Bildung : Schöner denken mit dem Wikipedia-Schalter

Das Internet schadet angeblich der Allgemeinbildung. Richtig, sagt Ruben Karschnick: Auswendiglernen ist überflüssig geworden. Aber das kommt dem Denken zugute.

Manche Studenten glauben, der Zweite Weltkrieg habe im 19. Jahrhundert stattgefunden. Das habe ich kürzlich im Spiegel gelesen, es war ein Interview mit dem Bayreuther Altphilologen Gerhard Wolf. "Das Niveau sinkt" war der Titel, die Allgemeinbildung der Studenten sei erschreckend gering, sagte der Professor.

Auch meine Allgemeinbildung könnte besser sein. Schließlich gibt es Leute, die mal eben eine Bibelstelle zitieren oder die Lebensdaten eines Komponisten runterrattern können. Aus dem Hinterkopf. Um meine Allgemeinbildung ist es lediglich so bestellt, dass meist nicht auffällt, dass sie recht mittelmäßig ist.

Einmal hat mich das so gestört, dass ich das Duden-Buch Was jeder wissen muss gekauft habe. Hoffnungslos. Nach Seite zehn hab ich es bei eBay eingestellt. Ich sehe einfach nicht ein, dass ich die Entfernung der Erde zum Mond wissen muss. Auch nicht ungefähr.

Dabei bin ich ein Fan von Bildung. Mir ist auch klar, dass Denken erst funktioniert, indem man sich gewisse Dinge aneignet – auch wenn man sie hinterher wieder vergisst. Fakten auswendig lernen kann ich trotzdem nicht.

Vermutlich ist das Internet schuld. Wie immer, wenn meine Generation etwas besser, schlechter oder anders macht als die vorherige. Die neuen Medien nehmen uns das Denken ab , behauptet der Hirnforscher Manfred Spitzer. Ich habe nichts gegen Denken. Aber ich habe einen Wikipedia-Schalter in meinem Kopf, der auf Durchzug stellt, wenn ich etwas höre, was ich jederzeit bei Wikipedia nachlesen kann. Ich kann mich nicht dagegen wehren.

Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Ich komme dank Wikipedia und Smartphones eben ohne die Qual des Auswendiglernens im Leben klar. Haben sich die, die mangelnde Allgemeinbildung beklagen, einst lustvoll abstrakte Fakten eingepaukt? Sicher nicht. Damals fehlte nur die Alternative.

Dass Hirnforscher Spitzer Computer am liebsten verbieten würde, finde ich rückwärtsgewandt. Gewiss machen Technologien bequem. Früher atmeten die Leute genug frische Luft, sie arbeiteten auf dem Feld, ihre Körper waren schlank. Heute sitzen wir im Bürostuhl, starren auf unseren Bildschirm und werden bräsig.

Doch gegen träge Büroarbeiterkörper haben sich Fitnessstudios etabliert. So etwas brauchen wir auch für faule Gehirne. Eine Bildungsanstalt, die mir ohne die Qual des Auswendiglernens Allgemeinbildung vermittelt. Moderne Sprachlerninstitute haben das schon erkannt: Vokabeln pauken muss hier niemand mehr, die Worte werden nebenbei und anwendungsbezogen gelernt.

Die Technik hat Fortschritte gemacht, die Didaktik sollte das auch tun. Dann funktioniert das Denken vielleicht sogar besser als heute.

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Kommentare

96 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Es macht dennoch

einen erheblichen Unterschied, ob ich nicht weiß, wann der zweite Weltkrieg stattgefunden hat - oder ob ich Mond und Sterne nicht in Distanzen kenne. Es gibt ja so genannte "Allgemeinbildung", die aufgrund ihrer Relevanz nicht fehlen sollte.
Was das Internet ermöglicht, ist die subjektive und west-lastige Selektivität dieser "Allgemeinbildung" aufzubrechen. Leider muss mensch das nach wie vor auch wollen und sich auch im Netz noch dafür einiges an Mühe geben.

Da sehe ich kaum einen Unterschied

schließlich liegt der WW2 schon lange zurück und zum Mond sind sozusagen erst kürzlich Menschen geflogen.

Ich denke jeder muss für sich selbst wissen, welches allgemein wissen er braucht.

Ein Physiker wird hier andere Ansprüche stellen als ein Bankangesteller oder eine Kassierin...letzendlich hängt doch zuvieles auch am Freundeskreis und über welche Themen dort geredet wird.

Allgemeinbildung sollte man nicht mit...

.. AllgemeinWISSEN verwechseln.

Allgemeinbildung ist die Fähigkeit, sinnvolle Zusammenhänge zu ziehen, und zugrunde liegende Muster zu erkennen, eine eigene fundierte Meinung bilden zu können, auch wenn man nicht Experte für ein Thema ist.

Dabei ist AllgemeinWISSEN natürlich ungemein hilfreich.

Ob dieser fundamentalen Verwechslung hat der Autor auch nicht die Stoßrichtung der Kritik Spitzers verstanden.

Dort geht es nämlich um die Fähigkeit, sinnvolle SCHLÜSSE zu ziehen.

Und auch eine BREITE Wissensaneignung, die auch peripheres Wissen einschließt.

Dadurch, dass man bei Wikipedia immer nur die Zusammenfassung bekommt und die auch noch punktgenau, werden beide Faähigkeiten nicht mehr so stark ausgebildet wie früher.

Früher musste man auf jeden Fall mehrere Bücher zumindest überfliegen, oft genug sogar vollständig lesen, um für eine Hausarbeit das nötige Quellenmaterial zu bekommen.

Dabei lernte man oft etwas, von dem man gar nicht wusste, dass es einen Bezug zum Thema hatte.

Gleichzeitig lernte man, Informationen sinnvoll selbst zusammenzu fassen d.h. - auf das Wesentliche zu reduzieren, was voraussetzt, dass man es zuerst VERSTANDEN hat.
Erst dann verwendete man das Wissen selbst.

Als Zugabe sammelte man Anregungen für weitere Lektür, Einblicke in den gesamten Wissenstand zu einem Thema sowie reichlich Inspiration für eigenen Gedankengänge - also einen gründlichen Blick über den eigenen Tellerrand!

Wikipedia vergrößert lediglich den Teller!

Früher war alles besser...

Die Unterscheidung zwischen Allgemeinbildung und Allgemeinwissen ist natürlich wichtig und richtig.
Allerdings sollte man zwei Dinge bedenken:

1. Wird an deutschen Universitäten auch heute noch die Lektüre mehrerer Fachbücher als Grundlage für eine Hausarbeit vorausgesetzt. Ich studiere selbst an der Universität Hamburg und kann nur bestätigen, dass dies tatsächlich auch dazu führt, dass man seinen Horizont erweitert und Verbindungen entdeckt, die man nie erwartet hätte.

2. Ist es jedoch auch Fakt, dass durch die Bologna-Reform immer mehr Stoff in immer weniger Zeit vermittelt werden soll. Da sollte es meiner Meinung nach auch verständlich und akzeptabel sein, wenn Studenten nicht zu jedem Thema mehrere schwer verdauliche Fachbücher lesen. Denn dazu fehlt in der Vorlesungszeit der eng gestrickten Bachelorstudiengänge häufig die Zeit, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Wenn man also wesentlich schneller alles wichtige auf Wikipedia nachlesen kann und auch dort durch die vielen Verlinkungen und Verknüpfungen von Themen seinen Horizont erweitern kann, ist dies - meiner Meinung nach durchaus ein legitimes Mittel. Es ersetzt trotzdem keinesfalls die ausführliche Lektüre zum genaueren Studium eines Themas, für einen ersten - und teilweise auch tiefer gehenden - Überblick ist Wikipedia vollkommen ausreichend und führt keineswegs dazu, dass keine breite Wissensaneignung mehr stattfindet.
Durch die Schnelligkeit und die Vernetztheit von Wikipedia wird diese geradezu unterstützt!

Heute muss man keine Bücher lesen?

Wieso mussten früher für Hausarbeiten Bücher gelesen werden? Glauben sie das heutzutage ein paar Internetquellen reichen? Da kann ich sie beruhigen, ich muss in meinem Studium jede Woche viele Bücher lesen, und Wikipedia nutze ich höchstens um mir einen anfänglichen Überblick über ein Thema zu verschaffen. genauso wie jeder Student den ich kenne.

Und zum Artikel: um einen Studenten (oder auch jede andere Person) zu finden, der nicht weiß wann der zweite Weltkrieg statt gefunden hat, dafür muss man glaub ich lange suchen, zu mindestens das Jahrhundert wird wohl jeder wissen.

Das freut mich ...

... das auch heutzutage im Studium gelesen wird.

Ich selbst nütze auch Wikipedia gern, wenn ich mich lediglich über etwas informieren will.

Wenn Sie meinen Kommentar noch einmal lesen, werden Sie feststellen, dass ich da auch nicht behaupte, das Studierende heute auf das Lesen verzichten.

Ich habe lediglich erklärt, was ich unter Bildung verstehe und wie ich diese erarbeitet habe.

Mit Wikipedia geht das eben nicht!

Sonst würden Sie ja eben gerade nicht auch heute noch Bücher lesen, oder?

Mehr als diese Aussage und einen Hinweis darauf, dass der Autor eben Auswendiglernen und Bildung durcheinander bringt, will ich aus meinem post dann doch nicht herausgelesen haben!

kann ihren beitrag

nur so unterschreiben.

Ich nutze Wikipedia fuer Quellenforschung, nicht ausschließlich aber ich beziehe es mit ein, da man immer Literaturangaben in den Artikeln findet, haeufig sind diese auch treffend (ich suche das jeweillige Buch und ueberfliege es nach relevantem Inhalt und besorge mir oft noch eine Rezensionssammlung um sicher zu gehen)

Die Bologna Refor steht dem Studieren aber irgendwie im Weg, weil man sich nicht mehr auf alles einstellen kann, wenn man in 2 Monaten 4 Hausarbeiten schreiben soll oder gar 5 dazu noch klausuren, das ist Wahnsinn

da danke ich ,daß es Sowas wie Wikpedia gibt, das das recherchieren wenigstens abkuerzt

Es zeigt nur etwas anderes

Wikipedia hat genau das geschafft, was Tausende von Wissenschaftlern in den letzten Jahrzehnten nicht geschafft haben, nämlich präzise, punktgenaue und adäquate Zusammenfassungen zu liefern.

Natürlich macht das der Wissenschaftswelt Angst, kommt nämlich noch dazu, dass viele Bücher einfach nur eine unnötig überarbeitete Kopie älterer Bücher sind. Die meisten Hausarbeiten und Abschlussarbeiten sind doch nicht einmal das Papier wert auf dem sie geschrieben werden, ebenso wenig wie - rein der Formalia wegen - irgendwelche Dissertationen.

In meinem eigenen Fachbereich könnte man die meisten wissenschaftlichen Texte und Essays höchstens auf wenige Sätze herunterbrechen, eben genau das was Wikipedia ja tut.
Aber stattdessen muss man sich in den meisten Fällen mit drittklassigen, hoch theoretischen Essays herumschlagen deren Essenz wohl nur die wissenschaftliche Existenzberechtigung ihrer Autoren ist, und nichts weiter.

Ich verstehe Ihre Ausgangslage vollkommen und ich verstehe auch Ihre Position, aber zu jeder Position gibt es nunmal eine Gegenposition. Das Lesen von Büchern ist immer noch für die Hausarbeit obligatorisch (btw: Bei meiner Abschlussarbeit bin ich jetzt bereits bei 20+ Buchquellen nur bei der Vor-Recherche), aber macht es wirklich Sinn, dass man selbst für jede Kleinigkeit, sei es ein unbewertetes Essay oder unbewertete Referate unbedingt und jedes Mal auf solche Quellen zurückgreifen muss?

Wissenschaftler und Wikipedia: Widerspruch!

@ 6. / ST_T

Es stimmt ganz und gar nicht, dass es Wissenschaftler bisher nicht geschafft haben "präzise, punktgenaue und adäquate Zusammenfassungen" zu liefern. Diese Zusammenfassungen gibt es in zahllosen Lehrbüchern und Artikeln. Ausserdem trifft es leider nur selten zu, dass Wikipedia-Artikel "punktgenau und präzise" sind.

Sie haben allerdings Recht, dass wissenschaftliche Publikationen einem breiteren Publikum bisher kaum zugänglich waren. Das ändert sich aber schnell. Als Professor lasse ich mittlerweile keine Hausarbeiten mehr schreiben, sondern Wikipedia-Artikel :)

Wissen schadet dem Denken.

Ein seltsames Mantra aus der online-Generation.
Am Ende braucht man Fitnesss-Studios für Körper und Geist und findet das auch noch nochmal.
Ganz zum Schluss wundern sich mäßig Wissende, dass keiner für ihre Texte zahlen will. Die Einen zahlen nicht weil sie ja auch nichts wissen müssen, die Anderen zahlen nicht, weil sie diese Art von "ich google halt mal" selber können und den Dritten fällt auf, dass der Schreiber nicht im Stoff steht, sondern nur einen a la copy&paste+Agenturmeldung zusammenstellt.
Da darf die Journaille aber nicht jammern, wenn die Stellen knapp werden.

Noch einige letzte Sätze ...

... als Ergänzung zu Post 2.: Wer in der Hochschullehre arbeitet, wird aus eigener Erfahrung wissen, dass die neuesten Studentengenerationen zunehmend Schwierigkeiten hat, z. B. Texte eigenständig zusammenzufassen.

Dies hat eben nichts mit WISSEN zu tun, sondern mit Bildung - und ist leider ein Indiz für die Richtigkeit der Ergebnisse Spitzers.

Daran kann leider auch eine fröhliche Glosse nichts ändern.

Meinen Sie nicht...

... daß das viel eher etwas mit dem Versagen des Schulsystems vor der Universität zu tun hat?

Die Kunst, Texte verstehend zu lesen und zusammenzufassen, muß gelernt und geübt werden - über viele Jahre.

Als ich meinen 11jährigen Stiefsohn am Wochenende fragte, was er denn gerade in der Schule liest, war die Antwort "Rennschwein Rudi Rüssel". Ich bin fast vom Sofa geplumpst. In dem Alter habe ich in der Schule Homer, Cicero (auf Latein), Molière, Hugo, Maupassant, Apollinaire gelesen. Da wurde man in der Schule beinhart angehalten, 1) jeden Tag zu lesen, 2) verschiedenste literarische Richtungen auszuprobieren, teils als Pflichtlektüre.

Textanalyse, Zusammenfassung (schriftlich UND mündlich) war die Königsdisziplin auf dem Gymnasium.

Wenn in der Schule in frühen Jahren schon nicht die literarische, anspruchsvolle Vielfalt gelehrt wird, in mittleren Jahren die Grundprinzipien der Textanalyse, kann dies in den späteren Schuljahren auch nicht vertieft werden. Ergebnis: Studenten können Texte nicht zusammenfassen, weil sie nie wirklich gelernt haben, verstehend zu lesen.

Das hat mit digitalen Medien dann aber nichts zu tun.

In welcher Schule waren sie denn?

"Als ich meinen 11jährigen Stiefsohn am Wochenende fragte, was er denn gerade in der Schule liest, war die Antwort "Rennschwein Rudi Rüssel". Ich bin fast vom Sofa geplumpst. In dem Alter habe ich in der Schule Homer, Cicero (auf Latein), Molière, Hugo, Maupassant, Apollinaire gelesen."

Wenn man 11 Jahre alt ist, dann ist man in der Regel in der 5. oder 6. Klasse. Da fängt man mit Latein gerade erst an (bzw. früher eher in der 7.Klasse). In den ersten 2 bis 3 (?) Jahren lernt man den Wortschatz und die Grammatik bis man dann mit den ersten Originallektüren anfängt. Cicero kämme dann wahrscheinlich eher in der neuten, zehnten bzw. elften Klasse dran. Was die "klassische" französische Literatur betrifft, so kann ich mir auch nicht so recht vorstellen, dass sie diese in der 5. bzw. 6.Klasse gelesen (und auch verstanden) haben. Kann es sein, dass sie diese Werke in Bereich der 11. Klasse gelesen haben? Das erscheint mir deutlich wahrscheinlicher.

So kompliziert ist das nicht

Antike römische Texte standen im Lateinunterricht auf dem Pflichtprogramm. Jede Lektion wurde von einem (auch im Schwierigkeitsgrad) passenden Textausschnitt illustriert. Wie soll man denn ohne die antiken Texte bitte gescheit Latein lernen?

Ich war übrigens auf einem kleinen Dorfcollège mitten in der Pampa.

Als ich 10 war, sind meine Eltern mit mir und meinen Geschwistern nach Südwestfrankreich ausgewandert, das war in den frühen 80ern, da konnte ich noch nicht einmal ein Wort Französisch. Ich las dennoch französische Bücher im Schulunterricht (ergibt sich halt irgendwie in einer französischen Schule). In meiner Freizeit habe ich mich stundenlang durch den Petit Larousse geblättert. So habe ich die Sprache innerhalb eines Dreivierteljahres gelernt, durch Lesen, Zuhören, Nachsprechen.

Dagegen waren die Cicerohappen ein Witz.