BuchauszugDie Droge Leistung hat mich krank gemacht

Burn-out gilt als Phänomen der Arbeitswelt. Doch bereits junge Menschen neigen zur krankhaften Überforderung. Ein Student schreibt, wie ihn der Stress krank gemacht hat. von Maximilian B.

Vor fast drei Jahren hatte ich ein Burn-out. Mein innerer Motor gab ruckartig seinen Geist auf, und das war für mich völlig unbegreiflich. Ich war Anfang 20 und voller Zuversicht, allen Herausforderungen im Leben gewachsen zu sein.

Gleich zu Beginn meines Studiums fühlte ich mich unterfordert. Also übernahm ich eine ehrenamtliche Tätigkeit nach der anderen – ob in studentischen Organisationen, in der Hochschulpolitik, in Sozialprojekten oder bei interkulturellen Jugendbegegnungen im Ausland. Jedem, der sich über mein enormes Pensum wunderte, erklärte ich aus tiefer Überzeugung, dass mein Engagement für mich eine Ehrensache sei.

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Doch viel mehr sah ich meine ehrenamtlichen Tätigkeiten als Mittel zur Selbstoptimierung. Auf der Suche nach dem nächsten Projekt stellte ich mir stets zwei Fragen: Welche meiner Kompetenzen sollte ich noch ausbauen? Und: Wo finde ich die nächste Herausforderung, um meine Defizite zu beheben? Hatte ich das Gefühl, in einem Projekt nichts Neues mehr lernen zu können, verlor ich schlagartig das Interesse daran.

Was bildet ihr uns ein?
Der Artikel ist ein editierter Auszug aus "Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution". Das Buch ist ein Sammelband mit Beiträgen junger Autoren zwischen 19 und Anfang 30 und wurde von Bettina Malter und Ali Hotait herausgegeben.

Der Artikel ist ein editierter Auszug aus "Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution". Das Buch ist ein Sammelband mit Beiträgen junger Autoren zwischen 19 und Anfang 30 und wurde von Bettina Malter und Ali Hotait herausgegeben.   |  © Vergangenheitsverlag

Ich verglich mich ständig mit anderen. Und da ich immer eine Person fand, gegenüber der ich bei mir Defizite sah, setzte ich mir immer wieder neue Optimierungsziele. Dieses Denken hatte mich durchdrungen. Ich war nicht mehr imstande zu hinterfragen. Mein Credo war: Wenn ich mir beinahe unerreichbare Ziele setze, erreiche ich effektiv mehr als bei realistisch gesetzten Zielen.

Da ich meinen zu hohen Erwartungen nie gerecht werden konnte, nahm ich auch Erfolge nicht mehr als solche wahr. Im Gegenteil: Ich sah überhaupt keine Fortschritte und deshalb keinen Grund, mich zu erholen, mich zu belohnen oder schlicht nichts zu tun.

Jede Tätigkeit beurteilte ich hinsichtlich ihrer Effizienz. Ich wollte nur sinnvolle, produktive Tätigkeiten machen. Ich hörte auf zu lesen, Musik zu hören und mit Freunden ins Kino zu gehen. Wenn ich las, dann nur Zeitungen und Fachliteratur. Im Radio hörte ich ausschließlich Informationssendungen. Wochenenden füllte ich mit Seminaren, Urlaube wurden zu Bildungs- und Kulturreisen. Hauptsache Programm.

Meine Zeit erschien mir schlicht zu kostbar, um sie für Entspannung und Unterhaltung zu verschwenden. Das ging so weit, dass ich mich bei gemeinsamen Fernsehabenden mit Freunden unwohl fühlte, teilweise reagierte ich mit starken Migräneanfällen. Mein Körper strafte mich, wenn ich mich meinem Effizienzstreben widersetzte. So wurde mein Freundeskreis immer mehr zum Netzwerk, Verabredungen bekamen Meeting-Charakter.

Mein Leben kippte in der eigentlich besten Phase des Studiums, während des Erasmus-Aufenthaltes. Ich bekam einen der begehrtesten Plätze an einer Top-Universität in England, war in Hochstimmung, als ich sogar ein Stipendium bekam. Ich hatte mir vorgenommen, die Zeit im Ausland zu genießen, mir endlich die überfällige Pause nehmen und den ganzen Stress zurücklassen. Doch was folgte, waren die schlimmsten Monate überhaupt.

Leserkommentare
    • hg2000
    • 08. Januar 2013 7:01 Uhr

    ich denke auch der Schluss, die Gesellschaft oder Medien bzw. das Internet sei an der Misere des Jungen Mannes Schuld, wie viele Kommentare behaupten und auch der Autor seber z.T. sagt, ist zu oberflächlich.

    in erster Linie sollte er sich Fragen warum er offenbar ein so geringes Selbstwertgefühl hat, dass er so viel Selbstbestätigung in Form von Leistungsnachweisen für nötig hält. Da spielt mit Sicherheit das direkte soziale Umfeld und Das Elternhaus eine wesentlich größere Rolle als das Internet.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bevor jetzt"
    • hg2000
    • 08. Januar 2013 7:20 Uhr

    welche älteren Generationen sind mit weniger Druck aufgewachsen?

    die zur Zeiten des Kaiserreichs mit den preussischen Wertvorstellungen? Erster Weltkrieg? Der Weimarer Republik? Nazizeit? WiederaufbauJahre?

    Wahrscheinlich war vieles in den 60ern zur Zeiten der Wirtschaftswunderjahre entspannter. In den 70ern ging es dann aber wieder los mit der Öl-Krise und steigenden Arbeitslosenzahlen, nebenher auch noch Atomkriegsbedrohung.

    und wenn wir noch weiter zurück gehen, hatten wir die Industrialisierung, davor den Feudalismus, in denen es auch nicht gerade rosig für den durchschnittlichen Arbeitnehmer zu ging.

    Wahrscheinlich gab es in früheren Generationen einfach keine Burn Outs, weil sich niemand dafür interessiert hat. Das soll kein Plädoyer dafür sein, dass Problem zu verhamlosen. Dass wir uns heute so intensiv damit auseinandersetzen zeigt aber, dass das Leben in der heutigen Zeit in vieler Hinsicht angenehmer ist als in früheren Generationen.

    2 Leserempfehlungen
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    Nüchtern betrachtet gab es früher extrem viel "Optimierungspotential". Kleines Beispiel: Wenn Winter war, dann sind die Leute auch früher ins Bett gegangen, als heute.

  1. Natürlich ist es nicht im Interesse der Unternehmen die Mitarbeiter zu überfordern. Auf der anderen Seite gibt es auch ein permanentes Klima der Angst.

    Die ganze Phase vor dem Zusammenbruch wird gerne mitgenommen. Wenn Firmen Personal entlassen, dann trifft es zuerst die "Minderleister", wenn die sich halt nicht durch irgendwelche Sozialklauseln absichern können. Letztendlich ist es die einzige Absicherung, viel besser als der Durchschnitt der Kollegen zu sein.

    Das Thema fängt doch schon in der Schule/Studium an: Wer die besseren Noten hat, gewinnt. Schonmal überlegt, wie lächerlich die Differenzen für eine NC-Zulassung sein können? Und wie wenig aussagekräftig diese ist?
    Ein guter Teil der Menschen bekommt heute schon seinen ersten Burn-Out in der Schule. (Oft sogar schon in der Grundschule, da mit der Schulempfehlung schon die ersten großen Pflöcke für die spätere Karriere eingerammt werden.)

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Selbstverantwortung"
  2. Nüchtern betrachtet gab es früher extrem viel "Optimierungspotential". Kleines Beispiel: Wenn Winter war, dann sind die Leute auch früher ins Bett gegangen, als heute.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Weniger Druck?"
    • hg2000
    • 08. Januar 2013 7:48 Uhr

    ist in unserer Geslleschaft vieles nicht vorgesehen, sondern dem Einzelnen frei überlassen. Wie der allergrösste Teil der arbeitenden Bevölkerung arbeite ich zwischen 8 und 9 Stunden pro Tag. Den Rest der Zeit kann ich / können wir ganz nach eigenem Ermessen nutzen, um uns in Geduld zu üben, odersonstwas zu tun.

    Eine Leserempfehlung
  3. aber warum mal wieder so ein schwacher Beitrag ? Das Buch wird nicht besser sein, da das hier abgebildete einen Auszug von dem selbigen darstellt. Warum dafür nicht eine eigene Rubrik finden ? "Schüler und Studenten schreiben"

    2 Leserempfehlungen
  4. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

  5. indem Sie Ihren Freundeskreis anführen der als Beleg dafür dienen soll, dass die Aussage des Autors nicht richtig sei, damit suggerieren Sie, dass der Autor unrecht und Sie recht hätten. "Richtig" ist jedoch, dass eben Menschen gibt, die aufgrund des Leistungsstrebens krank werden.

    Darüber hinaus halte ich Ihre These mit der Eigenverantwortlichkeit für unfug. Als soziales Wesen (sozial meint hier gemeinschaftlich, nicht führsorglich) besteht immer ein Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, d.h. dass sowohl Individuum als auch Gesellschaft aufeinander bezüglich wirken. Dies gilt für das Leistungsstreben genauso. Der Autor trägt zu diesem Streben durch sein Verhalten genauso bei, beeinflusst Andere, wie diese ggf. ihn beeinflussen indem sie es ihm gleich tun. Wir orientieren uns eben häufig an unseren Mitmenschen.

    Die Behauptung "selbst schuld" ändert weder etwas an der problematischen Situation des Autors, noch gesellschaftlich, sondern zeigt lediglich ihre emotionale Abgeklärtheit für die Problemlagen vieler Individuen die unter diesem allgemeinen Trend leiden.

    2 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Depression | Droge | Erkältung | Körper | Selbstoptimierung | Stress
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