Studenten-Kolumne : Mein Bankberater, das 20-jährige Milchgesicht

Unser Autor studiert noch. Doch sein gleichaltriger Kundenberater warnt: Im Jahr 2059 wird er Hunger leiden müssen. Zum Glück hat die Bank da genau das Richtige.

Das Milchgesicht im Nadelstreifenanzug legt die Stirn in Sorgenfalten. "Die Flexibilität ist nicht da, Herr Hinze", sagt es, während es mit ausgefahrenem Kugelschreiber auf den Bildschirm seines Rechners deutet. Darauf: grüne Balken (äußerst kleine) und rote (dicke Brocken), die meine Budgetbilanz im Monat meines bevorstehenden Renteneintritts, dem Januar 2059, verbildlichen. Seine Botschaft: Ich steure auf den finanziellen Kollaps zu. Und seine Bank kann mir helfen. Nur seine Bank.

Seit ich einen persönlichen Kundenberater habe, der jünger ist als ich, sind meine Bank-Besuche ganz und gar absurd geworden. Da sitzen wir, zwei Burschen, die ihren 21. Geburtstag beide noch nicht gefeiert haben, und reden ganz ohne Spaß über die finanziellen Bedrohungen eines Datums, das fast ein halbes Jahrhundert in der Zukunft liegt.

Und anscheinend bin ich die einzige Person am Tisch, die das lächerlich findet. Das liegt nicht bloß daran, dass der Junge aussieht, als habe man ihn soeben aus einem Herrenkatalog ausgeschnitten; nicht nur daran, dass er mich kompromisslos mit dem Nachnamen anredet und mir den Stuhl zurechtrücken will, bevor ich Platz nehme; nicht nur an den Höflichkeitsfloskeln, mit denen er mich die ersten zwei Minuten unseres Beratungsgesprächs bombardiert, ehe wir uns dem Ernst des Lebens zuwenden. Nein, vor allem dieser Ernst des Lebens selbst ist es, der bei nüchterner Betrachtung der Situation zu einer Lächerlichkeit verkommt.

Er begreift nicht, wieso ich mich um 2059 nicht schere

Noch immer blinken diese Balken auf dem Monitor. Weil ich mit dem Blick einer Milchkuh darauf starre, erklärt mir der Junior, was sie bedeuten: Wenn ich nicht schleunigst den Aktivsparplan, den er mir Minuten zuvor unterbreitet hat, unterzeichne, werde nicht nur ich auf meine alten Tage an Hunger leiden, sondern auch meine Kinder und meine Kindeskinder (deren Existenz ebenso vorausgesetzt wird wie die Annahme, dass sie permanent klamm sein und ihrem Opa die Kröten aus der Tasche ziehen werden).

Was meinen Berater allerdings ebenso sehr zu beunruhigen scheint wie die rotfarbigen Balken in meiner künftigen Budgetbilanz, ist die Tatsache, dass bei mir noch immer keine Schnappatmung eingesetzt hat; kein Schweißausbruch, keine Tränen, und ich mache auch nach wie vor keine Anstalten, den Knebelvertrag zu unterschreiben, der mich am besten bis zum jüngsten Tag an sein Geldinstitut binden soll. Meine Ignoranz in Anbetracht der roten Zahlen auf seinem Monitor macht ihn fassungslos; er kann nicht begreifen, dass ich mich für den Januar 2059 einen feuchten Kehricht interessiere.

Verlagsangebot

Schlau durch das Studium.

Lernen Sie jetzt DIE ZEIT und ZEIT Campus im digitalen Studentenabo kennen.

Hier sichern

Kommentare

84 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

warum gehen Sie da überhaupt hin?

Ich habe meiner Bank beizeiten verboten, mich auch nur einmal noch von Auszubildenden anrufen zu lassen, um mir irgendwelche Verträge aufzuschwatzen, was unter dem Deckmantel der Beratung laufen soll. Angeblich ist die Bank ja daran interessiert, meinen Wohlstand zu mehren und zu sichern. Ich vermute aber, die Bank ist nur daran interessiert, ihren Wohlstand durch mich zu sichern.

Hässlicher Artikel

Die Art, wie der Bankberater hier verächtlich gemacht wird, ist ziemlich hässlich. Zumal es sich beim Autor ja offensichtlich selbst um ein 20jähriges Milch[...]gesicht handelt. Er kommt mit seiner verächtlichen Art und aufdringlichen Gleichgültigkeit (Jugend[Un-]wort des Jahres: Yolo) selbst schlechter weg.

Die Tatsache, dass Bankberater einem ihre Produkte aufdrängen wollen, kann man kritisieren, ohne sich über Äußlichkeiten dieser Person lustig zu machen. In einer Zeit, in der Mobbing und Gehässigkeit ein zunehmendes Problem sind, braucht es solche Artikel nun wirklich nicht.

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au.

Muss widersprechen

Es ist zwar nicht ganz nett, wie die Äußerlichkeiten angegangen werden.
Dennoch sind sie eine deutliche Ausprägung eines Symptoms, über das man sich zu Recht lustig machen darf.
In unserer Welt von heute ist es normal geworden: Jemand, der gerade erst Schule und Studium abgeschlossen hat, im schlimmsten Fall noch NIE in einem Unternehmen gearbeitet hat - soll ein Unternehmen beraten. Oder den Lebens- und Finanzplan eines Menschen.
Diese Diskrepanz kann nur durch Anzüge, Balkendiagramme und Kugelschreiber kaschiert werden.
Ich finde es daher richtig, dieses Symptom auf amüsante Art und Weise bloßzustellen.

Schon

Nur finde ich es anmaßend, dass ein Milchbubi den anderen Milichbubi als Milchbubi beschimpft ;)

Darüberhinaus halte ich für einen schlechten Stil hier gegen ein schwaches Mitglied dieser Zunft zu hetzen.
Es gäbe prinzipiell geeignetere Beispiele. Vor allem wenn ihc überlege, was die Banken zum Teil mit Rentnern anstellen (ihnen Risikopapiere andrehen). Wenn der Fokus des Artikels eher darauf zielt, dass Leute mit wenig Lebenserfahrungen anderen was vom Pferd erzählen so halte ich die vorhin genannten Beispiele für Geeigneter.

Dann sind wir da verschiedener meinung

Warum sagen Sie schon im Sinne von Zustimmung, meinen dann aber trotzdem wieder, das Ziel dieser Kritik sei der 20-jährige Typ? Er ist es m.E. nicht. Hier wird nicht gegen Berufsstarter gehetzt, es ist eher ein Vorwurf an das Ausbildungssystem bzw. die Banken, solche irrwitzigen Konstellationen (20-jähriger Grünschnabel soll 20-jährigen Grünschnabel zum Thema Alterssicherheit beraten) zuzulassen. Das Ganze dann mit dem glossenartigen Beispiel.

@ Kommentar Nr.2 Wilke ! Der Artikel bringt es auf den Punkt !

Wer mit solchen Fragen,
Zitat:
"Sind Sie im Alter an staatlichen Förderungen interessiert? Wollen Sie zulassen, dass Sie nicht selbst über die Begünstigten Ihres Erbes entscheiden können, sondern der Staat es abgreift? Wollen Sie bis zum Renteneintritt ein Vermögen aufbauen? Ja oder nein?"
Zitat Ende
der will nicht beraten, sondern der will verkaufen und der weiß -wenn er seinen Realabschluss oder sein Abitur ehrlich erworben hat-, dass das Produkt -zumindest für den Kunden- nichts taugt, denn:

Ein dem Kunden nützendes Produkt, kann man mit sachlichen Argumenten überzeugend präsentieren.

Im Übrigen, bin ich auch genervt von diesen Figuren, die um 9 Uhr meine Kanzlei anrufen und dann:

Was von "Fristen", "Rechtsanwaltsversorgungswerk" und "Versorgungslücke" labbern, nur um mir ihre Zusatzversorgung ganz doll auf "meine Bedürfnisse" "als Rechtsanwalt" zugeschnitten:

Meinen Sie wirklich, ich kauf was von Leuten, die nicht mal:

"Guten Morgen, ich bin Herr XYZ von der ABC-AG und möchte Ihnen einen Rentenvertrag anbieten, darf ich Ihnen mal mein Produkt vorstellen?"

sagen können?

So läufts doch in Ihrer Branche ab! Verkaufstricks, Türöffnersprüche & Suggestivfragen, aber keine ehrliche Beratung!

Protipp für genervte LeserInnen:
Wenn so ein Anzugträger fragt:
"Zahlen Sie gern Steuern?"
Dann antworten:
"Ja, dass zeigt, dass ich Erfolg habe, im Gegensatz zu Ihnen, der so blöde Fragen stellen muss, um mal nen müden Euro zu machen"

Amüsanter, gelungener Artikel

"(...) Zumal es sich beim Autor ja offensichtlich selbst um ein 20jähriges Milch[...]gesicht handelt. (...)".
"(...) kann man kritisieren, ohne sich über Äußlichkeiten dieser Person lustig zu machen. In einer Zeit, in der Mobbing und Gehässigkeit ein zunehmendes Problem sind, (...)".

Der Artikel ist in keinster Weise verächtlich.

Der Autor macht sich keineswegs über Äußerlichkeiten des Bankberaters lustig. Er erwähnt, dass der Berater einen Nadelstreifenanzug trägt, und er ihn für ein Milchgesicht hält. Milchgesicht ist ein Synonym für jung / unerfahren.

Ein 20-Jähriger ist jung und in seinem Beruf in der Regel noch recht unerfahren.

Sie haben das Satirische des Artikels, die gewisse Selbstironie des Autors, dass der Autor sich darüber amüsiert, dass hier zwei Milchgesichter zusammensitzen, überhaupt nicht erkannt.

Auch wenn Mobbing schlimm ist; was hat der Artikel mit Mobbing zu tun? Wird der Bankberater beim Namen genannt?
Halten Sie z.B. jeden Kabarettisten, der sich über bestimmte Politiker lustig macht und diese sogar beim Namen nennt, für einen Mobber? Konsequenterweise müssten Sie dies. Halten Sie Satire für Mobbing?

Angst und Macht

Will ich Macht über die Entscheidung Anderer haben, muss ich ihnen nur Angst machen und eine vermeindliche Lösung anbieten.
Zielgruppe > Problem > Folgen > Lösung

In der Werbung tausendfach verwendet:
Teens > Pickel > keine Freundin > Creme
Vater > Baum > erschlagen > Lebensversicherung
Zähne > Karies > Zahnausfall > Zahncreme
Bürger > Ausländer > Überfremdung > NPD
Wähler > Energieumstieg > Stromausfall > Atomkraft
Kunde > Rente > Armut > Sparvertrag

Wer frei von Ängsten ist, über den hat keiner Macht und er ist frei in seinen Entscheidungen.

Schutzreflex

Ich habe da einen einfachen Schutzreflex für mich entwickelt. Wann immer mich jemand unter Druck setzen will und auf eine schnelle Entscheidung drängt, mache ich dicht.

Ich weiss noch wie ich für einen Dispokredit bei meiner Bank war. Die Beraterin wollte dann auch gleich mal schauen, "wie das mit Ihrer Zukunft aussieht". Sie meinte dann sofort ne Riesterrente muss her. Und fing sofort an zu rechnen: "Ja, da haben sie... 2003, 2004... jetzt schon 6 Jahre mögliche Förderung verloren. Hier müssen wir am Besten so schnell wie möglich..." an der Stelle war dann das Gespräch für mich zuende. Ich habe bis heute keinen Riestervertrag. Wenn ich mir die Entwicklung dieser Verträge so ansehe, war das jetzt nicht die Schlechteste Idee.

Das ist nicht Ihr Ernst, oder?

Jakob Hinze beschreibt ein Phänomen, welches in erster Linie eben Bank-Heinis mit Verkaufsdruck und Versicherungsmakler betrifft.
Die sind einmal auf die (Zukunfts-) Angst ihres Gegenübers getrimmt; und wenn es sein muss auf die ein gleichaltriges Gegenübers.
.
Ich kann mich auch nur amüsieren über diese Masche und habe mir jegliche Anrufe meiner Hausbank (privat + geschäftlich)
im Hinblick auf "Vorsorge-Produkte" ausdrücklich verbeten.
.
Der Autor macht sich zu recht lustig über seinen "nadelstreifenverzwirnten" Berater und mir gefällt das!

Ernsthaftigkeit des Artikels

Der Artikel will überhaupt nicht ernstgenommen werden, weil es sich schon gar nicht um einen ernsten, sondern satirischen Artikel handelt.

Schade für Sie, dass dies, dass Sie die Ironie, Selbstironie, Satire etc. dieses Artikels nicht erkannt haben.

Und wenn es sich um einen ernsten Artikel handelte: Wollen Sie etwa jungen Erwachsenen Kritikfähigkeit, die Fähigkeit zu einer Meinung, oder gar das Recht, ihre Meinung zu äußern, zu kritisieren absprechen? Was haben Sie für ein Problem damit, dass ein junger Erwachsener sich kritisch über einen gleichaltrigen jungen Erwachsenen äußert?

Doch !

Ich nehme diesen text sehr ernst.
Es wird nämlich mal Zeit dass auch jüngere menschen diesen Jugendwahn kritisch sehen !

Der Autor wünscht sich offenbar, dass er von einem etwas älteren erfahreneren Mitarbeiter beraten wird, was eigentlich nur verständlich ist !!

Und auf die Fragen warum er überhaupt dort hingegangen ist:
Wie soll ein Journalist denn sonst darüber berichten ???