Wissenschaftsbetrug : Die einen plagiieren, die anderen fälschen

Plagiate gibt es in den Naturwissenschaften und Mathematik kaum. Betrogen wird trotzdem. Doch Datenfälschung fliegt häufig nur durch Zufall auf.

Es war der bislang größte Forschungsskandal der deutschen Wissenschaft. 1997 flog der Krebsprofessor und Spitzenfunktionär der deutschen Gentherapeuten, Friedhelm Herrmann, als Betrüger auf. In annähernd hundert Veröffentlichungen hatte er gefälschte Messdaten vorgelegt: Ein und dasselbe Schaubild diente als Nachweis für Ergebnisse verschiedener Experimente. Die Herausgeber renommierter Fachzeitschriften hatten davon nichts bemerkt und die Forschungsergebnisse veröffentlicht.

Dieser Skandal führte zu den heute maßgeblichen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über gute und schlechte wissenschaftliche Praxis – nicht etwa heimliches Abschreiben geisteswissenschaftlicher Doktoranden. Angesichts der jüngsten Plagiatsfälle heißt es immer wieder, nur Geisteswissenschaftler betrögen. Das stimmt nicht, zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte.

Die Affäre Herrmann mag für die Lebenswissenschaften zwar ein Schock gewesen sein, aber offenbar nicht Warnung genug. Der jüngste Beweis: Zwischen 1991 und 2011 präsentierte Joachim Boldt, ein Ludwigshafener Chefarzt und Professor, in zehn von 91 Veröffentlichungen gefälschte Patientendaten und in noch mehr Fällen seiner Untersuchungen umging er die Ethik-Kommission. Als der Schwindel aufflog, verlor er seinen Posten und den Professorentitel.

Beispiele für Datenfälschung gibt es viele

Seinen Arbeitsplatz und seinen Doktortitel verlor auch der Physiker Jan-Hendrik Schön. Im Jahr 2002 stellten die amerikanischen Bell Laboratories in 16 von 25 Publikationen ihres Mitarbeiters Datenpfusch fest. Im Jahr zuvor hatte er fast Woche für Woche Wegweisendes publiziert.

Zu schneller Erfolg wurde auch einem Bonner Chemiker zum Verhängnis. Nur weil ein Gutachter seine Dissertation als "nobelpreisverdächtig" angepriesen hatte, versuchten Kollegen andernorts, das entscheidende Experiment zu wiederholen – vergeblich. Deshalb gelten die Forschungsergebnisse heute als gefälscht. Nach einem zehn Jahre dauernden Rechtsstreit verlor der vermeintliche Nachwuchsstar seinen Doktortitel im Jahr 2004 endgültig.

Eines haben alle Fälle gemeinsam: Ihre Aufdeckung war eher dem Zufall geschuldet. Im Fall Herrmann war der Schwindel nur deshalb ans Licht gekommen, weil ein Mitarbeiter, der vor der Entlassung stand, einen Hinweis gegeben hatte. Im Fall Boldt hatte ein Zeitschriftenherausgeber Verdacht geschöpft und unglaubwürdige Angaben überprüft. Anders als etwa Plagiate sind gefälschte Daten schwer nachzuweisen.

14 Prozent geben geschönte Darstellungen zu

In einer Analyse der University of Exeter gaben zwei Prozent der Forscher an, selbst schon einmal gefälscht zu haben; jeder Dritte traut das anderen Kollegen zu. 14 Prozent räumen minder schwere Ungenauigkeiten und geschönte Darstellung von Ergebnissen ein und rechnen damit sogar bei drei von vier Mitforschern.

Wie kommt es zu solchem Fehlverhalten? "Natürlich aus falschem Ehrgeiz", sagt der Chef der bundesweiten Kommission für gute wissenschaftliche Praxis, Wolfgang Löwer. Da Naturwissenschaftler aber in der Regel keine Einzelkämpfer sind, sondern zu mehreren in einer Gruppe forschen, könne gegenseitige Kontrolle persönliches Fehlverhalten hemmen. Gruppen- und Laborleiter sowie die Lehrstuhlinhaber haben wie in jedem Betrieb eine permanente Aufsichtspflicht für Mitarbeiter und Doktoranden. "Wenn der falsche Ehrgeiz aber an der Spitze der Hierarchie entsteht und Druck nach unten macht, dann ist das Unheil Programm", sagt Löwer.

Indes hat sich um das Nachrichtenmagazin Laborjournal eine fachkritische Szene gebildet, die speziell Fälschungen in den Biowissenschaften auf die Schliche zu kommen versucht. Von den Plagiat-Dokumentaristen im Internet ist dagegen kaum Mithilfe bei der Aufklärung von Datenmanipulationen in Naturwissenschaft, Mathematik und Technik zu erwarten: Sie vergleichen Texte, analysieren aber keine Experimente.

Trotzdem haben die Plagiatsjäger bereits angekündigt, die mathematische Dissertation der künftigen Bildungsministerin Johanna Wanka untersuchen zu wollen. Der Gründer der Plagiatsplattform Vroniplag, Martin Heidingsfelder, sagte im Gespräch mit ZEIT ONLINE, da es sich um eine mathematische Arbeit handele, müsste er sie an einen seiner Experten übergeben. Bald werden wir erfahren, ob ein neuer Fall von Datenfälschung ins Haus steht.

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