Zum Vorlesungsbeginn bekam ich eine Erkältung, die nicht mehr wegging. Als schließlich die Prüfungen bevorstanden, schleppte ich mich in die Bibliothek, wo ich viele Stunden verbrachte – aber es ging nichts mehr. Ich fühlte mich matt und schlapp, ich war unfähig, auch nur fünf Minuten am Stück konzentriert zu arbeiten. Studieren wurde wie Telefonbücher auswendig lernen: Die einzelnen Worte waren verständlich, aber ich verstand nicht ihren Sinn. Ich las, schrieb und versuchte, aktiv zu sein. Doch ich fühlte mich gefangen im eigenen Körper, der nicht mehr meinem Willen folgen wollte.

Ich war geistig und körperlich völlig erschöpft. Aus Begeisterung wurde Lethargie, aus Netzwerkpflege soziale Isolation und die einfachsten alltäglichen Tätigkeiten türmten sich vor mir wie unüberwindbare Barrikaden auf.

Ich brauchte etwa einen Monat, um zu erkennen, dass ich nicht unfähig war, sondern krank. Schweren Herzens brach ich meinen Auslandsaufenthalt ab. Ich suchte Hilfe bei Freunden, ging zu einem Arzt und begann eine Therapie.

Einige Wochen dauerte meine Auszeit. Dann war für mich klar: Ich hätte meine Opfer erbracht, sei geläutert und könnte wieder ein normales Leben führen. Ich war überzeugt, ich wüsste nun genau, was meine Probleme sind und wie ich sie in den Griff bekomme.

Leistung als Ideal eines sinnvollen Lebens

Doch was folgte, war ein ständiges Auf und Ab. Anfänglich war ich motiviert, formulierte ehrgeizige Ziele, erstellte Arbeitspläne. Doch ich brach immer wieder ein, konnte wieder keine Leistungen erbringen. Schließlich erkannte ich, wie naiv ich war: Insgeheim sah ich meine Genesungsphase als Übergang, nach dem alles wieder so sein sollte wie früher. Diese Erkenntnis führte mich zum Semesterende erneut in eine Depression.

Heute weiß ich: Mein früherer, für mich normaler Leistungsstand ließ sich nur unter krankmachenden Bedingungen aufrechterhalten. Es war ein langer Prozess, bis ich lernte, meine Ansprüche an mich selbst infrage zu stellen. Ich lernte, mich erst zu fragen, was mir gut täte, was meine eigentlichen körperlichen, seelischen und sozialen Bedürfnisse wären, und erst dann zu entscheiden, welches Arbeitspensum ich vertrage.

Ich habe oft überlegt, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ich glaube, mich hat das Leistungsdenken unserer Gesellschaft krank gemacht: Wettbewerb und Selbstausbeutung werden nicht mehr als ein notwendiges Übel betrachtet, sondern sind Teil unseres Wertegerüsts und unserer Vorstellungen eines sinnvollen Lebens.

Diese Anforderungen hatte ich so weit verinnerlicht, dass Leistungssteigerung, Selbstoptimierung und Vergleichs- und Wettkampfdenken zu meinem inneren Antrieb, ja sogar zu einem inneren Bedürfnis geworden waren. Am Ende waren sie zum sinnstiftenden Element meines Lebens geworden. So weit, dass ich der Droge Leistung nicht mehr abschwören konnte.

*Der vollständige Name des Autors ist der Redaktion bekannt.