Wenn ich bei einem Date mein Berufsziel verrate, verdreht mein Gegenüber sofort die Augen. "Investmentbanking? Ist das Dein Ernst?" Ja, ist es: Mein Traumberuf lautet Investmentbanker.

Für diesen Traum nehme ich Einiges auf mich: Ich studiere gerade an einer renommierten Universität in Großbritannien. Das einjährige Master-Programm kostet mich über 25.000 Euro. Über ein Stipendium kann ich rund 10.000 Euro abdecken. Den Rest habe ich über einen Kredit finanziert.

Die Kritik an den hohen Gehältern im Investmentbanking kann ich deshalb nicht wirklich verstehen. Wer in diese Branche strebt, investiert viel in seine Ausbildung. Und wer einen Job in dieser Branche ergattert, der leistet auch viel für sein Gehalt. Das Einkommen ist hoch, aber Gleiches gilt für die Arbeitszeit. Wer es durchrechnet, stellt fest: Der Stundenlohn eines Investmentbankers liegt nicht weit über dem eines Beamten.

Die Kritik in den Medien ist verkürzt

In den letzten Wochen habe ich jeden Tag bis zu 18 Stunden für die Uni gepaukt: Corporate Finance , Principles of Business Economics oder Accounting . Wer ins Investmentbanking will, braucht exzellente Noten; die Anforderungen an Neueinsteiger sind enorm hoch. Ich gehe davon aus, dass sich an meinem aktuellen Arbeitspensum nichts ändern wird, sofern ich ein Jobangebot erhalte. Aber ich glaube, dass sich jede Stunde, die ich in meinen Wunschberuf investiere, lohnen wird.

In den Medien dreht sich alles immer nur um die Arbeitszeiten und das Gehalt der Investmentbanker. Das ist verkürzt. Ich will nicht ins Investmentbanking, um so schnell wie möglich Millionär zu werden. Ich glaube nicht, dass jemand diesen Job durchhält, wenn er es nur für das Geld macht. Was mich am Investmentbanking reizt, sind die Aufgaben.

"Die Drehzahl immer hoch"

Mich zieht es ins traditionelle Geschäft, nicht in den Eigenhandel oder zu den strukturierten Produkten . Ich will mich mit Mergers & Acquisitions ( M&A ) beschäftigen, also mit dem Aufkauf und der Fusion von Unternehmen. Spannend wäre für mich auch das Emissionsgeschäft, bei dem Unternehmen bei Börsengängen und Kapitalerhöhungen unterstützt werden. In diesen Sparten ist die Lernkurve besonders steil.

Wer im M&A -Geschäft arbeitet, lernt in kürzester Zeit eine Vielzahl von Branchen und Ländern kennen. Auf einem Projekt fusionierst die zwei Real-Estate -Giganten in Spanien . Auf dem nächsten Projekt unterstützt man einen deutschen Automobilproduzenten beim Aufkauf einer indischen Marke. In welchem Beruf gibt es sonst so viel Abwechslung?

Ich will mit meiner Arbeit einen Fußabdruck hinterlassen und zwar vom ersten Tag an. Das klingt jetzt nach Machogehabe. Aber so meine ich es nicht. Ich will mit dem, was ich jeden Tag tue, etwas bewegen. Wenn ich mit meiner Arbeit einem Unternehmen helfen kann zu investieren, zu wachsen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, dann bin ich stolz. Natürlich reizen mich auch die riesigen Summen, mit denen ein Investmentbanker hantiert. Aber der Wunsch, zu gestalten, treibt mich stärker an: Der Deal, den ein Investmentbanker heute begleitet, steht morgen im Handelsblatt .

In einer Investmentbank ist jeder hoch motiviert

Ich habe mehrere Praktika in der Industrie gemacht, bevor ich das Investmentbanking für mich entdeckt habe. In der Industrie hat mich besonders gestört, dass alles so langsam läuft. Wer in einem deutschen Großkonzern anheuert, kann auch gleich Beamter werden. Im Investmentbanking ist die Drehzahl immer hoch. Jeder ist hoch motiviert, jeder packt an. Wenn es etwas stressiger ist, wird der Umgangston manchmal auch rauer. Aber das stört mich nicht, solange die Aufgaben stimmen.

Vor meinem Master-Studium habe ich schon ein Praktikum bei einer kleineren Investmentbank absolviert und dort auch ein Angebot erhalten. Aber ich will zu den großen Playern der Branche. Dort sind die Einstiegsprogramme für junge Analysten lehrreicher und besser strukturiert. Ich habe meine Bewerbungen gerade rausgeschickt. Falls ich demnächst ein Angebot erhalte, werde ich sofort unterschreiben.

Aufgezeichnet von Julian Kirchherr