Buchauszug : Die Droge Leistung hat mich krank gemacht

Burn-out gilt als Phänomen der Arbeitswelt. Doch bereits junge Menschen neigen zur krankhaften Überforderung. Ein Student schreibt, wie ihn der Stress krank gemacht hat.

Vor fast drei Jahren hatte ich ein Burn-out. Mein innerer Motor gab ruckartig seinen Geist auf, und das war für mich völlig unbegreiflich. Ich war Anfang 20 und voller Zuversicht, allen Herausforderungen im Leben gewachsen zu sein.

Gleich zu Beginn meines Studiums fühlte ich mich unterfordert. Also übernahm ich eine ehrenamtliche Tätigkeit nach der anderen – ob in studentischen Organisationen, in der Hochschulpolitik, in Sozialprojekten oder bei interkulturellen Jugendbegegnungen im Ausland. Jedem, der sich über mein enormes Pensum wunderte, erklärte ich aus tiefer Überzeugung, dass mein Engagement für mich eine Ehrensache sei.

Doch viel mehr sah ich meine ehrenamtlichen Tätigkeiten als Mittel zur Selbstoptimierung. Auf der Suche nach dem nächsten Projekt stellte ich mir stets zwei Fragen: Welche meiner Kompetenzen sollte ich noch ausbauen? Und: Wo finde ich die nächste Herausforderung, um meine Defizite zu beheben? Hatte ich das Gefühl, in einem Projekt nichts Neues mehr lernen zu können, verlor ich schlagartig das Interesse daran.

Der Artikel ist ein editierter Auszug aus "Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution". Das Buch ist ein Sammelband mit Beiträgen junger Autoren zwischen 19 und Anfang 30 und wurde von Bettina Malter und Ali Hotait herausgegeben. © Vergangenheitsverlag

Ich verglich mich ständig mit anderen. Und da ich immer eine Person fand, gegenüber der ich bei mir Defizite sah, setzte ich mir immer wieder neue Optimierungsziele. Dieses Denken hatte mich durchdrungen. Ich war nicht mehr imstande zu hinterfragen. Mein Credo war: Wenn ich mir beinahe unerreichbare Ziele setze, erreiche ich effektiv mehr als bei realistisch gesetzten Zielen.

Da ich meinen zu hohen Erwartungen nie gerecht werden konnte, nahm ich auch Erfolge nicht mehr als solche wahr. Im Gegenteil: Ich sah überhaupt keine Fortschritte und deshalb keinen Grund, mich zu erholen, mich zu belohnen oder schlicht nichts zu tun.

Jede Tätigkeit beurteilte ich hinsichtlich ihrer Effizienz. Ich wollte nur sinnvolle, produktive Tätigkeiten machen. Ich hörte auf zu lesen, Musik zu hören und mit Freunden ins Kino zu gehen. Wenn ich las, dann nur Zeitungen und Fachliteratur. Im Radio hörte ich ausschließlich Informationssendungen. Wochenenden füllte ich mit Seminaren, Urlaube wurden zu Bildungs- und Kulturreisen. Hauptsache Programm.

Meine Zeit erschien mir schlicht zu kostbar, um sie für Entspannung und Unterhaltung zu verschwenden. Das ging so weit, dass ich mich bei gemeinsamen Fernsehabenden mit Freunden unwohl fühlte, teilweise reagierte ich mit starken Migräneanfällen. Mein Körper strafte mich, wenn ich mich meinem Effizienzstreben widersetzte. So wurde mein Freundeskreis immer mehr zum Netzwerk, Verabredungen bekamen Meeting-Charakter.

Mein Leben kippte in der eigentlich besten Phase des Studiums, während des Erasmus-Aufenthaltes. Ich bekam einen der begehrtesten Plätze an einer Top-Universität in England, war in Hochstimmung, als ich sogar ein Stipendium bekam. Ich hatte mir vorgenommen, die Zeit im Ausland zu genießen, mir endlich die überfällige Pause nehmen und den ganzen Stress zurücklassen. Doch was folgte, waren die schlimmsten Monate überhaupt.

Geistig und körperlich erschöpft

Zum Vorlesungsbeginn bekam ich eine Erkältung, die nicht mehr wegging. Als schließlich die Prüfungen bevorstanden, schleppte ich mich in die Bibliothek, wo ich viele Stunden verbrachte – aber es ging nichts mehr. Ich fühlte mich matt und schlapp, ich war unfähig, auch nur fünf Minuten am Stück konzentriert zu arbeiten. Studieren wurde wie Telefonbücher auswendig lernen: Die einzelnen Worte waren verständlich, aber ich verstand nicht ihren Sinn. Ich las, schrieb und versuchte, aktiv zu sein. Doch ich fühlte mich gefangen im eigenen Körper, der nicht mehr meinem Willen folgen wollte.

Ich war geistig und körperlich völlig erschöpft. Aus Begeisterung wurde Lethargie, aus Netzwerkpflege soziale Isolation und die einfachsten alltäglichen Tätigkeiten türmten sich vor mir wie unüberwindbare Barrikaden auf.

Ich brauchte etwa einen Monat, um zu erkennen, dass ich nicht unfähig war, sondern krank. Schweren Herzens brach ich meinen Auslandsaufenthalt ab. Ich suchte Hilfe bei Freunden, ging zu einem Arzt und begann eine Therapie.

Einige Wochen dauerte meine Auszeit. Dann war für mich klar: Ich hätte meine Opfer erbracht, sei geläutert und könnte wieder ein normales Leben führen. Ich war überzeugt, ich wüsste nun genau, was meine Probleme sind und wie ich sie in den Griff bekomme.

Leistung als Ideal eines sinnvollen Lebens

Doch was folgte, war ein ständiges Auf und Ab. Anfänglich war ich motiviert, formulierte ehrgeizige Ziele, erstellte Arbeitspläne. Doch ich brach immer wieder ein, konnte wieder keine Leistungen erbringen. Schließlich erkannte ich, wie naiv ich war: Insgeheim sah ich meine Genesungsphase als Übergang, nach dem alles wieder so sein sollte wie früher. Diese Erkenntnis führte mich zum Semesterende erneut in eine Depression.

Heute weiß ich: Mein früherer, für mich normaler Leistungsstand ließ sich nur unter krankmachenden Bedingungen aufrechterhalten. Es war ein langer Prozess, bis ich lernte, meine Ansprüche an mich selbst infrage zu stellen. Ich lernte, mich erst zu fragen, was mir gut täte, was meine eigentlichen körperlichen, seelischen und sozialen Bedürfnisse wären, und erst dann zu entscheiden, welches Arbeitspensum ich vertrage.

Ich habe oft überlegt, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ich glaube, mich hat das Leistungsdenken unserer Gesellschaft krank gemacht: Wettbewerb und Selbstausbeutung werden nicht mehr als ein notwendiges Übel betrachtet, sondern sind Teil unseres Wertegerüsts und unserer Vorstellungen eines sinnvollen Lebens.

Diese Anforderungen hatte ich so weit verinnerlicht, dass Leistungssteigerung, Selbstoptimierung und Vergleichs- und Wettkampfdenken zu meinem inneren Antrieb, ja sogar zu einem inneren Bedürfnis geworden waren. Am Ende waren sie zum sinnstiftenden Element meines Lebens geworden. So weit, dass ich der Droge Leistung nicht mehr abschwören konnte.

*Der vollständige Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

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77 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Archaïscher Torso Apollos (Rilke): (kann als unsachlich angeseh-

en werden, kommentiert jedoch den Kommentar literarisch!)

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.