Das internationale Wohnheim des Rimsky-Korsakow-Konservatoriums in St. Petersburg, im Dezember morgens um 5.50 Uhr: Zwei Dutzend schläfriger Musikstudenten versammeln sich im 5. Stock, um sich in den Übungsplan einzutragen. Ich ergattere sechs Stunden Übungszeit, zwei davon auf dem begehrtesten Flügel. Wie die meisten krieche ich danach nochmal ins Bett. Nur einige Hartgesottene brechen auf zum Konservatorium. Dort kann man ausschließlich donnerstags von 7 bis 10 Uhr üben, dafür auf besseren Instrumenten als im Wohnheim.

Um 11 Uhr ist es draußen immer noch dunkel, doch mittlerweile ist Leben in den alten, abgewohnten Betonkasten gekehrt: Chopin-Etüden, Rachmaninow-Préludes und Beethoven-Sonaten schallen auf die langen, düsteren Gänge. Neben der Klaviermusik sind noch einige wenige andere Instrumente zu hören. Aus der Toilette dringt das Rauschen einer kaputten Spülung, aus der Küche dünstet der Geruch asiatischen Mittagessens. Im Treppenhaus rauchen ein paar Verwaltungsfrauen, von denen keiner weiß, was sie hier genau zu tun haben. Der Pförtner bewacht das Drehkreuz am Eingang und starrt auf einen Fernseher mit gestörtem Bild.

Am frühen Nachmittag mache ich mich auf den Weg zur Klavierstunde. Der Bus braucht für die sieben Kilometer zum Konservatorium 20 bis 60 Minuten. Der Rekord liegt bei über drei Stunden für eine Rückfahrt im Schneechaos zur Rushhour. Gehe ich zu Fuß, muss ich über vereiste Buckelpisten stiefeln. Von oben kommt Schnee, von vorne eisiger Wind, von den Dächern stürzen Eiszapfen. Eine weitere Herausforderung: Die sechsspurige Straße ohne Ampel muss überquert werden.

Das Konservatorium ist ein großes, historisches Gebäude, gleich gegenüber dem berühmten Mariinski-Theater. Die ganze Stadt ist voller Konzertsäle, Paläste, Kirchen und Museen, durchzogen von Kanälen und der gewaltigen Newa. Daneben heruntergekommene Wohnhäuser, beinlose Bettler in der Metro und verrostete Busse, die sich neben Luxuskarossen durch den Verkehr kämpfen.

Abends kann ich mich zwischen hochkarätigen Konzerten entscheiden, für die ich mit etwas Glück nur ein paar Euro Eintritt zahle. Meistens fangen sie schon um 19 Uhr an. So bin ich zur Schließung des Wohnheims um 1 Uhr auf jeden Fall zurück. Bei 15 Grad minus bis 6 Uhr morgens draußen zu warten, wäre keine verlockende Option.

Für den späten Abend hatte ich mich mit ein paar Freunden aus Deutschland zum Skypen verabredet. Daraus wird nichts: Wir sind offline, weil das Wohnheim die Rechnung nicht bezahlt hat. Ich finde das nicht so tragisch, denn im Raum nebenan findet eine kleine Geburtstagsfeier statt. Es gibt selbstgemachte Pizza und Schokokuchen. Trinkwillige bekommen russisches Bier und Wodka. Nur einen Stuhl muss man selbst mitbringen.

Jeder spricht dem Geburtstagskind in seiner Muttersprache einen Toast aus: Russisch, Lettisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, Maltesisch, Chinesisch, Koreanisch. So endet der Tag mit einer ganz normalen Studentenparty. Wir unterhalten uns über unser Studium, unsere Herkunftsländer und das Leben im Allgemeinen. Nur die ersten Pflichtbewussten gehen schon vor Mitternacht. Morgen früh, diesmal kurz vor 8 Uhr, treffen wir uns wieder am Übungsplan.