Sauber zu machen oder zu kochen braucht die Studentin nicht. Dafür kommt die Diakonie drei Stunden in der Woche. Eine Haushilfe habe er ohnehin nicht gesucht, sagt Bald. "Ich wollte vielmehr etwas Leben in der Bude." Auch ein wenig Absicherung für den Notfall soll die 20-Jährige sein, schließlich sei er in einem Alter, in dem schon mal etwas passieren könne. "Ich möchte dann nicht zwei Wochen in der Wohnung sitzen und stinken", lacht der gebürtige Kieler.

Den Anstoß für Wohnen für Hilfe gab in Kiel eine persönliche Erfahrung. Der Sohn von Projektleiterin Alexandra Dreibach suchte kurzfristig in Bamberg eine Wohnung. Beim Studentenwerk vermittelte man ihn schnell an das dortige Projekt. Aus dieser positiven Selbsterfahrung entstand bei Dreibach der Entschluss, das Modell auch nach Kiel zu bringen. "Ich habe in Kiel offene Türen eingerannt. Seit August sind wir als Studentenwerk dabei", erzählt sie.

Jeder hat seine Privatsphäre

Mit 15 vermittelten Wohnungen ist es bereits das größte Projekt seiner Art in Norddeutschland. In Hamburg und Hannover steht man noch am Anfang, etablierter ist die Idee im Süden der Republik. Auch Bald wurde von seinen Kinder auf Wohnen für Hilfe aufmerksam gemacht. Etwas Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist für ihn auch ein Akt der Solidarität. Er selbst hat in Kiel Jura studiert und ist der Stadt treu geblieben. "Als ich damals anfing zu studieren, gab es nur 3.500 Studenten. Heute sind es zehnmal so viele. Die müssen ja irgendwo wohnen", sagt er.

Jung und Alt zusammen zu führen, ist doch nicht immer ganz einfach. Das Interesse seitens der Studenten ist hoch, bei vielen Senioren gibt es dagegen Skepsis. "Viele haben Bedenken, fremde Menschen in ihr Haus einziehen zu lassen. Sicherlich spielen auch Klischees von feierfreudigen und unordentlichen Studenten eine Rolle", sagt Dreibach.

Das Zusammenleben in der Kieler Vorstadt läuft reibungslos, die Routinen des Alltags haben sich längst eingespielt. "Wir leben harmonisch zusammen", sagt Bald und Anna nickt bekräftigend. Das Gefühl, sich einschränken zu müssen, hat die 20-Jährige nicht. "Ich habe meine Privatsphäre, auch Besuche von Freunden sind kein Problem. Gleichzeitig ist immer jemand da, mit dem man mal reden kann."