Medizinstudium"Still und heimlich wäre er gern Zahnarzt!"

Malte und Max wohnen in einer WG, der eine studiert Human-, der andere Zahnmedizin. Im Interview erzählen sie von fest verankerten Vorurteilen in beiden Disziplinen. von Silke Weber

Malte und Max, beide 26, teilen sich Bad und Kühlschrank und stehen beide kurz vor ihrem medizinischen Examen. Der eine studiert Humanmedizin, der andere Zahnmedizin. Ein Gespräch am Küchentisch.

ZEIT ONLINE: Wer von euch studiert was?

Malte: Ich bin der Humani.

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Max: Ich der Zahni.

ZEIT ONLINE: Gibt es Vorurteile gegenüber dem jeweils anderen Fach?

Malte: Vorurteile? Ja, schon. Aber man kann sich ja auch das ein oder andere mal helfen – ich ihm zumindest! Als Gegenleistung gibt's dann eine kostenlose Zahnreinigung. Und schon sind wir mitten drin in den Klischees!

Max: Wir behandeln ab dem sechsten Semester. Die Humanmedizinstudenten bekommen die Behandlung bei uns umsonst. Das ist von der Uni so vorgesehen.

Malte: Das ist eine Win-Win-Situation. Teilweise haben wir uns ganz praktische Sachen beigebracht. Ich habe zum Beispiel mal einen Schweinefuß-Nähkurs bei uns in der Küche angeboten. Die Füße habe ich beim Metzger geholt und Max dann verschiedene Nähtechniken gezeigt, bevor sein oralchirurgisches Praktikum begann.

ZEIT ONLINE: Ist es von Vorteil, mit einem Humanmediziner zusammen zu wohnen?

Max: Wenn ich eine Frage zu einem allgemeinmedizinischen Fach wie HNO oder Pharmakologie habe – ja. Da sind die Humanmediziner doch tiefer ausgebildet.

Malte: Manche Fächer habt ihr auch gar nicht wie Gynäkologie oder Urologie.

Max: Mit dem männlichen Geschlechtsteil habe ich auf dem Zahnarztstuhl nichts zu tun. Und warum sollte sich Malte mit zahnmedizinischen Fragen auskennen. Man geht ja auch nicht zum Hausarzt und fragt: Ich brauche eine Brücke, was können Sie mir da empfehlen?

Malte: Mein Hauszahnarzt hat auch schon bemängelt, dass er damals viele Fächer machen musste, von denen er sagt, so intensiv brauche er die gar nicht, weil er Zahni werden will. Jeder ist ja irgendwo ein Fachidiot. Es gibt diesen Witz: Wenn ein Chirurg lange praktiziert, kann er außer einem Herzinfarkt nichts mehr diagnostizieren.

ZEIT ONLINE: Warum habt ihr euch für das Studium entschieden?

Malte: Mein Papa ist Arzt. Als Kind war ich oft bei Hausbesuchen mit dabei. Mir hat das schon immer gut gefallen.

Max: Ich wollte eigentlich Humanmedizin studieren. Aber aufgrund meiner Abiturnote habe ich nicht gleich einen Platz bekommen. Dann hört man schnell: Fang doch mit Zahnmedizin an, danach kannst du immer noch wechseln. Ich habe mich dafür beworben, den Platz bekommen und schnell gemerkt, das liegt mir sehr.

ZEIT ONLINE: Was hat dir gefallen, Max?

Max: Wir hatten ab dem ersten Semester praktische Kurse. Ich habe mir gleich den Technikkoffer mit allem Werkzeug für 800 Euro gekauft. Ich bin sowieso praktisch veranlagt.

ZEIT ONLINE: Sind Zahnmediziner eher Handwerker?

Malte: Das ist an der Uni überhaupt nicht gern gehört.

Max: Wenn man das im Bewerbungsgespräch sagt, kriegt man eins auf'n Deckel. Aber im Endeffekt ist es so.

ZEIT ONLINE: Bist Du handwerklich begabt, Malte?

Malte: Ich habe mal ein Regal aufgebaut. Das kam nachts wieder runter und ich hatte eine Platzwunde auf der Stirn. So filigranes Nähen liegt mir mehr.

ZEIT ONLINE: Was sind die gemeinsten Vorurteile?

Max: Schon, dass Zahnärzte keine richtigen Mediziner seien.

Malte: Dafür kommen die Zahnis aber immer mit dem Argument: Wir haben später keine Dienste und verdienen viel mehr. Und wir beneiden sie immer um die vielen Mädels. Inzwischen liegt der Frauenanteil bei uns auch bei 40 Prozent. Bei euch ist er aber höher, oder? Es gab bei euch doch mal das Feensemester.

ZEIT ONLINE: Feensemester?

Max: Ja, da gab es drei Jungs, sonst nur Mädels. Das war schon extrem. Aber im Schnitt sind es wirklich mehr Mädels als Jungs.

Malte: Die meisten Frauen sehen auch gut aus – das ist ein positives Vorurteil – die haben eben mehr Zeit, sich um ihr Optisches zu kümmern.

ZEIT ONLINE: Es stimmt also, dass Zahnmediziner weniger Zeit in die Lehre investieren müssen?

Malte: Nur bis zum Physikum.

Max: Danach dreht sich das komplett um. Während der Vorklinik, also die ersten fünf Semester bis zum Physikum, ist unser Programm etwas abgespeckter als bei den Humanmedizinern.

Malte: Die Zahnis mussten gefühlt zweimal pro Woche in die Uni und wir hatten jeden Tag Pflichtprogramm. Wir saßen zum Beispiel im selben Physiologieseminar und mussten einen Kurzvortrag halten und die Zahnis nicht.

Max: Das liegt an den verschiedenen Approbationsordnungen.

Malte: Die Uni verschärft damit die Vorurteile –

Max: – wobei das mit der neuen Approbationsordnung geändert werden soll. An einigen Unis gilt sie schon: Die Vorklinik ist dann bei Zahn- und Humanmediziner gleich.

ZEIT ONLINE: Und nach dem Physikum?

Malte: Da ist unser Studium völlig verschieden. Die Zahnis müssen ab dem sechsten Semester jeden Tag behandeln. Sie haben eine Anwesenheitspflicht von 8:00 bis 18:00 Uhr und sie müssen immer gut vorbereitet sein, falls der betreuende Arzt sie abfragt. Bei uns interessiert das erst einmal nicht, Hauptsache du bestehst die Klausuren. Zu den Vorlesungen konnte ich gehen oder nicht.

ZEIT ONLINE: Ihr macht jetzt beide euer Examen. Was müsst ihr dafür lernen?

Malte: Alles. Geschichte der Medizin, Statistik, Innere Medizin, Chirurgie, Pharmakologie... Das Klinikexamen für Mediziner hat 21 Fächer. Wir schreiben Multiple-Choice-Klausuren. Im Mündlichen haben wir dann Innere Medizin, Chirurgie ein Wahlfach, bei mir ist das Gynäkologie und ein Fach, das zugelost wird.

Max: Bei uns sind es 14 Fächer: Sieben zahnmedizinische und sieben humanmedizinische. Es gibt mündliche und praktische Prüfungen: Man muss vielleicht eine Krone, eine Füllung oder eine Wurzelbehandlung machen und dann die Theorie dahinter erklären.

ZEIT ONLINE: Was würdet ihr an eurem Studium verändern, wenn ihr könntet?

Malte: Mehr Praxisbezug. Auch wenn die Veranstaltung "Praktikum Chirurgie" heißt, macht man zehn Semester lang nichts Praktisches, sondern erst im Praktischen Jahr. Das beneide ich wirklich an dem Zahnmedizinstudium: die Praxis und den Kontakt zum Patienten von Anfang an. Und die Betreuung ist bei den Zahnis besser, weil sie weniger Leute im Semester sind. Bei uns wirst du in der Masse durchgeschleust. Die sind so knapp 40 und wir Pi mal Daumen 200.

Max: Still und heimlich wäre Malte nämlich gern Zahnarzt!

Malte: Nee, wäre er nicht!

Max: Er ist immer sehr interessiert, was bei uns abgeht.

Malte: Man muss ja über den Tellerrand hinaus schauen, falls mal jemand eine zahnmedizinische Frage hat.

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Leserkommentare
  1. sind beide

    3 Leserempfehlungen
  2. Humani - Zahni - Infantili. Gespräche am Küchentisch, die nun wirklich keiner lesen will.

    6 Leserempfehlungen
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    auch wenn ich der Aussage, dass die Universität "infatilisiert" wird, mit Einschränkungen zustimme, finde ich nicht, dass sich dies aus den Selbstbezeichnungen ableiten lässt.
    Es ist ganz natürlich, dass man für etwas sperrige Begriffe, die sehr häufig verwendet werden, Abkürzungen entwickelt. Die enden in der deutschen Umgangssprache eben meist auf -i.
    Das klingt dann nicht nach geschliffener Sprache, ist aber durchaus normal.

    • Jabessa
    • 26. Februar 2013 12:47 Uhr

    Also wenn ich ehrlich bin: Ich habs nicht so mit Namen, und wenn in einem Interview 3 verschiedene Personen vorkommen, finde ich das meist etwas kompliziert, und habe nach ein paar Zeilen keine Lust mehr, weiter zu lesen.

    Vorschlag: Wie wärs, wenn es die Option gäbe, durch einen Mausklick am Anfang des Textes für jeden Interviewpartner eine andere Farbe einzuschalten? Das würde für mich die Lesbarkeit deutlich erhöhen.

    Eine Leserempfehlung
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    Stimmt schon, da ist der Servicegedanke der Presse nicht ausgeprägt. Immer noch glaubt die schreibende Zunft, es würden wirklich nur einigermaßen interessierte und konzentrationsfähige Kunden ihre Beiträge lesen.
    Und dann auch noch diese langen Artikel, zu denen gerade die Zeit neigt, wer soll die denn lesen und verstehen?
    Besonders, wenn das eigene Studium zu großen Teilen aus ankreuzen bestand.
    $$$BITTEBEMERKENSIEDIESENHINWEISAUFIRONIE$$$

  3. Peinlich !

    "Mit dem männlichen Geschlechtsteil habe ich auf dem Zahnarztstuhl nichts zu tun. Und warum sollte sich Malte mit zahnmedizinischen Fragen auskennen."

    Viele Zahnärzte praktizieren immer noch auf dem Niveau von Dentisten. Die allgemeinmedizinische Ausbildung wird leider nicht allzu erst genommen.
    Beispiel: Viele allgmeinmedizinische Krankheiten manifestieren sich primär im oralen Bereich. Z.B Syphilis im Primärstadium durch orale Ulzeration, wobei wir da wieder beim Geschlechtsteil sind.
    Aber nur zur Beruhigung bei den "Humanis" sieht die Sache nicht viel anders aus.....

    2 Leserempfehlungen
  4. Stimmt schon, da ist der Servicegedanke der Presse nicht ausgeprägt. Immer noch glaubt die schreibende Zunft, es würden wirklich nur einigermaßen interessierte und konzentrationsfähige Kunden ihre Beiträge lesen.
    Und dann auch noch diese langen Artikel, zu denen gerade die Zeit neigt, wer soll die denn lesen und verstehen?
    Besonders, wenn das eigene Studium zu großen Teilen aus ankreuzen bestand.
    $$$BITTEBEMERKENSIEDIESENHINWEISAUFIRONIE$$$

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Lesbarkeit"
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    • Jabessa
    • 26. Februar 2013 14:20 Uhr

    Ja ich weiß, in Deutschland wird es als Schwäche ausgelegt, die eigene Schwäche zuzugeben, und mag sie noch so klein sein.

    Hinweis: Deshalb bin ich weder dumm noch desinteressiert noch unfähig zur Konzentration (ja, auch ich lese komplizierte Bücher und lange Artikel!). Was sie da schreiben ist eine Unterstellung und verallgemeinernd.

    Wenn ich solche Kommentare schreibe wie obigen, gebe ich nur mein subjektives Empfinden wider, ich erhebe keinen Anspruch darauf, dass es allen so geht. Es war lediglich ein Hinweis, und ZEIT online kann daraus gern machen, was es möchte. Ist etwas verkehrt daran, zu äußern, wenn mich etwas stört?

    Aber ich gratuliere Ihnen dazu, dass Sie offensichtlich ein besserer Mensch als ich sind.

    • Jabessa
    • 26. Februar 2013 14:20 Uhr

    Ja ich weiß, in Deutschland wird es als Schwäche ausgelegt, die eigene Schwäche zuzugeben, und mag sie noch so klein sein.

    Hinweis: Deshalb bin ich weder dumm noch desinteressiert noch unfähig zur Konzentration (ja, auch ich lese komplizierte Bücher und lange Artikel!). Was sie da schreiben ist eine Unterstellung und verallgemeinernd.

    Wenn ich solche Kommentare schreibe wie obigen, gebe ich nur mein subjektives Empfinden wider, ich erhebe keinen Anspruch darauf, dass es allen so geht. Es war lediglich ein Hinweis, und ZEIT online kann daraus gern machen, was es möchte. Ist etwas verkehrt daran, zu äußern, wenn mich etwas stört?

    Aber ich gratuliere Ihnen dazu, dass Sie offensichtlich ein besserer Mensch als ich sind.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Lesbarkeit"
  5. Das war zwar bestimmt interessant - doch wie verhält es sich in solch einem Sachverhalt mit der ärztlichen Schweigepflicht?

    Ich bin kein Korinthenkacker und mir wäre so etwas wohl prinzipiell egal, aber sieht das auch jeder Patient so?

    Eine Leserempfehlung

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