krasser ist als früher.

    Und natürlich macht dieser heftige Kontrast vielen zu schaffen, daher zum Teil vielleicht auch der plötzliche Anstieg der Burn-Outs.

    Die Motivation im Studium (=psychische Energie) nimmt natürlich auch ab, wenn man 5,5 Jahre bis zum Masterabschluss braucht, mit Praktika und Ausland und dem ganzen anderen fast vollständig sinnlosen Döhns, um dann in den wenigen Assessment-Centern die man machen "darf" sich gegen 300 andere Bewerber durchsetzen muss, nur um nach einem Jahr als Trainee wieder rauszufliegen. Die permanente Prüfung eben.

    Im selben Alter hat man mit Abi und Ausbildung bereits seit Jahren ein höheres Gehalt, in der Ausbildung oft schon ein Jobangebot, wo Studenten nochmal ganz von vorne anfangen müssen, und seit Jahren prekär leben und die Gebühren ranschaffen müssen.

    Meine Empfehlung für Abiturienten: Bloß nicht studieren, lieber eine Ausbildung im kaufmännischen oder technischen Bereich und die Energie statt dessen in den Aufsteig legen.

    • Klüger
    • 11. Dezember 2012 12:53 Uhr

    ... habe in den späten 80ern und frühen 90ern studiert.

    Mein Vater (Jahrgang 1938) hat gesagt, als Student der VWL hat er damals zwar fleißig gerabeitet, aber es war alles geregelt. Veranstaltungen von 8 bis 20:00 Uhr gab es da nicht.

    Auch in der Arbeitswelt nicht.

    Ist Wochenendarbeit und Abends erst um 18:30 oder später Feierabend machen eher normal für mich, war bei ihm das die Ausnahme.

    Natürlich hat er auch deutlich mehr verdient!

    Ich denke eher, das die Motivation das Problem ist sowie die menschenfeindliche Ideologie, wie im Artikel und manchen Kommentaren schon angesprochen.

    Die Generationen der Nachkriegszeit bis in die 80er haben für sich gearbeitet und dafür, das es ihren Kindern mal besser geht.

    Eine Arbeitsstelle war sozialversichert und unbefristet.

    Ein Normalverdiener konnte locker eine Familie ernähren und auch Wohneigentum erwerben.

    Gleichzeitig wusste man, dass die Rente im Alter reicht, wenn man durchhielt.

    Heute? Muss man das wirklich alles aufzählen?

    Mach ich aber trotzdem, für diejenigen, die glauben, heute wäre alles besser.

    Doppelverdiener - reicht für eine Familie gerade, um über die Runden zu kommen.

    Normalverdiener (ca. 2500 EUR brutto) = Armutsrente, es sei denn, man hat privat vorgesorgt. Nur, wer kann die PV bezahlen?

    Chance auf festen und unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Job?

    Davon kann man in vielen Branchen nur noch träumen.

    Kurz - heute muss der Einzelne sehen, wo er bleibt.

    Wer am Boden liegt, wird noch getreten.

    • Banause
    • 11. Dezember 2012 13:06 Uhr

    Lieber Dr. Econ,

    ich möchte der Hypothese Ihres Vaters nicht gänzlich widersprechen, allerdings bin ich der Meinung, dass man das nicht so vergleichen kann. Es klingt zwar plausibel (vroomfondel), aber es ist nicht pauschalisierbar.

    Früher musste man vielleicht härter Arbeiten, aber dafür waren die Erwartungshaltungen stabiler.

    Heutzutage wird von möglichst vielen verlangt, dass sie Abitur machen und im Anschluss studieren. Wer beispielsweise eine Ausbildung macht, ist schon ein Stück weit am Arbeitsmarkt abgehängt (hier im Artikel wird ja auch von Studenten geredet).

    Als Student muss man dann nicht nur Wissen in einem Fach erwerben und eine Fremdsprache lernen. Es wird erwartet, dass man fachübergreifend und gleich mehrere Fremdsprachen lernt.

    Desweiteren muss man Flexibilität beweisen, am besten mit Aufenthalt im Ausland. Es wird ein gekonntes Auftreten erwartet. Außerdem reicht es nicht mehr, sich um sich selbst zu kümmern, man muss auch soziale Kompetenzen mitbringen.

    Gleichzeitig soll man immer einen Blick auf aktuelle Entwicklungen haben. Man soll Medienkompetenzen haben, was die "mediale Ablenkung durch mobile Endgeräte" (vroomfondel) zum Erlernen des Umgangs mit diesen Geräten nötig macht.

    Darüber hinaus kommt dann noch der gesellschaftliche Druck, gesund und effizient zu leben. Als Verbraucher muss man ständig vergleichen und Wissen über Produkte erwerben.

    Das alles, während man den Leuten heutzutage immer weniger vertrauen kann.

    ..., aber mal eine Frage, wieviele Bewerbungen hat Ihr Vater jemals geschrieben?

    Bei meinem Vater war es genau eine - danach Übernahme und Arbeit bis zur Rente im selben Betrieb in der selben Stadt.

    Heute gibt es auch noch Leute die mit 16 Ihre Ausbildung machen. Der Unterschied von Heute zu früher ist, dass man damals 40 Jahre im gleichen Betrieb arbeiten konnte und gut genug bezahlt wurde um als Geselle ein Haus zu bauen. Den Luxus haben heute selbst viele Studenten nicht mehr.

    Die Generation unserer Väter hatte vielleicht eine Kindheit und Jugend die schwerer war als die unsere, aber der Wirtschaftsboom in dem diese Generation in das Arbeitsleben eingestiegen ist, sucht seinesgleichen.

  5. ... und dazu zähle ich mich (leider) auch, haben in keiner Weise die "Härten" des Lebens kennengelernt und die Erfahrung des Scheiterns kennen wir kaum. Auch nicht, dass man für ein Ziel auch mal mehrere Jahre kämpfen muss.

    Die interessantesten Menschen die ich kenne haben in ihrem Leben schon viel kämpfen müssen. Diese machen sich über die Problemchen der heutigen Studenten lustig.
    Viele Studenten sind durch die jahrelange Wohlstandserziehung psychisch einfach nicht in der Lage, Belastung auszuhalten. Da kommt einiges auf und zu...

    Auf der anderen Seite verstehe ich es nur zu gut. Wir stellen die Sinnfrage zu unserem Tun und stellen oft fest dass es keinen Sinn gibt. Wozu für ein Studium abrackern, wenn es danach nur schlecht bezahlte Jobs gibt mit der man keine Familie ernähren kann? Wozu das alles, obwohl die Welt ringsherum den Bach hinuntergeht. Motivation ist eine wichtige Energiequelle, wer nicht ausreichend davon hat, schafft nicht viel.

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