Manche Studenten glauben, der Zweite Weltkrieg habe im 19. Jahrhundert stattgefunden. Das habe ich kürzlich im Spiegel gelesen, es war ein Interview mit dem Bayreuther Altphilologen Gerhard Wolf. "Das Niveau sinkt" war der Titel, die Allgemeinbildung der Studenten sei erschreckend gering, sagte der Professor.

Auch meine Allgemeinbildung könnte besser sein. Schließlich gibt es Leute, die mal eben eine Bibelstelle zitieren oder die Lebensdaten eines Komponisten runterrattern können. Aus dem Hinterkopf. Um meine Allgemeinbildung ist es lediglich so bestellt, dass meist nicht auffällt, dass sie recht mittelmäßig ist.

Einmal hat mich das so gestört, dass ich das Duden-Buch Was jeder wissen muss gekauft habe. Hoffnungslos. Nach Seite zehn hab ich es bei eBay eingestellt. Ich sehe einfach nicht ein, dass ich die Entfernung der Erde zum Mond wissen muss. Auch nicht ungefähr.

Dabei bin ich ein Fan von Bildung. Mir ist auch klar, dass Denken erst funktioniert, indem man sich gewisse Dinge aneignet – auch wenn man sie hinterher wieder vergisst. Fakten auswendig lernen kann ich trotzdem nicht.

Vermutlich ist das Internet schuld. Wie immer, wenn meine Generation etwas besser, schlechter oder anders macht als die vorherige. Die neuen Medien nehmen uns das Denken ab , behauptet der Hirnforscher Manfred Spitzer. Ich habe nichts gegen Denken. Aber ich habe einen Wikipedia-Schalter in meinem Kopf, der auf Durchzug stellt, wenn ich etwas höre, was ich jederzeit bei Wikipedia nachlesen kann. Ich kann mich nicht dagegen wehren.

Ich komme dank Wikipedia und Smartphones eben ohne die Qual des Auswendiglernens im Leben klar. Haben sich die, die mangelnde Allgemeinbildung beklagen, einst lustvoll abstrakte Fakten eingepaukt? Sicher nicht. Damals fehlte nur die Alternative.

Dass Hirnforscher Spitzer Computer am liebsten verbieten würde, finde ich rückwärtsgewandt. Gewiss machen Technologien bequem. Früher atmeten die Leute genug frische Luft, sie arbeiteten auf dem Feld, ihre Körper waren schlank. Heute sitzen wir im Bürostuhl, starren auf unseren Bildschirm und werden bräsig.

Doch gegen träge Büroarbeiterkörper haben sich Fitnessstudios etabliert. So etwas brauchen wir auch für faule Gehirne. Eine Bildungsanstalt, die mir ohne die Qual des Auswendiglernens Allgemeinbildung vermittelt. Moderne Sprachlerninstitute haben das schon erkannt: Vokabeln pauken muss hier niemand mehr, die Worte werden nebenbei und anwendungsbezogen gelernt.

Die Technik hat Fortschritte gemacht, die Didaktik sollte das auch tun. Dann funktioniert das Denken vielleicht sogar besser als heute.